Die Einheit der Funktionäre

November 20, 2010 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Heute Abend wird in Leipzig der 20. Jahrestag der deutschen Fußball-Einheit gefeiert. Damals schloss sich der Ost-Verband dem DFB an, und zum Jubiläum spielen Ost und West gegeneinander. Einstige Stars wie Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald, Ulf Kirsten oder Matthias Sammer sind dabei. Doch so ein Wettstreit ist keine besonders gelungene Idee, finde ich. Denn in den Köpfen der Funktionäre mag die Fußball-Einheit ja längst vollzogen sein. Doch bei den Fans herrscht (wie in der Politik) auch nach 20 Jahren noch Missgunst und Rivalität vor. Dass am Ende einer von beiden als Verlierer dastehen kann, ist da kein besonders glückliches Signal.

Den kompletten Kommentar gibt es auf news.de.

Hingehört: Element Of Crime – “Fremde Federn”

November 20, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 
20 Coverversionen aus 20 Jahren sind auf "Fremde Federn" versammelt.

20 Coverversionen aus 20 Jahren sind auf "Fremde Federn" versammelt.

Künstler Element Of Crime
Album Fremde Federn
Label Universal
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***1/2

Sag mir, wen Du magst – und ich sag Dir, wer Du bist. Die Formel ist ebenso einfach wie verlockend, vor allem für Musikjournalisten. Die machen sich gerne einen Spaß daraus, nach Einflüssen zu suchen und eine neue Band damit ohne großen eigenen sprachlichen Aufwand möglichst treffsicher zu verorten.

Noch einfach wird ihnen das Leben freilich gemacht, wenn eine Band sich für eine Coverversion entscheidet. Rammstein covern Depeche Mode? Aha, eine klar Verbindungslinie aus kaltem, düsteren Sound. Saint Etienne nehmen einen Song von Neil Young auf? Klarer Fall: Die wollen zeigen, dass auch ihr leichtgewichtiger Elektropop große, authentische Songwriting-Kunst sein kann. Madsen bauen live ein Stückchen von Sepultura ein? Keine Frage: Die Jungs wollen klar machen, dass ihr Horizont viel weiter reicht als bis zu den Toten Hosen.

All diese Verbindungslinien sind zwar reichlich naheliegend, aber das macht sie nicht zwangsläufig falsch. Welchen Song aus fremder Feder man sich aussucht, und welches Gewand man ihm dann in der eigenen Interpretation verpasst, sagt eben doch eine Menge darüber aus, wie eine Band sich selbst sieht. Man schmückt sich eben auch mit diesen Fremden Federn, aber darunter bleibt man immer noch derselbe. Für Element Of Crime, die nun eine Sammlung von 20 Cover-Versionen vorlegen, trifft das definitiv zu. „Für die Entwicklung unseres Sounds haben diese Aufnahmen eine große Rolle gespielt“, erklärt Sänger Sven Regener.

Nicht nur, weil sie 1990 bei einer Aufnahme des wilden Motorcycle Songs (Arlo Guthrie) plötzlich die Leichtigkeit im Studio entdeckten, was die spätere Arbeit auch am eigenen Material deutlich freier und entspannter werden ließ. Sondern auch, weil die Auswahl immer eine Reaktion auf die jeweils aktuelle Wahrnehmung von Element Of Crime war – man wollte sich also abgrenzen und erweiterte dadurch zwangsläufig den eigenen Horizont. „Meistens weiß ich nicht mehr, warum wir gerade diesen oder jenen Song und/oder Künstler ausgewählt haben, aber ich vermute, dass wir unbewusst oft solche wählten, die auf den ersten Blick stilistisch weit weg von uns unterwegs waren. Das ist die größere Herausforderung und im Erfolgsfall auch befriedigender.“

So haben sich Element Of Crime in den hier vertretenen 20 Jahren ihrer Karriere unter anderem die Beatles, die Pet Shop Boys oder die Bee Gees vorgenommen, aber auch Udo Lindenberg und Kurt Weill.

