Draufgeschaut: Fletchers Visionen

April 30, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Alice (Julia Roberts) weiß nicht, ob sie Jerry (Mel Gibson) glauben kann.

Alice (Julia Roberts) weiß nicht, ob sie Jerry (Mel Gibson) glauben kann.

Film Fletchers Visionen
Film Conspiracy Theory
Produktionsland USA
Jahr 1997
Spielzeit 135 Minuten
Regie Richard Donner
Hauptdarsteller Mel Gibson, Julia Roberts, Patrick Stewart, Cylk Cozart
Bewertung **

Worum geht’s?

Jerry Fletcher ist ein Taxifahrer in New York. Seine liebsten Hobbies sind Selbstgespräche und Verschwörungstheorien. Zudem stellt er der Anwältin Alice nach, die er davon überzeugen will, dass er verfolgt wird. Alice hält ihn zunächst für einen verwirrten Stalker. Doch dann wird sie in eine irre Verfolgungsjagd verwickelt und steht bald vor der Frage, wer hier wirklich die Realität leugnet.

Das sagt shitesite:

Fletchers Visionen hat zwei Stärken: Erstens macht es Spaß, Mel Gibson abseits seines Privatlebens als völlig durchgeknallten Spinner zu beobachten. Zweitens hat der Thriller einige kreative Bilder zu bieten. Die Handlung ist hingegen wenig überzeugend. Vielleicht hätte Fletchers Visionen noch gut funktionieren können, wenn sich die Macher nur auf die Frage beschränkt hätten, ob Jerry nun ein armer Irrer oder ein gefährlicher Psychopath ist. Doch dazu wird hier noch Alices Trauma mit ihrem ermordeten Vater und die amerikanische Besessenheit mit Psychosen und Geheimdiensten gepackt – das ist eindeutig zu viel des Guten.

Bestes Zitat:

“Eine gute Verschwörung ist unmöglich zu beweisen.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Beastie Boys – “Hot Sauce Committee Part 2″

April 29, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Auch mit zwei Jahren Verspätung klingt "Hot Sauce Committee Part 2" noch frisch.

Auch mit zwei Jahren Verspätung klingt "Hot Sauce Committee Part 2" noch frisch.

Künstler Beastie Boys
Album Hot Sauce Committee Part 2
Label Emi
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Tpyisch ist das. In mehrfacher Hinsicht. “How you feelin’, MCA?” wollen die Beastie Boys in Nonstop Disco Powerpack von ihrem Bandkollegen wissen, nachdem vorher schon Mike D und Ad Rock auf dieselbe Frage hin bestätigt haben, dass sie in blendender Verfassung sind. Das ist natürlich, gleich im zweiten Track des neuen Albums Hot Sauce Committee Part 2, die im HipHop übliche Selbstbestätigung: Wir sind wieder da. Wir bringen’s noch. Wir werden’s euch zeigen – auch, wenn wir stramm auf die 50 zugehen und seit mehr als 25 Jahren im Geschäft sind.

Die scheinbar banale Frage „How you feelin’?“ bekommt hier aber eine zusätzliche Dimension. Schließlich hat MCA in den vergangenen Jahren eine Krebserkrankung überwunden. Ihn da zu fragen, ob er sich gut fühlt – das hat mindestens einen doppelten Boden und zeigt vor allem, dass die Beastie Boys ihre Witz nach wie vor am liebsten über sich selbst machen, sogar wenn die Pointe mit Chemotherapie zu tun hat.

Das Trio aus New York kann es sich leisten. Nicht nur, weil die Beastie Boys das erste Nummer-1-Album des Rap gemacht, 40 Millionen Platten verkauft und sich unter dem immer lauter werdenden Applaus der Kritiker stets weiterentwickelt haben. Sondern vor allem, weil sie sich auf Hot Sauce Committee Part 2 tatsächlich in toller Form präsentieren.

Nach dem mit einem Grammy belohnten Instrumental-Experiment The Mix Up (2007) sollte der Nachfolger eigentlich schon im September 2009 erscheinen. Doch dann kam der Krebs dazwischen. Deshalb sind ein paar der Stücke schon bekannt: Too Many Rappers, eine grandiose Kampfansage als Duett mit Nas, war als Vorab-Single vor zwei Jahren schon draußen, bevor die Veröffentlichung des Albums (das damals noch Hot Sauce Committee Part 1 heißen sollte) verschoben wurde. Auch den fulminanten Punk-Sound von Lee Majors Come Again kennen Fans schon. Dazu kommt das äußerst inspirierte Here’s A Little Somethin‘ For Ya, das auf DJ Hero vertreten war und so die Wartezeit auf das achte Studioalbum der New Yorker verkürzte.

Auch abseits davon haben sich die Beastie Boys eine kaum zu glaubende Frische bewahrt. In der Mitte hängt Hot Sauce Committee Part 2 zwar ein wenig durch, und auch ein Gastspiel von Santigold auf dem Reggae-von-der-Stange-Exkurs Don’t Play No Game That I Can’t Win kann da nicht recht helfen. Doch ansonsten gibt es hier viel Innovation, Witz und Abwechslung. Und, nach dem Instrumental-Album und dem ebenfalls etwas sperrigen To The 5 Boroughs auch wieder echte Hits.

Ein geiler Bass, eine Kuhglocke und eine kleine Anspielung auf Fight For Your Right To Party verleihen dem Opener Make Some Noise mächtig Power. Das schon erwähnte Nonstop Disco Powerpack, das den feinen Flow von The Negotiation Limerick File wieder aufgreift, steht dem in nichts nach. OK rockt wie einst Body Movin’ – auch ganz ohne die Hilfe von Fatboy Slim. So frisch und abwechslungsreich wie fast das gesamte Album ist kurz vor Schluss auch das packend Crazy Ass Shit, das zwischendurch auf einen Breitwand-Sound à la Jay-Z setzt.

Auch die meisten Experimente gelingen. Vor allem das instrumentale Multilateral Nuclear Disarmament als muskulöse Electro-Einheit funktioniert blendend. In Long Burn The Fire klingen die Beasties plötzlich geheimnisvoll und spinnert wie der Wu-Tang Clan. Das brachiale Say It setzt auf etwas, das wie rückwärts abgespieltes Gitarrenfeedback klingt.

Unterm Strich ist Hot Sauce Committee Part 2 damit viel besser als man angesichts der langen Pause und der Krankheit von MCA erwarten durfte. Und es zeigt allen, denen To The 5 Boroughs zu verkopft und The Mix Up zu lahm war: Auf so etwas wie ein Alterswerk sollte man bei den Beastie Boys bis auf weiteres nicht hoffen.

Famos: Was nach dem legendären Video von Fight To Your Right To Party passierte:

Die Beastie Boys bei MySpace.

Draufgeschaut: Unter die Haut

April 28, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Neil (Joseph Gordon-Levitt, rechts) verliebt sich als kleiner Junge in seinen Baseballtrainer.

Neil (Joseph Gordon-Levitt, rechts) verliebt sich als kleiner Junge in seinen Baseballtrainer.

Film Unter die Haut
Film Mysterious Skin
Produktionsland USA/Niederlande
Jahr 2004
Spielzeit 105 Minuten
Regie Gregg Araki
Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt, Brady Corbet, Jeffrey Licon, Mary Lynn Rajskub, Elisabeth Shue, Bill Sage, Michelle Trachtenberg
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Seit er acht Jahre alt ist, hat Brian immer wieder seltsame Blackouts und bekommt plötzlich Nasenbluten. Alles fing an einem regnerischen Abend nach einem Baseballspiel an – und bald denkt Brian, er sei damals von Aliens entführt worden. Auf der Suche nach der Wahrheit über jenen Abend stößt Brian auf Neil, der damals ebenfalls im Baseball-Team war und sich jetzt als schwuler Stricher in New York durchschlägt. Brian ahnt, dass Neil vielleicht der Schlüssel zu seinem Geheimnis sein kann – und als sie sich treffen, öffnet Neil ihm auf schmerzhafte Weise die Augen.

Das sagt shitesite:

Erstaunlich leicht und ohne erhobenen Zeigefinger nähert sich Unter die Haut einem Tabuthema: Pädophilie. Neil und Brian wurden beide missbraucht, und beide sind sich lange Zeit nicht im Klaren über die Folgen. Doch gerade, weil sie selbst keine Anklage erheben, sondern in Passivität, Schicksalsergebenheit, Scham und Schuldgefühle verfallen, zeigt Unter die Haut, wie unbarmherzig und nachhaltig ihnen Gewalt angetan wurde. Das ist vor allem deshalb so schmerzhaft anzuschauen, weil der Film streng in der Perspektive der herausragend gespielten Opfer bleibt, die sich erst sehr spät selbst eingestehen können, dass sie Opfer sind.

Bestes Zitat:

“Wo bei normalen Menschen das Herz ist, existiert bei Neil McCormick ein gähnendes schwarzes Loch. Und wenn du nicht aufpasst, wirst du hineinfallen und auf ewig verloren sein.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Fleet Foxes – “Helplessness Blues”

April 27, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Bei den Fleet Foxes ist auch auf "Helplessness Blues" noch 1968.

Bei den Fleet Foxes ist auch auf "Helplessness Blues" noch 1968.

Künstler Fleet Foxes
Album Helplessness Blues
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Da war doch was. Männer aus Seattle? Karohemden und Gitarren? Eine große Liebe zur Musikgeschichte und ein anscheinend etwas weniger ausgeprägtes Interesse an Körperhygiene? Ein Killeralbum, das den Nerv der Zeit trifft und unzählige Trittbrettfahrer auf den Plan ruft?

Genau. Wie Nirvana vor 20 Jahren haben auch Fleet Foxes die Musiklandschaft auf den Kopf gestellt. Sie wurden zu musikalischen Aushängeschildern ihrer Stadt und zur Speerspitze einer Bewegung. Ihr Debütalbum aus dem Jahr 2008 wurde allerorten seziert, gefeiert, nachgeahmt.

Fleet Foxes wurde „mit Sofortwirkung zum Klassiker der populären Musik erhoben, der Sänger und Songwriter zum ambitioniertesten Vertreter seiner Zunft erklärt“, hat die Zeit gerade treffend festgestellt und auch versucht, einen Grund für die Begeisterung zu finden. „Die beardos, bärtige junge Männer mit nicht ganz marktüblichen Eigenschaften, schienen Hillbilly und Hipster in einer aufregend neuen Mixtur miteinander zu versöhnen.“

Nun legt das Quintett nach. Übermorgen erscheint der zweite Longplayer Helplessness Blues. Die Arbeit daran begann ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem Nirvana einst ihr Debüt Bleach aufgenommen hatten. Aber natürlich haben Fleet Foxes ihren Sound nicht plötzlich in Richtung Punk- und Hardrock gewandelt. Neil Young wird auch auf Helplessness Blues hörbar geschätzt – aber in seiner Ausprägung als Akustik-Barde, nicht als Riffmonster vor riesigen Verstärkertürmen.

Trotzdem hat Robin Pecknold, der Kopf der Fleet Foxes, für Helplessness Blues eine erstaunliche Wandlung in seinem Arbeitsprozess durchlaufen. Anfang 2010 fragte Kollegin Joanna Newsom an, ob er nicht das Vorprogramm für ihre anstehende Tour bestreiten wolle. Pecknold sagte zu und schrieb flugs ein paar Lieder, die sich besonders gut dafür eigneten, alleine mit Gitarre auf einer Bühne gesungen zu werden. “Ich habe besonders auf klare Texte und eine starke Melodie Wert gelegt. Das war für mich ein sehr fruchtbarer Perspektivwechsel”, erzählt Pecknold, der bis dahin auch mit dem Gedanken gespielt hatte, das zweite Fleet-Foxes-Album etwas abstrakter und experimenteller werden zu lassen.

Hört man Helplessness Blues, ist man durchaus dankbar für dieses Umdenken. „Ich würde sagen: Es ist eine Synthese aus Folkrock, traditionellem Folk und psychedelischem Pop, mit einem Schwerpunkt auf Gesangsharmonien”, umschreibt Pecknold den Sound des neuen Albums – alles ist also weitgehend in den Gleisen geblieben, die Fleet Foxes vor drei Jahren mitten in die Herzen der Kritiker und Fans geführt haben.

Das klingt manchmal wie ein Überbleibsel aus Brian Wilsons legendären Smile-Sessions (Montezuma), lässt all die Schönheit von Crosby, Stills & Nash oder Simon & Garfunkel erstrahlen (Sim Sala Bim) oder wandelt auf den Spuren der Byrds (The Plains / Bitter Dancer). Dazu kommen in den besten Momenten eine textlicher Scharfsinn, der an Bob Dylan erinnert und eine Opulenz, die auch Tim Buckley kaum hätte übertreffen können. Lorelai variiert clever die Melodie von Norwegian Wood. Die Wut, die in The Shrine / An Argument schlummert, klingt gerade deshalb so bedrohlich, weil sie sich gekonnt im Wohlklang versteckt.

All das ist wunderhübsch, wirft aber auch die Frage auf: Was bringt eine Band dazu, einen 40 bis 45 Jahre alten Sound wieder zum Leben zu erwecken? Und was trägt dazu bei, dass dieser Sound plötzlich bei einem breiten Publikum wieder verfängt? Auf der Suche nach der Antwort kann man durchaus ein paar historische Parallelen ausmachen: Eine junge Generation, die spürt, dass sie etwas zählt, weil sie etwas bewegen kann oder muss – das galt Mitte der 1960er, und es trifft auch auf die USA in Zeiten von Obama zu. Zudem wird die Zuversicht damals wie heute getrübt. Das Attentat auf Kennedy oder der Vietnamkrieg  lassen sich in dieser Gleichung durchaus durch Klimawandel oder Terror-Wahn ersetzen.

Die Stärke von Pecknold ist es, diese Ambivalenz aufzugreifen, ohne sie explizit zu machen. Fleet Foxes sind Zweifler und Grübler, aber das Politische daran wird, um im Jargon der Zeit zu bleiben, aus der das Quintett gefallen ist, auch auf Helplessness Blues ins Private runtergebrochen.

“One of the prevailing themes of the album is the struggle between who you are and who you want to be or who you want to end up being, and how sometimes you are the only thing getting in the way of that”, erklärt Pecknold den Albumtitel – auch darin schwingt das Wissen um die eigenen Möglichkeiten und die Angst vor dem eigenen Scheitern mit. Gier, Egoismus, Undankbar- und Oberflächlichkeit – all das soll hier überwunden werden.

Wie sehr dieses Credo auch gesellschaftlich verstanden kann, zeigt Bedouin Dress am besten. “If to borrow is to take and not return / I have borrowed all my lonesome life”, beginnt das Lied. Das ist eine rührend katholische Selbstanklage, es könnte aber auch der Beginn eines Nachrufs auf die Lehman Brothers sein.

So geht es weiter. “Oh how could I dream of such a selfless and true love?”, will Pecknold gleich in einer der ersten Zeilen des Albums wissen. “I should have known, one day you would come / all of us walk so blind in the sun”, reimt er später. Im Titelsong stehen Zeilen von Dylan’scher Klarheit: “I was raised up believing / I was somehow unique / like a snowflake, distinct among snowflakes, unique in each way  you’d conceive / and now after some thinking / I’d say I’d rather be / a functioning cog in some great machinery serving something beyond me.” Kurz vor Ende, im reduzierten Blue Spotted Tail, wird es dann schließlich ganz grundsätzlich: “Why is life made only for to end / Why do I do all this waiting then?” Auch da ist er ominpräsent, der Traum, den Fleet Foxes träumen, und mit ihnen so viele Jünger: die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unglücklichkeit.

Der Sicherheitsabstand von Jols Holland hat sicher nichts mit der Körperhygiene von Fleet Foxes zu tun: Bedouin Dress, live:

Fleet Foxes bei MySpace.

Eine kürzere Version dieser Rezension mit dem offiziellen Video zu Grown Ocean gibt es bei news.de.



Draufgeschaut: Mädchen am Sonntag

April 26, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Katharina Schüttler ist eine der Schauspielerinnen, die in "Mädchen am Sonntag" porträtiert werden.

Katharina Schüttler ist eine der Schauspielerinnen, die in "Mädchen am Sonntag" porträtiert werden.

Film Mädchen am Sonntag
Produktionsland Deutschland
Jahr 2005
Spielzeit 79 Minuten
Regie RP Kahl
Hauptdarsteller Laura Tonke, Inga Birkenfeld, Nicolette Krebitz, Katharina Schüttler
Bewertung **

Worum geht’s?

Vier junge Schauspielerinnen werden hier einen Tag lang von der Kamera begleitet. Sie reden über ihre Kunst, ihre Träume und ihre Zweifel.

Das sagt shitesite:

Mädchen am Sonntag ist erhellend und authentisch, aber insgesamt leider zu belanglos, um wirklich über die Filmbranche hinaus relevant zu werden.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: S. A. Andrée – “There Is A Fault”

April 25, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
"There Is A Fault" ist die Geschichte einer gescheiterten Ballonfahrt.

"There Is A Fault" ist die Geschichte einer gescheiterten Ballonfahrt.

Künstler S. A. Andrée
Album There Is A Fault
Label Lex
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Im Jahr 1999 haben Ben Folds Five ein Album gemacht, dem sie den seltsamen Titel The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner gaben. Die Platte war grandios, mit dem Abenteurer aus Südtirol, der als Namensgeber fungierte, hatte sie aber gar nichts zu tun.

Gut zehn Jahre später erleben wir den umgekehrten Fall. There Is A Fault heißt dieses Album – das kann sich auf alles Mögliche beziehen. Doch der Inhalt ist hier tatsächlich die Lebensgeschichte eines Abenteurers. There Is A Fault erzählt von der gescheiterten Polarmission, zu der im Jahr 1897 der schwedische Forscher S. A. Andrée aufbrach. Er wollte mit einem Gasballon so nah wie möglich an den Nordpol kommen, doch schon nach wenigen Tagen stürzte er ab. S. A. Andrée starb mit seinen beiden Begleitern im arktischen Eis. Erst 33 Jahre später wurden ihre Überreste gefunden, zusammen mit ihren umfangreichen Aufzeichnungen in Form von Tagebüchern, Karten und Fotos.

There Is A Fault ist in gewisser Hinsicht sogar eine autorisierte Biografie. Denn die Platte, die der Musiker Drew Brown unter dem Pseudonym S. A. Andrée herausbringt, begleitet eine Ausstellung rund um die gescheiterte Expedition, mit Fundstücken aus dem Eis und Kunstwerken rund um die Mission.

Entsprechend ist die Musik: Hier geht es um Atmosphäre. There Is A Fault ist eisig, weit, verlassen – und der Tod lauert immer gleich um die Ecke. Nicht nur deshalb lässt das Album an Jean-Michel Jarre oder Kraftwerk denken. Sondern auch, weil Drew Brown hier mit sehr alten, analogen Synthesizern gearbeitet hat. An ganz vielen Stellen wird deutlich: Diese Instrumente wollen gar nicht verbergen, dass sie Maschinen sind. Sie schaffen stattdessen eine Maschinenwelt, in der das Menschliche nur noch Erinnerung ist.

Der Beginn Nonpilot, in dem S. A. Andrée quasi als Ich-Erzähler vorgestellt wird, könnte auch von der Beta Band sein, denn das Lied durchzieht – weiß man um den Hintergrund der Geschichte – eine seltsame Furcht und eine ebenso geheimnisvolle Entschlossenheit.

Auch From Svalbard (benannt nach dem Startort des Fluges) hat einen Beat, der für stoisches Voranschreiten sorgt und doch unruhig wirkt. Örnen (so hieß der Ballon, in dem Andrée unterwegs war) verbreitet mit Akustikgitarre und einer Flüsterstimme à la Donovan eine wunderbare Leichtigkeit. Spätestens bei Profondeur 2 M 10 ist dann klar, dass die Expedition zum bitteren Überlebenskampf geworden ist. Die Lebensfeindlichkeit, Monotonie und Menschenleere der Arktis ist hier ebenso greifbar wie die Ungewissheit der drei Abenteurer. Actigraphy/Guesswork, das vorletzte Stück, klingt wie die sanftesten Momente von Hot Chip. Der Schluss, Pacifica, wird mit dunklen Streichern ein Requiem für einen ganz langsamen Tod.

Das Faszinierende an There Is A Fault ist nicht nur, wie gut das Album als akustische Biografie funktioniert. Besonders gekonnt setzt Drew Brown auch seine minimalistischen Beats ein. Das führt auf Dauer sogar dazu, dass sich hier das gewohnte Kräfteverhältnis umkehrt: Man ist fast geneigt, die Rhythmen mitzusingen, während alle anderen Instrumente bloß Fundament oder Hintergrund sind. Auch das ist eine tolle Entsprechung für die Erfahrung, die S. A. Andrée und seine Mitstreiter machen mussten: das Verschwinden des Menschen in der Übermacht der Natur.

