Draufgeschaut: Jäger des verlorenen Schatzes

Schlangen sind im Rennen mit den Nazis für Indiana Jones (Harrison Ford) noch das geringste Problem.
| Film | Jäger des verlorenen Schatzes |
| Originaltitel | Raiders Of The Lost Ark |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1981 |
| Spielzeit | 111 Minuten |
| Regie | Steven Spielberg |
| Hauptdarsteller | Harrison Ford, Karen Allen, Paul Freeman, Ronald Lacey, John Rhys-Davies, Denholm Elliott, Alfred Molina |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Ein geheimer Auftrag der US-Regierung führt den Archäologen Henry Jones nach Ägypten. Dort soll er sich auf die Spur eines Schatzes machen, nach dem auch die Nazis in der Wüste suchen und der ihnen unermessliche Macht verschaffen könnte: die Bundeslade, in der die Zehn Gebote aufbewahrt werden. Indiana Jones fiebert dem Auftrag entgegen – doch um auch nur in die Nähe des Rätsels zu kommen, muss er zunächst einmal Marion wieder für sich gewinnen, deren Herz er einst gebrochen hat.
Das sagt shitesite:
Pfeile, Spinnen, Fallgruben, Spieße, fiese Konkurrenten und feindselige Ureinwohner – all diesen Gefahren muss Indiana Jones schon in den ersten zehn Minuten von Jäger des verlorenen Schatzes ausweichen – in einer Episode, die eigentlich wenig mit der späteren Handlung zu tun hat.
Das zeigt schon zwei der Kernelemente von Jäger des verlorenen Schatzes: Zum einen gibt es hier eine unbändige Lust auf möglichst exotische Schauplätze, innerhalb derer die Macher auch rassistische Klischees ausleben können. So sind die Araber natürlich leutselig, die Indios abergläubisch und die Deutschen sadistisch. Zum anderen führt der erste Teil der Indiana-Jones-Reihe eine Figur ein, die in punkto Cleverness und Männlichkeit sogar noch manch anderen gestandenen Kinohelden in den Schatten stellt.
Dass hier ganz oft mit Licht (Blitz, Schattenriss, Blenden) gespielt wird, ist wohl als wenig dezente Metapher für die Erleuchtung durch Wissenschaft und den klaren Verstand zu interpretieren, der Indiana Jones deutlich öfter seine Rettung zu verdanken hat als seiner körperlichen Kraft. Auch das ist in Jäger des verlorenen Schatzes bereits prototypisch für die ganze Reihe: Statt subtiler Kniffe gibt es hier viel Oberfläche, reichlich Volten, beachtliche Spannung und unterm Strich sehr vorzeigbares Actionkino.
Bestes Zitat:
“Kairo – eine höllische Stadt. Aber das Paradies auf Erden.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Yael Naim – “She Was A Boy”
| Künstler | Yael Naim |
| Album | She Was A Boy |
| Label | Tot Ou Tard |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Bei Yael Naim dauert anscheinend alles ein bisschen länger. Als Kind in Israel schwärmte sie lange für Klassik, bevor sie als Zwölfjährige über die Beatles-Platten ihres Vaters doch noch die Popmusik für sich entdeckte. Nach dem Debütalbum 2001 schwenkte Yael Naim auch in ihrem eigenen Stil um – es brauchte erst die Begegnung mit dem Schlagzeuger David Donatien, bis sie dann im Jahr 2007 auf ihrer zweiten CD Yael Naim einen überzeugenden musikalischen Ausdruck für ihre Persönlichkeit fand. Bis zum richtigen Durchbruch verging aber noch einmal eine Weile. Als Apple sein MacBook Air auf den Markt brachte, da war die Musik von Yael Naim in den Werbespots zu hören. Die Single New Soul verkaufte sich danach zwei Millionen Mal, auch das Album wurde ein internationaler Erfolg.
Der Nachfolger ließ dann allerdings wieder auf sich warten. She Was A Boy, das dritte Album der Multiinstrumentalistin, die als Tochter tunesischer Eltern in Paris geboren wurde, ist Ende 2010 in Frankreich erschienen, nun kommt es auch in Deutschland auf den Markt. She Was A Boy wird alle mehr als zufrieden stellen, die Yael Naim über die Apple-Werbung entdeckt haben. Und es wird vor allem all jenen gefallen, für die Musik in erster Linie schön sein muss.
Dabei gibt es keineswegs bloß die allseits beliebte Kombination aus hübscher Stimme mit Klavier, die Nora Jones populär gemacht und die seitdem eine immer größer werdende Schar an talentierten Künstlerinnen hervor gebracht hat. Yael Naim hat eine deutlich größere Bandbreite: In Puppet baut sie mit einer Marimba viel Spannung auf. Never Change ist ein langsamer Blues, den man durchaus sexy nennen darf. Durch das melancholische My Dreams meint man den Chor der Engel hören zu können.
Dazu kommt – ganz offensichtlich durch den Einfluss von Donatien – eine Vorliebe für ausgefallene Rhythmen, die ihre Komplexität aber immer wieder geschickt verbergen. Bestes Beispiel dafür ist Go To The River, das mit seinem Heimorgel-Sound am Beginn wie Mambo Kurt klingt, sich dann aber in einen Rausch hinein steigert und mit dem verschachtelten Gesang am Schluss fast wie eine Revue klingt. Der Titelsong setzt auf Latin-Einflüsse, Man Of Another Woman baut arabische Elemente ein.
Auch Mystical Love hat dieses Faible für Exotik und lässt damit an die frühe Nelly Furtado denken. Der Song zeigt aber auch das Problem von She Was A Boy: Vieles ist auf dieser Platte ein Stückchen zu verkopft und überambitioniert. Wenn sich Yael Naim zurücknimmt, wie im sanften I Try Hard oder If I Lost The Best Thing, wo sie ganz allein zur Gitarre singt, dann ist alles gut. Doch an anderer Stelle gibt es immer wieder Opulenz um der Opulenz willen und einen unglückseligen Hang zu übertriebener Dramatik.
Zudem fehlen Yael Naim ein paar Tempowechsel, um das Album als Ganzes wirklich kurzweilig zu machen. Go To The River wird recht zackig, Stupid Goal gerät vergleichsweise straight und vor allem der Kate-Nash-artige Opener Come Home hat eine Heiterkeit, die man sich (und ihr) auf She Was A Boy öfter wünschen würde.
Die Essenz von Yael Naim zeigt diese Performance der Single Come Home, quasi unplugged:
Draufgeschaut: Neben der Spur
| Film | Neben der Spur |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 110 Minuten |
| Regie | Detlef Bothe |
| Hauptdarsteller | Tom Schilling, Axel Milberg, Mia Florentine Weiss, Detlef Bothe, Gabrielle Scharnitzky, Wotan Wilke Möhring, Oliver Korittke, Dominic Raacke |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Marcel und Julie sind leidenschaftlich verliebt. Doch auf dem Weg in den Urlaub zerstreiten sie sich. Marcel fährt alleine weiter und trifft am Ziel der Reise auf Julies Mutter. Julie wird von einem Umwelt-Aktivisten mitgenommen, der zunächst höchst aufgeräumt und hilfsbereit wirkt. Doch auch für ihn gilt: Er ist keineswegs mit sich im Reinen.
Das sagt shitesite:
“Das Leben kommt mir wie ein Gefängnis vor”, erklärt der ebenso aufbrausende wie sensible Marcel zu Beginn des Films. Das scheint für alle Figuren in diesem seltsamen Road-Movie zu gelten: Sie sind nicht nur Neben der Spur. Sie sind auf Dauer auch etwas anstrengend, denn niemand bietet hier so etwas wie eine Möglichkeit zur Identifikation oder eignet sich gar als Sympathieträger. Das ist durchweg nahe an dem, was man als Arzt wohl Borderline nennen würde.
Dass die Probleme dabei hausgemacht sind, macht ihre Lösung nicht einfacher. Alle Protagonisten in Neben der Spur haben gute Gründe für ihre Aggressivität und ihren Frust – aber kein Ventil. Und alle tun sich gegenseitig Gewalt an, deren ganz unterschiedlichen Ausprägungen hier seziert werden.
Regisseur Detlef Bothe, der in der Rolle des Greenpeace-Rächers Dieter auch gleich selbst mitspielt, kann sich dabei nicht nur auf seine prominente Besetzung verlassen. Er setzt in Neben die Spur auch auf viele kleine Szenen, in denen Spannung aufgebaut wird, ohne dass dann etwas passiert. Und er agiert immer wieder mit überraschenden Ortswechseln, die den Zuschauer für ein paar Sekunden in Verwirrung stürzen. Das passt perfekt zur Botschaft, die Neben der Spur mehr als nur andeutet: Sich in seinem Alltag bloß sicher fühlen zu können, ist noch lange kein Glück.
Bestes Zitat:
“Jetzt braucht sie ihren Vater dringender denn je. Und wenn es nur ist, um ihn zu hassen.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Peter Broderick – “How They Are”
| Künstler | Peter Broderick |
| Album | How They Are |
| Label | Bella Union |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *** |
Wenn Zufall und medizinische Notwendigkeit aufeinander treffen, dann kommt manchmal tolle Musik dabei heraus. Noel Gallagher fing bekanntlich mit dem Songschreiben an, weil ihm langweilig war, als er nach einem Arbeitsunfall mit einem Gipsfuß außer Gefecht gesetzt war.
Bob Dylan wäre ohne seinen mysteriösen Motorradunfall und der daraus folgenden Tatsache, dass er sich konsequent zurückzog, womöglich am Ruhm zerbrochen. „Details über Dylans Motorradunfall am 29. Juli 1966 waren nicht leicht zu erfahren. Immer wieder war zu lesen, Dylan habe beinahe sein Leben verloren. Es scheint wahrscheinlicher, dass dieser Unfall sein Leben rettete“, behauptet Dylan-Biograph Robert Shelton sogar.
Mit How They Are ist auch Peter Broderick zu einem Beweis für dieses Phänomen geworden. Der Multiinstrumentalist aus Oregon, am bekanntesten für seine Arbeit mit Efterklang, wollte nach dem umjubelten Album Home eigentlich im Jahr 2010 ein grandioses, pompöses Meisterwerk folgen lassen. Doch dann legte ihn eine Knie-OP lahm. Das Monster-Album will Peter Broderick zwar nach wie vor machen. Doch zunächst war er ans Bett gefesselt, was ihn zu einer ganz neuen Arbeitsweise und schließlich zum Mini-Album How They Are führte.
“I started making compositions on the computer screen with words instead of sounds. And with my musical brain I immediately imagined all of these little stories and poems being turned into songs. I would sing or speak the words into my voice recorder and imagine them being turned into pieces of music with an orchestra underneath, or just a guitar, or just the voice alone”, erklärt er das Muster, nach denen die sieben Lieder entstanden sind. Sein Motto war: “No tricks, no electronics, just me doing what I can do at once with my voice and an instrument or two, however pathetic or beautiful that might be.”
Die so entstandenen Demos nahm Peter Broderick schließlich an einem einzigen Tag im Studio in Portland auf. Das Ergebnis ist eine Platte, die sich wunderbar eignen wird, um Weinetiketten zu entwerfen, eine Galerie umzudekorieren oder im Manufactum-Katalog zu blättern. Denn How They Are ist ebenso geschmackvoll wie elegant.
Sideline, der Auftakt des Albums, beginnt nur mit Gesang. Erst nach 91 Sekunden erklingt ein Klavier, und auch das spielt nur einzelne, verklingende Akkorde. Human Eyeballs On Toast lebt dann (trotz des Horror-Titels) von Brodericks schmeichelnder Stimme, die an Art Garfunkel denken lässt und hier nur flüstert.
In Guilt’s Tune wird gar nicht mehr gesungen, sondern bloß gesprochen – und auch die hier erstmals eingesetzte E-Gitarre nimmt dem Lied nicht seine Zurückhaltung. Durch With A Key zieht ein selbstvergessenes Klavier, das von Nick Drake zu träumen scheint. When I’m Out und Pulling The Rain sind gleich reine Instrumentals.
Den Abschluss bildet Hello To Nils (gemeint ist wohl Nils Frahm, den Peter Broderick als Produzent für sein nächstes Album ins Auge gefasst hat), das einzige Stück ohne Piano. Auch hier wird die Reduktion bis zum Äußersten getrieben: Peter Broderick barmt über eine dezente E-Gitarre, dann herrscht nach gut drei Minuten plötzlich Schweigen. Zehn Sekunden lang, bevor das Lied weitergeht und How They Are zum Ende bringt, bevor man überhaupt bemerkt hat, dass es angefangen hat. So klingt Musik, die im Verschwinden begriffen ist.
Weniger Musik geht nicht, um noch Musik zu bleiben: Peter Broderick nimmt Hello To Nils auf:
Draufgeschaut: Elvis ’56

Die Dokumentation "Elvis 56" legt den Schwerpunkt auf die legendären TV-Auftritte von Elvis Presley.
| Film | Elvis 56 |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1987 |
| Spielzeit | 60 Minuten |
| Regie | Alan Raymond, Susan Raymond |
| Hauptdarsteller | Elvis Presley |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Aus Anlass des zehnten Todestags von Elvis Presley blickt diese Musikdokumentation auf das Jahr, in der der King Of Rock’N'Roll seinen Durchbruch schaffte. Anfang 1956 ist er bloß eine Südstaaten-Sensation, zwölf Monate später eine nationale Berühmtheit. Vor allem dank seiner hier dokumentierten Auftritte im TV bei Milton Berle, Steve Allen oder Ed Sullivan.
Das sagt shitesite:
“Before Elvis, there was nothing”, hat John Lennon einmal gesagt. Die Dokumentation lässt verstehen, wie der Beatle zu dieser These kommen konnte. Denn vor allem, wenn die ganze altbackene Spießigkeit beispielsweise in der Fernsehshow der Dorsey Brothers gezeigt wird, dann wird klar, wie sehr Elvis für die älteren Zuschauer als Schock und für die jüngeren als Befreier gewirkt haben muss.
Die Dokumentation krankt etwas an dem Manko, dass es wenig Bewegtbild aus dem Jahr 1956 gibt (dafür werden viele Fotos gezeigt) und in der deutschen Version ein bisschen an der schlechten Übersetzung. Abgesehen davon setzt Elvis ’56 aber gekonnt den Fokus auf das sicher spektakulärste Jahr in der Karriere von Elvis Presley und kann zudem als knappe Biographie gelten, denn es wird auch kurz auf Herkunft und Zukunft geschaut.
Die Aufnahmen von Elvis’ TV-Auftritten sind dabei besonders erhellend, denn sie zeigen zum einen, wie akribisch Manager Colonel Parker den Aufstieg seines Schützlings geplant hat. Zum anderen beweist Elvis, obwohl er während seiner Performances kein einziges Mal direkt in die Kamera schaut, ein fast provokantes Selbstvertrauen. Und er lässt erkennen, wie früh er schon mit seinem Image spielte: Sobald “Elvis The Pelvis” seine Hüfte und vor allem seine Beine bewegt, flippen die Mädels im Publikum aus wie Pawlow’sche Hunde. Elvis macht sich schon bald einen Spaß daraus, mit diesem Reflex zu spielen – und inszeniert sich damit augenzwinkernd als verkommene Bedrohung für die amerikanische Moral.
Elvis ’56 ist somit nicht nur das Tagebuch eines fast rauschhaften Triumphzugs. Die Dokumentation deutet auch schon an, wo die Reise hingeht: Nach diesem Jahr sollte Elvis Presley nur noch dreimal im Fernsehen auftreten. Erst hatte er es nicht mehr nötig, dann ahnte er wohl: Für den Traum seiner späten Jahre, als erwachsener Künstler wahrgenommen zu werden, waren unbarmherzige, oberflächliche TV-Shows definitiv das falsche Medium.
Bestes Zitat:
“Er sieht nicht nur anders aus. Er sieht gefährlich aus.”
Szenen aus dem Film:
Hingehört: Mathewdavid – “Outmind”
| Künstler | Matthewdavid |
| Album | Outmind |
| Label | Brainfeeder |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *1/2 |
Ein Rätsel. Geschätzte acht Mal habe ich mir Outmind nun angehört. Und die ersten sieben Male hatte ich nicht die geringste Idee, was diese Musik soll. Beim achten Mal habe ich es gemerkt. Doch dazu später.
Zunächst die Fakten: Matthewdavid (hinter diesem cleveren Künstlernamen versteckt sich ein Mann, der in Wirklichkeit Matthew David heißt) stammt aus den Südstaaten, lebt mittlerweile in Los Angeles und hat sich dort ziemlich schnell ziemlich gut in der Elektronik-Szene vernetzt. Nach der International EP legt er nun mit Outmind sein Debütalbum auf dem angesagten Brainfeeder-Label vor, irgendwo zwischen Folk, Dub und Elektronik.
Das Rätsel dabei ist: warum? Das Album beginnt mit dem Rauschen und Plinkern von Los Angeles Is Beautiful. Dann gesellen sich in Noche Y Dia/San Raphael ein paar Bongos dazu. Im vierten Track, International, ist erstmals eine Stimme zu hören, die sich irgendwo im Äther verirrt zu haben scheint. Today, Same Way setzt gegen Ende auf einen mächtig tiefen Bass.
Man kann das alles gut mit den Worten beschreiben, die von der Plattenfirma freundlicherweise gleich im Presse-Info nahegelegt werden: Von Wolken und Mystik ist da die Rede, von der Fähigkeit Matthewdavids, sogar die beiläufigste Schönheit einzufangen. Man kann aber auch sagen: Um eine Daseinsberechtigung für den Sound von Matthewdavid zu finden, muss man schon verdammt lange suchen.
Des Rätsels Lösung steckt wohl im Ende von Epic Swan, einer kurzen Skizze in der Mitte von Outmind. Am Ende des Stücks ist eine Wasserpfeife zu hören, und das ist wohl die Nische, in der sich Matthewdavid breit macht: Kiffermusik. Outmind ist Chillout ohne die Party davor. Stoned kann man das womöglich reizvoll finden. Nüchtern betrachtet ist es bloß: irrelevant.
Im Äther verirrt – das scheint auch das Prinzip im Video von International zu sein:
Draufgeschaut: Little Miss Sunshine
| Film | Little Miss Sunshine |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 98 Minuten |
| Regie | Jonathan Dayton |
| Hauptdarsteller | Abigail Breslin, Greg Kinnear, Toni Collette, Paul Dano, Steve Carell, Alan Arkin |
| Bewertung | ***** |
Worum geht’s?
Olive hat einen Traum: Sie will Schönheitskönigin werden. Mit der ganzen Familie macht sich das kleine Mädchen auf nach Kalifornien, um an einer Misswahl teilzunehmen. Doch dem Triumph steht mehr im Weg als ein schrottreifer Kleinbus.
Das sagt shitesite:
Little Miss Sunshine ist ein bezaubernder Road-Movie voll schräger Charaktere. Und mit ganz viel Menschlichkeit.
Der Trailer zum Film:
Lena, Arena, Leipzig

Tanzen hat Lena für die Tour definitiv nicht geübt - die kleinen Mädchen im Publikum beeindruckten da mehr.
So ist das eben mit Satelliten: Sie werden steil nach oben katapultiert, mit Feuerschweif und großem Getöse, so dass man nur staunen kann. Sie drehen dann souverän ihre Runden und leisten nützliche Dienste. Aber dann haben sie irgendwann ausgedient. Sie werden zu Weltraummüll – nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich. Die Erde umrunden derzeit ungefähr 800 aktive Satelliten – die Zahl der ausgedienten Flugkörper wird auf mehr als 5000 geschätzt. Sie fliegen weiter durchs All, und wenn sie nicht gerade mit einem teuren, neuen Hightech-Bauteil kollidieren, dann interessiert sich kein Mensch mehr für sie.
Dass Lena ausgerechnet mit Satellite im vergangenen Jahr zunächst Stefan Raabs Casting-Wettbewerb Unser Star für Oslo und dann auch den Eurovision Song Contest gewann, muss deshalb noch lange kein schlechtes Omen sein. Doch gut drei Wochen, bevor sie in Düsseldorf ihren Titel beim ESC verteidigen will, muss man sich fragen: Wird Lena demnächst verglühen oder wird sie ein Fixstern bleiben? Was ist übrig vom Hype?
Die Antwort ist auch an diesem Abend in Leipzig schwer zu finden. Lässt man die Musik außen vor und verlässt sich nur auf die optischen Eindrücke, dann ergibt das ein sehr eindeutiges Sowohl-als-auch. Die Arena ist sehr ordentlich gefüllt, aber – wie fast alle Konzerte der aktuellen Tour – nicht ausverkauft. Das Publikum entspricht dem, was man wohl die Mitte der Gesellschaft nennt: Studentenpärchen. Eltern, die sich trotz Nachwuchs noch lange nicht von der Idee verabschieden wollen, cool zu sein – auch wenn sich das bloß in einem Tattoo äußert. Angestellte, die direkt aus dem Büro kommen. Und ganz viele kleine Mädchen im Grundschulalter, die in einem putzigen Fantasie-Englisch mitsingen und auf den Tribünen der Arena zum Teil Choreographien aufführen, die Lenas Tanzversuche auf der Bühne locker in den Schatten stellen.
Die sechsköpfige Familie aus Leipzig, die am Ende des Konzerts eine glatte 12 für die Show von Lena vergibt, ist durchaus exemplarisch. Trotz der Begeisterung glauben auch die drei kleinen Töchter nicht daran, dass Lena in Düsseldorf ihren Grand-Prix-Triumph wiederholen kann. Und ihr Wettbewerbs-Song Taken By A Stranger hat im Kinderzimmer wohl schon für den einen oder anderen Glaubenskrieg gesorgt: «Nur lautes Schlagzeug», sagt die eine. «Ist doch ganz gut», meint die andere.
Die 8- oder 9-Jährigen, die auch dafür sorgen, dass Fanta an diesem Abend ausnahmsweise das beliebteste Getränk an der Theke ist (ich habe nachgefragt), werden vielleicht morgen schon Miley Cyrus zu ihrer neuen Favoritin erklären oder übermorgen auf Stefanie Heinzmann umschwenken. Doch was Lena wirklich Hoffnung auf nachhaltigen Erfolg machen darf, sind die Erwachsenen. Die sind hier keineswegs bloß als Aufpasser dabei, sondern feiern mit und beweisen: Mit ihrem Sound trifft Lena den kleinsten gemeinsamen Nenner.
Dazu tragen nicht nur die Lieder bei, die in den meisten Fällen aufs Radio zugeschnitten sind und damit Hausfrauen ebenso erreichen wie Finanzbeamte. Ganz offensichtlich hat Lena mit ihrem Sieg in Oslo auch einen Nerv getroffen, einen Moment geschaffen, an den man sich auch in Jahren noch gerne erinnern wird. Dieser “Wir sind wieder wer”-Effekt ist durchaus vergleichbar mit der Sympathiewelle, die 2006 beim Sommermärchen über das Land schwappte. Lena ist die Ein-Mann-Nationalmannschaft – und das allein könnte als Fundament schon reichen, um irgendwann in einer Liga mit Grönemeyer oder den Ärzten zu spielen.
Passend dazu merkt man dann auch ein wenig, dass Lena nicht die Ochsentour durch kleine Clubs hinter sich hat, sondern aus einer Castingshow kommt. Immer wieder spielt sie in Leipzig mit der Kamera vor der Bühne – und die Bilder von Lena, die dann auf der Videoleinwand zu sehen sind, entsprechen fast genau denen, die alle Fans hier von Unser Star für Oslo kennen.
Dass viele der Besucher offensichtlich vergleichsweise wenig Konzerterfahrung haben, drückt allerdings vor allem zu Beginn des Konzerts in Leipzig ein bisschen auf die Stimmung. Doch Lena, die ein gutes Dutzend Musiker (plus Tänzerinnen) zur Verstärkung dabei hat, lässt sich davon nicht die Laune verderben. Bedenkt man, dass sie vor zwei Jahren noch eine ganz normale Abiturientin war, dann füllt sie diese Bühne, auf der sonst Kylie Minogue oder die Sportfreunde Stiller stehen, mit beachtlicher Präsenz.
Gelegentlich driftet die Musik zwar in allzu viel Gefälligkeit ab – dann meint man, die TV Total-Hausband Heavytones kündige gerade einen beliebigen Studiogast an. Es gibt einige Momente während dieser Show, in denen man sich wünscht, Lena könnte sich endlich einmal jenseits dieses Korsetts entfalten, das ihr Stefan Raab verpasst hat. Doch die Hannoveranerin macht solche Defizite mit enormem Charme wett. Wer beschlossen hat, sich aus irgendwelchen Gründen erst jetzt in sie zu verlieben, der findet auch an diesem Abend genug Gründe dafür.
Dazu hat Lena eine beeindruckende Lichtshow im Gepäck. Die Frau am Spotlight, die in der Leipziger Arena mit ihrem Scheinwerfer Lena auf Schritt und Tritt folgen muss, fühlt sich von der quirligen 19-Jährigen zwar nicht überfordert («Das ist wie immer»), zeigt sich aber durchaus beeindruckt vom Bühnenbild: «Das macht schon was her.»
Dass so viel Mühe in der Lightshow steckt, hat auch schon mit den Vorbereitungen für den Auftritt in Düsseldorf zu tun, denn dort setzt Lena besonders auf die Fähigkeiten ihrer Lichtmeister. «Die haben viel in der Hand, was Stimmung und Ambiente angeht, Party oder Nicht-Party, eigentlich top oder flop», sagte sie unlängst im Interview.
Auf Blendwerk wird sich Lena langfristig freilich nicht verlassen können. Aber gerade in den ruhigeren Momenten des Abends (bestes Beispiel: I Like You singt sie auf Knien, und es wird einer der eindringlichsten Momente des Konzerts) macht sie deutlich, dass sie dies gar nicht braucht. Auch nach dem Overkill von Unser Song für Deutschland hat sie noch genug Charme, Individualität und Selbstvertrauen, um daraus eine Karriere machen zu können. Wenn sie sich bei Bee alberne Bömmelchen aufsetzt, am Anfang von I Like To Bang My Head kurz Snoop Doggs Drop It Like It’s Hot samt Beatbox-Einlage zitiert oder den Über-Hit Satellite mit einer fast beiläufigen A-Capella-Einlage beginnt, dann zeigt das, wie viel sie sich zutraut, und wie viel Potenzial in ihr steckt.
Auch, dass sie – natürlich in Schwarz und über weite Strecken in gelben Nike-Sneakers, bei der Zugabe dann in Blue-Jeans mit weißem Top – die Kostümwechsel weitgehend ihren Tänzerinnen überlässt, spricht dafür. Schließlich bringt sie sogar noch My Same, den Song von Adele, der sie vor einem guten Jahr so richtig ins Rampenlicht brachte – und hat gar kein Problem damit, ein Stück davon weiterhin zu teilen.
Who Wanna Find Love ist ein weiterer Beleg. Dieses neue Lied, ein wenig an Amy Macdonald erinnernd, testet sie in Leipzig am Publikum – und nach mehr als wohlwollendem Applaus in der Arena kommt sie zum Schluss, dass man den Song wohl bald noch öfter hören wird. Nach einem Abend, der reichlich good und gar nicht so clean Fun bot (einmal meine ich, das schlimme Wort “Motherfucker” gehört zu haben, und auch einige der Tanzeinlagen sind alles andere als jugendfrei), ist der Satz, mit dem Lena zur ersten Zugabe zurück kommt, deshalb durchaus als Kampfansage zu verstehen: «Ihr glaubt doch nicht, dass das schon alles war.»
My Cassette Player verwandelt sich bei Lena in Leipzig prompt in Bee:
Draufgeschaut: Kill Bill
| Film | Kill Bill |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 106 Minuten |
| Regie | Quentin Tarantino |
| Hauptdarsteller | Uma Thurman, David Carradine, Lucy Liu, Dary Hannah |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Am Tag ihrer Hochzeit wird Beatrix Kiddo überfallen. Die Täter töten die gesamte Hochzeitsgesellschaft und richten auch die Braut übel zu. Drei Jahre später erwacht sie aus dem Koma und beschließt, sich zu rächen. Alle, die an dem Massaker beteiligt waren, sollen sterben.
Das sagt shitesite:
Den Plot etwas zu simpel zu nennen, wäre schon ein Kompliment. Doch natürlich setzt Kill Bill nicht auf eine Story, sondern auf vollendete Ästhetik. Hier sieht selbst die grausamste Gewalt noch elegant und cool aus.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Snoop Dogg – “Doggumentary”
| Künstler | Snoop Dogg |
| Album | Doggumentary |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Florian Werner wirft in seinem sehr lesenswerten Buch Dunkle Materie – Die Geschichte der Scheiße einen kleinen Seitenblick auf Rap. Der wurde schließlich schon von Ice-T als “the art of shit talking” definiert, und Werner zieht daraus interessante Schlussfolgerungen. Zum einen macht er deutlich, wie sehr der Sprechgesang eine spielerische Form ist – und dass Rap sich damit per se über Kriterien wie Authentizität erhebt. Zum anderen unterstreicht er, wie wichtig hier nicht nur die Bedeutung, sondern auch der Klang der Worte ist.
“Dass es den Zeilen bisweilen an inhaltlichen Nährstoffen zu mangeln scheint, ist (…) unerheblich und sogar Teil des ästhetischen Konzepts: Texte im Modus des shit talking mögen zwar in einer scheinbar vertrauten Sprache verfasst sein – doch gleicht diese nicht selten “einem Geheul, einem Schuss oder (…) dem Wind oder einer Welle”, wie der karibische Dichter und Literaturtheoretiker Edward Kamau Brathwaite formuliert. “Diese Dichtung (…) verdankt sich gleichermaßen dem Klang wie dem artikulierten Gesang. Mit anderen Worten: Die Geräusche, die sie hervorbringt, sind Teil der Bedeutung.”
Folgt man dieser durchaus schlüssigen These, dann ist Snoop Dogg der König des shit talking – und damit der König des Rap. Er hat aus sich selbst in fast 20 Jahren nicht nur eine Kunstfigur gemacht, zu der Werbeverträge mit Adidas oder Pepsi ebenso zählen wie weit über drei Millionen Twitter-Follower. Er hat auch seine quasi eigene Sprache erfunden. Snoop Dogg ist sein eigenes Markenzeichen.
Doggumentary heißt nun das elfte Studioalbum des Manns, der als Calvin Broadus geboren wurde. Das klingt ein bisschen nach Greatest Hits, und diese Assoziation passt: Snoop Dogg hält (und das ist durchaus selten bei Rap-Alben) auf Doggumentary fast durchweg ein sehr hohes Niveau, zeigt sich enorm selbstbewusst – und fast ein bisschen altersweise.
Natürlich klebt der “Parental Advisory”-Sticker auf der Hülle. Aber einen Skandal gibt es hier weit und breit nicht. Gangbang Rookie ist nach gut der Hälfte dieser fast 80 Minuten am nächsten dran. Doch dass Snoop Dog, bekanntermaßen im Nebenberuf als Pornoproduzent tätig, auch in dieser Hinsicht kein Kostverächter ist – wen soll das noch schocken?
Der fast 40-Jährige hat derlei Provokation nicht mehr nötig. Er hat andere Stärken, und die spielt er hier aus. Einen ganzen Mannschaftsbus voller Star-Produzenten und prominenter Gäste fährt der Doggfather auf, von R. Kelly über T-Pain, Kanye West und die Gorillaz bis hin zu, jawohl: Country-Altmeister Willie Nelson (zum irren Superman steuert Snoop einen enorm smoothen Gesang bei).
Er überlässt ihnen oft die Bühne, er lässt sie auch ein bisschen die Drecksarbeit machen, um dann um so heller zu strahlen, egal ob mit sonnigen Sounds wie bei Wonder What It Do oder mit der durchaus ernstzunehmenden Aggressivität von My Fucn House .
Und: Snoop Dogg ist clever genug, nicht mehr allzu oft seine Shizzle-Bizzle-Masche durchzuziehen. Er will sich nicht auf einen Trick festlegen lassen, und er beweist mit Doggumentary, dass er viel mehr zu bieten hat – und genau darum weiß. Die Anspielungen auf Lady Gaga, Beverly Hills Cop, Randy Crawford oder einen Soul-Klassiker von Johnny Taylor wären dafür gar nicht nötig, machen aber Spaß.
Die Themen sind natürlich noch immer Basketball und Kiffen, Geld und Weiber, aber der Sound ist so frisch, wie man das nach fast 20 Karrierejahren kaum noch glauben mag. Platinum spielt mit House-Elementen, aus der Single Wet macht David Guetta auf dem hier enthaltenen Remix einen frechen Kracher mit einer gute Prise Eurodance. Manches ist durchgeknallt (We Rest N Cali lässt gar an Busta Rhymes denken), vieles extrem entspannt (mit This Weed Iz Mine gelingt Snoop Dogg sogar schon wieder eine erstaunlich inspirierte Hymne ans Kiffen), alles sehr gewitzt – und der gute alte G-Funk (Peer Pressure und vor allem The Way Life Used To Be), den er auch mit 213 so gerne feierte, hat ebenfalls nichts von seinem Reiz verloren.
Wer so großspurig und augenzwinkernd auf seine Karriere zurückblicken und zugleich so frisch und kreativ bleiben kann, der darf sich von seiner Plattenfirma dann wohl ganz zurecht “der berühmteste Rapper der Welt” nennen lassen. Kein Scheiß.
Kein Kostverächter – das beweist Snoop Dogg auch im Video zu Wet:




























