Hingehört: The Juan Maclean – “Everybody Get Close”

Dezember 31, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Everybody Get Close" versammelt einige Nebenwerke von The Juan Maclean.

Künstler The Juan Maclean
Album Everybody Get Close
Label DFA
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Eine ganze Weile wirkt Everybody Get Close wie eine Zeitreise. Und zwar nicht in die Zukunft, sondern zurück in die Entwicklungsgeschichte der elektronischen Musik, Evolutionsstufe für Evolutionsstufe.

Schon der Ausgangspunkt befindet sich nicht im Hier und Jetzt. Stattdessen wirkt der Opener Find A Way mit seiner 1990er-Jahre-Ibiza-Heiterkeit, dem Pianoriff, dem Pseudo-Slogan im Refrain („You’ve got to find a way / every night and day“) und dem Call-And-Response-Gesang von Juan Maclean mit seiner Bandkollegin Nancy Whang fast wie eine Persiflage auf eine vergangene Epoche des House.

Dann geht es noch weiter zurück. Let’s Talk About Me scheint der Zeit von The Shamen oder KLF entsprungen. Das Rezept heißt hier: Ein möglichst monotoner Beat trifft auf einen möglichst abwechslungsreichen Bass und ein möglichst irres Drumherum, dazu wird eine Soulstimme durch den Wolf gedreht.

Human Disaster scheint dann noch weiter in die Vergangenheit einzutauchen, mit einer Ahnung von New Order, ganz viel Human League und den alten Synthie-Sounds von West End Girls. Doch dann machen ein paar Klavierakkorde und eine tolle Stimme daraus plötzlich einen ganz klassischen und sehr modernen Housetrack, zu dem sich dann noch sehr feine Percussions und ein G-Funk-Orgelsolo gesellen.

Die Verwirrung ist nicht verwunderlich, denn Everybody Get Close ist kein normales Album. Stattdessen versammeln The Juan Maclean auf diesem nur digital erhältlichen Werk einiges, was in den vergangenen Monaten (neben ihrer Zusammenarbeit etwa mit Holy Ghost oder Shit Robot) entstanden ist, aber bisher nicht oder kaum regulär verfügbar war. Feel So Good war beispielsweise schon enthalten auf ihrer Variante der DJ Kicks, erschienen 2010. Fünf der Tracks gab es schon auf der EP Find A Way, die nur bei Konzerten von The Juan Maclean verkauft wurde. Dazu kommen drei Remixes. Das bereits erwähnte Human Disaster ist gleich zweimal vertreten: In der eben beschriebenen Version von Holmes Price und gegen Ende des Albums im Jay Dee Remix, der gleichzeitig berauscht und verkatert daher kommt, wie eine etwas derangierte und balearische Ausgabe der Klaxons.

Everybody Get Close zeigt, wie innig The Juan Maclean die elektronische Musik lieben, und wie filigran sie mit ihren Möglichkeiten umgehen. Die Ergebnisse sind aus Sicht des Hörers nicht immer zwingend, aber stets bleibt erkennbar, worin die Faszination aus Sicht des Machers lag. Immer wieder erkennt man, wie detailverliebt diese Lieder entwickelt sind, wie sie von Kleinigkeiten und winzigen Variationen profitieren. Deviant Device beispielsweise ist im gleichen Maße stoisch wie spannend – ein Track, der sich quasi in sich selbst vortastet. Auch When I’m With You bleibt instrumental und baut ganz viel Comic-Spaßigkeit im Stile der Gorillaz rund um ein Bass-Riff auf. The Robot klingt später, als würden The Juan Maclean einfach bloß ihre Geräte hochfahren – und die freuten sich mächtig, endlich wieder eingesetzt zu werden.

Feel So Good hat von Anfang an einen energischen Rhythmus, der den Song trotzdem immer weiter nach vorne (oder besser: nach oben) treibt. Wenn nach zweieinhalb Minuten die Stimme von Nancy Whang einsetzt, wird daraus endgültig ein einziger Rausch, und als das Stück nach mehr als zehn Minuten endet, ist man beinahe geschockt, dass davon nur ein recht plumper Beat übrig bleibt.

Happy House klingt im Cut Copy Remix sonnig, unbeschwert, sexy und der Welt entrückt – also genau so, wie man sich auf einer Tanzfläche fühlen will. X2 wird mit einer tiefen Stimme und den Fetzen eines zu Tode erschrockenen Kinderchors verdammt bedrohlich. Am Ende steht sehr funky Everybody Get Close mit einer Vocoderstimme, etwas, das wie eine Marimba klingt, und etwas, bei dem man wetten möchte, dass es ein echtes Schlagzeug ist. Das macht, auch auf Albumlänge, großen Spaß und ist ein sehr netter Service am Fan.

The Juan Maclean machen aus The Double Door in Chicago ein Happy House:

The Juan Maclean bei MySpace.

Draufgeschaut: Stand By Me

Dezember 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 

In den Ferien sind vier Jungs auf der Suche nach Nervenkitzel.

Film Stand By Me
Produktionsland USA
Jahr 1986
Spielzeit 89 Minuten
Regie Rob Reiner
Hauptdarsteller Wil Wheaton, River Phoenix, Corey Feldman, Jerry O’Connell, Kiefer Sutherland, John Cusack, Richard Dreyfuss
Bewertung ****

Worum geht’s?

