Hingehört: David Guetta – “Nothing But The Beat”
| Künstler | David Guetta |
| Album | Nothing But The Beat |
| Label | Virgin |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
„Nein Mann, ich will noch nicht gehen. Ich will noch ein bisschen tanzen.“ So ist es. Oft. Man weiß nicht genau, was der Abend noch so bringen wird. Man weiß aber sehr genau, was der Alltag bereit hält. Im Zweifel: Sorgen.
Das ist ungefähr die Ausgangsposition für diese Zeile in Laserkraft 3Ds mittlerweile zum Faschingshit mutierten Klassiker Nein Mann. Und nicht ganz zufällig kommt in eben jenem Track ganz zu Anfang die Beschwerde über den lahmen DJ: „Nicht mal was von David Guetta macht er.“
Das passt perfekt, denn es zeigt zweierlei: 1. Die Musik von David Guetta ist der Inbegriff von Mainstream-Disco. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Wodka Red Bull und Ed Hardy. Somit auch: das Gegenteil von cool. 2. Die Musik von David Guetta ist der Inbegriff der Idee von Clubbing. Tanzen, feiern, flirten – um nichts anderes geht es hier. Somit auch: um nichts als Oberfläche.
Es gibt also eine Menge Gründe, David Guetta zu verabscheuen. Er sieht aus, als würde er privat gerne Hair Metal hören und passt damit kein bisschen in die durchgestylte Clubszene. In ein paar Wochen wird der Franzose 44 Jahre alt. Wenn Leute dieses Jahrgangs sich der Tanzfläche nähern, dann meint man normalerweise, es handele sich um einen aufgebrachten Papa, der seine Tochter heimholen will – und nicht um den DJ.
Noch dazu ist David Guetta penetrant erfolgreich (Nothing But The Beat erreichte die Top 10 unter anderem in Deutschland, Frankreich, England und den USA). Dazu kommen Texte (und Songtitel), deren Übersetzung mitunter selbst für die Atzen zu doof sein dürften und somit mitten im Proll-Revier landen. Wo sind die Weiber?, Kleines böses Mädchen oder Ich will einfach bloß f…. sind nur drei Beispiele auf Nothing But The Beat. All das sind tolle Argumente für Punkt 1 – und sie haben durchaus Gewicht.
Trotzdem muss es raus: David Guetta ist gut. Und das hat mit Punkt 2 zu tun. In seinen Songs geht es um Party, sonst nichts. Das ist Funktionsmusik. Das Ziel ist Eskapismus, Abschalten, im besten Falle Katharsis durch Tanzen. Im Titelsong bringt David Guetta das auf den Punkt. “So I go out and dance / party my problems away / in the club / nothing really matters.” So einfach ist das. Und es gibt momentan niemanden, der dieses Bedürfnis so treffsicher und massentauglich befriedigt wie David Guetta.
Nothing Really Matters, sein fünftes Album, ist entsprechend großkotzig gleich eine Doppel-CD geworden. CD1 wartet mit einer unfassbaren Riege von Gaststars auf und bietet mehr Chartbreaker als ein durchschnittlicher Bravo-Hits-Sampler. CD2 ist instrumental und zielt darauf ab, seine Fähigkeiten jenseits der gängigen Hitformel zu zeigen.
Flo Rida und Nicki Minaj toben sich über den Opener Where Them Girls At? aus. Die Idee, Snoop Dogg zu einem Eurodance-Track rappen zu lassen, klingt völlig abwegig, funktioniert auf Sweat aber glänzend. Night Of Your Life (mit Jennifer Hudson) ist beinahe ein Klon von Rihannas Only Girl, und nicht viel schlechter. Titanium (mit Sia) hat einen mächtigen Refrain und ein paar clevere La-Roux-Anleihen. Dann ist da noch das bereits erwähnte Nothing Really Matters (mit Will.I.Am). Am Anfang ist eine Gitarre, die bei Mr. Brightside entlehnt ist, dazu kommen Coldplay-Streicher, dann ein satter 4-to-the-floor-Beat und schließlich ein einigermaßen überraschender Ausflug in etwas aggressivere Electro-Gefilde. Das ist kein Meisterwerk, aber durchaus ein Manifest.
