Sportfreunde Stiller, Arena, Leipzig
Die Sportfreunde Stiller sind nun schon so lange mit ihrem Unplugged-Programm auf Tour, dass es ihnen eigentlich gehen müsste wie den Astronauten, die nach langer Zeit im All wieder auf die Erde kommen: Wenn sie demnächst mal wieder ein Konzert mit Strom und ohne Barhocker spielen sollen, dann wird sich wahrscheinlich erst einmal der Muskelschwund bemerkbar machen – und sie fallen hilflos um.
In Leipzig sind die Sportfreunde Stiller bereits zum dritten Mal innerhalb von anderthalb Jahren mit der Unplugged-Show zu sehen. Trotzdem kommen an einem Freitagabend (und bei schwierigsten Verkehrsverhältnissen) 11.000 Fans in die Arena. Woher kommt bloß diese scheinbar unstillbare Nachfrage?
Die Antwort ist ganz einfach, auch wenn sie in diesen Tagen ein bisschen gefährlich anmutet: Schläferzellen. Das klingt nach Terror. Aber vor nicht allzu langer Zeit waren mit Sleepers noch all diejenigen Leute gemeint, die eigentlich keine besonders großen Musikfans sind. Sie kaufen selten Platten und gehen noch seltener in Konzerte. Hin und wieder kann man sie aber mit einem besonderen Song oder einer ganz speziellen Band erwischen, und dann sind sie allein aufgrund ihrer schieren Masse unaufhaltbar. Und vor allem sind sie besonders empfänglich für die Begeisterung, die man nun einmal mit Rockmusik entfachen kann.
Die Sportfreunde Stiller haben ohne Zweifel diesen kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden. Sie sind für alle da. Sie wollen einschließen, mitmachen, dabei (und dafür) sein. Das Bedrohlichste an ihnen sind die zerrissenen Jeans von Bassist Rüde. Tatsächlich kommen Eltern mit ihren Kindern in die Arena, und jede Menge Pärchen, für die es womöglich das einzige Live-Erlebnis in diesem Jahr ist. Man kann gewiss sein: Zu diesen Liedern wurde sich in der Republik schon tausendfach verliebt, verloren, vergessen, verziehen.
Das Schöne daran: Die Sportfreunde Stiller haben nicht nur kaum Berührungsängste. Sie wissen auch selbst, dass sie keine Virtuosen sind. “Nur durch Tricks und Gaunerei / Sind wir vorne mit dabei”, singen sie in 1. Wahl – da ist zwar ein bisschen Augenzwinkern dabei, aber auch ganz viel Dankbarkeit für das Glück, das ihnen widerfahren ist.
Dass sie mühelos die Arena in Leipzig füllen, macht das unmissverständlich klar. Die Sportfreunde Stiller haben eine Liga erreicht, in der sonst allenfalls noch Herbert Grönemeyer und Die Ärzte spielen. Doch im Gegensatz zu ersterem gibt es bei ihnen keine Lyrik, im Gegensatz zu Letzteren gibt es bei ihnen keine Ironie. Es gibt überhaupt keinen Code. Man muss dabei in der Entwicklung von Grönemeyer über die Ärzte bis zu den Sportfreunden keineswegs einen Niveaulimbo sehen. Die Sportfreunde Stiller sprechen die Sprache der Menschen, in mehrfacher Hinsicht. “Ich wollte Dir nur mal eben sagen / dass Du das Größte für mich bist.” Was gibt es daran nicht zu verstehen? “Du und ich / und sonst noch’n paar Leute / wir sind auf der guten Seite.” So einfach ist das.
Genau das ist die Stärke von Peter, Flo und Rüde. Sie beginnen die Show in Leipzig mit Der Titel vom nächsten Kapitel, die erste Strophe spielen sie noch hinter dem Vorhang. Erst dann wird das altbekannte Bühnenbild enthüllt, neu ist lediglich, dass die Mikrofonstative mit etwas umwickelt sind, was man in der Heimat der Sportfreunde wohl “Christbaumschmuck” nennt.
Nach und nach füllt sich dann die Bühne mit Bläsern, Streichern – und Charme. Die Jungs haben offensichtlich noch immer Spaß an diesen Liedern. Es gibt Ansagen auf Latein, Gefrotzel über die Bandkollegen und ein Geburtstagsständchen für Detlef, den Mann am Mischpult. Drummer Flo, dessen Gesicht oft auf der Videoleinwand zu sehen ist, schaut bei jedem Lied gleich mehrfach drein wie ein kleiner Junge, der sich diebisch freut, dass er gleich den Turm aus Bausteinklötzen zum Einstürzen bringen darf.
Spätestens bei Lass mich nie mehr los ist die Arena in Leipzig voll und ganz aus dem Häuschen. Wunderbare Jahre bekommt eine Mandoline verpasst. Sieben Tage, sieben Nächte wird als Sirtaki zum echten Highlight. Gegen Ende kommen die gefeierten Ausflüge in fremdes Repertoire: Rock’N'Roll Queen, direkt danach, als wäre gar nichts dabei, Ich war noch niemals in New York.
