Digitalism, Werk 2, Leipzig

November 7, 2011 · Posted in Live, Musik · Comment 
Drei Leute, ganz in schwarz - das reicht bei Digitalism für die Bühnenshow. Und wirkt ein bisschen wie Rock.

Drei Leute, ganz in schwarz - das reicht bei Digitalism für die Bühnenshow. Und wirkt ein bisschen wie Rock.

Eine Band. So nennt Isi Tuefekci, die eine Hälfte von Digitalism, sein Projekt inzwischen. „Idealism war ein Album, das von zwei Produzenten gemacht wurde. Aber danach hat man uns ins kalte Wasser geschmissen und gesagt: So, Ihr spielt jetzt live. Und diese Erfahrung hat Digitalism wirklich verändert“, verriet er mir unlängst im Interview. „Wir haben viel gesehen und viel erlebt. I Love You, Dude ist auf jeden Fall aus einer ganz anderen Perspektive heraus entstanden. Wir sind jetzt wirklich eine Band. Eine Zwei-Mann-Band, auch wenn das vielleicht komisch klingt.“

Beim Konzert im Werk 2 in Leipzig wird dieses Zwitterdasein von Digitalism erst recht deutlich. Über die gesamte Dauer des Konzerts scheinen sich die Hamburger nicht entscheiden zu können, ob sie lieber die Chemical Brothers sein wollen oder die Strokes. Und diese Zerrissenheit führt zu höchst spektakulären Ergebnissen.

Auch optisch vereint das Konzert Rock- und Danceelemente. Jens Moelle und Aki Tuefekci (verstärkt durch einen Drummer) sind komplett in schwarz gekleidet: Rock. Das Bühnenbild zeigt eine Skyline-Silhouette aus LED-Lichtern: Dance. Nach 10 Minuten gibt es ganz hinten die ersten „Digitalism“-Sprechchöre: Rock. Nach 20 Minuten lassen Digitalism eine Mega-Version, quasi einen Live-Remix der Melt-Hymne 2 Hearts erklingen: Dance. Nach 30 Minuten versucht sich vorne jemand als Crowdsurfer: Rock. Bei Circles, dem letzten Song vor der Zugabe, fliegt irgendwo in der Mitte im Werk 2 ein Glowstick durch die Luft: Dance.

Wenn das Licht angeht, gibt es eine LED-Skyline: Dance.

Wenn das Licht angeht, gibt es eine LED-Skyline: Dance.

Dass dieser Mix in Leipzig blendet ankommt, steht im Werk 2 nicht eine Sekunde lang infrage. Auch wenn Jens Moelle als Sänger an diesem Abend nicht immer die richtigen Töne trifft, herrscht von Anfang an Ekstase. Am Ende von 2 Hearts ist sich keiner im Publikum zu cool, um nicht mit den Händen das Herzzeichen zu formen, das Digitalism auf der Bühne vorgeben. Das Finale von Idealistic wird durch einen call-and-response-Gesang mit den Fans veredelt.

Am meisten verwundert an dieser Show nicht einmal die Souveränität, mit der Digitalism mittlerweile Bühnen dieser Größe beherrschen (in drei Wochen steht für sie eine große USA-Tour an, für die sie offensichtlich mehr als gut gewappnet sind). Es ist auch nicht die Tatsache, dass es an diesem Abend völlig obsolet wird, so etwas wie Genregrenzen festlegen zu wollen. „Wenn ich definieren müsste, worum es bei uns geht, dann würde ich sagen: ganz viele Elemente zusammenzupacken. Den melodiösen Part, den härteren Part, die Indie-Part, den Club-Part. Darum geht es, aber da steckt kein größeres Konzept dahinter. Wir fangen einfach an“, sagt Isi Tuefekci schließlich – und in Leipzig lassen Digitalism diesen Worten definitiv Taten folgen.

Das alles aber wird in den Schatten gestellt von der Tatsache, dass viele der Leute im Publikum derart abfeiern und ausflippen, als wäre das ihr erstes Konzerterlebnis, ihre erste Begegnung überhaupt mit Musik dieser Art. Dass dem nicht so ist, erkennt man nicht nur an den vielen Digitalism-T-Shirts in der Menge. Dass es trotzdem so wirkt, ist ein toller Beleg für die Macht dieses Sounds, für seine Frische und zugleich seine Nachhaltigkeit. Denn auch das macht das Konzert in Leipzig klar: Die größte Stärke von Digitalism ist nicht der Hype und nicht die Show. Sondern so etwas Altmodisches und Unwiderstehliches wie Musikalität.