Dazu gibt es bisschen House von der Stange, und ab und zu drängt sich auch die Frage auf, warum David Guetta einige der prominentesten Stimmen der Popszene engagieren muss, wenn er sie dann via Autotune doch eh bloß alle wie der Crazy Frog klingen lässt. Auf CD2 zeigt David Guetta dann, dass er keineswegs bloß radiotaugliche Massenware im Angebot hat. The Alphabeat (hatte ich schon “großkotzig” gesagt?) könnte auch von Justice oder Daft Punk stammen. Paris würde problemlos ins Repertoire von Hot Chip passen. Freilich klappt auch hier nicht alles: Sunshine (mit Avicii) klingt wie eine Ibiza-Version der schlimmsten Trittbrettfahrer, die Faithless einst mit Insomnia angelockt hatten. Bei The Future meint man kurz, DJ Bobo habe aus Versehen den Bassregler zu weit aufgedreht.
Natürlich ist das dumm, und es ist in seinen plumpsten Momenten (I Just Wanna F mit Timbaland und Dev) durchaus auch peinlich. Es ist, das ist das größte Manko bei David Guetta, Musik ohne Mysterium. Alles, was hier funktioniert, funktioniert sofort. Alles, was nicht unmittelbar zündet, offenbart auch später keinen Reiz mehr. Aber seien wir ehrlich: Die meisten Nächte sind viel zu kurz, um auf so etwas wie eine Entwicklung zu warten. Je schneller und länger es kracht, desto besser. Dann will man nicht gehen, sondern bloß ein bisschen tanzen.
Wenn das kein Eskapismus ist, dann weiß ich auch nicht mehr: David Guetta macht einen jungen Mann aus Indien sehr, sehr glücklich:
Draufgeschaut: Helden wie wir
| Film | Helden wie wir |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 1999 |
| Spielzeit | 92 Minuten |
| Regie | Sebastian Peterson |
| Hauptdarsteller | Volkmar Kleinert, Renate Krößner, Dietmar Huhn, Ulrich Wenzke, Joachim Lätsch, Udo Kroschwald, Kirsten Block, Daniel Borgwardt, Xenia Snagowski |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Klaus verlebt eine typische DDR-Kindheit. Als er dann vor der Frage steht, was er eigentlich mit seinem Leben anfangen will, wird er von der Stasi angeworben. Klaus hat kein Problem damit – bis er Yvonne hinterherspionieren soll, in die er als kleiner Junge verliebt war. Beim Versuch, sich zwischen der Dame seines Herzens und seinem Dienstherrn zu positionieren, bringt Klaus aus Versehen die Berliner Mauer zu Fall.
Das sagt shitesite:
Helden wie wir hat nur noch wenig mit der Romanvorlage von Thomas Brussig zu tun. Das scheint zum großen Teil am Budget gelegen zu haben, denn viele der Passagen des Films sind mit dokumentarischem Archivmaterial oder Tricksequenzen gestaltet. Mitunter wirkt der Film nicht geschrieben, sondern kompiliert. Ein großer Teil der boshaften Ironie geht dadurch zwar verloren, dafür gewinnt Helden wie wir eine sehr eigene, durchaus stimmige Ästhetik. Passend dazu wird das Leben in der DDR hier durchaus wohlwollend, aber in jedem Fall respektlos dargestellt. Wenn Achim Mentzel einen grandiosen Cameo-Auftritt hat, wenn im Hintergrund permanent Papp-Plattenbauten errichtet werden oder die durchbürokratisierte Sprache der Stasi persifliert wird – dann kommt Helden wie wir zumindest streckenweise der satirischen Kraft des Romans nahe.
Bestes Zitat:
“Wir sind das Volk? Keine Frage, das waren sie – so brav und gehemmt wie sie dastanden.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Immanu El – “In Passage”
| Künstler | Immanu El |
| Album | In Passage |
| Label | And The Sound |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **1/2 |
Kennst Du eines, kennst Du alle. So ist das Prinzip bei den Liedern von Immanu El. Nehmen wir also gleich das erste, Skagerak. Der Opener zum dritten Album der fünf Schweden ist im Kern eine Klavierballade, mit hoher Stimme gesungen, zum Ende hin mit reichlich Coldplay-Grandezza und einem Schlagzeug, das quasi ausschließlich Wirbel zu spielen scheint.