Ähnlich stilsicher wie bei den Coverversionen (bis auf den Abend, als sie im Haus Auensee in Leipzig einen Song von den Puhdys gespielt haben), sind die Sportfreunde Stiller auch immer schon bei den Vorbands gewesen. Nada Surf waren mit ihnen auf Tour, im Sommer auf der Parkbühne in Leipzig gab Roman Fischer den Anheizer. Diesmal durfte die bezaubernde Kate Nash ran. Im Gegensatz zu den Shows anfang des Jahres sitzt sie wieder hinter dem Klavier, statt zur Gitarre zu greifen. Doch dass sie nach wie vor gerne immer mehr rocken will, macht sie auch in der Arena deutlich. Das grandiose Mouthwash kommt ganz unvermittelt, Merry Happy klingt bitterböse, zum Abschluss wird Pumpkin Soup fast ein Tobsuchtsanfall.
Während der Zugabe danken die Sportfreunde nochmal artig für das Vorprogramm. Für den ersten Teil der Zugabe in Leipzig wechseln sie auf eine kleine Bühne in der Mitte der Arena und probieren sich im Wellenreiten. Bei Ich, Roque tauchen sie dann wieder auf der großen Bühne auf. Siehst Du das genauso ist entzückend, zum Abschied gibt es dann Die gute Seite. Nicht nur, weil Peter dabei am Schluss seine Fähigkeiten im Crowdsurfen demonstriert, kann es nur ein Urteil geben: erhebend.
Der Höhepunkt der Show: Die Sportfreunde Stiller spielen Ein Kompliment, live in der Arena Leipzig:
Die Sportfreunde Stiller bei MySpace.
Hingehört: Jimmy Gnecco – “The Heart”
| Künstler | Jimmy Gnecco |
| Album | The Heart |
| Label | Bright Antenna |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Man muss nicht einmal registrieren, dass die Scheibe The Heart heißt, um zu erkennen, wie viel Herzblut in diesem Album steckt. Die CD, auf der sich die 15 Songs von The Heart befinden, steckt in etwas wie einem schwarzen Briefumschlag. Darin befinden sich auch, auf einzelnen losen Blättern, die Texte. Jimmy Gnecco hat praktisch alles an The Heart selbst gemacht: Er singt, es spielt fast alle Instrumente und er hat produziert.
Dass es eine durch und durch persönliche Angelegenheit geworden ist, liegt auch daran, dass der ehemalige Frontmann der Rockband Ours und Ex-Roadie von Jeff Buckley in diesen Songs den Tod seiner Mutter verarbeitet. Verlust, Erinnerung, Trauer, Hoffnung – diese Themen durchziehen die Texte, etwa in der an Keane erinnernden Piano-Ballade Days: “My mother killed her soul / just to feel some more / I’m finding out that we’re alike.”
Passend zum Thema ist die Stimmung meist grüblerisch bis betrüblich. Das Gute daran: Jimmy Gnecco ist ein durchaus meisterhafter Melancholiker. Wenn er im Falsett singt, lässt das sofort an Thom Yorke denken (Light On The Grave), im komplexen Titelsong beschwört er auch musikalisch die Radiohead der O.K. Computer-Ära herauf.
Nur selten wird es etwas beschwingter, doch auch dann hängt an diesen Songs noch ein unübersehbares Schild, auf dem “Euphorie muss draußen bleiben” steht. Bestes Beispiel ist Mystery, auf dem erstmals ein Schlagzeug zu hören ist, das aber nur erdrückend langsam agieren darf. Wenn sich noch etwas mehr Druck und Optimismus einschleicht (Gravity), dann klingt das wie Ben Kweller, also durchaus erfreulich.
Der deutlichste Bezugspunkt für den Mann aus New Jersey sind aber die späten Travis. Nicht nur wegen der Grundstimmung, die etwa in Bring You Home oder These Are My Hands genau der stolzen Traurigkeit der Schotten entspricht. Sondern vor allem wegen der stimmlichen Nähe von Jimmy Gnecco zu Fran Healy. Wenn er sich auf I Heard You Singing, dem besten Lied auf The Heart, in die höchsten Tonregionen (und die tiefsten Tiefen seines Herzens) vorwagt, dann hat das all die Leidenschaft, all die Inbrunst und all die Verletzlichkeit, die auch die besten Songs von Travis so rührend gemacht haben.
Jimmy Gnecco beweist mit diesem Album großes Songwriter-Talent und tolle Fähigkeiten als Sänger. Das einzige, was an The Heart stört, ist die Tatsache, dass es auf Dauer dann doch ein ziemlich schwer zu verdauender Trauerkloß ist. Ein bisschen mehr Licht, ein paar mehr Stücke wie Gravity, hätten The Heart sehr gut getan. Denn schließlich sind Herzen nicht nur dazu da, gebrochen zu werden. Sondern vor allem, um Leben in uns hineinzupumpen.
Er sieht aus wie Heavy Metal, aber er klingt wie Thom Yorke: Jimmy Gnecco singt Light On The Grave:













