Hingehört: Red Hot Chili Peppers – “I’m With You”

"I'm With You" ist das zehnte Album der Chili Peppers, und vielleicht der Beginn vom dritten Frühling.
| Künstler | Red Hot Chili Peppers |
| Album | I’m With You |
| Label | Warner |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Als die Red Hot Chili Peppers 1998 zum letzten Mal einen neuen Gitarristen bekamen, war das ein alter Bekannter. John Frusciante, der die Band 1992 verlassen hatte, kehrte für das Album Californication zurück – und läutete damit die bisher erfolgreichste Phase in der Karriere der Red Hot Chili Peppers ein, die mittlerweile auf sechs Grammys und 60 Millionen verkaufter Platten zurückblicken.
Nun haben die Red Hot Chili Peppers wieder einen neuen Gitarristen. Er heißt Josh Klinghoffer – und ist ebenfalls ein alter Bekannter. Er spielte schon auf den Solo-Alben von John Frusciante und stand auch bei der letzten Welttournee des Quartetts aus Los Angeles schon mit auf der Bühne. Für das gerade erschienene I’m With You ist er zum offiziellen Bandmitglied aufgestiegen – und läutet damit womöglich so etwas wie den dritten Frühling für die Red Hot Chili Peppers ein. Bei iTunes steht I’m With You in 16 verschiedenen Ländern bereits auf Platz 1.
Fahndet man auf dem neuen Album nach Spuren des Gitarristen, der nun immerhin 25 Prozent dieser Rock-Institution ausmacht, dann findet man zunächst: nichts. Der Bass von Flea (etwa im lässigen Annie Wants A Baby oder dem energetischen Goodbye Hooray) oder das Schlagzeug von Chad Smith (wie im komplexen Ethiopia oder dem ebenfalls afrikanisch angehauchten Did I Let You Know) sind durchweg weitaus prägnanter. Es gibt auf I’m With You keine markanten Riffs und keine filigranen Gitarrensoli. Nirgends setzt Josh Klinghoffer, der sich bisher in unbekannteren Bands wie Warpaint und als Studiomusiker verdingt hatte, eine Duftmarke. Niemals versucht er, die etablierten Stars der Show in den Schatten zu stellen.
Sein Einfluss auf das zehnte Studioalbum der Red Hot Chili Peppers ist trotzdem erstaunlich. Der Vorgänger Stadium Arcadium stieg in 28 Ländern auf Platz eins der Charts ein, bekam einen Grammy als bestes Rockalbum und wurde schließlich mit einer umfangreichen Tournee um die Welt getragen. Und dann? Wollten die Red Hot Chili Peppers erst einmal ihre Ruhe haben. Frusciante hatte sogar genug von der Band, und man trennte sich freundschaftlich. “He did it in a very gentlemanly way. He came and had a very calm and earnest conversation about him just wanting to do something else. And it was a great relief, because there was a certain amount of discord and tension that had built up from him not, you know, being where he wanted to be. And kind of vice versa. So it was a very kind gesture and it just worked out remarkably well”, sagt Sänger Anthony Kiedis über die Trennung.
Der zweite Abschied Frusciantes von den Chili Peppers hätte womöglich gar das Ende der Band bedeuten können. Doch nach zwei Jahren Auszeit bekamen die verbliebenen Drei wieder Lust auf ihre Musik. “Wir mussten ganz von vorne anfangen. Alles andere wäre komplett dämlich gewesen. Wir mussten also alles ein bisschen herunterfahren. Wir mussten uns vergewissern, wer wir sind, und uns dann an die Arbeit machen. Und zu so einem Schritt gezwungen zu sein – das ist eine großartige Sache”, erinnert sich Kiedis heute an die Zeit, als die Red Hot Chili Peppers auf der Kippe standen.
Klinghoffer hat einen beträchtlichen Anteil daran, dass man I’m With You diese neu gewonnene Lust auch anhört. “Wir haben unsere Einflüsse mit denen von Josh vermischt, und daraus ist etwas Wunderschönes entstanden. Es macht Spaß, ihm zuzuhören und seinen Stil kennen zu lernen. Ich habe versucht, mich dann damit zu verschmelzen, und daraus ist ein ganz neues Rezept für unseren Sound entstanden”, schwärmt Kiedis.
Schon der Auftakt Monarchy Of Roses ist ungewöhnlich mutig für diese Band, die zuletzt nicht nur zu den erfolgreichsten, sondern auch berechenbarsten Rockbands der Welt gezählt hatte. Der Song hatte den Arbeitstitel Disco Sabbath, und während der Refrain für den Disco-Anteil sorgt, steuert die Strophe mit verzerrtem Gesang und abstrakter Gitarre den (Black-)Sabbath-Anteil bei. Das famose Brendan’s Death Song (das den Tod von Brendan Mullen thematisiert, der die Biographie der Band geschrieben hat und zu Beginn der Aufnahmen für I’m With You starb) beginnt ganz akustisch und schwingt sich dann über einen ebenso betörenden wie glaubwürdigen Refrain auf. Die Single The Adventures Of Rain Dance Maggie ist so cool und sexy wie es die Rolling Stones während ihrer Tattoo You-Phase wohl gern gewesen wären. Und Even You Brutus? klingt unverschämt frisch und kernig für eine Band, die schon seit 28 Jahren im Geschäft ist. Gegen Ende lässt auch Meet Me At The Corner aufhorchen, der zurückgenommenste Song der Platte, mit federnden Drums, einem toll gesungenen, rührenden Refrain, einem etwas gespenstischem Break und einer famosen Gelassenheit, die über all dem schwebt.
Der beste Moment an I’m With You sind aber die Sekunden nach Goodbye Hooray. Da ist erst für ein paar Momente komplett Ruhe, dann beginnt das außergewöhnliche Happiness Loves Company. Es ist nicht nur eine schöne Metapher für die Entstehungsgeschichte dieser Platte. Es ist auch ein wichtiges Innehalten für dieses Album, das viele sehr gute Songs enthält, manchmal aber doch Gefahr läuft, sich längst bekanntem Funk-Rock-Fahrwasser ein bisschen zu stark zu nähern. Es gibt hier ein paar Phasen, in denen Anthony Kiedis ein bisschen zu sehr scharf phrasiert wie einst bei Give It Away, säuselt wie bei Under The Bridge oder den kraftstrotzenden Macho gibt wie bei den Californication-Singles. Nach zwei Dritteln des Albums (die Band wollte eigentlich ein Album mit nur 12 Stücken machen, hatte dann aber genug Material für eine Doppel-CD, berichtet Produzent Rick Rubin, der bei I’m With You wie bei allen RHCP-Alben seit Blood Sugar Sex Magik 1991 hinter den Reglern saß) hat man fast schon genug davon. Doch genau dann kommt Happiness Loves Company. Da erklingen tatsächlich ein Klavier, so etwas Ähnliches wie ein Country-Beat und ein verspielter Background-Gesang – das ist genau die Dosis Spannung, die dann auch den Rest der Platte erfreulich macht.
I’m With You klingt in jedem Moment so souverän, wie man es von Könnern dieses Kalibers erwarten darf, und in keiner Sekunde so satt, wie man es von kalifornischen Superstars, die sich ihr Albumcover von Kunst-Guru Damien Hirst entwerfen lassen können, befürchten musste. Es ist ein Album, das vielseitig ist, neue Türen öffnet und doch im genau richtigen Maße der Tradition der Band verpflichtet bleibt. Sind das jetzt die erwachsenen Red Hot Chili Peppers, wurde Anthony Kiedis kürzlich in einem Interview gefragt. Und seine Antwort ist genauso kreativ wie diese Platte. „Ich würde es nicht unbedingt erwachsen nennen. Ich hoffe, wir werden immer weiter wachsen – aber nicht zwangsläufig erwachsen.”
Im Video zur Single The Adventures Of Rain Dance Maggie muss man sich nicht so sehr an den neuen Gitarristen gewöhnen, sondern eher an der Schnauzbart von Anthony Kiedis:
Die Red Hot Chili Peppers bei MySpace.
Eine leicht gekürzte Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: Taxi Taxi

Daniel (Samy Naceri, links) und Emilien (Frédéric Diefenthal) bekommen es mit japanischen Profi-Verbrechern zu tun.
| Film | Taxi Taxi |
| Originaltitel | Taxi 2 |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 2000 |
| Spielzeit | 85 Minuten |
| Regie | Gérard Krawczyk |
| Hauptdarsteller | Samy Naceri, Frédéric Diefenthal, Marion Cotillard, Emma Wiklund, Bernard Farcy, Jean-Christophe Bouvet |
| Bewertung | **1/2 |
Worum geht’s?
Eigentlich will Daniel nur seinen Schwiegervater in spe beeindrucken: Als der plötzlich zu einem Termin am Flughafen gerufen wird, beweist ihm Daniel seine herausragenden Fähigkeiten als Taxifahrer. Doch dann wird Daniel in eine hoch brisante Affäre hineingezogen: Er soll einen japanischen Minister zum Hotel fahren, der gerade in Marseille ist, um die Erfolge der französischen Polizei im Kampf gegen Bandenkriminalität zu begutachten. Auf der Fahrt wird er aber von Yakuza überfallen – und die japanischen Gangster entführen den Minister. Um ihn wieder befreien zu können, ist ein gut geöltes Gaspedal gefragt – und noch ein bisschen mehr.
Das sagt shitesite:
Taxi Taxi, erneut auf einem Drehbuch von Luc Besson beruhend, fügt dem Vorgänger Taxi nichts Entscheidendes zu, bietet aber trotzdem solide Unterhaltung irgendwo zwischen Police Academy und Alarm für Cobra 11.
Samy Naceri entwickelt sich als PS-verrückter, schlitzohriger und ewig missverstandener Taxifahrer Daniel noch ein bisschen mehr zur französischen Variante von Adriano Celentano. Dazu ist der gesamte Film so überdreht und gespickt mit halbschlechten Wortwitzen, dass Louis de Funès seine Freude daran hätte. Und am Ende gibt es in Taxi Taxi sogar noch ein bisschen mehr Polizeiautoschrott als einst bei den Blues Brothers.
Bestes Zitat:
“So ist das immer: Wenn ich anhaltem wird den Leuten sofort schlecht, während der Fahrt nie.”
Der Trailer zum Film:
Der kritische Blick: Talkshows und kein Ende
Mehr als 25 Stunden Talkshows sind demnächst pro Woche in ARD und ZDF zu sehen, haben meine lieben Kollegen errechnet. Zurecht kann man da fragen: Fällt den öffentlich-rechtlichen Sendern keine andere Form der Politikvermittlung mehr ein? Doch ich meine: Die Programmreform, die durch den Wechsel von Günther Jauch ins Erste ausgelöst wurde, bietet auch Chancen. “Lasst uns drüber reden” – wenn dieses Motto allein im Ersten künftig fünfmal pro Woche gilt, dann steigt der Druck, sich von den anderen abzuheben. Und damit könnten Anne Will, Sandra Maischberger, Frank Plasberg & Co. endlich etwas mutiger werden.
Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.
Draufgeschaut: Syriana
| Film | Syriana |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2005 |
| Spielzeit | 128 Minuten |
| Regie | Stephen Gaghan |
| Hauptdarsteller | George Clooney, Amr Waked, Christopher Plummer, Jeffrey Wright, Chris Cooper, Amanda Peet, Robert Foxworth, Matt Damon, William Hurt |
| Bewertung | ***** |
Worum geht’s?
Die US-Firma Killen hat sich wichtige Förderrechte für ein großes Ölverkommen in Kasachstan gesichert. Als Killen vom Großkonzern Connex gekauft wird, untersucht die US-Regierung die geplante Fusion. War Korruption im Spiel? Auch der US-Geheimdienst hat ein gesteigertes Interesse an dem Deal, geht es doch um strategische Fragen in der Region, und dabei könnte ein arabischer Prinz hinderlich sein, der in seinem Land demokratische Reformen plant. Zwischen Wirtschaft, Politik und Justiz entspinnt sich ein spannender Kampf um die Frage, wer die Wahrheit als erstes findet – und wer sie am besten in seinem Sinne missbrauchen kann.