So geht es weiter auf In Passage. Mal etwas verträumter wie in Comforting Dawn, mal mit einem fehlzündenden Computerbeat am Beginn wie in Into Waters. Doch insgesamt mit so wenig Variationen, dass man beinahe wetten möchte, das nächste Album von Immanu El werde On Passage und das übernächste dann In Massage heißen.
Das ist keineswegs schlimm, denn In Passage ist eine sehr stimmungsvolle, schöne Platte geworden. Wer bei Saybia die ruhigeren Momente mag oder unlängst Gefallen am neuen Album der Boxer Rebellion Gefallen gefunden hat, der ist hier genau richtig. Überall bei Immanu El gibt es sehr gekonntes Songwriting und die große Geste, gerne wird es ausladend (The Treshold ist mit stattlichen 4:45 Minuten das mit Abstand kürzeste Lied auf In Passage), die ätherische Stimme von Sänger Claes Strängberg passt perfekt zu diesem Sound.
Den größten Anteil am Konzept von In Passage hatte aber sein Zwillingsbruder Per Strängberg. Der war zuletzt ein ganzes Jahr auf hoher See, mit einem Segelschiff, das er selbst mit gebaut hat – nach Vorbild eines im 18. Jahrhundert vor der schwedischen Westküste gesunkenen Schiffs.
Bis nach China führte die Reise mit dem historischen Gefährt, und auch der Rest von Immanu El ließ sich von diesem Projekt begeistern. So steuerte die Band mehrere Kompositionen als Soundtrack für eine Dokumentation bei, die an Bord des Schiffes gedreht wurde. Die Weite des Meeres, die Klarheit des Sternenhimmels, das Flimmern am Horizont – all das sind treffende Metaphern für den Klang von In Passage. Manches davon ist Postrock oder Shoegaze, aber ohne Indie-Ethos. Vieles klingt nach Stadionballade, aber nirgends ist auf In Passage ein Hit in Sicht, der Immanu El in die Stadien führen könnte. So bleibt am Ende eine Menge Wohlklang. Und das ist dann doch ein bisschen wenig.
Immanu El sind auch ohne Segelschiff gerne auf Tour und im Advent noch live in Deutschland zu sehen:
1. Dezember: Lamm Klub (Augsburg)
2. Dezember: Ostpol (Dresden)
3. Dezember: JUZ Club (Olbernau)
19. Dezember: Café Wagner (Jena)
20. Dezember: MTC (Köln)
21. Dezember: Schaubude (Kiel)
Zu The Treshold haben Immanu El ein Tourvideo erstellt. Natürlich ist auch das sehr atmosphärisch geworden:
Draufgeschaut: Prince Charming
| Film | Prince Charming |
| Originaltitel | Meet Prince Charming |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1999 |
| Spielzeit | 94 Minuten |
| Regie | Brett Parker |
| Hauptdarsteller | Tia Carrere, David Charvet, Nia Vardalos, Hannes Jaenicke |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Zu ihrem 29. Geburtstag bekommt Samantha ein Geschenk von ihren Freundinnen: einen Gutschein für eine Dating-Agentur. Sie behauptet zwar, als Single glücklich zu sein, probiert es aber trotzdem aus. Und verliebt sich schnell in einen Mann, der ihr viel näher ist als sie denkt.
Das sagt shitesite:
Vorhersehbar, aber angenehm und charmant. Vor allem dank sympathischer und authentischer Hauptfiguren und guter Dialoge gelingt in Prince Charming ein Niveau, das über dem RomCom-Durchschnitt liegt.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Glasvegas – “Euphoric Heartbreak”
| Künstler | Glasvegas |
| Album | Euphoric Heartbreak |
| Label | Sony |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Es ist leider nicht überliefert, wie viele Platzverweise James Allan in seinen 105 Spielen als Fußballprofi bekommen hat. Aber es müssen eine Menge gewesen sein für den Mann, der die Fußballschuhe dann gegen Sonnenbrille, Lederjacke und Gitarre eintauschte und zum Frontmann von Glasvegas wurde. Denn es liegt auf der Hand: James Allan ist ein Sünder.
Daran lässt Euphoric Heartbreak, das zweite Album der Band aus Schottland, keinen Zweifel. Die Erkenntnis kann auch kaum überraschen, schließlich widmeten sich Glasvegas schon mit einigen der besten Songs ihres Debütalbums dem Bösen in uns und seinen Folgen: Daddys’s Gone (Verrat an der Familie), It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry (Betrug an der Liebsten) und Flowers And Football Tops (Mord) sind nur drei Beispiele dafür.
Auf Euphoric Heartbreak ist diese Thematik noch eindeutiger. Es gibt hier keinen Moment, in dem Glasvegas glücklich, sorgenfrei oder ausgelassen wären (was schon eine Leistung ist, wenn man bedenkt, dass James Allan die Songs in Santa Monica geschrieben hat, bevor sie dann in London unter der Regie von Flood aufgenommen wurden). Stattdessen ist da immer der erzkatholische Gestus dessen, der gerne gut sein möchte, es aber einfach nicht schafft.
Man kennt das vom Debüt, und auch Euphoric Heartbreak hat einige Momente, in denen man froh ist, dass große Teile der britischen Inseln dann doch protestantisch geprägt sind. Nicht auszudenken, wie die Popmusik klingen würde, wenn alle Bands ihr Leben im Sündenpfuhl des Popgeschäfts so moralisieren würden wie Glasvegas! Doch es gibt auch neue Elemente auf Euphoric Heartbreak. Bedenkt man, wie stilsicher und ausgetüftelt Glasvegas war, dann ist es sogar im höchsten Maße erstaunlich, wie weit sich die Band vom Sound ihres Debüts entfernt hat.
Whatever Hurts You Through The Night ist ein gutes Beispiel dafür. Nach ein paar sehr plakativen Schlagzeug-Schlägen gibt es noch plakativere Kirchenglocken – nicht der einzige Synthie-Sound auf dieser Platte, der die Grenze zum Kitsch zumindest touchiert. Dazu singt James Allan in einer hohen Stimmlage, die er ganz neu entdeckt zu haben scheint, was ebenfalls die Eighties-Ästhetik des Songs verstärkt. Aber die Komposition ist stark genug, um all das zu tragen und aus Whatever Hurts You Through The Night eine feine Ballade über Fernweh, Frust und Fantasie zu machen.
The World Is Yours, der erste Song des Albums nach dem Spoken-Word-Intro Pain Pain Never Again, hat in der Strophe die dezent elektronische Wucht von Kasabian, der Refrain ist voller Größe und Majestät. Die Single Euphoria, Take My Hand setzt auf ein catchy Gitarren-Riff. Shine Like Stars ist mutig genug, sich an ein Yesterday-Zitat zu wagen und könnte mit seinen Synthie-Klängen, fiebrigen Gitarren und der satten Dosis Pathos auch gut zu den White Lies oder The Big Pink passen. I Feel Wrong (Homosexuality, Pt. 1) hat eine tolle Dramaturgie und nach zwei Dritteln des Albums bekennt James Allan dann endlich auch, was wir eh schon alle wussten: „Forgive me father, for I have sinned.“
Absoluter Höhepunkt ist Lots Sometimes (im Prinzip der Rausschmeißer vor dem Spoken-Word-Outro Change, in dem die Mutter von James Allan ein paar schlaue Sachen sagen darf). Den scheinbaren Widerspruch des Titels greift James Allan auf, um mehr als sieben Minuten lang die Gefühle zu reflektieren, die er beim Gedanken an ein offensichtlich weit entferntes Gegenüber hat: Sehnsucht, Trauer, Schmerz, Dankbarkeit, Wut, Nostalgie, Misstrauen. All das spürt er, ganz sehr, manchmal – und ganz offensichtlich häufiger und intensiver als ihm lieb ist. Am Ende jeder Zeile stehen die Worte „lots sometimes“, und dass er sie insgesamt 48 Mal nennt, singt und schließlich herausschreit, entwickelt eine grandiose Kraft.
Nicht alle Songs sind so gelungen. You setzt auf die treibenden Drums, die längst ein Markenzeichen von Glasvegas geworden sind, bleibt aber etwas plump. Auch Stronger Than Dirt (Homosexuality, Pt. 2) geht schnell die Luft aus. Dream Dream Dreaming erstickt im Bombast.
Gerade deshalb wird aber die Magie von Glasvegas deutlich: Euphoric Heartbreak ist viel stärker als die Summe seiner Songs. Es ist tröstlich, kathartisch, leidenschaftlich, voller Reue und doch voller Hoffnung. Das Album funktioniert, um im Bild zu bleiben, wie ein Beichtstuhl: Allein dadurch, dass Glasvegas ihre Sünden und Verfehlungen zum Ausdruck bringen, sind sie erlöst. Und wir gleich mit.