Eine kleine Dokumentation über die Expedition von S. A. Andrée (nicht mit der Musik von Drew Brown):

S. A. Andree

“There Is A Fault”

(Lex/Cooperative)

03.12.2010

Im Jahr 1999 haben Ben Folds Five ein Album gemacht, dem sie den seltsamen Titel The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner gaben. Die Platte war grandios, mit dem Abenteurer aus Südtirol hatte sie aber gar nichts zu tun.

Gut zehn Jahre später erleben wir den umgekehrten Fall. There’s A Fault heißt dieses Album – das kann sich auf alles Mögliche beziehen. Doch der Inhalt ist hier tatsächlich die Lebensgeschichte eines Abenteurers. There’s A Fault erzählt von der gescheiterten Polarmission, zu der im Jahr 1897 der schwedische Forscher S. A. Andrée aufbrach. Er wollte mit einem Gasballon so nah wie möglich an den Nordpol kommen, doch schon nach wenigen Tagen stürzte er ab. S. A. Andrée starb mit seinen beiden Begleitern im arktischen Eis. Erst 33 Jahre später wurden ihre Überreste gefunden, zusammen mit ihren umfangreichen Aufzeichnungen in Form von Tagebüchern, Karten und Fotos.

There’s A Fault ist in gewisser Hinsicht sogar eine autorisierte Biografie. Denn die Platte, die der Musiker Drew Brown unter dem Pseudonym S. A. Andrée herausbringt, begleitet eine Ausstellung rund um die gescheiterte Expedition, mit Fundstücken aus dem Eis und Kunstwerken rund um die Mission.

Entsprechend ist die Musik: Hier geht es um Atmosphäre. There’s A Fault ist eisig, menschenleer – und der Tod lauert immer gleich um die Ecke. Nicht nur deshalb lässt das Album an Jean-Michel Jarre oder Kraftwerk denken. Sondern auch, weil Drew Brown hier mit sehr alten, analogen Synthesizern gearbeitet hat. An ganz vielen Stellen wird deshalb deutlich: Diese Instrumente wollen gar nicht verbergen, dass sie Maschinen sind. Sie schaffen stattdessen eine Maschinenwelt, in der das Menschliche nur noch Erinnerung ist.

Der Beginn Nonpilot, in dem S. A. Andrée quasi als Ich-Erzähler vorgestellt wird, könnte auch von der Beta Band sein, denn das Lied durchzieht – weiß man um den Hintergrund der Geschichte – eine seltsame Furcht und eine ebenso geheimnisvolle Entschlossenheit.

Auch From Svalbard (benannt nach dem Startort des Fluges) hat einen Beat, der für stoisches Voranschreiten sorgt und doch unruhig wird. Örnen (so hieß der Ballon, in dem Andrée unterwegs war) verbreitet mit Akustikgitarre und einer Flüsterstimme à la Donovan eine wunderbare Leichtigkeit. Spätestens bei Profondeur 2 M 10 ist dann klar, dass die Expedition zum bitteren Überlebenskampf geworden ist. Die Lebensfeindlichkeit, Monotonie, Menschenleere der Arktis ist hier ebenso greifbar wie die Ungewissheit der drei Abenteurer. Actigraphy/Guesswork, das vorletzte Stück, klingt wie die sanftesten Momente von Hot Chip. Der Schluss, Pacifica, wird mit dunklen Streichern ein Requiem für einen ganz langsamen Tod.

Das Faszinierende an There’s A Fault ist nicht nur, wie gut das Album als akustische Biografie funktioniert. Besonders gekonnt setzte Drew Brown auch seine minimalistischen Beats ein. Das führt auf Dauer sogar dazu, dass sich hier das gewohnte Kräfteverhältnis umkehrt: Man ist fast geneigt, die Rhythmen mitzusingen, während alle anderen Instrumente bloß Fundament oder Hintergrund sind. Auch das ist eine tolle Entsprechung für die Erfahrung, die S. A. Andrée und seine Mitstreiter machen mussten: das Verschwinden des Menschen in der Übermacht der Natur.

Draufgeschaut: 21

April 25, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Ben (Jim Sturgess) räumt beim Blackjack ab - dank eines Tricks.

Ben (Jim Sturgess) räumt beim Blackjack ab - dank eines Tricks.

Film 21
Produktionsland USA
Jahr 2008
Spielzeit 123 Minuten
Regie Robert Luketic
Hauptdarsteller Kevin Spacey, Jim Sturgess, Kate Bosworth, Laurence Fishburne
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Ben will in Harvard Medizin studieren. Doch um sich das leisten zu können, braucht er 300.000 Dollar. Ein Professor erkennt in Ben ein mathematisches Genie und macht ihm ein verlockendes Angebot: Er soll ins Team des Professors einsteigen, das beim Blackjack in Las Vegas jede Menge Geld macht – weil sich mit Kartenzählen die Casinos überlisten lassen. Zudem könnte Ben auf diese Weise der attraktiven Jill näher kommen, für die er schon lange schwärmt. Als Ben mitmacht, erkennt er schnell, dass er damit nicht nur die Glücksspiel-Mafia gegen sich aufbringt. Er muss auch mit seiner eigenen Disziplin ringen.

Das sagt shitesite:

Die Idee, eine Mischung aus Rain Man und American Pie (samt spektakulär gutem Indie-Soundtrack) zu machen, ist nicht gerade naheliegend, funktioniert hier aber blendend. Wie aus dem Nerd ein Mann von Welt wird, der in Gefahr gerät, von seiner eigenen Gier übermannt zu werden, das wird in 21 spektakulär in Szene gesetzt. Noch besser aber funktioniert der zweite, damit verwobene Handlungsstrang: Der Konflikt zwischen Rechtschaffenheit und der im Trubel von Las Vegas verkörperten Versuchung, mit cleveren Tricks und etwas Glück ans schnelle Geld zu kommen, spielt sich in 21 gleich auf mehreren Ebenen ab.

Ben und sein Team müssen sich zwischen diesen Möglichkeiten ebenso entscheiden wie das Sicherheitspersonal in den Casinos, das um seinen Job fürchten muss. Denn eine neue Software soll die potenziellen Betrüger noch besser aufspüren können als es selbst der beste Riecher nach ganz vielen Dienstjahren kann. Das ist eine sehr geschickte die Idee, die neben dem früh vorhersehbaren Ende doch noch für eine überraschende Pointe sorgt. 21 ist somit vor allem die Geschichte des Kampfes zwischen mathematischer Berechnung und der Möglichkeit, dank menschlicher Schwächen doch noch triumphieren zu können.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Rubik – “Solar”

April 24, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Rubik zeigen mit "Solar", wie man Indie ohne Verkniffenheit interpretieren kann.

Rubik zeigen mit "Solar", wie man Indie ohne Verkniffenheit interpretieren kann.

Künstler Rubik
Album Solar
Label Fullsteam
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Ironie-Alarm! Ausgerechnet Solar haben Rubik ihr drittes Album genannt. Dabei ist die Platte in ihrer Heimatstadt Helsinki entstanden – in einem würfelförmigen Raum, den Architekt Alvar Aalto in den 1950er Jahren entworfen hat und in den kein Licht dringt. So eine Umgebung passt nicht nur gut zu einer Band, die sich Rubik nennt. Es passt auch, weil in dem Würfel-Saal in der finnischen Hauptstadt auch schon Jimi Hendrix, Frank Zappa oder John Coltrane aufgetreten sind. Musikalische Freigeister also, zu denen man unbedingt auch Rubik zählen muss.

Denn das Quartett um Sänger und Gitarrist Artturi Taira, das 2007 mit Conscience Patrol sein Debüt vorlegte und mit dem Nachfolger Dada Bandits (2009) zumindest ein paar einflussreiche Blogger in Verzückung versetzte, zeigt auch auf seinem dritten Longplayer große Könnerschaft, enorme Kreativität und fast schon waghalsige Abenteuerlust. Mit dem Licht sind bei den Aufnahmen zu Solar offensichtlich auch alle Hemmungen, Schranken und Konventionen außen vor geblieben.

Der Anfang ist eine Fanfare, dann legt World Around You los, druckvoll, wirbelnd und mit einer Melodie im Refrain, für die wohl einst das Wort „betörend“ erfunden wurde. Sun’s Eyes hat die Piano-Ausgelassenheit von The Blood Arm. Towers Upon Towers mit seiner Orgel, die sich von Johann Sebastian Bach davonschleichen zu versuchen scheint, wird sphärisch und höchst faszinierend. Der Rausschmeißer The Dark Continent greift das Intro wieder auf und wächst sich dann zu einem Mini-Epos aus, so etwas wie das Sgt. Pepper von Rubik.

Das zeigt schon: Hier wird das ganz große Rad gedreht. Am besten führt das vielleicht Solar Death March (In Octaves) vor Augen, das Flamenco-Klatschen und Bläser auffährt und in gut sieben Minuten zu so etwas wie Progrock wird, ohne dass man eine einzige Sekunde des Lieds missen möchte. „The best songs we have ever written“, seien auf Solar versammelt, meint Artturi Taira, und man kann ihm nicht widersprechen.

Storm In A Glass Of Water spielt mit spannenden Widersprüchen: Das Riff könnte ein Killer sein, wenn es auf einer E- statt einer Konzertgitarre gespielt würde. Der komplexe Beat erinnert an Hardcore-Könnerschaft, ist aber ganz sachte gespielt. Und die Stimme schwingt sich am Ende ins höchste Falsett auf, ohne deshalb weniger Kraft zu entfalten. Wenn dann auch noch die Single Laws Of Gravity klingt wie Spandau Ballet mit Dave Grohl am Schlagzeug oder es Crisis Meeting At The Lyceum auch noch schafft, ganz viele Elemente, die für sich genommen cheesy klingen, zu einem Ganzen zu vereinen, das vollkommen unpeinlich ist, dann kommt das schon fast einer Offenbarung gleich.

Immer wieder wirft Solar die Frage auf: Seit wann darf Indie eigentlich so viel Spaß machen – statt verkniffen zu sein? Seit wann sind Keyboards hier das Schlüsselinstrument – und nicht mehr Gitarren? Seit wann bezieht man sich als Indie-Trendsetter auf die Chartgrößen der 1980er – und nicht mehr auf die Untergrundhelden von damals? Die Antwort ist womöglich irgendwo zwischen den Koordinaten Klaxons, Vampire Weekend und MGMT zu suchen. In jedem Fall zeigen auch Rubik mit Solar: Schön, dass da jemand das Fenster aufgemacht und den alten Mief rausgelassen hat.

Wagemutig wie Rubik sind auch die Kerls im Video zu Laws Of Gravity:

Rubik bei MySpace.

Draufgeschaut: Men In Black

April 24, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Agent Kay (Tommy Lee Jones, links) und Agent Jay (rechts) überwachen die Außerirdischen auf der Erde.

Agent Kay (Tommy Lee Jones, links) und Agent Jay (rechts) überwachen die Außerirdischen auf der Erde.

Film Men In Black
Produktionsland USA
Jahr 1997
Spielzeit 94 Minuten
Regie Barry Sonnenfeld
Hauptdarsteller Will Smith, Tommy Lee Jones, Linda Fiorentino
Bewertung ****1/2

Worum geht’s?

Wegen seiner besonderen Fähigkeiten wird der Polizist James Edwards für eine streng geheime Spezialeinheit angeworben. Dort locken nicht nur schicke Anzüge und riesige Waffen, sondern auch tägliche Begegnungen mit Außerirdischen. Kaum hat er seinen neuen Job begonnen, muss er auch schon die Welt retten.

Das sagt shitesite:

Cool, frech und originell: Selten war Science Fiction so gelungen wie in Men In Black. Neben seiner Liebe zum Detail profitiert der Film vor allem davon, dass Will Smith und Tommy Lee Jones ein kongeniales Paar bilden.

Der Trailer zum Film:

«Da schmilzt doch jeder Osterhase»

April 24, 2011 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 

Warum auch immer: Bei Deutschland sucht den Superstar hat ein Viertelfinale nur vier Teilnehmer. Gestern Abend kämpften die unter dem äußert spezifischen Motto “Rock, Pop und Disco Forever” mit Kickboxen, fiesen Mützen und Tiefschutz gegeneinander. Marco Angelini musste die Segel streichen, Sarah Engels rettete sich in die nächste Runde. Ich habe zur achten Mottoshow von DSDS einen Liveticker erstellt und mich nicht nur gewundert, warum die Einschätzung der Jury um Dieter Bohlen offensichtlich nicht das Geringste mit der zuvor gezeigten Leistung der Kandidaten zu tun hat (was unter anderem dazu führt, dass der Hampelmann Pietro Lombardi nun wohl als Favorit der Staffel gilt). Sondern auch, was Bayer Leverkusens Torhüter René Adler plötzlich in einer Castingshow zu suchen hat.

Den kompletten Liveticker zum DSDS-Viertelfinale gibt es bei news.de.

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