Vier Jungs haben ein Gerücht aufgeschnappt: Ganz in der Nähe ihres kleinen Städtchens soll die Leiche eines Jungen liegen, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und seitdem nicht gefunden wurde. In den Ferien machen sie sich auf den Weg in ein Abenteuer, das aufregender wird, als sie zunächst erwarten.

Das sagt shitesite:

Melancholisch und sehr einfühlsam werden in Stand By Me sowohl die Welt des Jahres 1959 als auch die Kindheit allgemein als Idyll dargestellt, hinter dem Abgründe lauern.

Der Trailer zum Film:

Die wichtigsten neuen Alben 2012

Dezember 31, 2011 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 

Das Debüt des Jahres könnte schon im Januar kommen - von Lana Del Rey. Foto: Universal/Nicole Nodland

Lady Gaga, Bilanz 2011: Sie hat die 1000. Nummer-1-Single in der Geschichte der Billboard-Charts gelandet. Sie hat einen Bambi bekommen. Sie hat ihr aktuelles Album an die Spitze der Hitparaden in mehr als 20 Ländern gebracht. Sie hat eine Modekolumne geschrieben, ein Lied mit Cher aufgenommen, zwei MTV Video Music Awards gewonnen. Sie hat sich von Laurieann Gibson getrennt – der Frau, die vier Jahre lang ihr Image geschaffen hat. Sie hat sich einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde gesichert für die meisten Twitter-Follower überhaupt (derzeit: mehr als 17 Millionen) und einen weiteren Preis dafür, dass sich Poker Face insgesamt 83 Wochen (das sind mehr als anderthalb Jahre) in den US Digital Hot Songs gehalten hat. Und sie hat es trotz ihrer Omnipräsenz noch immer auf Platz 7 bei den am schnellsten wachsenden Fanseiten auf Facebook geschafft.

2011 war das Jahr von Gaga, so wie 2010, 2009 und 2008 auch. Ein kleiner Wunschtraum deshalb für das neue Jahr: Lady Gaga könnte ihre Born This Way Ball Tour abblasen und sich stattdessen entschließen, Trapezkünstlerin, Polizeichefin in Medellin oder irgendetwas anderes zu werden, bei dem man auch lustige Kostüme tragen kann, mangelndes Talent aber sehr schnell recht verheerende Folgen haben kann. Selbst, wenn das nicht geschieht, dürfte 2012 aber eine Menge guter Nachrichten für Musikfans bereithalten.

Denn trotz des weiterhin schrumpfenden Musikmarkts (1,4 Milliarden Euro wurden 2011 in Deutschland umgesetzt, davon nach wie vor mehr als 80 Prozent mit physischen Tonträgern) dürfte das Angebot im neuen Jahr noch umfangreicher, komfortabler und günstiger werden. Eine Einigung von YouTube mit der Gema ist zumindest in Sichtweite, Facebook arbeitet an einer Kooperation mit Spotify, die den Dienst mit einiger Wahrscheinlichkeit auch endlich nach Deutschland bringen wird, und die Zahl der hierzulande ansässigen Webradios ist auch in diesem Jahr noch einmal um rund 15 Prozent gestiegen. Auch, wer es ganz klassisch mag und Musik am liebsten auf CD, Vinyl oder gar live genießt, für den hält 2012 reichlich bereit.

Wer veröffentlicht neue Platten?

Reichlich Giganten haben für das kommende Jahr neue Alben angekündigt. Ganz vorne dabei: Paul McCartney. Er hat zwar nur Coverversionen einiger seiner Lieblingslieder aufgenommen, doch immerhin haben den Ex-Beatle dabei Größen wie Eric Clapton und Stevie Wonder unterstützt. Das Album mit dem Arbeitstitel My Valentine erscheint am 6. Februar.

Mit Bruce Springsteen hat ein weiterer ganz Großer der Branche einen neuen Longplayer für 2012 angekündigt. Auch Pearl Jam (im Frühjahr) und U2 (Ende des Jahres) versprechen neue CDs. An der Rock-Front stehen noch weitere Giganten-Werke ins Haus: Muse wollen im Oktober ihre neue Scheibe präsentieren, auch Green Day haben ein Album fürs neue Jahr angekündigt. Die Foo Fighters werden zumindest ins Studio gehen – ob ihr achtes Studioalbum aber rechtzeitig fertig wird, um noch im nächsten Jahr zu erscheinen, ist unklar.

Im Herbst will Robbie Williams seine neue CD vorlegen. Ob er seinen Niedergang aufhalten kann? Foto: Emi

Auch auf den Popmarkt wartet neues Material von einigen Großkopferten. Für den Herbst 2012 plant Robbie Williams die Veröffentlichung seines neuen Albums, das derzeit in Los Angeles entsteht. Nach dem Intermezzo bei Take That ist er mindestens ebenso gespannt wie seine Fans: „Vor einer Weile sagte ich, dass das neue Album wie Escapology klingen wird. Ich muss diese Aussage korrigieren: Diese Platte hat mit keiner ihrer Vorgänger Ähnlichkeit. Ich kann die Veröffentlichung kaum erwarten“, sagte Robbie Williams unlängst.

Nicht ganz so lange lässt Madonna auf sich warten: Ihre neue Single Gimme All Your Luvin (mit Nicki Minaj and MIA) kommt schon im Januar raus, danach folgt das Album. Weitere Highlights für das Popjahr 2012: Nelly Furtado will nach dem Erfolg von Loose (2006) nachlegen. Auch das zweite Album der Ting Tings ist längst überfällig und soll nun im Februar erscheinen. Ebenfalls heiß ersehnt: Das Debüt von Senkrechtstarterin Lana Del Rey. Nach dem Erfolg der Single Video Games folgt am 27. Januar das Album namens Born To Die.

Zudem gibt es 2012 einige spektakuläre Comebacks. An erster Stelle zu nennen: die Beach Boys. Nachdem Brian Wilson in der vergangenen Jahren wieder Gefallen an Liveshows gefunden hat, gibt es zum 50. Jubiläum der Band eine Tournee in Originalbesetzung und auch ein neues Album. „Ich vermisse die Jungs, und es wird richtig spannend für mich, mit ihnen eine neue Platte aufzunehmen und auf der Bühne zu stehen“, sagt Brian Wilson. Insgesamt 50 Konzerte ab April sind angekündigt, im August stehen mit Berlin und Stuttgart auch zwei Stationen in Deutschland auf dem Programm.

Auch wieder da: Black Sabbath, inklusive Ozzy Osbourne. Mit Produzent Rick Rubin arbeiten die Hardrock-Pioniere gerade an einem neuen Album, am 4. Juni sind sie in Dortmund live zu erleben. In die Rubrik „Comeback“ fällt auch das neue Werk der Smashing Pumpkins. Oceania soll Anfang des Jahres erscheinen. Frontmann Billy Corgan preist es schon jetzt als „das beste Album seit Mellon Collie“ an. Auch No Doubt geben nach mehr als zehn Jahren wieder ein Lebenszeichen von sich.

Wer ist auf Tour?

Einige der erfolgreichsten Livekünstler dieses Jahres haben sich im Studio eingeschlossen, aber auch auf den Konzertbühnen der Welt herrscht 2012 keine Langeweile. Neben Madonna und Bruce Springsteen, die ihre neuen Platten live präsentieren, und den Rückkehrern Black Sabbath und Beach Boys sind beispielsweise auch Sting (im Februar und März in Deutschland) und Radiohead (die live sogar einige neue Songs spielen wollen) unterwegs. Nicht ganz abwegig ist auch die Vorstellung, dass die Rolling Stones ihr 50. Band-Jubiläum mit einem angemessenen Event feiern werden, auch wenn bisher nichts dergleichen angekündigt ist (Update 3. Januar: «Ich hole die Jungs zusammen und dann schauen wir mal, was passiert. Ich bin nicht Nostradamus, aber wir alle wollen etwas zur großen 5-0 machen», hat Keith Richards gerade durchblicken lassen).

Große Vorfreude herrscht sicher auch auf die Deutschland-Termine von Florence & The Machine, die im März anstehen. Dann sind außerdem auch Culcha Candela auf deutschen Bühnen unterwegs, auch The BossHoss werden im Frühjahr für den einen oder anderen Konzertspaß sorgen.

Was machen die deutschen Künstler?

Wer seine Musik am liebsten aus der Heimat mag, der wird 2012 fürstlich versorgt. „Das Ende ist noch nicht vorbei“, lautet das Motto bei den Ärzten, die im Sommer eine große Tournee planen und zuvor am 13. April 2012 ein neues Studioalbum vorlegen werden. Auch Die Toten Hosen sind 2012 auf Tour – allerdings nur in ausgewählten Wohnzimmern von Fans, und natürlich zum gefühlt vierhundertsten Mal bei Rock am Ring. Ebenfalls bei einigen der großen Festivals zu sehen sind die Sportfreunde Stiller im Sommer – nicht ausgeschlossen, dass sie dabei auch ein paar neue Lieder im Gepäck haben werden.

Lena zum dritten wird es 2012 heißen. Das wird spannend. Foto: Universal/Sandra Ludewig

Gespannt sein darf man auf das neue Werk von Seeed, das für Frühjahr angekündigt ist. Auch Lena will 2012 eine neue Platte herausbringen. Die Frage wird höchst interessant, wie der Weg der Grand-Prix-Siegerin weitergeht. Noch höher hängt die Messlatte für Unheilig nach dem Mega-Erfolg mit Große Freiheit. Am 24. Februar wird es die neue Single So wie du geben, am 16. März folgt das Album Lichter der Stadt, eine Tournee mit 19 Terminen im Sommer rundet die Unheilig-Festspiele ab. Das im Februar 2010 erschienene Große Freiheit tummelt sich derweil noch immer in den Top 40 der deutschen Album-Charts – so ein Dauerbrenner dürfte dann sogar Lady Gaga neidisch machen.

Eine leicht gekürzte Version dieses Artikels mit einer Fotostrecke zum Musikfahrplan 2012 gibt es auch bei news.de.

Draufgeschaut: Scream 3

Dezember 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 

Auch mit einer neuen Identität wird Sidney Prescott (Neve Campbell) von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Film Scream 3
Produktionsland USA
Jahr 2000
Spielzeit 112 Minuten
Regie Wes Craven
Hauptdarsteller Neve Campbell, Courteney Cox, David Arquette, Parker Posey, Jenny McCarthy, Liev Schreiber, Patrick Dempsey
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Bei den Dreharbeiten zum Horrorfilm Stab 3 wird einer der Hauptdarsteller ermordet. Bald darauf stirbt noch eine Schauspielerin. Den Produzenten wird klar: Ein Killer will das gesamte Ensemble erstechen, und zwar genau in der Reihenfolge, wie das im Drehbuch vorgesehen ist. Die Polizei tappt im Dunkeln und bittet die Journalistin Gale Weathers um Hilfe, die ein Buch über die reale Mordserie geschrieben hat, die dem Film zugrunde liegt. Sie gerät ebenso ins Visier des Mörders mit der Maske wie Sidney Prescott, die einzige Überlebende der Morde von damals.

Das sagt shitesite:

Horror im Quadrat könnte Scream 3 bieten. Doch die eigentliche Handlung ist einigermaßen langweilig. Vor allem im Vergleich zum ersten Teil von Scream kommt hier kaum Spannung auf, es gibt praktisch keine Schockmomente und auch deutlich weniger Blut. Das wäre an sich nicht schlimm, ist bei Teen-Horror aber ein fahrlässiger Mangel.

Am besten ist Scream 3 deshalb, wenn der Film sich selbst und sein Genre reflektiert. Da stehen die Figuren aus dem ersten Teil neben den Schauspielern, die sie in Stab 3 verkörpern sollen und streiten sich darüber, wer nun authentischer ist. Da wird thematisiert, dass es (wie beim echten Scream 3) drei verschiedene Drehbücher gibt, damit das Ende des Streifens nicht vorab im Internet ausgeplaudert wird. Und da hält eine eigentlich tote Figur eine Lehrstunde über das Wesen von Trilogien. Das ist dann in seinen besten Momenten durchaus witzig und sogar manchmal geistreich.

Bestes Zitat:

“Wenn wir aufhören, Horrorfilme zu drehen, gehen dann alle Psychopathen in Rente?”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Zun Zun Egui – “Katang”

Dezember 30, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Erst komplexer Krach, dann Rock ohne Charakter: Das sind die zwei Hälften von "Katang".

Erst komplexer Krach, dann Rock ohne Charakter: Das sind die zwei Hälften von "Katang".

Künstler Zun Zun Egui
Album Katang
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung *1/2

Ideen sind eine wichtige Sache. Genauso wichtig sind Menschen, die sich von Ideen begeistern lassen.

Allerdings gibt es bei dieser Spezies, egal ob auf der großen Bühne der Weltpolitik oder beim Small Talk auf einer Party, zwei Probleme. Erstens: Viel grandioser als die Idee an sich finden diese Menschen oft die Tatsache, dass es ihre Idee ist. „Stell Dir mal vor, wenn man dies und jenes zusammenbaut, dann hat man eine Maschine, die nie mehr stehenbleibt, sobald man sie einmal in Gang bringt“, könnten sie beispielsweise sagen – ohne auch nur zu ahnen, dass genau dieselbe Idee vor ihnen schon Tausende gehabt haben (und dann feststellen mussten, dass ein Perpetuum Mobile nicht funktioniert). Zweitens: Meist vergessen diese Menschen den Unterschied zwischen Idee und Realität. „Stell Dir mal vor, es gebe kein privates Eigentum mehr und alle Menschen würden gemeinschaftlich für die gemeinsame Sache leben“, könnten sie beispielsweise vorschlagen. Es ist die alte Sache mit „gut“ und „gut gemeint“.

Genau so verhält es sich mit Zun Zun Egui. Das Quartett aus Bristol hatte eine Idee. „Stell Dir mal vor, man würde Rock und Funk und ganz viel anderes in einen Topf werfen und dann daraus ein Album machen. Komplex, irre und brachial. Mit Gesang in allen möglichen exotischen Sprachen. Und das ganz ohne Computer, sondern von vier Männern, die das wirklich spielen können.“ Das Ergebnis, nach ein paar 12-Inches als erste Lebenszeichen von Zun Zun Egui, ist nun das Debütalbum Katang.

Das Ergebnis ist entsprechend vielseitig, virtuos – und unhörbar. Der Titelsong gleich zum Auftakt klingt wie kaputte Red Hot Chili Peppers und baut dann auch noch Ska ein und sogar einen Teil, in dem man Scatman John am Werke wähnt. Mr. Brown wirkt danach wie eine indianische (darf man das sagen? oder muss es heißen: amerikanischeureinwohnerische) Variante von Audioslave und ist eines der vielen Stücke hier, bei denen der Bass quasi die Melodie trägt. Cowboy platziert sich irgendwo zwischen Sepultura und Panteón Rococó.

Das alles klingt, als hätten sich Kushal Gaya (Gitarre/Gesang), Yoshino Shigihara (Keyboard/Gesang), Matthew Jones (Drums) und Luke Mosse (Bass, er hat das Album auch produziert) im Grundkurs Aggressionsbewältigung kennengelernt. Doch dann, nach knapp der Hälfte von Katang, haben sich Zun Zun Egui plötzlich abreagiert und die Platte bekommt einen neuen Charakter. Leider ist der auch nicht überzeugender. Zusammenfassen kann man die übrigen sechs Stücke mit: Rock ohne Markenkern.

Shogun klingt wie eine psychedelische Skizze der Smashing Pumpkins, die Single Fandango Fresh hätten die späten The Clash an einem richtig schlechten Tag schreiben können. Dance Of The Crickets könnte als Demo von Sublime durchgehen, Sirocco hat eine Blues-DNA und klingt wie eine Kreuzung aus den Doors und Dinosaur Jr. auf dem Sterbebett.

Der Rausschmeißer Heart In A Jar ist, wie so Vieles auf diesem Album, bloß ein Vorwand, um zu zeigen, wie gut Zun Zun Egui ihre Instrumente beherrschen und wie gerne sie Led Zeppelin, The Mars Volta oder wenigstens den Queens Of The Stone Age nacheifern würden. Twist My Head lässt an Incubus denken und ist, natürlich, ein naiver Aufruf zur Revolte. Das ist wieder so eine Idee, die nicht durchdacht ist und bringt Katang auf den Punkt: Hier ist ganz viel Energie, vielleicht sogar guter Wille. Aber weit und breit kein guter Song.

Dieses Live-Video von Zun Zun Egui zeigt, warum das Wort “Fusion” in Musikerkreisen inzwischen verboten ist:

Zun Zun Egui bei MySpace.

Draufgeschaut: The Doors

Dezember 29, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Für Jim Morrison (Val Kimer) und seine Freundin Pam (Meg Ryan) wird die Karriere der Doors zum ultimativen Trip.

Für Jim Morrison (Val Kimer) und seine Freundin Pam (Meg Ryan) wird die Karriere der Doors zum ultimativen Trip.

Film The Doors
Produktionsland USA
Jahr 1991
Spielzeit 140 Minuten
Regie Oliver Stone
Hauptdarsteller Val Kilmer, Kyle MacLachlan, Kevin Dillon, Frank Whaley, Meg Ryan, Billy Idol, Kathleen Quinlan
Bewertung ****1/2

Worum geht’s?

Eigentlich möchte Jim Morrison Filme drehen. Doch an der Uni erkennen seine Freunde, dass in ihm ein Sänger, Songwriter und begnadeter Frontmann steckt. Sie gründen eine Band und erlangen schon bald legendären Status. The Doors werden zu düsteren Ikonen der Flower-Power-Ära. Doch Jim Morrison verliert den Boden unter den Füßen.

Das sagt shitesite:

Schon in der ersten Szene wird klar, wie Regisseur Oliver Stone hier den Helden porträtieren wird: Jim Morrison ist für ihn ein Romantiker, Exzentriker und Egomane. Die anderen Mitglieder der Doors sind schon bald nur noch Randfiguren in diesem Biopic, dennoch ist The Doors genau der richtige Titel für diesen Film. Denn auch wenn Ray Manzarek, Robby Krieger und John Densmore hier über weite Strecken wie blasse Erfüllungsgehilfen ihres genialischen Sängers wirken, so ist es doch immer wieder die Musik der Doors, die gefeiert wird. Hätte es zu ihrer Zeit schon Musikvideos gegeben, hätte man ihre Songs nicht passender illustrieren können als Stone es hier tut. Seine Bilder verstärken die Musik nicht nur – in vielen Momenten vervollständigen sie sie.

Vor diesem Hintergrund gelingt es, Morrison zu würdigen, auch ein stückweit zu verklären, ohne ihn jedoch zu vergöttern. Jim Morrison wird dargestellt als leidenschaftlich und ehrgeizig, aber auch als selbstverliebt und cholerisch. Er ist Ikone und Arschloch – ein Mann, der besessen ist von seiner Kunst, von der er sich Erlösung verspricht, und in der er doch bloß den Exzess findet. Ein stückweit ist er hier die Verkörperung dessen, was Rock’N'Roll ausmacht: Morrison lotet jede Grenze aus und empfindet jede Konvention als persönliche Beleidigung – kindisch, brutal und ohne Rücksicht auf Verluste.

Kein Wunder, dass er so zur Blaupause wurde für beispielsweise Axl Rose oder Kurt Cobain. Dazu gehört auch seine hier manchmal etwas zu dick aufgetragene Todesahnung, die im Verlauf des Films immer mehr zu Todessehnsucht wird. “I feel most alive confronting death”, sagt er schon sehr früh im Film – und er beweist es danach immer wieder. In der Mitte der 1960er Jahre, als die Doors mitten in die Beat-Ära platzten, musste Morrison mit solch einer Sichtweise nicht nur wie eine Ein-Mann-Freakshow wirken. Er war (und blieb) auch der gelebte Hedonismus, die Verkörperung der Dekadenz, der perfekte Rockgott.

Am Ende ist er fast kein Mensch mehr, sondern nur noch Rockstar: jede Geste eine Pose, jeder Satz eine Songzeile. Es ist eine der Stärken des Films, diese anstrengende Eitelkeit vorzuführen, diesen entrückten Blick, der am Ende nichts Genialisches mehr hat, sondern bloß noch Einsamkeit bedeutet. The Doors zeigt, wie prätentiös Jim Morrison war (auch wenn der Film dafür selbst an einigen Stellen prätentiös werden muss), und wie modern er in dieser Mentalität letztlich war: Die Inszenierung seiner Kunst war ihm mindestens ebenso wichtig wie die Kunst selbst.

Bestes Zitat:

“I think of myself as a sensitive, intelligent human being. But with a soul of a clown that always forces me to blow it at the most crucial moment.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Snow Patrol – “Fallen Empires”

Dezember 28, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Snow Patrol liefern mit "Fallen Empires" eine weitere Hymne auf die Mittelmäßigkeit ab.

Snow Patrol liefern mit "Fallen Empires" eine weitere Hymne auf die Mittelmäßigkeit ab.

Künstler Snow Patrol
Album Fallen Empires
Label Universal
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **1/2

„Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein“, hat Oscar Wilde einst gesagt. Gut hundert Jahre nach seinem Tod liefern Snow Patrol den vielleicht besten Beweis für diese These ab.

Es gibt wohl nur wenige Leute, die Snow Patrol als ihre absolute Lieblingsband bezeichnen würden. Kaum jemand wird für die Band aus Nordirland sterben wollen und die Zahl der weltweiten Snow-Patrol-Tattoos dürfte sich ebenfalls in sehr überschaubarem Rahmen bewegen. Aber es gibt viele, die Snow Patrol ganz okay finden, die die Stimme von Sänger Gary Lightbody mögen oder die sich freuen, wenn im Radio wieder einmal Chasing Cars läuft. Diese Leute lieben dann sicherlich REM, oder sie vergöttern U2. Aber sie mögen auch Snow Patrol. Das reicht immerhin, um Fallen Empires jeweils auf Platz 3 der Charts in England und Deutschland zu befördern.

Für die Band ist das natürlich eine Katastrophe. Jeder Künstler strebt nach Vollendung, Mittelmaß ist tödlich und auch Platz 2 ist nicht genug. Snow Patrol haben lange unter diesem Stigma gelitten, und auch auf Fallen Empires, wie die drei Alben zuvor ebenfalls von Jackknife Lee produziert, sind sie nicht immer frei von der Versuchung, den hämischen Kritiken mit noch mehr Ehrgeiz, Bombast und Brimborium zu begegnen. Songtitel wie The Symphony oder gar Broken Bottles Form A Star (Prelude) lassen jedenfalls Schlimmes befürchten.

Allerdings wird Fallen Empires, das sechste Album der Band, dann doch keine prätentiöse Katastrophe. Mit I’ll Never Let Go beginnt die Platte beinahe zurückhaltend, bevor das Schlagzeug für Dramatik und die Bridge für das nötige Pathos sorgt. Nach gut zwei Minuten kommt dann freilich doch ein „Ohoho“-Chor, und alle, die befürchtet (oder gehofft) hatten, Snow Patrol würden sich vom handwerklich ordentlichen Stadionrock verabschieden, können beruhigt sein. Das erwähnte Broken Bottles Form A Star (Prelude) entpuppt sich als harmloses Outro, The Symphony erweist sich gar als ein Höhepunkt des Albums: Das Lied hat einen kompakten Beat, schwingt sich dann im Refrain auf und bleibt auch danach leidenschaftlich, ohne überkandidelt zu werden (und das trotz erneuter „Ohoho“-Chöre und einer Länge von sechs Minuten), bis eine schräge Gitarre den Schlusspunkt bildet.

Die Vorab-Single Called Out In The Dark kann sich auf einen energischen, guten Groove verlassen, der Titelsong zeigt sich ebenfalls dezent elektronisch. Die zweite Single This Isn’t Everything You Are hat eine sehr schöne Strophe und einen noch schöneren Refrain. Im ebenfalls wunderhübschen Lifening scheint die zentrale Textzeile “This is all I ever wanted from life” dann sogar fast zum Manifest der beschaulichen Begnügsamkeit zu werden, die Snow-Patrol-Hasser der Band immer vorwerfen.

The Weight Of Love und In The End sind hingegen bloß Snow Patrol by numbers, The Garden Rules bleibt völlig belanglos, obwohl sogar der L.A. Inner City Mass Choir eingesetzt wird. Das Quasi-Instrumental Berlin liefert nur ahaha, Plinkerplonker und Streicher. Das städtische Gegenstück New York hingegen wird eine gelungene Pianoballade, in der all die Leidenschaft (und ein kleines bisschen wohl auch die Wut darüber, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man sich wohl fühlt in der Mitte der Gesellschaft) eine gelungene Form findet.

Fallen Empires liefert somit viel Solides, manch Rührendes, ein paar Überraschungen. Unterm Strich also: Snow Patrol, so wie man sie kennt. Wenn sie sich irgendwann damit abgefunden haben, dass sie nicht Coldplay sind, können Snow Patrol dieses Urteil vielleicht sogar als Kompliment annehmen.

Snow Patrol bei MySpace.

Pop! Selbstironie! Miniröcke: Das charmante Video zu Called Out In The Dark:

Draufgeschaut: Rain Man

Dezember 27, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Charlie (Tom Cruise, rechts) und Raymond (Dustin Hoffman) sind ungleich Brüder, finden aber zueinander.

Charlie (Tom Cruise, rechts) und Raymond (Dustin Hoffman) sind ungleich Brüder, finden aber zueinander.

Film Rain Man
Produktionsland USA
Jahr 1988
Spielzeit 128 Minuten
Regie Barry Levinson
Hauptdarsteller Tom Cruise, Dustin Hoffman
Bewertung *****

Worum geht’s?

Charlie Babbitt kennt in seinem Leben nur einen Fixpunkt: sich selbst. Die Beziehung zu seiner Freundin nimmt er nicht ernst, seine Geschäftspartner haut er mehr schlecht als recht übers Ohr und zu seiner Familie hat er seit Jahren keinen Kontakt mehr. Als sein Vater stirbt und den Großteil seines Vermögens dem autistischen Raymond hinterlässt, ist Charlie außer sich. Er nimmt Raymond als Geisel. Doch bald erkennt er in ihm seinen Bruder – und findet zu sich selbst.

Das sagt shitesite:

Rain Man erzählt eine rührende Geschichte, die vor allem duch die sensible Annäherung an das Thema Autismus besticht. Ein famoser Dustin Hoffman sorgt dafür, dass das sogar charmant geschieht, statt die Betroffenheit erdrückend werden zu lassen.

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Veronica Falls – “Veronica Falls”

Dezember 27, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Liebeslieder mit einer dunklen Seele gibt es auf "Veronica Falls".

Liebeslieder mit einer dunklen Seele gibt es auf "Veronica Falls".

Künstler Veronica Falls
Album Veronica Falls
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Von so etwas träumt man als Band. Gerade einmal zehn Minuten war die MySpace-Seite von Veronica Falls online, da meldete sich Mike Sniper bei der Band. Er ist Boss von Captured Tracks, einer der hippsten Plattenfirmen New Yorks. Und er wollte unbedingt Found Love In A Graveyard veröffentlichen, die erste Single von Veronica Falls.

So kam es dann auch. Weitere Songs auf ebenso angesagten Labels folgten, ein Live-Debüt als Vorgruppe von The Pains Of Being Pure At Heart und nun das Debütalbum. Die Begeisterung, die das Quartett aus London umweht, ist nicht sonderlich erstaunlich. Roxanne Clifford, James Hoare (jeweils Gitarre und Gesang), Patrick Doyle (Schlagzeug) und Marion Herbain (Bass) machen etwas, was schon seit den Zeiten von Buddy Holly und den Everly Brothers blendend funktioniert: Rocksongs mit einem gebrochenen Herzen und einer dunklen Seele.

“We love bands like Beat Happening, Velvet Underground, Galaxie 500 and Felt, but we also love over-emotionalism. We all originally bonded over the sinister sides to love songs from the 50’s and 60’s”, bestätigt Drummer Patrick Doyle auch gleich diese Traditionslinie. Das Debütalbum Veronica Falls ist voll mit ebenso hübschen wie morbiden Liebesliedern.

Noch bezeichnender für diese Platte ist aber ein dauernder Kampf. Fast alle Lieder auf Veronica Falls klingen, als wolle ein Teil dieser Songs davon preschen, während der andere es lieber bedächtig angehen lassen möchte. Die Musik ist energisch, der Gesang eher sphärisch – dieses Konzept ist in All Eyes On You am offensichtlichsten, aber es gilt auch für fast alle anderen dieser insgesamt zwölf Stücke.

Die erwähnte Single Found Love In A Graveyard klingt, als würden sich Belle & Sebastian in Grufties verwandeln: Das Lied hat ihre Liebe zu Melodie und Sixties-Atmosphäre, ein niedliches Zusammenspiel von Männer- und Frauenstimme, auch die geschickt vorgetäuschte Naivität, die man an den Schotten (auch drei Viertel von Veronica Falls kommen eigentlich aus Glasgow) so schätzt – aber eben auch eine düstere Aggressivität. Right Side Of My Brain wird mit seinen wilden Drums und der feurigen Gitarre nicht ganz Velvet Underground, aber zumindest Jonathan Richman. The Fountain ist rotzig und verführerisch wie es Elastica waren.

Man hört Veronica Falls an, dass die Lieder innerhalb von nur drei Tagen aufgenommen wurden, und das tut diesem Werk gut. Ursprünglich hatte man auf einen weitaus elaborierteren Sound setzen wollen, die Ergebnisse landeten dann aber im Mülleimer, erklärt James Hoare: “The previous session ultimately sounded overproduced. We ended up recording live, and it was this old fashioned method which captured the sound and feel of the band more accurately.”

Nun hat Misery ein nettes Retro-Flair à la The Long Blondes (inklusive einer acapella-Strophe ganz am Ende, die beinahe wie ein mittelalterlicher Kanon klingt), Bad Feeling hat die Raffinesse von The Drums und auch die Einfachheit (aber nicht die Unbedingtheit) der Ramones. Beachy Head (über eine Klippe an der englischen Südküste, die sich unter anderem durch ihre Anziehungskraft auf Selbstmörder einen Namen gemacht hat) klingt mit seinen Space-Chören etwas spinnert und lässt an die frühen B-52s denken.

Das Beste haben sich Veronica Falls für das Schlussdrittel aufgehoben. The Box wäre in jedem Zeitalter ein verdammt guter Song gewesen, auch in Wedding Day werden Lederjacke und Plüsch-Pyjama herrlich vereint. Der wundervolle Titelsong ist sehr stimmig und bewahrt sich doch den Rest eines Geheimnisses. Und ganz am Schluss, in Come On Over, bemerkt man plötzlich, dass niemand den Kampf zwischen Kraft und Träumerei gewonnen hat, sondern dass Veronica Falls daraus eine überzeugende, ungeahnte Symbiose geschaffen haben.

Morbid ist diese Musik in jedem Fall. Aber beim Videodreh am Beachy Head wollte dann glücklicherweise doch niemand von Veronica Falls springen:

Veronica Falls bei MySpace.

Durchgelesen: Florian Huber – “Meine DDR”

Dezember 26, 2011 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
"Meine DDR" erzählt die Geschichte des SED-Staats aus der Perspektive seiner Bürger.

"Meine DDR" erzählt die Geschichte des SED-Staats aus der Perspektive seiner Bürger.

Autor Florian Huber
Titel Meine DDR. Leben im anderen Deutschland
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***

Als die DDR gegründet wurde, waren sich selbst ihre Gründungsväter sicher, mit diesem Staat allenfalls ein Provisorium geschaffen zu haben, für ein paar Monate, im höchsten Falle Jahre. Doch dann hatte dieser Staat Bestand, er überlebte 40 Jahre lang – und in ihm seine Menschen. Wie ist das zu erklären – und wie fühlte sich das Leben im anderen Deutschland, so der Untertitel des Buches, an? Diesen Fragen will Meine DDR, Begleitbuch zur Fernsehserie im Ersten, nachgehen. Die Macher wollen, wie NDR-Redakteur Hans-Jürgen Berner im Vorwort schreibt, nichts weniger als “eine Gesamtschau der DDR-Geschichte wagen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen widerspiegelt, und die aus einer kritischen Perspektive von Politik und Alltag in der DDR erzählt, von Illusionen und Realitäten.”

Grundlage sind hunderte Fragebögen von Menschen, die in der DDR gelebt haben. Aus ihren Biographien wird eine erstaunlich zusammenhängende und vollständige Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik synthetisiert. Viele einzelne Schicksale ergeben hier ein Gesamtbild, das durchaus Handbuchcharakter beanspruchen kann.

Autor Florian Huber (geboren in Nürnberg und somit quasi die einzige westdeutsche Stimme, die hier zu Worte kommt), möchte mit diesem Buch, neben dem inhaltlichen Anliegen, ganz unverhohlen auch einen Beweis für die Leistungsfähigkeit der Oral History antreten. Das gelingt – und doch hätte man ihm gewünscht, sich für dieses Vorhaben ein weniger kontroverses Thema herausgesucht zu haben.

Denn Meine DDR ist leider ein wenig tendenziös geraten. Vor allem in den Abschnitten über die Anfangsjahre greift der Autor immer wieder (bis in die Wortwahl hinein) zu übertriebenen Vergleichen mit dem NS-Regime. Beim Zusammenbruch des Staates fegt er einfach über die Frage hinweg, wie aus der Idee, die DDR zu reformieren, plötzlich der Traum von der deutschen Wiedervereinigung werden konnte. Und dazwischen hat man mitunter den Eindruck, rund die Hälfte der 17 Millionen DDR-Bürger seien Theologiestudenten gewesen.

Immer wieder wirkt es, als wolle Huber ganz sicher gehen, dass dieses “andere Deutschland” auch wirklich als Diktatur erkannt wird. Wiederholt schildern die Protagonisten zwar, wie sie sich mit der DDR abgefunden, arrangiert oder sogar identifiziert haben. Doch bis auf eine Ausnahme rücken sie alle noch vor dem Jahr 1989 von dieser Position ab – und werden so zur Personifizierung des zwangsläufigen Zusammenbruchs des Systems.

Das Team hinter der Fernsehserie und dem Buch begreift die Geschichte der DDR “als eine Geschichte der Menschen, die sie gegründet, bekämpft, erduldet, verteidigt und an ihr gelitten haben”, erklärt Berner. Es ist kein Zufall, dass hier neutrale oder gar positive Partizipien fehlen wie “geprägt”, “akzeptiert” oder gar “geliebt”. Es gibt in diesem Buch keine Bürger, schon gar keine Patrioten – es gibt nur Opfer. Man muss angesichts dieser Tatsache nicht gleich von der Geschichtsschreibung der Sieger palavern. Aber es ist eine durchaus erstaunliche Auswahl an Mentalitäten und Biographien, bei der man zumindest hinterfragen darf, wie repräsentativ sie ist.

Immerhin: Gerade durch den Ansatz, verschiedene Protagonisten durch ihre ganz eigene Geschichte zu begleiten, wird hier auch der ganz banale Alltag greifbar, der Pragmatismus der Menschen – und auch die positiven Seiten des Arbeiter- und Bauernstaates, etwa die weit vorangeschrittene Gleichberechtigung der Frauen.

Auch an anderer Stelle hat die Methode enorme Kraft: Wenn politische Häftlinge, Republikflüchtlinge, Kirchenvertreter oder die Opfer von Zwangsumsiedlung und Enteignung zu Wort kommen, dann wird das Geschehen ebenso eindrucksvoll wie bedrückend – eben weil es bei ihren Erfahrungen keinen Interpretationsspielraum gibt, sondern nur ganz konkretes, individuelles und jahrelanges Leid.

So hinterlässt das Buch am Ende einen zwiespältigen Eindruck: Ein gut gemeinter methodischer Ansatz zeigt hier seine Tragfähigkeit, die Interpretation der Autoren macht einen Teil davon wieder zunichte. Meine DDR ist eines der wenigen Bücher, die dem Alltag im SED-Staat nahe kommen. Das Unpolitische, das viel zitierte Zwischenmenschliche – all das kommt in Meine DDR vor, wenn auch bloß im Hintergrund und stets als zerbrechlich, vergänglich und von permanenter Frustration bedroht. Das Diktatorische, die Allmacht der Partei und ihr Durchgreifen in alle Lebensbereiche, das wird hingegen als unentrinnbar und unverrückbar geschildert. Die Geschichte hat bewiesen, dass es genau umgekehrt war.

Bestes Zitat: “Nach dem Ausbau der Grenze im August 1961 war die DDR kein normales Land mehr. Die Mauer wurde zur hässlichen Metapher für den sozialistischen Staat, den ‘Mauerstaat’, und blieb es bis zu ihrem Ende. Die Staatspartei SED hatte gezeigt, dass sie ihrem Staatsvolk nicht traute, dass ihr die eigene Existenz wichtiger war als die Freiheit, ja selbst das Leben ihrer Bürger.”

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