Das sagt shitesite:
Es braucht eine ganze Weile, bis sich die Komplexität von Syriana und die Verbindung zwischen den einzelnen Handlungssträngen offenbart. Aber das ist ein geniales Stilmittel, denn schließlich geht es in diesem meisterhaften Wirtschaftsthriller auch darum, die vielschichtigen und schwer zu durchschauenden Verstrickungen in der globalisierten Welt vor Augen zu führen. Es geht um Rassismus und Macht, um Erniedrigung und Stolz, um Angst und Gier – auf ganz vielen Seiten.
Das Stärkste an Syriana: Der Film zeigt den Turbokapitalismus einerseits als System, das durch seine unbarmherzige Konsequenz quasi unerschütterlich geworden ist. Andererseits wird hier sehr deutlich, dass alle Beteiligten (übrigens fast ausschließlich Männer) getrieben werden von ihrem ganz persönlichen Egoismus und ihren ganz individuellen Zwängen, sodass sich letztlich keiner von ihnen mit Verweis auf die Allmacht des Systems aus der Verantwortung stehlen kann.
Zusätzliche Größe bekommt Syriana auch dadurch, dass hier zwar mit scharfem Blick analysiert wird, Regisseur und Drehbuchautor Stephen Gaghan seinen Protagonisten aber trotzdem mit Sympathie und sogar Wärme begegnet. Immer wieder schimmert das Menschlich-Allzumenschliche durch. Zwischen knallharten Verhandlungen, Terrorattacken und Schicksalsschlägen gibt es in Syriana eben auch die Banalität des Alltags: notgeile junge Männer, Ablenkung beim Sport, Ärger mit den Eltern. Mit dieser Facette knüpft Syriana nicht nur ein (neben den wirtschaftlichen Abhängigkeiten) weiteres Band zwischen den Kulturen, sondern schafft inmitten des blanken Zynismus auch so etwas wie ein bisschen Hoffnung.
Bestes Zitat:
“Kapitalismus kann ohne Verschwendung nicht existieren.”
Der Trailer zum Film:
Durchgelesen: Helge Schneider – “Satan Loco”
| Autor | Helge Schneider |
| Titel | Satan Loco |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ** |
„Doch die Sprache als Performanz aller Rede ist weder reaktionär noch progressiv; sie ist ganz einfach faschistisch; denn Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, es heißt zum Sagen zwingen.“
Dieses ebenso harte wie streitbare Urteil fällt der französische Philosoph Roland Barthes in Lektion. Das Werk erschien 1978, zwei Jahre vor seinem Tod. Doch Roland Barthes hätte noch 33 Jahre länger warten müssen, um sich endgültig widerlegt zu sehen. Bis zu Satan Loco, dem sechsten Kommissar-Schneider-Roman und insgesamt zwölften literarischen Werk aus der Feder von Helge Schneider. Denn Helge Schneider beweist auf diesen 138 Seiten, dass Sprache zu gar nichts zwingt. Und das bedeutet leider auch: Ein Buch kann frei sein von Logik, Figuren, Inhalt. Ein Kriminalroman kann ohne falsche Fährten, Alibis und Spannung auskommen. Satan Loco tut es.
Die Handlung zu umreißen, fällt bezeichnenderweise schwer genug: Satan Loco ist ein Outlaw, er lebt allein mit seinem Motorrad (und später auch mit einem Puma und einem Hündchen) in der Sierra Nevada. Er ist gewalttätig, aber mit weichem Herzen, und in der Gegend, die er sein Revier nennt, treiben noch ein paar andere seltsame Gestalten ihr Unwesen. Ein Bombenleger, ein Campingfreund aus Schwaben und ein Aktfotograf beispielsweise. Irgendetwas an dieser Gemengelage führt Kommissar Schneider nach Spanien, wo er irgendwann auch auf Satan Loco trifft. Irgendwie.
Vom grandiosen Dadaismus der ersten Kommissar-Schneider-Romane ist hier praktisch nichts mehr übrig geblieben. Satan Loco ist ein Anti-Roman, die literarische Entsprechung zum Film 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter. Satan Loco wimmelt von starken Verben und schillernden Adjektiven, aber all das ist bloß Blendwerk, mit dem sich Helge Schneider offensichtlich lustig machen will über die sprachlichen Unarten anderer Autoren. Er wirft mit Phrasen, Klischees und Worthülsen um sich, er hat Spaß daran, sich innerhalb eines Absatzes dreimal zu widersprechen und gelegentlich auch noch mit einer Spur von Authentizität zu verwirren, etwa wenn Satan Loco die Freiheit auf dem Motorrad genießt oder das abendliche Treiben in Almeria kurz, aber treffend geschildert wird.
Helge Schneider sprengt in Satan Loco jede Konvention, und er tut das ganz offensichtlich auch noch genüsslich. Aber das ist auch das einzige Verdienst dieses Werkes.
Die beste Stelle ist ein innerer Monolog des Pumas namens Legumes, der zum Haustier von Satan Loco wird: “Ob Tiere denken können? Legmues wusste es nicht, denn auch er dachte ja nicht.”
Draufgeschaut: Verschwende Deine Jugend
| Film | Verschwende Deine Jugend |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 97 Minuten |
| Regie | Benjamin Quabeck |
| Hauptdarsteller | Tom Schilling, Robert Stadlober, Jessica Schwarz, Marlon Kittel, Nadja Bobyleva, Denis Moschitto, Dieter Landuris, Christian Ulmen |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Die Neue Deutsche Welle ist kurz davor, die Musiklandschaft in der Bundesrepublik auf den Kopf zu stellen. Nur in München hat man von dem Trend noch nicht allzu viel mitbekommen. Harry will das ändern und den neuen Sound nach München holen. Denn sein Herz hängt an der Musik, und am liebsten würde er sich voll und ganz seinem Hobby als Manager von Apollo Schwabing widmen, einem aufstrebenden Trio aus der Stadt. Doch die Band ist unzufrieden mit der Arbeit von Harry – auch, weil der in seinem Hauptberuf noch als biederer Bankkaufmann arbeitet. Um es allen zu beweisen, organisiert Harry ein Festival im Circus Krone. Das Mega-Projekt wächst ihm allerdings schon bald über den Kopf. Dass die Chartstürmer D.A.F. nichts davon wissen, dass sie als Headliner auftreten sollen, und Apollo Schwabing sich im Angesicht der großen Chance auch noch verkrachen, ist schon bald sein geringstes Problem.
Das sagt shitesite:
Nicht einen Moment lang kann Verschwende Deine Jugend leugnen, dass der Film ein Zeitdokument sein will. Der Soundtrack, die Eighties-Ästhetik, die Kostüme (herrlich, wie selbstverständlich Denis Moschitto als Gabi Delgado in das schrägste Gummi-Outfit jenseits des Michelin-Männchens schlüpft). Besonders wird Verschwende Deine Jugend aber, weil die Geschichte eben nicht nur als putziges Fotoalbum oder nostalgisches Blättern durch die Plattensammlung funktioniert, sondern auch ein gutes Stück vom Hier und Jetzt in diesen Film bringt. Da sind zum einen die Schauspieler, denen man förmlich ansieht, wie gerne sie in einer popkulturell ähnlich aufregenden Zeit gelebt hätten. Und da ist zum anderen die Handlung, die vom aufrechten Kampf gegen alle Widrigkeiten erzählt, für das, was wirklich zählt im Leben. Das ist ein Lebensgefühl – und zeitlos.
Bestes Zitat:
“Wieland Schwarz ist Musikjournalist. (…) Er kennt unglaublich viele Wörter und hat zu allem eine Meinung. Und wenn nicht, dann faselt er was, was keine Sau versteht.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Sparrow And The Workshop – “Spitting Daggers”
| Künstler | Sparrow And The Workshop |
| Album | Spitting Daggers |
| Label | Distiller Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Auf Platz 4 landete Glasgow, als die Perfoming Right Society (so etwas Ähnliches wie die englische Entsprechung der Gema) vor gut einem Jahr nach der musikalischsten Stadt Großbritanniens suchte. Für die Statistik wurde ermittelt, wie viele Musiker es in einer Stadt im Verhältnis zur Einwohnerzahl gibt, und nur Bristol, Cardiff und Wakefield landeten damals noch vor Glasgow.
Auch wenn es nicht ganz für einen Medaillenplatz reichte, können sich in der größten Stadt Schottlands trotzdem Geschichten wie diese ereignen: Ein Typ aus Wales und eine junge Frau, die in Nordirland geboren und in Chicago aufgewachsen ist, sind auf der Suche nach einer Wohnung in Glasgow. Der Mann, bei dem sie einziehen, ist ein schottischer Eingeborener – und sofort merken die drei, dass sie sich nicht nur als WG eignen, sondern auch als Band. So sind Sparrow And The Workshop entstanden. Am kommenden Freitag legt das Trio mit Spittin Daggers sein zweites Album vor.
Wie das klingt, ahnt man schon, wenn man ein bisschen auf die überaus umfangreiche Live-Geschichte von Sparrow And The Workshop schaut. Sie waren mit Idlewild auf Tour, mit den Lemonheads und mit British Sea Power. Sie wurden vom Brian Jonestown Massacre und den Pogues persönlich eingeladen, um als Vorgruppe zu spielen. Hier geht es um Rock, mit dem Wissen um seine Tradition, aber mit dem Mut, ihn ganz individuell zu interpretieren.
Dominiert wird Spitting Daggers dabei von der Stimme von Jill O’Sullivan (das ist die junge Dame aus Nordirland/Chicago). Gleich im Opener Pact To Stay Cold scheint sie PJ Harvey in die Sixties entführen zu wollen. Auch The Duke Spirit oder Blood Red Shoes klingen an, aber Sparrow And The Workshop zeigen schon in diesen ersten 222 Sekunden des Albums, dass sie genug zu bieten haben, das sie einzigartig macht. Wie sich das filigrane Break in den ansonsten enorm wuchtigen Sound von Pact To Stay Cold einfügt – das muss ihnen erst einmal jemand nachmachen.
You Don’t Trust Anyone entwickelt vor allem durch den sehr coolen Bass von Nick Packer (das ist der Typ aus Wales) einen enormen Drive. Faded Glory übt die große Geste und bleibt doch undurchdringlich, die Single Snakes In The Grass orientiert sich ziemlich stark (zu Beginn sogar tongetreu) an Gigantic von den Pixies.
Das darauf folgende Father Look ist ein Klagegesang, dessen unendlicher Traurigkeit man mit dem schlichten Wort „Blues“ auf keinen Fall gerecht werden kann. Kurz vor Schluss gibt es in Against The Grain noch einmal ordentlich Punch von Schlagzeuger Gregor Donaldsman (der Mann mit der Wohnung in Glasgow).
Am Ende von Spitting Daggers, im geheimnisvollen Soft Sound Of Your Voice strahlen die immer wieder herrlichen Harmonies von Sparrow And The Workshop am hellsten. Da lassen die Mamas & Papas grüßen, oder man meint, Jill O’Sullivan schicke diese Musik direkt an Jack White – als Bewerbung um das Erbe von Meg. Wie gesagt: Den auch von den White Stripes geschätzten Klassizismus leben Sparrow & The Workshop durchaus vielseitig aus. Alles „von Dolly Parton über Sonic Youth bis zu den Beach Boys“ zählen sie zu ihren Einflüssen – und Spitting Daggers ist ein schöner Beweis dafür, wie faszinierend und schlüssig diese schräge Kombination klingen kann.
Das Video zu Snakes In The Grass beweist: Auch Spatzen schlüpfen aus Eiern:
Sparrow And The Workshop bei MySpace.
Draufgeschaut: Leg dich nicht mit Zohan an
| Film | Leg dich nicht mit Zohan an |
| Originaltitel | You Don’t Mess With The Zohan |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 108 Minuten |
| Regie | Dennis Dugan |
| Hauptdarsteller | Adam Sandler, John Turturro, Emmanuelle Chriqui, Nick Swardson, Lainie Kazan, Ido Mosseri, Rob Schneider, Dave Matthews, Michael Buffer, Kevin James, Mariah Carey, John McEnroe |
| Bewertung | ****1/2 |
Worum geht’s?
Frisör – das ist der absolute Traumberuf von Zohan Dvir. Nicht schwer zu erreichen, sollte man meinen. Aber Zohan ist dummerweise ein Anti-Terror-Kämpfer, die am meisten gefürchtete Waffe in der israelischen Armee und ein Held in seinem Heimatland. Deshalb schmiedet er einen Plan: Bei einem Einsatz lässt er sich zum Schein töten und setzt sich dann in die USA ab, um sich dort endlich den Haaren seiner Mitmenschen widmen zu können. Einen Job als Friseur findet er aber, ausgerechnet, nur in einem Salon, der von einer Palästinenserin betrieben wird. Und nicht nur deshalb holt ihn die Vergangenheit als Kampfmaschine wieder ein.
Das sagt shitesite:
Es ist erstaunlich, wie krawallig und zugleich subversiv Leg dich nicht mit Zohan an daherkommt. Gerade der Beginn des Films ist Humor auf Bud-Spencer-Niveau. Aber so wie Zohan schon hier als völlig überzeichneter Prototyp von Kraft, Potenz und Männlichkeit inszeniert wird, so werden später auch der Nahostkonflikt, Fundamentalismus und jede Menge Gaststars durch den Kakao gezogen.
Dazu kommen eine gute Dosis Achtziger-Jahre-Ästhetik, ein auch in der synchronisierten Fassung sehr amüsantes Sprach-Kauderwelsch mit Jiddisch-Klischees und die erstaunliche Tatsache, dass Leg dich nicht mit Zohan an vor allem deshalb so gut funktioniert, weil der Titelheld komplett unpolitisch ist – selbst, wenn er gerade reihenweise Terroristen im Nahen Osten verhaftet oder einen Streit zwischen jüdischen Geschäftsleuten und Arabern in New York schlichtet.
Ein bisschen Zoolander, ein bisschen Four Lions, dazu eine am Sportfilm geschulte Aufsteiger-Story und jede Menge Haudrauf-Humor – diese Mischung ist mindestens so wirkungsvoll wie Zohans Zaubertrank namens Fizzy Bubblech.
Bestes Zitat:
“Ich habe so viel für mein Land getan. Wann ist endlich Schluss? – Wir kämpfen jetzt seit 2000 Jahren. Viel länger kann es nicht dauern.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Thundercat – “The Golden Age Of Apocalypse”
| Künstler | Thundercat |
| Album | The Golden Age Of Apocalypse |
| Label | Brainfeeder |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ** |
„Warning!“ steht ganz groß auf der CD-Hülle, „this audio is unique and traceable“. Das meint: Das am Freitag erscheinende Debütalbum von Thundercat hat man mir vorab geschickt. Und ich soll bloß nicht auf die Idee kommen, es irgendwo ins Netz zu stellen. Falls doch, könnte man, aus einer besonderen Kombination von Nullen und Einsen, zurückverfolgen, woher die Dateien kommen. Faszinierende Technik.
Das ist aber nicht nur Quatsch, weil ich natürlich keinerlei Interesse habe, die 13 Stücke von The Golden Age Of Apocalypse irgendwo in den Weiten des Internets verfügbar zu machen. Es ist auch die völlig falsche Warnung. „Achtung!“, müsste stattdessen darauf stehen, „diese CD enthält Fusion Jazz“.
Denn The Golden Age Of Apocalypse ist das erste Album von Thundercat alias Stephen Bruner, der sich hier unter anderem von Erykah Badu und Austin Peralta begleiten lässt. Bruner ist der Sohn von Ronald Bruner Sr., der das Schlagzeug bei den Temptations spielte. Er war einmal einer der Jungs in der längst vergessenen Boyband No Curfew. Er hat mit Stanley Clarke und Snoop Dogg gespielt und ist Mitglied bei den Suicidal Tendencies. Und er ist, wie das im Jazz nun einmal so ist, ein höchst virtuoser Bassist.
Mit The Golden Age Of Apocalypse veröffentlicht er erstmals eigene Songs, produziert von Flying Lotus. Und die sind, wie das im Jazz nun einmal so ist, ein bisschen nett, ein bisschen modern, ein bisschen überambitioniert. Das bestechendste Merkmal an The Golden Age Of Apocalypse: faszinierende Technik.
Der Bass ist bei Thundercat natürlich das zentrale Instrument. Fleer Ultra könnte eigentlich, als Kampfansage an den Bassisten der Red Hot Chili Peppers, Flea Ultra heißen, so beeindruckend flitzen hier die Finger. In Jamboree dominiert der Bass alles, Walkin’ lässt er leicht funky werden, das exotische Seasons erinnert mit seinen Latin-Anspielungen an Beck und in Mystery Machine (The Golden Age Of Apocalypse) klingen die Basssaiten am Anfang mächtig wie Kirchenglocken. Boat Cruise, das man gut und gerne in die Kategorie „Easy Listening“ packen kann, macht am deutlichsten, wie das Spiel von Stephen Bruner funktioniert: Das Bass ist hier fast immer zugleich Rhythmus- und Melodieinstrument.
Dazu kommen auf The Golden Age Of Apocalypse immer wieder sphärische Momente, irgendwo zwischen Chill-Out und Elektro. Daylight mit seinen New-Age-Elementen ist ein gutes Beispiel dafür, auch das George-Duke-Cover For Love I Come bietet zunächst diese Beschaulichkeit, bevor sich dann doch noch der Bass austobt. Gerne tritt dann auch die Orgel in den Vordergrund (It Really Doesn’t Matter To You, Goldenboy).
Wie gesagt: Das ist gelegentlich beeindruckend, aber auch enorm flüchtig. Bleibenden Eindruck machen weder einzelne Songs noch The Golden Age Of Apocalypse als Ganzes. „Time will pass us by“, singt Bruner im Rausschmeißer Return To The Journey, einem der wenigen Stücke, die nicht instrumental bleiben. Es ist ein unfreiwillig passendes Motto für dieses Album.
Ein kleiner Studiobesuch bei Thundercat:
Draufgeschaut: 101 Dalmatiner
| Film | 101 Dalmatiner |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1996 |
| Spielzeit | 103 Minuten |
| Regie | Stephen Herek |
| Hauptdarsteller | Glenn Close, Jeff Daniels, Joely Richardson, Joan Plowright, Hugh Laurie |
| Bewertung | ** |
Worum geht’s?
Cruella De Vil ist als Modedesignerin immer auf der Suche nach dem nächsten Trend. Ihre Mitarbeiterin Anita bringt sie auf eine glorreiche Idee: Dalmatiner-Muster. Fortan ist die forsche Dame ganz wild auf das Fell der kleinen Hunde. Sehr zum Unglück von Anita, denn die hat selber eine Dalmatiner-Hündin, und dieses Haustier hat sie auch noch gerade schnurstracks zur Liebe ihres Lebens geführt. Gemeinsam mit ihrem Mann kämpft sie für die Hunde – doch Cruella De Vil ist nicht nur eine höchst gerissene Widersacherin, sondern sie hat auch noch jede Menge durchtriebene Mitstreiter.
Das sagt shitesite:
Ein bisschen ist es bei 101 Dalmatiner wie mit Kindern, die ewig lang um ein Haustier betteln: Am Anfang ist es noch ganz lustig, am Ende sind dann alle Beteiligten froh, wenn das Ganze vorüber ist. Die ersten 15 Minuten von 101 Dalmatiner kommen daher wie eine RomCom im Schnelldurchlauf. Danach gibt es kurz noch Potenzial für eine gelungene Familienkomödie. Doch in der letzten halben Stunde verlässt sich der Film viel zu sehr auf seine Optik. Statt Dialogen gibt es dann bloß noch misslungene Slapstick-Versuche und immer mehr Hunde. Die sind zwar beeindruckend gut dressiert – dass 101 Dalmatiner aber ausgerechnet mit dieser Eigenschaft ein Plädoyer für Tierschutz sein, die erstaunlichen Fähigkeiten scheinbar bloß putziger Hunde zeigen und zu mehr Zusammenhalt auch in der Welt der Zweibeiner mahnen will: Das ist nicht hundsmiserabel, aber auch kein Stück überzeugend.
Bestes Zitat:
“Durch den Bund fürs Leben gehen der Welt mehr Frauen verloren als durch sämtliche Kriege und Hungersnöte zusammen.”
Der Trailer zum Film:







