Draufgeschaut: Tequila Sunrise

Dezember 31, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Mac (Mel Gibson, links) und Nick (Kurt Russell) sind beste Freunde - müssen aber voreinander auf der Hut sein.

Mac (Mel Gibson, links) und Nick (Kurt Russell) sind beste Freunde - müssen aber voreinander auf der Hut sein.

Film Tequila Sunrise
Produktionsland USA
Jahr 1989
Spielzeit 111 Minuten
Regie Robert Towne
Hauptdarsteller Mel Gibson, Michelle Pfeiffer, Kurt Russell, Raul Julia
Bewertung **

Worum geht’s?

Mac und Nicholas sind beste Freunde. Einem uneingeschränkt guten Draht steht allerdings ihr Beruf im Weg: Mac ist Drogenhändler, und Nicholas arbeitet bei der Drogenfahndung. Als Mac aus dem Geschäft aussteigen will, glaubt ihm die Polizei nicht und setzt Nicholas noch einmal auf ihn an. Das stellt die Freundschaft der beiden auf eine harte Probe – zumal sie dann auch noch um dieselbe Frau konkurrieren.

Das sagt shitesite:

Schulterpolster, Haute Cuisine und ein Soundtrack voller Synthies, Saxofon und Slap-Bass: Viel mehr 1980er geht nicht. Von der Ästhetik abgesehen ist Tequila Sunrise zumindest ordentlich. Es gibt durchaus faszinierende Charaktere und vor allem eine recht spannende Grundstimmung der Durchtriebenheit: Jeder benutzt jeden gegen jeden. Allerdings ist der Plot viel zu wenig stringent, sodass Tequila Sunrise letztlich weder als Thriller noch als Liebesgeschichte oder Actionfilm überzeugt, obwohl er wohl all das sein will. Immerhin: Mel Gibson darf hier auch mal vor der Kamera einen unberechenbaren Trinker spielen, der Frauen schlägt.

Bestes Zitat:

“No man should be judged for whatever direction his dick goes! That’s like blaming a compass for pointing north, for Chrissake!”

Der Trailer zum Film:

Durchgelesen: Paule Constant – “Ouregano”

Dezember 30, 2010 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
"Ouregano" ist ein Sittengemälde der Kolonialzeit.

"Ouregano" ist ein Sittengemälde der Kolonialzeit.

Autorin Paule Constant
Titel Ouregano
Verlag Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr 1980
Bewertung **1/2

“Ein Buch und eine Autorin, die man unbedingt schnell entdecken muss”, hat das Figaro Magazine in Ouregano von Paule Constant erkannt.  Da muss ich widersprechen. Die Französin, Jahrgang 1944, zeigt sich hier zwar als versierte Schriftstellerin und legt mit Ouregano einen faszinierenden Roman vor. Doch man kann sich gerne Zeit lassen, um in seine Welt einzutauchen.

Denn in der Geschichte der kleinen Tiffany, die in den 1950er Jahren mit ihren Eltern in eine französische Kolonie in Zentralafrika geht und sich dort im Städtchen Ouregano zurechtzufinden versucht, geht es niemals hektisch oder gar spannend zu. Der Roman lebt von der äußerst poetischen Sprache Constants und von ihrer Feinfühligkeit im Umgang mit den Figuren.

Schon nach wenigen Seiten fesselt der Stil von Paule Constant, der auch in der deutschen Übersetzung aus fast jedem Satz eine Schönheit macht, mit viel Stil, großer Geste und einiger Weisheit. Nach wenigen Kapiteln ist auch klar, dass so etwas wie eine Handlung hier keine Rolle spielt. Constant seziert das Leben in Ouregano, die Verachtung gegenüber den Schwarzen und die ebenso streng geachtete Hierarchie innerhalb der kleinen weißen Gemeinde in diesem Städtchen.

Die Ränkespiele der Kolonialherren, ihr Pochen auf die Rangordnung und so etwas wie eine pädagogische Aufgabe mit all ihren absurden Bemühungen, von der Tatsache abzulenken, dass sie eigentlich gar nichts tun, werden dabei der Unbarmherzigkeit des täglichen Existenzkampfes in Afrika gegenüber gestellt. “Man kann weder das Nichts oder den Tod verwalten, noch den Hunger. Das organisiert sich ganz allein in einem Teufelskreis ohne Zutun der Menschen”, fasst sie die Situation zusammen.

Sehr geschickt  und ohne Herablassung legt Constant vor allem das Paradox der Schwarzen in dieser Epoche offen: Sie schämen sich für ihre Hautfarbe, für ihre Unterdrückung, eben weil sie wissen, dass es keine Rechtfertigung dafür gibt – und das vergrößert noch ihre Scham.

Dazu kommt mit der neunjährigen Tiffany eine durchaus reizvolle Figur. Das kleine Mädchen, das die Welt der Erwachsenen noch nie verstanden hat, wird in diesem künstlichen Mikrokosmos erst recht sich selbst überlassen. Sie flieht in eine Welt der Sinnlichkeit, von riechen, tasten, schmecken, und ihre Eindrücke beim Erkunden dieser exotischen neuen Umgebung sind wundervoll geschildert.

Auf die Dauer ist das aber ein bisschen zu wenig, um den Roman zu tragen. Auch die Methode, die einzelnen Figuren des Ensembles nach und nach vorzustellen und dabei beinahe willkürlich jedem Charakter ein paar Seiten einzuräumen, bevor es wieder ein bisschen Handlung gibt, trägt nicht gerade zur Stringenz (und zum Lesevergnügen) von Ouregano bei.

So bleibt ein Sittengemälde, das eine große Bildkraft und Sprachgewalt hat, als Roman aber scheitert.

Beste Stelle: “Der Schrecken braucht keine Gegenwart. Er hat ein absolutes Gedächntnis.”

Draufgeschaut: 24 Hour Party People

Dezember 29, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Tony Wilson (Steve Coogan) will Manchester zum Nabel der Popwelt machen.

Tony Wilson (Steve Coogan) will Manchester zum Nabel der Popwelt machen.

Film 24 Hour Party People
Produktionsland Großbritannien
Jahr 2002
Spielzeit 112 Minuten
Regie Michael Winterbottom
Hauptdarsteller Steve Coogan, Paddy Considine, Danny Cunningham, Sean Harris, Shirley Henderson, Lennie James, Andy Serkis, John Simm
Bewertung ****

Worum geht’s?

Der Film begleitet Tony Wilson durch gut zwei Jahrzehnte der Musikszene in Manchester. Der TV-Moderator, Schlüsselfigur für legendäre Bands wie Joy Division oder die Happy Mondays, Gründer von Factory Records und Besitzer des Hacienda-Clubs, ist zugleich Hauptfigur und Erzähler. Mit Stolz und Humor erklärt er, wie Manchester zum Mittelpunkt der Popwelt werden konnte.

Das sagt shitesite:

Im Rückblick wirkt es ganz selbstverständlich. Doch der erste Coup bei 24 Hour Party People ist bereits die Idee, das Geschehen rund um Tony Wilson aufzubauen. Tatsächlich war er ein Vierteljahrhundert lang so etwas wie Impressario, treibende Kraft und Puffmutter für Manchesters ewigen Versuch, London hinsichtlich des popkulturellen Einflusses auszustechen. Der zweite Geniestreich: Steve Coogan. Der TV-Komiker spielt Tony Wilson mit so viel Charme, Chuzpe und versnobter, fast arokratischer Eitelkeit, dass 24 Hour Party People selbst dann zum Vergnügen wird, wenn man sich gar nicht für Musik interessiert. Er ist zugleich Hauptfigur und Erzähler, er spricht direkt in die Kamera – mit vielen hochtrabenden Zitaten und gleichzeitig ganz viel Selbstironie.

Für Popkulturjunkies ist der Film aber natürlich ein noch unvergleichlicherer Spaß. Es gibt ein paar Konzertaufnahmen aus dem Archiv, angefangen bei den Sex Pistols 1976, dazu nachgestellte Shows und reichlich legendäre Songs. So wird 24 Hour Party People zu einem Zeitdokument, einer Huldigung der Manchester-Szene, aber zugleich auch zu einer Satire. Bei den Bands, bei den Produzenten, bei den Plattenfirmen regiert hier ein solches Ausmaß an Leichtsinn, Hedonismus und Unvermögen, dass keine der Figuren die Chance hat, zu einem überlebensgroßen Mythos zu werden.

Dass Tony Wilson in der ersten Szene des Films beim Drachenfliegen zu sehen ist und dabei immer wieder abstürzt, ist durchaus symbolisch. Dass er die eigenen Fehler, die Inkompetenz und die Feindschaften innerhalb der Szene immer wieder selbst kommentiert, mit herrlich süffisantem britischen Humor, das macht die Cleverness und Größe dieses Films aus.

Bestes Zitat:

“Jazz is the last refuge for the untalented.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Coldplay – “Viva La Vida Or Death And All His Friends”

Dezember 28, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 
Das Cover zeigt Delacroix. Die Musik zeigt eine Band, die sich selbst remixt.

Das Cover zeigt Delacroix. Die Musik zeigt eine Band, die sich selbst remixt.

Künstler Coldplay
Album Viva La Vida Or Death And All His Friends
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Irgendjemand sollte endlich ein U2-O-Meter erfinden. Das wäre ein wirklich praktisches Gerät. Es würde bei einem Übermaß an Prätention immer umgehend Warnsignale von sich geben. Und keine Frage: Bei Viva La Vida Or Death And All His Friends würde diese Maschine ganz laut Alarm schlagen. Man kann diese CD schon hassen, bevor man sie überhaupt eingelegt hat.

Da ist zunächst der überkandidelte Albumtitel, der – natürlich – auf ein Konzeptalbum schließen lässt. Da ist die Tatsache, dass Coldplay einige Sounds in Kirchen aufgenommen haben. Da ist das Cover, basierend auf Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix, einem der symbolträchtigsten Gemälde der Neuzeit. Da ist die Tatsache, dass gleich drei der zehn Lieder die 6-Minuten-Marke überschreiten. Da ist Produzent Brian Eno, der tatsächlich verlangt haben soll, dass jeder Song auf Viva La Vida anders klingt. Da sind die bekannt schlichten Texte von Chris Martin, der diesmal Zeilen wie „Those who are dead / are not dead / they’re just living in my head“ hervorbringt.

Und da ist die nicht ganz unbedeutende Tatsache, dass das vierte Coldplay-Album bei Erscheinen im Juni 2008 die nicht eben einfache Aufgabe hatte, die strauchelnde Plattenfirma Emi vor dem Bankrott zu retten (was dann dank eines Grammys, Platz 1 in 32 Ländern und insgesamt mehr als acht Millionen verkauften Exemplaren zumindest vorübergehend auch gelang).

Freilich muss man Coldplay zweierlei zugute halten: Für einige dieser Punkte können sie nichts. Und die anderen erwachsen aus der Tatsache, dass sie einen recht ungewöhnlichen Ausweg aus ihrem Image-Problem gesucht haben. Seit sie eine der erfolgreichsten Rockbands der Welt geworden ist, unterstellt man der Band um Sänger Chris Martin gerne, dass sie sich für Radiohead hält, während sie in Wirklichkeit nicht einmal U2 das Wasser reichen kann. Doch schon mit dem exquisiten Vorgänger X&Y haben Coldplay bewiesen, dass sie diese Kritik nicht mehr allzu sehr anficht. Coldplay wollen nicht cool sein, sondern Künstler.

Viva La Vida strotzt deshalb vor Ehrgeiz, Experimentiergeist und Ernsthaftigkeit. Schon der instrumentale Opener Life In Technicolour fährt eine chinesische Yangqin und Tablas auf, dazu kommt ein Piano-Riff, das hier noch von einer Wall Of Sound kaschiert wird, später dann als Single (als Life In Technicolour II, dann auch mit Gesang) voll zur Geltung kommen sollte.

Cemeteries Of London setzt ebenfalls auf komplexe Rhythmik, mit Bongos und fast disharmonischen Tönen aus dem Bass. Dann schafft es Lost!, einen HipHop-Beat mit einer Kirchenorgel zu verschmelzen. Der Song klingt riesengroß, nach Stadion und Kathedrale – er schreit fast nach einem Kinderchor (oder Bono), der dann aber Gott sei Dank nicht kommt.

Der erste Song, der so etwas wie den vertrauten Coldplay-Sound bietet, ist 42. Doch nach knapp 100 Sekunden mit Klavier, Streichern und Gesang wandelt sich das Lied zu etwas, das an Joy Division in ihren düstersten Momenten denken lässt, und sich dann nach einer weiteren Minute prompt in eine Passage verwandelt, die New Order in ihrer optimistischsten Phase auch nicht besser hingekriegt hätten.

Das wunderbare Lovers In Japan hat eine heitere Energie, die man kaum für möglich halten sollte bei einer Band, die sich so viel aufgebürdet hat. Dann folgt nahtlos Reign Of Love – eine Skizze, die noch einmal darin erinnert, dass es nur wenige Leute gibt, von denen man sich lieber in den Schlaf singen lassen möchte als Chris Martin.

Auch Yes ist eigentlich ein zweigeteilter Song. Doch hier ist Chris Martins Stimme kaum wiederzuerkennen. Denn so tief wie bei Yes hat er noch nie gesungen. Dazu gibt es arabische Klänge und ein paar Anspielungen (in Text und Sound) auf Daylight vom zweiten Album A Rush Of Blood To The Head. Es schließt sich so etwas an wie Stadion-Shoegaze. Chinese Sleep Chant nennen Coldplay diesen Hidden Song, der ein vergleichsweise straightes Rock-Korsett mit Heliumgesang kombiniert und am ehesten ans Coldplay-Debüt Parachutes denken lässt.

Der Titelsong ist dann das beste Stück des Albums, Disco und Gospel, Weihnachtslied und Fußballhymne in einem. Seit The Verve mit Bittersweet Symphony hat es keine Rockband mehr geschafft, einen Song so gekonnt, packend und erhebend um ein Streicher-Riff aufzubauen.

Violet Hill funktioniert ähnlich wie Lovers In Japan: Zuerst gibt es ein bisschen Standard-Coldplay, doch damit wird der Hörer nur in die Irre geführt, um dann mit einer knüppelharten Gitarre überrascht zu werden und mit einem Beat, der auf einer römischen Galeere auch nicht unbarmherziger klingen könnte.

Der Rausschmeißer Death And All His Friends muss (und will) dann wohl “ein Gesamtkunstwerk” genannt werden. Der letzte Song steht prototypisch für das gesamte Album: ein bisschen überambitioniert, aber mit vielen betörenden Momenten.

Coldplay zeigen mit Viva La Vida, dass sie nach wie vor wild entschlossen sind, das Kuschelrock-Etikett abzustreifen – und dass sie es dabei trotzdem schaffen können, ein Massenpublikum mitzunehmen. Sie setzen auf das, was bei Coldplay grandios funktioniert: Chris Martins Stimme, große Gesten, eine satte Dosis Empathie. Und sie versuchen immer wieder, dieses Konzept selbst zu dekonstruieren. Im Prinzip haben Coldplay auf Viva La Vida ihre eigenen Remixe veröffentlicht.

Das Ergebnis ist beeindruckend, auch wenn es gelegentlich einen faden Beigeschmack hat. Denn wegen des Willens zur Erneuerung, zum Absonderlichen und Gewagten kommen mitunter Songs heraus, die ihr melodiöses oder emotionales Potenzial nicht ausschöpfen. An mancher Stelle wünscht man sich, Coldplay könnten einfach einmal zufrieden damit sein, Coldplay zu sein. Doch da ist wohl das U2-O-Meter im Weg.

Wem die Stunde schlägt: Im Video zu Viva La Vida tobt die Revolution:

Coldplay bei MySpace.

Draufgeschaut: Shine A Light

Dezember 28, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · 3 Comments 
"Shine A Light" zeigt die Rolling Stones als wandelnden Widerspruch.

"Shine A Light" zeigt die Rolling Stones als wandelnden Widerspruch.

Film Shine A Light
Produktionsland USA
Jahr 2008
Spielzeit 118 Minuten
Regie Martin Scorsese
Hauptdarsteller Mick Jagger, Keith Richards, Ronnie Wood, Charlie Watts
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Der Konzertfilm zeigt die Rolling Stones bei einem Auftritt im Herbst 2006 im Beacon Theatre in New York. Unterbrochen wird die Show immer wieder durch Interview-Passagen mit den Mitgliedern der Rolling Stones aus den verschiedenen Phasen der Karriere der Band. So entsteht nicht nur eine Dokumentation des Konzerts, sondern eine kleine Biographie der Band.

Das sagt shitesite:

Einfach nur ein Konzert mitschneiden? Das ist für die Rolling Stones natürlich nicht genug. Also muss ein ganz besonderes Konzert her. Im nicht einmal 3000 Zuschauer fassenden Beacon Theatre am Broadway. Mit Ex-US-Präsident Bill Clinton als Ansager. Mit Jack White (der zu einem etwas planlosen Lovin Cup vor allem sein Grinsen beisteuert), Christina Aguilera (die bei Live With Me durchaus zu überzeugen weiß) und Buddy Guy (der nach Champagne And Reefer eine Gitarre von Keith Richards geschenkt bekommt) als Gaststars. Und Oscar-Preisträger Martin Scorsese (für den nach eigenem Bekunden Satisfaction im Jahr 1965 eine Art Erweckungserlebnis war) als Regisseur.

Das scheint zunächst in die Hose zu gehen. Der Anfang von Shine A Light legt viel zu viel Augenmerk auf die Filmcrew, die Vorbereitungen, den Produktionsprozess. Doch nach 12 Minuten spielt Keith Richards endlich das unnachahmliche Riff von Jumpin Jack Flash – und ab diesem Moment gelingt es Shine A Light tasächlich, die Essenz der Rolling Stones einzufangen.

Mit vielen Großaufnahmen und natürlich fantastischer Musik wird die ganze Widersprüchlichkeit dieser Band vorgeführt, und dabei bekommt dann auch der lange Vorlauf seinen Sinn: Shine A Light soll Intimität vorgaukeln, ist aber in Wirklichkeit nicht weniger gigantomanisch als alles andere, was in den vergangenen Jahrzehnten den Stempel “Rolling Stones” aufgedrückt bekommen hat. Wenn Scorsese angeblich erst ein paar Sekunden vor den ersten Gitarrentönen die Setlist gereicht bekommt, dann soll das die Spontaneität und Unberechenbarkeit der Stones verdeutlichen, doch sowohl die Show in New York als auch das filmische Konzentrat zeugen von enormer Berechnung und Disziplin. So muss man unter anderem befürchten, dass die erstaunlich zahlreichen jungen Damen in der ersten Reihe zumindest dort platziert, womöglich sogar gecastet wurden.

Blickt man genauer auf die fesselnde Show, wird es noch paradoxer: Die Rolling Stones sind im Herbst 2006 längst alte Männer, und doch ist diese Musik noch immer so angefüllt mit Aggressivität und Bedrohlichkeit, dass sie dennoch ein Sinnbild der Jugend werden. Alles soll hier Authentizität ausstrahlen, doch zugleich ist das Konzert eine riesige, durchinszenierte Zirkusnummer. Auch die Kameradie, die mit Umarmungen oder einem kleinen Lächeln immer wieder zelebriert wird, kann man angesichts der Geschichte der Stones natürlich kaum für bare Münze nehmen – allerdings gewinnen die Gesten dadurch eher eine neue Dimension, als scheinheilig zu wirken. Vor allem aber wird Shine A Light zu einer sagenhaften Mick-Jagger-Show – und doch wissen alle Beteiligten auf der Bühne, dass sie ohne ihre Mitstreiter niemals so weit gekommen wären.

Schon allein Mick Jaggers grandiose Performance bei Sympathy For The Devil macht den Film sehenswert. Quasi als Quintessenz von Shine A Light führt sie vor Augen, worum es bei den Rolling Stones (und grundsätzlich im Rock’N'Roll) geht: Du sollst Spaß haben. Du sollst alles in den Schatten stellen. Und am Ende alle dazu bringen, dass sie mit dir schlafen wollen.

Bestes Zitat:

Charlie Watts wird in einem der Interviews aus dem Archiv ganz kurz philosophisch und fragt sich, warum er mit sich als Künstler nie so ganz zufrieden ist: “Maybe it’s just an inferiority complex. Maybe I’m great after all.”

Der Trailer zum Film:

Video-Interview mit Mando Diao

Dezember 27, 2010 · Posted in Ich, Interviews, Videos, Weltgeschehen · 2 Comments 

Schon im nächsten Jahr könnte es ein neues Album von Mando Diao geben. Das haben mir Gustaf Norén und Björn Dixgard verraten, als ich sie vor ihrem Auftritt im Haus Auensee in Leipzig bei der Geburtstagsfeier von MDR Jump getroffen habe. Der Rückblick auf das gerade zu Ende gehende Jahr fiel den beiden Frontmännern von Mando Diao allerdings schwer: An 2010 können sie sich nach eigenem Bekunden kaum mehr erinnern. Nur eins ist klar: Ihr definitives Highlight war die Aufzeichnung von MTV Unplugged im September.

Das komplette Interview mit Mando Diao als Text gibt es hier.

Hier gibt es ein Interview mit Mando Diao aus dem Jahr 2009.