Digitalism spielen Home Zone und Blitz live im Werk 2 in Leipzig:

 

Draufgeschaut: Richie Rich

November 7, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Richie Rich (Macaulay Culkin) ist der reichste Junge der Welt.

Richie Rich (Macaulay Culkin) ist der reichste Junge der Welt.

Film Richie Rich
Produktionsland USA
Jahr 1994
Spielzeit 90 Minuten
Regie Donald Petrie
Hauptdarsteller Macaulay Culkin, Jonathan Hyde, Edward Herrmann, Christine Ebersole, John Larroquette, Michael McShane, Claudia Schiffer
Bewertung ***

Worum geht’s?

Richie Rich ist ein Baseballtalent – und der reichste Junge der Welt. Er lebt in Saus und Braus, hat liebevolle Eltern und einen loyalen Butler. Doch mit den Kindern in seinem Elite-Internat kann er nicht viel anfangen. Als er echte Freunde sucht, merkt er, dass ihm sein Wohlstand im Wege steht. Und dann sind da ja auch noch die Gangster, die seine Eltern töten und ihn als Erben ausschalten wollen.

Das sagt shitesite:

Richie Rich ist eine sehr altmodische, aber sehr charmante Geschichte über wahre Werte und die alte Moral, dass Geld nicht alles ist. Ein Schuss Selbstironie sorgt dafür, dass Richie Rich  trotzdem kein Hohelied auf den Konservativismus wird, sondern ein unterhaltsames Stück Familienkino.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: U2 – “Achtung Baby”

November 7, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · 5 Comments 
Mit "Achtung Baby" katapultierten sich U2 auf einen Schlag in die Avantgarde.

Mit "Achtung Baby" katapultierten sich U2 auf einen Schlag in die Avantgarde.

Künstler U2
Album Achtung Baby (Deluxe Edition)
Label Island
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Selbstbeweihräucherung ist ja nicht gerade eine neue Eigenschaft im Charakter von Bono Vox. Praktiziert er sie sonst meist im Hinblick auf sein soziales und politisches Engagement, huldigt er mit seinen U2-Kollegen nun auch der eigenen musikalischen Bedeutung: Vor 20 Jahren erschien Achtung Baby, und das Jubiläum wird von U2 mehr als angemessen gefeiert.

Ihre Fans bescheren U2 mit nicht weniger als sechs neuen Varianten von Achtung Baby. Das Original-Album kommt auf CD noch einmal heraus. Dazu kommt eine Deluxe Edition (mit einer zweiten CD mit B-Seiten und anderen Raritäten). Außerdem erscheint ein Set mit vier Vinyl-LPs. Schließlich gibt es eine Super Deluxe Edition mit sechs CDs, vier DVDs, einem Buch und 16 Kunstdrucken. Bei der Über-Deluxe-Edition, die dem Jubiläumsreigen die Krone aufsetzt, sind dann zusätzlich noch fünf Vinyl-Singles dabei und das Sonnebrillen-Modell, das Bono im Video für The Fly getragen hat.

So viel Getue wirkt auf den ersten Blick übertrieben für das siebte Album einer Rockband, das in kommerzieller Hinsicht zunächst wie ein relativer Flop wirkte. Mit Achtung Baby verfehlten U2 in England (im Gegensatz zu den vier Alben davor und den fünf danach) die Spitze der Charts, in Deutschland kam die Platte (ebenfalls trotz zweier vorangegangener Nummer-1-Alben) nicht einmal in die Top10. Dafür erwies sich Achtung Baby als Dauerbrenner. Fünf erfolgreiche Singles warf die CD ab, fast 20 Millionen Exemplare wurden verkauft, im Jahr 1993 gab es zudem einen Grammy für die Platte.

Vor allem aber war das Album für die irische Band nicht nur eine Frischzellenkur, sondern eine Neuerfindung. Mit Achtung Baby wurden U2 plötzlich Avantgarde und legten letztlich den Grundstein dafür, dass sie auch im Jahr 2011 noch existent und relevant sind.

Nicht alles auf Achtung Baby klingt 20 Jahre später noch modern, aber alles klingt nach wie vor ambitioniert. Die ersten Töne des Albums kommen von einer fiesen Gitarre, die aus einem Heavy-Metal-Song stammen könnte oder zumindest von Billy Corgan. Der Beat dazu ist maschinell, die Stimme verzerrt. Heute, nach Garbage oder den Nine Inch Nails, klingt das nicht mehr allzu aufregend. Aber wenn man bedenkt, dass Zoo Station unmittelbar an die U2 der 1980er Jahre anknüpft, an aufrechte, pathetische Rocker, dann ist das ein ungeheuer innovativer Sound.

Auch Even Better Than The Real Thing transportiert von Beginn an die Botschaft: Wir wollen es wissen! Das Lied steigert sich mit einem famosen Drive hin zu einem echten Höhepunkt. Spätestens nach diesen 221 Sekunden ist klar: U2, die sich bisher vor allem über Authentizität definierten, sind in der Postmoderne angekommen. Und sie sind plötzlich sexy. Auch die B-Seiten, die in der Deluxe Edition auf einer zweiten CD versammelt sind, zeigen eine Band auf der Höhe ihres Könnens. Blow Your House Down, der einzige bisher unveröffentlichte Track, ist ein stampfender Kracher, der während der 20 Jahre im Archiv kaum Frische eingebüßt hat.

Natürlich gibt es bei so viel Wagemut auf Achtung Baby auch Fehltritte. So Cruel nimmt mit einem HipHop-Beat und sparsamen Klaviertönen die Ästhetik von Bruce Springsteens Streets Of Philadelphia vorweg, ist aber etwas blass und leer – und vor allem deutlich zu lang. Auch Tryin’ To Throw Your Arms Around The World hat nicht allzu viel Substanz. Ultra Violet (Light My Way) klang 1991 womöglich noch recht passabel, ist mit seinen Synthie-Streichern und den ultrahohen Gitarrentönen aber nicht allzu gut gealtert.

Dem stehen auf Achtung Baby aber genug Triumphe gegenüber. The Fly setzt auf ein ganz ähnliches Rezept wie Zoo Station. Ein fast schmerzhaftes Gitarrensolo von The Edge, dazu der Gesang von Bono, der sich im Break in ungeahnte Jimmy-Sommerville-Höhen aufschwingt – das funktioniert glänzend. Diese Fliege könnte durchaus eine spanische gewesen sein, und mit so viel Energie und Ehrgeiz war The Fly die perfekte Vorab-Single für Achtung Baby.

Acrobat (mit grandiosem Drumming von Larry Mullen) ist ein faszinierender Mix aus Dramatik und Entspannung, Mysterious Ways ist meisterhaft produziert und punktet zudem mit dem ultratiefen Bass von Adam Clayton. Until The End Of The World hat putzige Rave-Anleihen (im Sinne von The Farm oder dem Baggy-Sound, den auch Blur damals noch pflegten), der Rausschmeißer Love Is Blindness ist ebenso verführerisch wie rührend.

Nicht zuletzt ist da ja noch One, das schon damals wie ein moderner Klassiker geklungen haben muss. Auch im Rückblick ragt das Lied auf Achtung Baby heraus. Nicht nur wegen seiner kompositorischen Klasse, sondern vor allem, weil es hier nicht um Individualismus oder Eklektizismus geht wie in vielen anderen Songs des Albums, sondern um Universalität. „Love is a temple / love the higher law“, heißt eine der zentralen Zeilen. Das ist vielleicht die größte Stärke des Stücks: One ist ein Liebeslied an die Liebe an sich.

Zusammen mit Who’s Gonna Ride Your Wild Horses ist es zudem der einzige Song auf Achtung Baby, den man sich auch problemlos auf einem der früheren Alben von U2 hätte vorstellen können. Gerade im Kontrast dazu tritt die Stärke von Achtung Baby hervor. Hatten Nirvana im Jahr 1991 mit Nevermind gezeigt, dass Rockmusik nach wie vor bedeutend, aufrührerisch und sinnstiftend sein kann, beseitigten U2 einen anderen damals gängigen Zweifel. Achtung Baby war der Beweis, dass Rockmusik nach wie vor innovativ sein konnte – und wurde so zur Messlatte für das ganze Jahrzehnt.

Aufbruchstimmung in Berlin: U2 sprechen über die Entstehung von Achtung Baby:

U2 bei MySpace.