Die Lieder dürften knüppelharten Fans von Element Of Crime bereits bekannt sein, denn sie sind alle bereits erschienen, meist als B-Seiten, und nun hier noch einmal in einem Überblick versammelt. „Der einzig wahre Grund, warum wir uns für die Veröffentlichung dieser Compilation entschlossen haben, ist, dass wir die Lieder toll und die Aufnahmen gelungen finden, denn nur darauf kommt es am Ende an“, betont Regener.

Hört man Fremde Federn, kann man ihm unmöglich widersprechen. Stets nähern sich Element Of Crime mit viel Stil und Feingefühl dieses Songs, aber immer auch mit einer erfreulichen Portion Mut – und vor allem mit der erstaunlichen Fähigkeit, sich selbst die größten Klassiker zu Eigen zu machen. So wird Fremde Federn durch und durch zu einem Element-Of-Crime-Album und – was noch mehr überrascht – zu einer Platte, die aus Raum und Zeit gefallen scheint. Welche Songs hier 1989 und welche 2009 aufgenommen wurden, lässt sich kaum heraushören. Ob diese Musik ihre Wurzeln in der Wüste von Arizona, dem Hamburger Hafen oder einem Hinterhof in Bordeaux hat, kann ebenfalls kein Mensch beantworten. Und somit zeichnen die Auswahl und die Art der Bearbeitung dieser Lieder auf wunderbare Weise die Entwicklung dieser Band nach.

Schon bei Freddy Quinns Heimweh weiß man nicht recht, ob da nun ein Seemann singt oder ein Daheimgebliebener, der bloß von der  großen weiten Welt träumt. In jedem Fall hat der Song eine erstaunliche Leichtigkeit. Vielleicht singt hier ja auch ein Zurückgekehrter, der merkt, dass er sein Heimweh jetzt bloß durch Fernweh ersetzt hat.

In It’s All Over Now, Baby Blue offenbart Sven Regener eine erstaunliche stimmliche Nähe zu Bob Dylan, dazu spielt er eine herrliche TexMex-Trompete. Udo Lindenbergs Leider nur ein Vakuum bekommt eine satte Dosis Jazz verpasst. Wilde Bongos laden das ansonsten ganz stoische Auf der Espressomaschine (Franz-Josef Degenhardt) mit Spannung auf. Der unterschätzte Pet-Shop-Boys-Klassiker You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk ist kaum wiederzuerkennen, so sehr wird er vom Element-Of-Crime-Sound vereinnahmt.

Die Höhepunkte sind die schrägsten Momente: Hamburg 75 (Gottfried und Lonzo) wird als Duett mit Andreas Dorau herrlich ausgelassen. Doraus Blaumeise Yvonne wird von einer seltenen Heiterkeit geflutet (samt Kinderchor). Die spartanische Version von Last Christmas, mit Bongos und ganz wenig Gitarre, klingt zunächst wie eine Persiflage, fast albern und clownesk – bis man merkt, dass die aufgeblasene Originalversion von Wham eigentlich viel lächerlicher ist. Und Alexandras Zwei Gitarren werden hier zu Stoner-Rock verwandelt.

Unterm Strich ist Fremde Federn ein beeindruckendes Dokument von Musikalität, Geschmack und Witz. Und der Beweis, dass sich Element Of Crime längst selbst gefunden haben – auch wenn Arlo Guthrie dabei ein bisschen mithelfen musste.

Die neue Pokerstars-Werbung? Nein, ein Spaß-Clip, der Lust auf die Fremden Federn macht:

Element Of Crime bei MySpace.

Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch auf news.de.

Blood Red Shoes, Conne Island, Leipzig

November 19, 2010 · Posted in Live, Musik · 1 Comment 
Laura-Mary Carter und Steven Ansell bewiesen: Mehr als Gitarre und Drums braucht man nicht für ein Rockspektakel.

Laura-Mary Carter und Steven Ansell bewiesen: Mehr als Gitarre und Drums braucht man nicht für ein Rockspektakel.

Schon die ersten Takte klingen wie ein großes Finale. Blood Red Shoes kommen in Leipzig auf die Bühne, geben gleich Vollgas, und dann ist nach ein paar Sekunden schon wieder Schluss. Dieser Auftakt ist wie ein Tusch – und danach folgt im voll bepackten Conne Island eine neue Definition der Worte Energie, Spaß und Wucht.

Besonders beeindruckend ist dabei nicht nur, was Laura-Mary Carter und Steven Ansell zu zweit für ein Spektakel veranstalten können, sondern auch, wie abwechslungsreich ihre Songs sind, obwohl sie immer nur aus Gitarre und Schlagzeug bestehen. “Repetition is killing us”, singt Laura in It Is Happening Again, in Leipzig der zweite Song des Abends. Und folglich gibt es hier keine einzige Sekunde, die eintönig, lieblos oder uninspiriert wäre.

Schon nach dem frenetisch gefeierten Light It Up, das als dritter Song erklingt, sind alle so glücklich, dass kein Mensch böse wäre, wenn Laura-Mary (im Led-Zeppelin-Schlabbershirt) und Steven (schwarz-weiß gestreift, eng anliegend) jetzt nach Hause gingen. Stattdessen machen Blood Red Shoes weiter, freuen sich ein wenig über die ersten Crowdsurfer bei (ausgerechnet) You Bring Me Down – und verwandeln das Conne Island in eine Sauna.

Spätestens im Break von Don’t Ask, dem Highlight des zweiten Albums Fire Like This, ist klar: Blood Red Shoes sind eine umwerfende Liveband. Sie sehen auf der Bühne noch ein bisschen jünger aus als auf den Promofotos, sie machen putzige Ansagen (als Laura-Mary nach Don’t Ask ein arg niedliches “Danke schön” versucht, muss sich Steven fast totlachen) und sie schauen ab und zu ins Publikum (in dem sich trotz der Hitze übrigens jemand in einem roten Vollkörper-Hasenkostüm tummelt), als könnten sie all diese Begeisterung bei ihrer ersten Show in Leipzig selbst nicht so ganz glauben. Aber was sie mit Gitarre und Schlagzeug anstellen, ist schlicht atemberaubend. So gut, dass man den Glauben an Rockmusik zurückgewinnen muss. Sogar so gut, dass man kurz glaubt, Nirvana wären vielleicht eine noch bessere Band gewesen, wenn sie Krist Novoselic rausgeworfen hätten.

Als erste Zugabe gibt es den Surf Song, bei dem Laura-Mary und Steven die Instrumente tauschen. “Wir spielen dieses Lied nur, wenn wir echt gut drauf sind”, erklärt Steven. Und nach einem irren Colours Fade als Rausschmeißer bedankt sich Laura-Mary artig: “It’s been really fun, so thank you very much.” In Brighton sagt man in so einem Fall wohl: My pleasure.

Achtung, laut: Blood Red Shoes spielen Light It Up live im Conne Island in Leipzig:

Draufgeschaut: Der Mann ohne Vergangenheit

November 18, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · 2 Comments 
M (Markku Peltola) glaubt, dass er ein Bauer ist - aber er kann sich nicht erinnern.

M (Markku Peltola) glaubt, dass er ein Bauer ist - aber er kann sich nicht erinnern.

Film Der Mann ohne Vergangenheit
Produktionsland Finnland
Jahr 2002
Spielzeit 97 Minuten
Regie Aki Kaurismäki
Hauptdarsteller Markku Peltola, Kati Outinen, Kaija Pakarinen, Juhani Niemelä, Sakari Kuosmanen
Bewertung ****

Worum geht’s?

Nachdem er gerade in Helsinki angekommen ist, wird M übel zusammengeschlagen. Alle halten ihn für tot, doch er erholt sich wieder. Allerdings hat er durch die Verletzungen sein Gedächtnis verloren. So schlägt er sich in der Welt der Obdachlosen durch – ohne Heimat, Freunde oder Namen.

Das sagt shitesite:

Selten gab es einen Film mit weniger Brimborium. Der Mann ohne Vergangenheit lebt von Figuren, die mit einer sagenhaften Gemütsruhe agieren – als würden sie sich selbst beobachten, ohne sie selbst zu sein. Dazu kommt der legendär lakonische Humor von Ari Kaurismäki, der hier nicht nur durch herrlich skurrile Bilder entsteht, sondern auch durch Dialoge, in denen sich große Philosophie und banalste Plattitüden völlig unvermittelt abwechseln. All die Gefühle, die sich die Protagonisten im Alltag versagen zu scheinen, legen sie dann in die Musik, die in Der Mann ohne Vergangenheit viel Raum einnimmt und viele der rührendsten Momente des Films beisteuert. Dazu kommt mit Markku Peltola ein Hauptdarsteller, der die ganze stumme Trauer der Welt in seinem Gesicht tragen kann. Und natürlich die Botschaft, dass man ganz gut auf eine Identität verzichten kann – aber niemals auf Solidarität.

Bestes Zitat:

“Ja, ich kann sprechen. Nur habe ich eben bis jetzt nichts zu sagen gehabt.”

Der Trailer zum Film:

Der kritische Blick: Endlich eine Chance für die Dortmunder

November 17, 2010 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Seit Jahren spielen sie bärenstark, doch eine echte Chance in der Nationalmannschaft haben sie noch nie bekommen. Das trifft gleich für eine ganze Reihe von deutschen Bundesligaprofis zu. Besonders augenfällig wird das im Fall von Mats Hummels, der eigentlich schon mit zur WM in Südafrika hätte fahren müssen. Heute Abend gibt Bundestrainer Jogi Löw ihm im Freundschaftsspiel gegen Schweden endlich eine Chance – und gleich noch drei anderen Talenten von den Bundesliga-Überfliegern aus Dortmund. Trotzdem bleibt mein Eindruck: Eine echte Lobby hat Dortmund in der Nationalmannschaft nicht. Und Löw setzt lieber auf alte Wegbegleiter statt streng nach Leistung zu nominieren.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Der Anti-Soundtrack zu “Buried”

November 17, 2010 · Posted in Charts, Musik · Comment 

Gestern habe ich mir Buried angeschaut. Der Film war zwar nicht ganz so bedrückend wie erwartet, dafür aber sehr konsequent: Ein Mann wird lebendig begraben und versucht den gesamten Film über, aus seinem Sarg herauszukommen. Natürlich habe ich mich sofort gefragt, wie man seine Situation noch schlimmer machen könnte. Und die Antwort lautet: mit fieser Musik. Särge mit eingebauten Lautsprechern gibt es tatsächlich, und hier sind die 20 Lieder, die man in so einer Lage auf keinen Fall hören will:

1. Bee Gees – Stayin’ Alive

2. Garbage – The Trick Is To Keep Breathing

3. Peter Gabriel – Diggin’ In The Dirt

4. Weather Girls – I Will Survive

5. Be Your Own Pet – Zombie Graveyard Party

6. Jay-Z – Dirt Off Your Shoulder

7. Sugababes – Breathe Easy

8. Black Mountain – Buried By The Blues

9. REM – Try Not The Breathe

10. Björk – Play Dead

11. Bruce Springsteen – Dancing In The Dark

12. Foo Fighters – Break Out

13. The Hollies - The Air That I Breathe

14. Bob Marley – Get Up, Stand Up

15. The Jam – Going Underground

16. Kings Of Leon – Dusty

17. Tom Petty & The Heartbreakers – Keeping Me Alive

18. Hard-Fi – Tied Up Too Tight

19. Die Ärzte – Licht am Ende des Sarges

20. The Beatles – I’m Down

Der Trailer zu Buried:

Hingehört: Blood Red Shoes – “Fire Like This”

November 16, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 
Nur drei Farben? Bitte trotzdem nicht "White Stripes" sagen!

Nur drei Farben? Bitte trotzdem nicht "White Stripes" sagen!

Künstler Blood Red Shoes
Album Fire Like This
Label Cooperative Music
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***1/2

Es gab ein paar Begriffe, die in wirklich jedem Text über Blood Red Shoes auftauchen. Auch in jedem Text über Fire Like This. Also lasst es uns auch hier hinter uns bringen.

Zum einen: die White Stripes. Als sei es noch immer Aufsehen erregend, das zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts miteinander Musik machen und dabei nur auf Gitarre und Schlagzeug setzen, werden Jack & Meg White stetig als Bezugspunkt für die Band aus Brighton herangezogen. Dabei haben Blood Red Shoes in ihrem Sound und Selbstverständnis eigentlich wenig mit den White Stripes zu tun. Von vielen werden sie trotzdem als Ersatzdroge benutzt, bis sich Jack und Meg endlich mal wieder bequemen sollten, ein neues Album vorzulegen.

Zum anderen: Boyfriend. Immer wieder wird die Frage behandelt, in welcher Beziehung Schlagzeuger Steven Ansell und Laura-Mary Carter, die Gitarristin von Blood Red Shoes, eigentlich zueinander stehen. Dabei betonen sie stets und von Anfang an: Da läuft nichts. Das ist zwar eigentlich uninteressant, zeigt aber, dass es noch immer eine Menge Leute gibt, die Frauen im Rock (vor allem, wenn sie eine Gitarre beherrschen und ganz vorne auf der Bühne stehen) noch immer ein bisschen beängstigend finden und deshalb froh sind, wenn sie wissen, dass eben jene Frauen vielleicht doch bloß ganz zahme Liebchen sind, sobald sie ihre Gitarre aus der Hand legen.

Und schließlich: roh. Das sind die drei Buchstaben, mit denen meist der Sound von Blood Red Shoes beschrieben wird. Und so war die größte Sorge vor Erscheinen des zweiten Albums: dass Blood Red Shoes womöglich weniger hart sein könnten als zu Beginn ihrer Karriere.

Fire Like This zeigt: Die Sorge war unbegründet, sogar lächerlich. Blood Red Shoes haben den Weichspüler weggelassen, und stattdessen ihre Verstärker, ihr Tempo und ihre Kreativität noch ein bisschen mehr aufgedreht. Und deshalb ist – und war – natürlich auch die Kategorisierung als „roh“ Quatsch. Denn natürlich klingt das Duo roh, vor allem auf der Bühne. Das lässt sich kaum vermeiden, wenn man auf nur zwei Instrumente setzt, und eines davon auch noch ein Schlagzeug ist, das von Steven Ansell gespielt wird wie ein Punchingball, der ständig droht, zurückzuschlagen.

Aber wer „roh“ als „einfach“ interpretiert, liegt völlig falsch. Blood Red Shoes sind weit entfernt davon, Neandertalermusik zu machen, eindimensional oder bloß kraftmeiernd. Fire Like This ist vor allem deshalb so stark, weil Laura-Mary und Steven es schaffen, mit der beschränkten Instrumentierung eine riesige klangliche Vielfalt zu entwickeln.

Schon Don’t Ask gleich zu Beginn macht das deutlich. Natürlich geht es mit Vollgas los, aber bereits die Strophe zeigt, wie verspielt und durchaus filigran Blood Red Shoes auch sein können. In When We Wake streckt Laura dann sogar die Waffen, gibt sich ganz sanft, zeigt aber trotzdem ein paar Zähne. Die Komposition von Count Me Out ist nicht gezähmt, aber trotzdem stadiontauglich (wie Blood Red Shoes auch in diesem Sommer bewiesen haben, als sie bei vielen Festivals zum überraschenden Höhepunkt wurden). Follow The Lines hat einen nicht bloß angedeuteten Discobeat, dazu kokettiert Laura mit einem fast mädchenhaften „ohoho“, am Schluss sind gar Streicher auszumachen. Und One More Empty Chair kennt natürlich Led Zeppelin, aber mit seinem Call-and-response-Gesang unzweifelhaft auch ein paar Soulklassiker.

Dazu kommt das, was Blood Red Shoes fast noch mehr ausmacht: eine Ursprünglichkeit, ein Drive, eine Wucht, die ihresgleichen sucht. Das ist im vor allem amerikanischen (Hard-)Rock geschult, weiß aber auch um die Freuden einer cleveren Melodie und lässt so an die Pixies, die besten Momente der Queens Of The Stone Age, vor allem aber an Ash denken.

So kommt Light It Up mit der Wucht einer Walze daher und Keeping It Close wie ein Wirbelsturm. Fast ganz zum Schluss entwickelt Colours Fade eine irre, verlockende und gefährliche Anziehungskraft wie ein Strudel.

“The vocals are a bit more pop,” hatte Laura Mary-Carter dem NME erklärt, bevor Fire Like This erschien, “but the music is actually heavier.” Wort gehalten.

Wild oder filigran? Das Video zur Single Don’t Ask entscheidet sich für Ersteres:

Blood Red Shoes bei MySpace.

Hingehört: TV Buddhas – “Dying At The Party”

November 15, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Die TV Buddhas bewegen sich auf "Dying At The Party" genau zwischen den Ramones und Velvet Underground.

Die TV Buddhas bewegen sich auf "Dying At The Party" genau zwischen den Ramones und Velvet Underground.

Künstler TV Buddhas
Album Dying At The Party
Label Trost
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Jack Black wusste genau, was er tut. In seiner School Of Rock stand Geschichte ganz oben auf dem Stundenplan. Pflichtfach. Acht Wochenstunden. Die Posen, der Look, der Sound aus der Historie wurde hier den Eleven eingebläut – quasi als theoretische Prüfung, bevor sie an die Instrumente durften.

Im echten Leben ist das freilich anders. Da gerät die Genealogie des Genres schonmal gerne in Vergessenheit, und deshalb kann es immer wieder Bands geben, die genau das wieder ins Bewusstsein bringen, was eigentlich längst existiert. Für alle, die noch nie etwas von den Beatles gehört hatten, gab es Oasis. Wer für Blur zu spät geboren wurde, konnte sich bestens mit den Kaiser Chiefs anfreunden. Und kein Strokes-Fan hätte wohl eine so uneingeschränkte Begeisterung empfinden können, wenn da irgendwo im Hinterkopf der unaufregende Gedanke gelauert hätte: Das haben Televison doch schon vor 25 Jahren gemacht.

Dieses Beispiel zeigt schon: Dass die Historie ab und zu vergessen wird, ist gar nicht schlimm. Es zeigt zum einen die zeitlose Kraft der wichtigsten Zutaten von Rock. Und es sorgt zum anderen dafür, dass damit immer wieder neue Generationen infiziert werden können.

Dieses Prinzip funktioniert auch für die TV Buddhas. “Wir wollen simple Musik und Stories, die menschlich und persönlich sind”, sagt Juval Haring, Sänger des Trios, das aus Tel Aviv stammt und in Berlin lebt. Das Ergebnis lässt sich recht exakt als die gesamte Welt zwischen den Ramones und Velvet Underground beschreiben.

Am besten wird das in I Don’t Belong In This World deutlich, dem zweiten Song auf Dying At The Party. Der Beginn ist ruhig wie die Rauschsongs von Velvet Underground, dann wird es wild wie bei den Ramones, es gibt sogar einen “1, 2, 3, 4″-Zwischenruf. Haring singt ähnlich cool, schnodderig und markant wie Lou Reed, auch der Rest der TV Buddhas hat diese ultimative Entspanntheit.

Das psychedelische I Want You klingt, als würden die Doors einen Text von Jonathan Richman vertonen, das spartanische Long Way Down ist ein düsterer Blues, im Refrain des stoischen TV Tonight besteht Haring wie ein trotziges Kind, das noch nicht ins Bett geschickt werden möchte, auf einer kleinen Zusatzdosis Fernsehkonsum. Der Titelsong Dying At The Party könnte mit seinem catchy Riff fast ein Hit sein, entwickelt dann aber doch keinen richtigen Schwung.

“Wir wollen auf ewig seltsame Typen bleiben”, haben sich die TV Buddhas vorgenommen. Das könnte klappen – und wäre noch ein Beweis dafür, dass im Rock die Geschichte manchmal still steht.

Ich bin mir einigermaßen sicher: Mädels mit Brillen und riesigen Mündern wie im Video zu Fun Girls gab es auch schonmal:

Die TV Buddhas bei MySpace.

OMD, Haus Auensee, Leipzig

November 14, 2010 · Posted in Live, Musik · Comment 
Nachdem Paul Humphreys 1989 bei OMD ausgestiegen war, sind OMD nun wieder zusammen.

Nachdem Paul Humphreys 1989 bei OMD ausgestiegen war, sind OMD nun wieder zusammen.

Keine Frage: OMD hätten mit ihrem Comeback eine Menge kaputt machen können. Gerade jetzt, wo sie dank Hurts, The XX oder den Killers wieder cool sind, hätten sich Andy McCluskey und Paul Humphreys eigentlich gemütlich zurücklehnen können, den Nachgeborenen wohlwollend zunicken und die Anerkennung und Nostalgie genießen, die sich um das Werk von OMD seit einiger Zeit neu entspinnt.

Doch das tun sie nicht. Stattdessen raufen sich OMD 21 Jahre nach ihrer Trennung wieder zusammen, nehmen ein neues Album auf und spielen sogar wieder Konzerte – und setzen damit alles aufs Spiel.

Doch der gestrige Abend war der beste Beweis, dass sie genau wissen, was sie tun. Und trotzdem keine Angst davor haben, mit Anfang 50 noch einmal auf Tour zu gehen, pro Abend drei weiße Hemden durchzuschwitzen (Andy) und mit freundlichem Lächeln auch die OMD-Hits mitzuspielen (Paul), mit denen man eigentlich gar nichts zu tun hatte, weil OMD Anfang der 1990er praktisch nur noch aus Andy bestanden.

Doch die Sorge, den eigenen Ruf zu ruinieren, ist unbegründet. Schließlich sind OMD eine Band, die genug Hits geschrieben hat, um eine komplette Chart-Show von Olli Geissen ganz alleine zu füllen. OMD können 14 Jahre nach dem letzten Album mühelos dafür sorgen, dass das Haus Auensee krachend voll ist – mit Fans der ersten Stunde, die ausflippen, wenn Electricity auch nur angesagt wird, mit solchen, die fast 15 Jahre später die Radiohits Pandora’s Box und Sailing On The Seven Seas, an diesem Abend im Doppelpack direkt hintereinander gespielt, lieben gelernt haben, und mit einem Oranje-Block direkt vor der Bühne, der sich gerade erst mit T-Shirts des neuen Albums History Of Modern eingedeckt hat.

Es ist von Anfang an ganz klar, was die Fans wollen: Alles soll so klingen, wie sie es aus dem Radio kennen, wie früher. Und Andy McCluskey beweist an diesem Abend in Leipzig, dass er die Stimme der 1980er ist. Niemand, auch nicht Madonna, die Pet Shop Boys oder Michael Jackson, verkörpern den Sound (bei So In Love With You gibt es sogar ein Saxofon-Solo), die Ästhetik und den Geist dieser Ära so sehr wie er. Mit weißem Bass und weißem Hemd dominiert er die Bühne, lacht über seine eigenen deutschen Ansagen – und macht nebenbei deutlich, dass er auch den schrägen Tanzstil erfunden hat, der 20 Jahre später zum Markenzeichen von Alan Donahue (The Rakes) geworden ist.

Tesla Girls wird das erste Highlight, Paul darf dann beim bezaubernden Forever Live And Die singen. Nach einer fantastischen Version von Maid Of Orleans jubeln die Fans minutenlang – und so etwas wie ehrliche Fassungslosigkeit zeichnet sich in Andys Gesicht ab. Das Beeindruckendste: Direkt danach spielen OMD New Holy Ground, einer der Höhepunkte auf dem aktuellen Album – und es ist in keiner Weise ein Abfall in punkto Qualität, Spannung oder Intensität. “Als wir mit History Of Modern angefangen haben, wollten wir den definitiven OMD-Sound hinbekommen, und den haben wir auf unseren ersten vier Alben geschaffen. Das war der Bezugspunkt, aber zugleich sollte es modern bleiben. Wir wollten keine nostalgische Retro-Platte machen”, hatte mir Andy vor ein paar Wochen im Interview erklärt – und live zeigt sich erst in vollem Maße, wie gleichrangig und gelungen History Of Modern sich tatsächlich ins Werk von OMD einfügt.

OMD wissen das, sie liefern grandioses Entertainment mit perfektem Sound und sind sichtbar stolz darauf. Nach dem frenetisch gefeierten Locomotion kündigt Andy ganz selbstbewusst an: “This is a new song. But it’s fantastic.” Es folgt Sister Mary Says – in der Tat noch besser als auf Platte. Enola Gay macht den Schluss, und sorgt für Nuklearenergie der angenehmen Art im Haus Auensee. Noch bevor der Backing-Track ganz ausgeblendet ist, verlangen die Fans in Leipzig schon nach einer Zugabe.

Die bekommen sie dann auch: Die Comeback-Single If You Want It ist der erste Nachschlag – noch ein Beweis für das Vertrauen, das OMD in ihr aktuelles Material haben. Es folgt Electricity, Andy schaut während des Songs wie zum Spaß auf die Uhr – und dann machen OMD tatsächlich nach fast genau 90 Minuten Schluss. Sie versprechen aber: “We’ll be back.” Wir auch.

Party like it’s 1983: OMD spielen Maid Of Orleans live im Haus Auensee in Leipzig:

OMD bei MySpace.

Draufgeschaut: Das Leben ist schön

November 13, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Für seinen Sohn inszeniert Guido (Roberto Benigni) das Leben im KZ als Spiel.

Für seinen Sohn inszeniert Guido (Roberto Benigni) das Leben im KZ als Spiel.

Film Das Leben ist schhön
Produktionsland Italien
Jahr 1997
Spielzeit 116 Minuten
Regie Roberto Benigni
Hauptdarsteller Roberto Benigni, Nicoletta Braschi, Giustino Durano, Giorgio Cantarini, Horst Buchholz
Bewertung ****1/2

Worum geht’s?

Guido ist die Lebensfreude in Person. Er kommt in eine Kleinstadt in Italien und verdreht dort mit seinem Charme der hübschen Dora den Kopf. Die beiden heiraten, bekommen einen Sohn und Guido erfüllt sich seinen Traum von einem eigenen Buchladen. Doch Jahre später wird das Idyll erschüttert, denn Guido ist Jude. Er wird mit seinem Sohn in ein Konzentrationslager gebracht, seine Frau Dora geht aus Solidarität freiwillig mit. Und wenigstens seinem Kind den Terror der Nazis zu ersparen, erklärt Guido seinem Sohn, die Deportation sei bloß ein Spiel und das Leben im KZ ein Wettbewerb. Doch inmitten des Schreckens wird es immer schwerer, diese Fassade aufrecht zu erhalten.

Das sagt shitesite:

Die Idee, eine Komödie rund um den Holocaust zu inszenieren, muss grotesk klingen. Doch Benigni gelingt mit Das Leben ist schön eben dies. Dank einer enormen Konsequenz, die sich beispielsweise in der altmodischen Optik und der recht strengen Zweiteilung des Film zeigt. Dank einer fast übermenschlichen Sensibilität, die persönliche Eitelkeiten eines gekränkten Bräutigams oder die Weltflucht eines Arztes ebenso treffsicher einfängt wie den Versuch der KZ-Häftlinge, dem ultimativen Terror um sie herum so etwas wie Schulterzucken oder gar ein Lächeln abzuringen. Der Schlüssel zum Zauber von Das Leben ist schön ist aber Benigni als Schauspieler: Er verleiht dem Guido eben jene unerschütterliche Lebensfreude, jede  überbordende Energie und genau den unbändigen Optimismus, der aus Das Leben ist schön ein höchst poetisches Hohelied auf die Fantasie, eine Hymne für den Geist macht.

Der Trailer zum Film:

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