Glasvegas spielen Lots Sometimes live in Liverpool:
Draufgeschaut: Kevin allein zu Haus
| Film | Kevin – Allein zu Haus |
| Originaltitel | Home Alone |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1990 |
| Spielzeit | 103 Minuten |
| Regie | Chris Columbus |
| Hauptdarsteller | Macaulay Culkin, Joe Pesci, Daniel Stern, John Heard, Roberts Blossom, John Candy, Catherine O’Hara |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Reichlich Trubel herrscht im Haus der McCallisters: Die ganze Familie ist zu Besuch, und am nächsten Tag wollen alle zusammen nach Paris fliegen, um dort die Weihnachtstage zu verbringen. Nur blöd, dass dabei der 8-jährige Kevin vergessen wird. Er bleibt allein zurück und genießt es zunächst, plötzlich der Herr im Haus zu sein. Doch dann macht sich nicht nur die Sehnsucht nach der Familie bei ihm breit – er muss sich auch noch gegen fiese Einbrecher wehren, die das Haus ausrauben wollen.
Das sagt shitesite:
Macaulay Culkin ist ein Glücksgriff für die Rolle des vorlauten, bockigen und trotzdem niedlichen Kevin. Auch sonst kommt in Kevin allein zu Haus einiges zusammen, was eine erfolgreiche Familienkomödie ausmacht. Dass zunächst weder die Eltern noch später die Einbrecher eine Vorstellung haben von der Neugier, der Angst und der Kreativität, die in einem Achtjährigen stecken können, sorgt hier für mehr als passables Amüsement. Kevin wandelt sich vom hilflosen Opfer zum tapferen Kämpfer – kein Wunder, dass er für viele Kids zum Helden wurde. Dazu kommt das reizvolle Motiv der sturmfreien Bude, das Drehbuchautor John Hughes schon in Ferris macht blau bestens umgesetzt hatte. Obendrauf gibt es gegen Ende eine knappe Dreiviertelstunde lang beste Slapstick-Unterhaltung und natürlich ein Happy End.
Getrübt wird der Spaß durch die überzogene Weihnachtsgeschichte, in die Kevin Allein Zu Haus eingebettet ist (zumal in der deutschen Übersetzung, wo der Santa Claus zum Nikolaus gemacht wird und so die erzählte Zeit des Films ein wenig durcheinander gerät). Kevin Allein zu Haus hätte auch ohne penetrante Anspielungen auf gute Geister, Kirche und konservative Moral funktioniert.
Bestes Zitat:
“Ich würde nicht mit dir in einem Zimmer schlafen, wenn Du eine Warze an meinem Arsch wärst.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Jeff Bridges – “Jeff Bridges”
| Künstler | Jeff Bridges |
| Album | Jeff Bridges |
| Label | Blue Note |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Es gibt eine Menge Filme, bei denen man froh ist, dass da bloß Fiktion gezeigt wird. Man will nicht von sprechenden Fischen belästigt werden wie in Findet Nemo. Man ist ganz froh, dass die Dinosaurier außerhalb von Jurassic Park dann doch mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgestorben sind. Wohl nicht einmal zu Zeiten von George W. Bush hätte man sich einen US-Präsidenten gewünscht wie Leslie Nielsen in Scary Movie 3. Und dass der Weltuntergang bis auf Weiteres nur in den Filmen von Roland Emmerich beschlossene Sache ist, erscheint auch ganz beruhigend.
Manchmal ist aber auch das Gegenteil der Fall. Dann entsteht auf der Leinwand eine Idee, die so überzeugend und verheißungsvoll ist, dass man sich wünscht, sie könnte den Weg ins echte Leben finden. Crazy Heart war vor zwei Jahren so ein Fall. Jeff Bridges spielte in dem Film von Regisseur Scott Cooper den abgestürzten Countrysänger Bad Blake. Er spielte ihn so gut, dass er dafür den Oscar bekam. Und er spielte ihn so gut, dass manch ein Fan davon geträumt haben dürfte, Jeff Bridges irgendwann mit Gitarre in der Hand in einem Tonstudio oder sogar auf Tour zu erleben.