Draufgeschaut: Die Bourne Identität

Dezember 26, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · 2 Comments 
Maria Kreutz (Franka Potente) hilft Jason Bourne (Matt Damon) bei der Flucht.

Maria Kreutz (Franka Potente) hilft Jason Bourne (Matt Damon) bei der Flucht.

Film Die Bourne Identität
Produktionsland USA
Jahr 2002
Spielzeit 118 Minuten
Regie Doug Liman
Hauptdarsteller Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Brian Cox, Clive Owen, Gabriel Mann, Julia Stiles
Bewertung ****

Worum geht’s?

Vor der Küste von Marseille retten Fischer einen jungen Mann aus dem Meer. Als er wieder zu sich kommt, muss er feststellen: Er kann sich nicht mehr erinnern, wer er ist. Eine geheimnisvolle Sonde, die er unter seiner Haut findet, ist der einzige Hinweis. Die Spur führt ihn zu einem Bankschließfach in der Schweiz, das unter anderem Waffen und einen Reisepass für Jason Bourne enthält. Bourne wird schnell klar: Er ist irgendwie in dunkle Machenschaften verstrickt. Und während er des Rätsels Lösung sucht, hat er ganz schnell jede Menge Ärger am Hals. Denn die Leute, die wissen, wer er ist und was er getan hat, wollen ihn schleunigst aus dem Verkehr ziehen.

Das sagt shitesite:

Während James Bond noch immer dem Ende des Kalten Kriegs nachtrauert und sich fragt, wie man nun bloß einen zeitgemäßen Agentenfilm auf die Leinwand bringen soll, legt Die Bourne Identität die Antwort vor. Schon ein Jahr nach den Anschlägen des 11. September thematisiert der Thriller die technologisch Allmacht der Ermittlungsbehörden und das Verschwinden der Privatsphäre. Dieser Hintergrund wird allerdings niemals penetrant betont. Stattdessen liegt der Fokus in Die Bourne Identität auf origineller Action, einem sympathischen Hauptdarsteller-Paar und beachtlicher Spannung. Sehr gelungen.

Bestes Zitat:

“Ich will nicht mehr wissen, wer ich bin. Es ist mir egal. Ich will es nicht wissen. Alles, was ich herausgefunden habe, will ich vergessen. Es ist mir egal, wer ich bin oder was ich getan habe.“

Der Trailer zum Film:

Durchgelesen: Paul Auster – “Stadt aus Glas”

Dezember 25, 2010 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 
In "Stadt aus Glas" wimmelt es vor Alter Egos.

In "Stadt aus Glas" wimmelt es vor Alter Egos.

Autor Paul Auster
Titel Stadt aus Glas
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1985
Bewertung ****

“Nichts ist wirklich außer dem Zufall”, lautet einer der ersten Sätze in Stadt aus Glas. Die These steht wie ein Programm über dem Roman, der Paul Auster den Durchbruch brachte und den ersten Teil seiner gefeierten New-York-Trilogie bildete. Denn in Stadt aus Glas geht es vordergründig um eine Verwechslung, einen Wahnsinnigen und eine Detetktivgeschichte. In Wirklichkeit aber geht es um die Auflösung des Ich.

Ähnlich virtuos wie in Max Frischs Stiller wird hier mit Identitäten, deren Austauschbarkeit und Manipulierbarkeit gespielt. Dabei gibt es gleich mehr als einen doppelten Boden: Die Hauptfigur ist Daniel Quinn, ein gescheiterter Schriftsteller. Spätestens seit er erst seine literarischen Ambitionen und dann Frau und Kind beerdigen musste, ist er resigniert, nur noch ein kleines Stückchen oberhalb der totalen Selbstaufgabe. “Er wünschte nicht mehr, tot zu sein. Andererseits kann man nicht sagen, dass er froh war zu leben. Aber zumindest war es ihm nicht mehr lästig. Er lebte, und die Hartnäckigkeit dieser Tatsache hatte ihn nach und nach zu faszinieren begonnen – als wäre es ihm gelungen, sich selbst zu überleben, als führte er irgendwie ein posthumes Leben.”

Quinn verdient sich seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Detektivromanen, die er unter dem Pseudononym William Wilson veröffentlicht. Die Hauptfigur der Geschichten heißt Max Work – mit ihm identifiziert sich Quinn immer mehr. Bis sich ein mysteriöser Anrufer bei ihm meldet, der Quinn für den Privatdetektiv Paul Auster hält. Quinn klärt die Verwechslung nicht auf, sondern schlüpft in die Rolle von Paul Auster. Halb aus Neugier, halb aus Langeweile nimmt er einen Auftrag an. Er hat noch immer kein Interesse an sich selbst, aber der Auftrag entreißt ihn zumindest der völligen Apathie.

Der Anrufer entpuppt sich als Opfer eines sadistischen Vaters, das nun um Schutz bittet, weil sein einstiger Peiniger aus der Psychiatrie entlassen werden soll. Auster bekommt den Auftrag, den verrückten, aber scheinbar harmlosen Mann zu beschatten – und verliert dabei erst recht jeden Halt zur Realität.

Auster (der Autor) schafft es in Stadt aus Glas gekonnt, rund um den Pseudo-Auster (die Figur) alle Protagonisten in sich selbst und in der Wahrnehmung des Gegenübers zu spiegeln. Max Work als Idee/Paul Auster als Alter Ego und Daniel Quinn haben eine ähnliche Beziehung wie Dorian Gray und sein Bildnis. “Während er durch den Bahnhof ging, erinnerte er sich selbst daran, wer er angeblich war. Er merkte allmählich, dass es keineswegs unangenehm war, Paul Auster zu sein. Obwohl er noch denselben Körper, denselben Verstand, dieselben Gedanken hatte wie sonst, war ihm zumute, als wäre er irgendwie aus sich selbst herausgenommen worden, als müsste er nicht mehr die Last seines eigenen Bewusstseins tragen.” Als Paul Auster wird die Hauptfigur des Romans vollends zu einer Marionette, die sie sich selbst gebaut hat und deren Fäden sie selbst in der Hand hat, die aber trotzdem über eines nicht verfügt: ein Ich.

Diese Abwesenheit von Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Logik sorgt nicht nur für eine beträchtliche Spannung, weil an jedem Punkt der Handlung alles zusammenbrechen kann und immer alle Möglichkeiten offen bleiben. Auster (der Autor) findet mit dieser Methode auch einen sehr klugen Weg, das Zusammenspiel von Autor, Figur und Leser zu thematisieren und zu hinterfragen. Das kann mitunter fast überborden vor lauter Subtext wie an der Stelle, an der Quinn zufällig die Leserin eines seiner Detektivromane trifft – und ebenso enttäuscht von ihr ist wie sie von seinem Buch.

Es kann aber auch sehr witzig werden, beispielsweise wenn Quinn (eine Schöpfung des Autors Paul Auster!) im Buch die Figur Paul Auster trifft, die hinter der Verwechslung steckt, und dieser ihm gut zuredet: “Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, würde ich wahrscheinlich das gleiche getan haben.”

Auch die Tatsache, dass hier ausgerechnet ein (vermeintlicher) Detektiv am Werk ist, zeigt Austers Humor. Schließlich lebt dieser Berufszweig davon, aus der Empirie die richtigen Schlüsse zu ziehen, Zusammenhänge zu erkennen und schließlich Ergebnisse zu liefern. Das Image der Detektivbranche wurde in hohem Maße von der Literatur und ihrer Wirkungsmacht geprägt – beides zweifelt Auster mit Stadt aus Glas in aller Heftigkeit an.

Gesteigert wird das Ganze durch eine zusätzliche Ebene, auf der Auster nicht nur Identitäten, das Wirken von Literatur und ihre Glaubwürdigkeit hinterfragt, sondern die Sprache an sich. Welche Macht und welche Grenzen sie hat, welche Vielfalt und Wandelbarkeit sie bietet – das wird nicht nur in den inneren Monologen ausgelotet, sondern auch in Tagebuchaufzeichnungen Quinns, Rückgriffen auf die Literaturgeschichte von der Bibel bis Don Quijote, wissenschaftlichen Theorien und Fachdiskussionen zwischen den Figuren.

Stadt aus Glas feiert somit ein Paradox: Die Sprache ist vieldeutig, dabei soll sie doch definieren. Wir definieren unser Selbst über Sprache – zugleich lässt sie uns alle Möglichkeiten, als jemand anders zu erscheinen. Letztlich thematisiert der Roman bis ins Äußerste die Aufösung des Autors. Am Ende bleiben nur Worte.

Die beste Stelle ist ein Auszug aus dem Notizbuch der Hauptfigur: “Und dann, das wichtigste von allem: mich erinnern, wer ich bin. Mich erinnern, wer ich sein soll. Ich glaube nicht, dass das ein Spiel ist. Andererseits ist nichts klar. Zum Beispiel: Wer bist du? Und warum, wenn du es zu wissen glaubst, lügst du weiter? Ich weiß keine Antwort. Alles, was ich sagen kann, ist dies: Hören Sie mir zu. Mein Name ist Paul Auster. Das ist nicht mein richtiger Name.”

Draufgeschaut: Berlin Calling

Dezember 24, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · 1 Comment 
Mit seiner Managerin und Freundin Mathilde (Rita Lengyel) jettet DJ Ickarus (Paul Kalkbrenner) durch die Welt.

Mit seiner Managerin und Freundin Mathilde (Rita Lengyel) jettet DJ Ickarus (Paul Kalkbrenner) durch die Welt.

Film Berlin Calling
Produktionsland Deutschland
Jahr 2008
Spielzeit 100 Minuten
Regie Hannes Stöhr
Hauptdarsteller Paul Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch, RP Kahl, Araba Walton
Bewertung ****

Worum geht’s?

Ickarus ist einer der angesagtesten Techno-DJs in Berlin und kurz davor, sein heiß erwartetes zweites Album herauszubringen. Er genießt seinen Ruhm mit einem Vollgas-Lifestyle aus Partys, Gig-Stress und Drogen. Erst als er zusammenbricht, beginnt er, seine Grenzen zu erkennen. Doch ausgerechnet dann lassen ihn alle im Stich. So droht er auch noch das zu verlieren, was ihm am meisten bedeutet: seine Musik.

Das sagt shitesite:

Als ultimatives Bilddokument der Technokultur, wie es 24 Hour Party People für Manchesters Rave-Szene oder 1991 – The Year Punk Broke für den Grunge war, scheitert Berlin Calling. Zwar wird hier das Prinzip Techno einigermaßen schlüssig und erfreulich authentisch erklärt, der Hedonismus der Szene wunderbar inszeniert und auch das Jetset-Leben der DJs von Disco zu Disco dezent, aber clever eingefangen. Doch die Ideologie hinter den Beats wird allenfalls angerissen: die Frage, ob Genie immer zur Rebellion führen muss, ob Drogen eine Voraussetzung für Inspiration sind, ob man tanzend die Welt verändern kann. Dafür aber hat Berlin Calling den Vorteil, dass es ein echter Spielfilm ist, der auch ohne den Hintergrund der Techno-Ära funktioniert. Mit reichlich Sex und noch mehr Witz (wunderbar die Szene mit Drink in der Kirche oder das Nackt-Frühstück im Hotelrestaurant) wird hier die durchaus zeitlose Geschichte eines Künstlers erzählt, der über seine Kunst die Flucht aus dem Leben sucht und darüber die Welt vergisst. Ob das Ergebnis komisch oder tragisch wird, in Euphorie oder Paranoia mündet, hängt mitunter bloß an der Frage von guten Drogen und schlechten Drogen. Paul Kalkbrenner in seinen ewigen Fußballtrikots spielt das durchaus beeindruckend und grandios uneitel. Dass der Star-DJ, der immer nur an der Oberfläche lebte, in der Psychiatrie landet, wo alle Patienten permanent auf ihr Innerstes zurückgeworfen werden, ist ein sehr geschickter Kniff. Letztlich ist Berlin Calling weniger ein Musikfilm als vielmehr ein witziges Erforschen und Hinterfragen unserer Vorstellungen von Kunst – natürlich mit einem tollen Soundtrack.

Bestes Zitat:

“Wer nur an sich selbst denkt, der wird immer einsam sein.“

Der Trailer zum Film:

Weihnachten mit Mando Diao

Dezember 23, 2010 · Posted in Ich, Interviews, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Kurz vor ihrem Konzert beim Geburtstag von MDR Jump im Haus Auensee in Leipzig habe ich Mando Diao zum Interview getroffen. Passend zur Jahreszeit haben wir natürlich über Weihnachten gesprochen. Die Frontmänner Gustaf Norén und Björn Dixgard verraten im Video-Interview, wie sie Weihnachten feiern – und dass sie ein fertiges Weihnachtslied in der Schublade haben.

Das komplette Interview mit Mando Diao als Text gibt es hier.

Hier gibt es ein Interview mit Mando Diao aus dem Jahr 2009.

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