Dieser Traum ist nun wahr geworden. Jeff Bridges hat eine Platte gemacht, sie erscheint heute in Deutschland und heißt schlicht Jeff Bridges. Zwischen Film- und Musikschaffen sieht er «mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Bei beiden kommt es auf die gute Zusammenarbeit an, man arbeitet mit den unterschiedlichsten Künstlern, aber es gibt auch, was das Schreiben und Üben betrifft, Aspekte, bei denen es auf den Einzelnen ankommt. Man bereitet sich vor und dann muss man die Kontrolle abgeben und die Dinge sich entwickeln lassen.»
Quasi als Regisseur für Jeff Bridges fungierte Produzent T-Bone Burnett. Mit dem Grammy-Gewinner ist Bridges schon seit 30 Jahren befreundet, Burnett stellte unter anderem auch den Soundtrack für The Big Lebowski zusammen. Auch einige der Leute, die schon für den Soundtrack von Crazy Heart verantwortlich waren, halfen bei Jeff Bridges mit: Die Songwriter John Goodwin, Greg Brown und der mittlerweile verstorbene Stephen Bruton steuerten Lieder bei. Ein vierter (Ryan Bingham) ist auf der Vorab-Single What A Little Bit Of Love Can Do sogar als Backgroundsänger zu hören. Und dann gibt es noch ein Lied namens Slow Boat – so hieß einer der Songs von Bad Blake, der in der Crazy Heart-Romanvorlage von Thomas Cobb erwähnt wird. Nun hat ihn Jeff Bridges zum Leben erweckt.
«Dieses Album ist die ganz natürliche Folge meiner Liebe zur Musik, die ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang hege», sagt der 61-Jährige über Jeff Bridges. Das trifft in zweierlei Hinsicht zu. Erstens schlummert in Jeff Bridges tatsächlich schon lange ein Musiker. Als Kind hatte er Klavierstunden, als Jugendlicher spielte er in einer Band und auch, als er längst als Schauspieler erfolgreich war, schrieb er permanent Songs. Dass er singen kann, hat er spätestens mit seiner Rolle in Die fabelhaften Baker Boys unter Beweis gestellt. Und eingefleischte Fans wissen wohl auch, dass Jeff Bridges vor elf Jahren mit Be Here Soon (das damals wenig Aufsehen erregte) schon einmal eine Platte gemacht hat.
Zweitens aber ist auch die Musik auf Jeff Bridges die logische Fortsetzung dessen, wofür dieser Mann steht. Natürlich wäre es interessant gewesen, Bridges als Rap-Künstler, Polka-Gott oder Hardrock-Frontmann zu erleben. Aber das wäre ein Stilbruch gewesen, der womöglich sogar die schauspielerischen Fähigkeiten des Oscar-Preisträgers überfordert hätte.
Stattdessen ist Jeff Bridges so, wie die Rollen von Jeff Bridges es sind: staubtrocken, reduziert und durch und durch amerikanisch. Es gibt hier keinen Ton zu viel, und immer wieder gibt Bridges auch als Sänger den einsamen Teufel mit dem Herz am rechten Fleck. Die Musik dazu ist meist klassischer Country, mit viel Pedal-Steel-Gitarre und mindestens so gut abgehangen wie der legendäre Bademantel des Dude aus The Big Lebowski.
Wenn Tom Petty plötzlich nach Nashville ziehen sollte, käme so etwas dabei heraus wie What A Little Bit Of Love Can Do, das den Auftakt dieser zehn Lieder macht. Blue Car ist an Lässigkeit nicht zu überbieten. Nothing Yet lässt an die behutsamen Momente denken, die Keith Richards gelegentlich für seine Balladen auf einem Rolling-Stones-Album eingeräumt werden. Auch in Either Way und Falling Short (einem von drei Songs, die er auch geschrieben hat) zeigt Bridges eine Verletzlichkeit, die man ihm kaum zugetraut hätte, und auch da ist im Sound die riesige Weite und unendliche Sehnsucht der Wüste.
Bridges’ Stimme erinnert in den tieferen Passagen an David Lowery (auch sonst dürften Fans von Cracker von dieser Musik begeistert sein), wenn er höher singt, meint man manchmal, Peter Gabriel zu hören. Und selbst, wenn die Lieder etwas abstrakter und experimenteller werden wie Tumbling Vine, bleibt Jeff Bridges doch stets genauso wie seine Rollen: anti-modern, geradlinig und authentisch.
Jeff Bridges spielt What A Little Bit Of Love Can Do live für einen Radiosender:
Diesen Artikel gibt es auch bei news.de – samt einer Fotostrecke mit anderen Schauspielern, die sich schon als Sänger versucht haben.
Draufgeschaut: Léon – Der Profi
| Film | Léon – Der Profi |
| Originaltitel | Léon |
| Produktionsland | Frankreich/USA |
| Jahr | 1994 |
| Spielzeit | 106 Minuten |
| Regie | Luc Besson |
| Hauptdarsteller | Jean Reno, Natalie Portman, Gary Oldman |
| Bewertung | ***** |
Worum geht’s?
Léon ist ein Killer. Er fragt nicht viel, erfüllt seine Aufträge und trinkt ansonsten Milch. Bis er die 12-jährige Mathilda bei sich aufnimmt, deren gesamte Familie ausgelöscht wurde. Das Mädchen will sich rächen – und von Léon lernen, wie man tötet. Er führt sie in die Kunst des Killens ein und erfährt umgekehrt, was Verantwortung bedeutet und welchen Wert das Leben hat.
Das sagt shitesite:
Léon – Der Profi bietet tolle Action gepaart mit einem erstaunlichen Psychogramm, das niemals Gefahr läuft, zum Harte-Schale-Weicher-Kern-Klischee zu verkommen. Dazu gibt es eine sagenhafte Leistung der damals 13-jährigen Natalie Portman. Unfassbar.
Der Trailer zum Film:
Frida Gold, Anker, Leipzig
2198 Menschen waren nach offiziellen Angaben Ende September in Hattingen arbeitslos. Es wären noch drei mehr, wenn Frida Gold nicht gerade auf Tour wären. Denn die Band aus dem Ruhrpott wirft bei ihrem Auftritt im Anker in Leipzig zunächst vor allem eine Frage auf: Warum sind da sechs Leute am Werk, wenn drei doch völlig genügen würden?
Zwei Schlagzeuger, ein Keyboarder, ein Bassist und ein Gitarrist tummeln sich schon auf der Bühne, bevor Sängerin Alina Süggeler dazu kommt. Zu hören ist dann fast das ganze Konzert über aber quasi nur ihre Stimme, eine penetrant aggressive Bassdrum und das Keyboard. Gitarrist Julian Cassel hat zwar ein üppiges Solo am Ende von Denn Liebe ist, wirkt ansonsten aber so deplatziert (und unhörbar), dass man beinahe glauben mag, er darf bei Frida Gold nur noch mitmachen, weil er früher immer der einzige war, der ein Auto hatte. Noch schlimmer: Bassist Andi Weizel. Er schafft es nicht nur, sich mit einem Outfit aus Tarnhose, Glitzershirt und Don-Johnson-Gedächtnis-Sakko auf die Bühne im Anker zu wagen. Er trägt auch noch die Frisur von Aron Strobel auf (jawohl, der schmierige Typ von der Münchner Freiheit) und gibt dazu den größten denkbaren Poser vor dem Herrn. Kein Wunder, dass er sich so toll findet: Wohl niemand sonst schafft es, derart virtuos immer bloß einen Ton zu spielen.
Alina Süggeler, von der Grazia unlängst unter die Top10 der schönsten Frauen der Welt gewählt, entschädigt zwar für derlei optische Folter. Als sie in Leipzig auf die Bühne kommt, trägt sie einen Jumpsuit mit Pelzkragen und kleinem Bauchfrei-Einblick. Und sie ist ganz offensichtlich in ihrem Element. Eine gute Woche sind Frida Gold auf der aktuellen Tour schon unterwegs, Saarbrücken, Rostock oder Frankfurt waren einige der bisherigen Stationen. „Für uns fühlt sich das alles wie zuhause an“, sagt Alina Süggeler zum Leben auf Tour – und es fällt nicht schwer, ihr zu glauben, wie sehr die Band den Erfolg genießt.
Auch im Anker in Leipzig ist der Saal voll (obwohl Frida Gold erst im Juni in der Moritzbastei Station gemacht hatten) und der Jubel groß. Mit Morgen beginnen Frida Gold die Show, Undercover heizt die Stimmung noch ein bisschen mehr an, nach einer guten Viertelstunde ist die Coverversion von Spandau Ballets Gold allerdings ein kleiner Dämpfer. Mit dem Hit Zeig mir wie du tanzt (zu dem die Fans in die Knie gehen und aufspringen) kriegen sie freilich wieder die Kurve und zeigen dann mit den Balladen Nackt vor deiner Tür und Ich atme weiter ihre ruhige Seite.
Gerade dabei, wenn Frida Gold mit ihren Songs quasi nackt dastehen, wird aber deutlich: So richtig funktioniert diese Musik nicht. Alina Süggeler will ganz offensichtlich so stilsicher und innovativ sein wie Robyn, am Ende gibt es gemeinsames Getrommel wie bei Foals und zwischendurch darf als nette Indie-Geste ein befreundeter Singer-Songwriter ein Liedchen vortragen. Trotzdem haben die Lieder von Frida Gold auch eine gute Portion Eurodance und sogar eine nicht geringe Prise Helene Fischer in sich. „Die Menschen dürfen gern Pop zu dem sagen, was wir machen. Uns geht es eher darum, dass Pop nicht gleichgesetzt werden muss mit Castingshow und Musik aus der Dose“, hat Alina Süggeler in einem Interview mit news.de einmal das Selbstverständnis von Frida Gold erklärt.
Doch bei dem Konzert in Leipzig merkt man, wie schwer sich Frida Gold tun, den Begriff „Pop“ uneingeschränkt zuzulassen. Manches wirkt halbherzig ambitioniert, an anderen Stellen scheitern gute Melodien, weil sie von zu viel Style erdrückt werden. Nach dem Erfolg des Debütalbums Juwel scheinen Frida Gold gefangen zwischen Kunst und Kommerz. Die Show in Leipzig zeigt, wie schwer es für die Band werden kann, sich auf der nächsten Platte für eine der beiden Richtungen zu entscheiden. Denn das Konzert zeigt auch: Genug Talent, um beides dauerhaft zu vereinen, haben Frida Gold nicht.
Frida Gold spielen Unsere Liebe ist aus Gold live (allerdings nicht in Leipzig):
Draufgeschaut: Reine Chefsache
| Film | Reine Chefsache |
| Originaltitel | In Good Company |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2004 |
| Spielzeit | 106 Minuten |
| Regie | Paul Weitz |
| Hauptdarsteller | Dennis Quaid, Topher Grace, Scarlett Johansson, Marg Helgenberger, Selma Blair |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Dan ist 51, erfolgreich als Anzeigenverkäufer bei einer Sportzeitschrift und glücklicher Familienvater. Dann wird er in seiner Firma degradiert – ausgerechnet in dem Moment, als seine Frau erneut schwanger ist und die Tochter an eine teure Uni wechseln will. Als wäre das nicht schon problematisch genug, entpuppt sich sein neuer Boss auch noch als 26-jähriges Milchgesicht.
Das sagt shitesite:
Rückblickend kann Reine Chefsache als erster Film über die Finanzkrise angesehen werden – vier Jahre vor der Finanzkrise. Regisseur Paul Weitz zeigt hier flott und unterhaltsam, aber ohne falsche Rücksichtnahme oder erhobenen Zeigefinger, wie Globalisierung und Profitgier die scheinbare Sicherheit der amerikanischen Mittelschicht angreifen. Dass dabei mit Klischees gearbeitet wird wie Carter, dem jugendlichen Überflieger im Job, der sich aber im echten Leben als Soziallegastheniker erweist, macht Reine Chefsache kaum schwächer, sondern betont eher, wie zwangsläufig und unbarmherzig die Mechanismen des Business greifen.
Großartig ist Dennis Quaid als Manager vom alten Schlage und zerknitterter Familienvater, der erst von Rationalisierung bedroht scheint, dann selbst zum Jobvernichter werden muss und inmitten all dieser Veränderung versucht, halbwegs anständig zu bleiben. Wie er nicht nur um seinen Posten, sondern auch um seine Ehre, seine Tochter (natürlich bezaubernd: Scarlett Johansson) und Männlichkeit kämpft, das ist ebenso amüsantes wie cleveres Kino – mit einem Schuss Provokation.
Bestes Zitat:
“Ich bin verflucht mit einer intakten Familie.”
Der Trailer zum Film:










