Hingehört: Shearwater – “Animal Joy”
| Künstler | Shearwater |
| Album | Animal Joy |
| Label | Sub Pop |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***1/2 |
Seien wir ehrlich: Shearwater hätten allen Grund, ein wenig unmotiviert zu sein. Schon in ihrer Geburtsstunde 2001 waren sie irgendwie keine vollwertige Band, sondern nur eine weitere Spielwiese von Will Sheff (Okkervil River) – ausgerechnet der hat dann 2008 auch noch sein eigenes Nebenprojekt verlassen. Jonathan Meiburg (Gitarre, Klavier), Kimberly Burke (Bass) und Thor Harris (Schlagzeug) schlagen sich seitdem alleine durch – und das, obwohl Meiburg und Burke einmal ein Paar waren, und mittlerweile geschieden sind. Nach sechs hoch gelobten, aber mäßig erfolgreichen Platten standen sie auch noch ohne Label da – ihr letztes Album Shearwater Is Enron, eine Sammlung von Instrumentalstücken, brachten sie in Eigenregie heraus.
Nun ist das Trio aus Austin bei SubPop untergekommen. Und tatsächlich zeigen sie auf Animal Joy, ihrem achten Longplayer, keine Spur von Frustration oder Lustlosigkeit. Im Gegenteil: Shearwater haben sich neu erfunden. Statt einer mysteriösen, thematisch eng verwobenen Trilogie wie zuletzt gibt es auf Animal Joy vergleichsweise konkrete Stücke. Immaculate, das gut zu Maximo Park passen würde, kann man beispielsweise nicht anders als „straight“ nennen. Believing Makes It Easy ist kurz vor Schluss gerade deshalb so stark, weil der Song fast nichts außer einem klitzekleinen Geheimnis zurückhält.
Das Triebhafte des Menschen (und die vergeblichen Versuche, das Tier in uns zu domestizieren) kann man zwar als Leitmotiv ausmachen. Immer wieder treffen in den Texten Hirn und Instinkt aufeinander. Der Albumtitel wird durch Zeichnungen von Tieren im Booklet erweitert. Und über die Session mit Produzent Danny Reisch sagt Jonathan Meiburg sogar: “We’re having trouble taming this one. But luckily, we don’t really want to.”
Doch überall sind bei Shearwater jetzt, um im Bild zu bleiben, reichlich Muskeln an diesen Songs, gelegentlich auch Fell, Hörner, Klauen und Zähne. Animal Life schleicht sich an, mit einem sehr luftigen Sound, wird dann aber schnell ungeduldig, energisch und am Ende glorios. Breaking The Yearlings dreht von Beginn an ein ganz großes Rad und macht mit seinem Sound die Tatsache nicht mehr ganz so unvorstellbar, dass Shearwater einmal als Vorgruppe für Coldplay gespielt haben. Auch das dynamisch-bombastische You As You Were geht in diese Richtung.
Spätestens bei Insolence ist kaum mehr zu fassen, wie kreativ und ehrgeizig Shearwater nach wie vor sind. Industrial, Folk, Dub, Americana, Rock, Blues und ein bisschen Brecht/Weill – all das steckt in diesen knapp sechseinhalb Minuten, gekrönt von einer guten Dosis Verzweiflung.
Daneben ist es der Gesang von Johathan Meiburg, über den man auf Animal Joy immer wieder fassungslos den Kopf schütteln muss. Vor allem in den etwas reduzierteren Momenten wie Dread Sovereign, wo er lange Zeit zu einer trockenen Telecaster singt, oder dem herrlich verlorenen Run The Banner Down fällt auf, wie treffsicher er für jede Stimmung die passende Stimme findet. Mal klingt er wie Peter Gabriel, dann wie Dave Gahan, mal wie Paul Smith, dann wieder wie Bryan Ferry, und wenn es sein muss, hat er auch Morten Harket oder David Bowie drauf, wie im feinen Rausschmeißer Star Of The Age. Gut zu wissen, dass in Shearwater noch so viel Energie und Zukunft steckt. Das hätte damals im Jahr 2001 wohl besser heißen müssen: Lebenprojekt.
Die netten Menschen von Sub Pop bieten Animal Joy, also tatsächlich gleich das ganze Album von Shearwater, im Stream an:
Draufgeschaut: Woodstock
| Film | Woodstock. Three days of peace and music. |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1974 |
| Spielzeit | 184 Minuten |
| Regie | Michael Wadleigh |
| Hauptdarsteller | The Who, Jimi Hendrix, Joe Cocker, Canned Heat, Joan Baez, Crosby Stills & Nash, Sly & The Family Stone |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Es war ein Wagnis: Zwei junge Männer stellten ein Rockfestival auf die Beine. Sie hatten keine Ahnung, ob es ein Erfolg werden würde. Drei Tage später hatte Woodstock eine ganze Generation definiert.
Das sagt shitesite:
Woodstock ist eine famose Dokumentation. Nicht nur wegen der spektakulären Konzertmitschnitte beispielsweise von Jimi Hendrix, The Who oder Joe Cocker. Sondern auch, weil es Woodstock gelingt, die gesamte Bedeutung des Events einzufangen, die keinem der Beteiligten vorher klar war und die doch schon im Verlauf der drei Tage erahnt werden konnte.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: The Cranberries – “Roses”
| Künstler | The Cranberries |
| Album | Roses |
| Label | Cooking Vinyl |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **1/2 |
Die Cranberries sind zurück. Nach mehr als zehn Jahren gibt es mit Roses wieder ein Studioalbum des irischen Quartetts. Man muss sagen: Richtig vermisst hat die Band um Sängerin Dolores O’Riordan wohl niemand. Und man muss fragen: Warum jetzt ein Comeback?
These 1: Das Geld ist alle. Diese Vermutung wird gerne geäußert, wenn einstige Größen plötzlich wieder ins Rampenlicht drängen. Wie schwer es ist, aus der Versenkung aufzutauchen (vor allem, wenn man mittlerweile ein paar zusätzliche Pfunde hat) und an alte Großtaten anzuknüpfen (vor allem, wenn man mittlerweile etliche Gehirnzellen vernichtet hat), dafür gibt es genug Beispiele, hinter denen man die (auch in finanzieller Hinsicht) blanke Verzweiflung vermuten muss.
Im Falle der Cranberries ist das aber ziemlich unwahrscheinlich. Man muss zwar nicht unbedingt RTL-Experte Frank Ehrlacher glauben, der kürzlich in der Ultimativen Chartshow behauptet hatte, ein einzelner Welthit (nach RTL-Definition bedeutet das: Platz 1 der Charts in England, den USA und Deutschland) reiche aus, um einen Rockstar samt der kommenden zwei Generationen sorgenfrei leben lassen zu können. Aber 20 Millionen Exemplare, die alleine von den ersten beiden Cranberries-Alben verkauft wurden, dürften noch für eine Weile reichen. Zumal der Überhit Zombie nach wie vor für konstante Einnahmen sorgt – egal, ob auf Samplern mit Ballermann-Hits oder Rock-Klassikern.
These 2: Sie wollen es noch einmal wissen. Das ist schon etwas wahrscheinlicher. Denn aufzuhören, wenn es am schönsten ist – das haben die Cranberries definitiv verpasst. Wake Up And Smell The Coffee (2001), ihr bisher letztes Studioalbum, kam in Deutschland zwar noch auf Platz 7 der Charts. In den USA (Platz 46) und in England (Platz 61), wo die Iren ebenfalls große Erfolge gefeiert hatten, blieben sie hingegen weit hinter den Erwartungen zurück. Die letzten beiden Singles aus diesem Album erreichten gar nicht mehr die Hitparaden, und auch das ein Jahr später veröffentliche Best-Of-Album wollte kaum jemand haben.
Als die Cranberries 2003 eine Pause auf unbestimmte Zeit ankündigten, da dürfte das bei den meisten Musikfans allenfalls noch ein müdes Schulterzucken ausgelöst haben. Nun haben sie für Roses wieder Stephen Street (Blur, Kaiser Chiefs) als Produzent engagiert, der schon bei den ersten beiden Alben zu Glanzzeiten der Band hinter den Reglern saß.
Dass sie mit ihrem sechsten Longplayer noch einmal die Musikszene aufmischen wollen, streiten die Cranberries allerdings ab. Dolores O’Riordan ist mittlerweile 40 und lebt als Mutter von vier Kindern in Kanada. “Ruhm ist nicht mehr relevant. Und Erfolg bedeutet für mich jetzt vor allem, zu Hause glücklich zu sein”, sagt sie im Interview mit dem Mediendienst Teleschau.
These 3: Sie funktionieren einfach wieder. Das scheint der wahre Grund für das Comeback zu sein. Zum einen, was die Musik angeht. Als sie 2003 ihre Pause ankündigten, hatten die Cranberries ein gutes Jahrzehnt quasi rund um die Uhr als Band verbracht. Roses profitiert deutlich davon, dass sie jetzt endlich wieder etwas haben, worüber sie schreiben können: ein Leben. In den Liedern geht es um ihre Kinder, den Tod von Angehörigen oder die eigene Verwunderung über die Ungeduld der Jugendtage.
Zum anderen funktioniert das Quartett aber offensichtlich auch auf persönlicher Ebene wieder. “Wahrscheinlich ist es so, dass wir jetzt mehr Respekt füreinander haben und für das, was wir tun”, meint O’Riordan, die in der Musikszene eine ganze Weile als nicht gerade pflegeleicht galt, vielsagend in einem Interview mit Billboard.com. “In der späten Phase, so um das Jahr 2003, waren wir ein bisschen in Routine verfangen. Jetzt sind wir wirklich glücklich und wissen zu schätzen, was wir aneinander haben.”
„When we get along / we’re really strong“, heißt dann auch eine zentrale Zeile im ersten Lied des Albums, Conduct. Die Instrumente schälen sich, auch das ist ein schönes Sinnbild für dieses Comeback, aus seltsam unbestimmtem Musizieren heraus, dann entwickelt sich ein Lied, das so etwas wie eine Hassliebe beschreibt und die Tatsache, dass man manchmal zuerst an sich selbst arbeiten muss, um mit dem Gegenüber wieder auskommen zu können.
Diese Erkenntnis hatten die Cranberries spätestens 2009, als Dolores O’Riordan vom Trinity College in Dublin geehrt wurde und aus diesem Anlass die alten Bandkollegen fragte, ob sie nicht ein paar Lieder spielen wollten. Gitarrist Noel Hogan, sein Bruder Mike am Bass und Schlagzeuger Fergal Lawler waren zur Stelle, und plötzlich fingen alle wieder Feuer. “Sobald wir anfingen zu spielen war es, als hätten wir nie aufgehört. Mit den Cranberries zu spielen ist, wie wenn man das perfekte Paar Schuhe anzieht. Es passt einfach. Es ist eine besondere Chemie”, erinnert sich Dolores O’Riordan, die zuvor auch zwei Soloalben veröffentlicht hatte.
Ein paar kleinere Konzerte bewiesen, dass die wiedergewonnene Spielfreude sich konservieren ließ, im Jahr 2010 folgte deshalb eine erfolgreiche Welttournee der Cranberries. Die besten der elf Stücke auf Roses entstanden bei den Soundchecks für diese Konzerte. Das bereits erwähnte Conduct zählt dazu. Auch die heitere Single Tomorrow, die energische Drums mit einer Smiths-Gedächtnis-Gitarre paart und in der die Stimme von Dolores O’Riordan glänzen kann. Noch immer klingt dieser Gesang höchst faszinierend, als hätte jemand einen 2000 Jahre alten keltischen Kehlkopf eingefroren und mit einem Effektgerät kombiniert, das erst im Jahr 3479 erfunden wird.
Nach wie vor ist es diese Stimme, die den Klang der Cranberries dominiert (und die eine Generation nach Zombie auch die Frage aufwirft, ob jüngere Kolleginnen wie Florence Welsh oder Ellie Goulding heute so ungewöhnlich, exaltiert und erfolgreich singen könnten, wenn ihnen Dolores O’Riordan nicht den Weg geebnet hätte).
Um ihren Wiedererkennungswert muss sich die Band somit auch nach neun Jahren Pause keine Sorgen machen. Lieder wie das schlafwandelnde Waiting In Walthamstow hätten auch wunderbar auf das Debüt Everybody Else Is Doing It So Why Can’t We gepasst. Das kraftvolle Losing My Mind flirtet zwar schüchtern mit elektronischen Elementen, wird aber jedem gefallen, der No Need To Argue im Regal stehen hat.
Bezeichnenderweise sind es die Stücke, die noch aus der Zeit vor der Bandpause stammen, die zu den schwächeren auf Roses gehören. Astral Projection ist mysteriös, aber etwas überambitioniert. Raining In My Heart sorgt durch das Akkordeon von Kevin Hearn für eine neue Klangfarbe, bleibt aber ansonsten etwas uninspiriert. Auch die Treueschwüre in Fire & Soul klingen etwas halbherzig.
Keines der Lieder unterschreitet aber die Kategorie „passabel“. Das krachige Schizophrenic Playboys hat sogar eine Unbedingtheit, die auch bei Musikern, die 15 Jahre jünger sind, keine Selbstverständlichkeit ist. So Good ist herrlich organisch und der Titelsong setzt einen rührenden Schlusspunkt für Roses. “Für mich war die ganze Zeit klar, dass wir ein weiteres Album machen würden”, sagt Noel Hogan stolz. “Wir mussten uns nur für eine Weile zurückziehen – da waren wir uns einig. Aber jetzt ist es großartig, zurück zu sein.”
Im Video zu Tomorrow haben die Cranberries einigermaßen schlecht den Albumtitel versteckt:
Draufgeschaut: Mr. Bean macht Ferien

Mr. Bean (Rowan Atkinson, links) will an den Strand und braucht dazu Stepan (Max Baldry) und die Hilfe von Sabine (Emma de Caunes).
| Film | Mr. Bean macht Ferien |
| Originaltitel | Mr. Bean’s Holiday |
| Produktionsland | Großbritannien/Frankreich |
| Jahr | 2007 |
| Spielzeit | 90 Minuten |
| Regie | Steve Bendelack |
| Hauptdarsteller | Rowan Atkinson, Max Baldry, Emma de Caunes, Willem Dafoe |
| Bewertung | ** |
Worum geht’s?
Bei einer Tombola in London gewinnt Mr. Bean eine Reise an die französische Riviera. Mit einer Handkamera will er seinen Urlaubstrip auf den Kontinent dokumentieren. Doch kaum steigt er in Paris aus dem Zug, folgt ein Missgeschick auf das nächste: Erst verliert er seinen Pass, dann hat er einen russischen Jungen am Hals und schließlich gerät er gar in einen Sturmangriff einer ganzen Nazi-Kompanie.
Das sagt shitesite:
Noch mehr als in den anderen Mr. Bean-Filmen glänzt Rowan Atkinson hier als weitgehend stummer Kasperkopf in bester Charlie-Chaplin-Manie. Doch seine Verrenkungen und Fratzen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mr. Bean macht Ferien so etwas wie eine Handlung und auch eine deutlich höhere Gagdichte fehlt.
Stattdessen werden die erwartbaren Themen verwurstet: französische Küche, französischer Radsport und französische Mademoiselles. Am besten ist Mr. Bean macht Ferien noch, wenn die Komödie die Filmbranche selbst aufs Korn nimmt, etwa mit der Handkamera, die immer viel zu nah ans Gesicht der Titelfigur zoomt, und vor allem am Schluss des Films mit der herrlichen Verballhornung der Filmfestspiele in Cannes.
Bestes Zitat:
“Ihr Französisch ist ausgezeichnet!” – “Gracias.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Amos Lee – “As The Crow Flies”
| Künstler | Amos Lee |
| EP | As The Crow Flies |
| Label | Blue Note |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
„Well I never asked for nothing / I got nothing in return“, behauptet Amos Lee in der ersten Zeile auf As The Crow Flies. So ganz stimmt diese Aussage nicht. Schaut man beispielsweise ein gutes Jahr zurück, in die letzte Januarwoche des Jahres 2011, dann entdeckt man eine Zeit, in der sich Amos Lee keineswegs über mangelnde Anerkennung und fehlenden Erfolg beschweren konnte. Damals erschien sein viertes Studioalbum Mission Bell, verkaufte 40.000 Exemplare binnen einer Woche und schoss unmittelbar an die Spitze der US-Charts.
Kein Wunder also, dass er gerne noch einmal einen Blick auf die Sessions zu Mission Bell geworfen hat. Zutage gefördert hat er dabei sechs Lieder, die es nicht auf das von Joey Burns (Calexico) produzierte Album geschafft hatten, und die Amos Lee nun als As The Crow Flies auf EP eröffentlicht.
Wer Crosby, Stills & Nash oder Bill Withers mag und kein Problem damit hat, sich die Musik von jemandem anzuhören, der schon als „männliche Norah Jones“ bezeichnet wurde, der dürfte in As The Crow Flies die Americana-Glückseligkeit finden. Amos Lee verbindet auf dieser EP ein hohes Maß an Könnerschaft, wie es die Amerikaner nun einmal schätzen, mit sympathischer Lässigkeit, sehr gutem Songwriting und einer unverwechselbaren Stimme.
The Darkness, der Auftaktsong, aus dem die bereits erwähnte Zeile stammt, ist mit Streichern und dem ganz großen Weltschmerz durchaus opulent, aber herb genug, um nicht in Kitsch-Verdacht zu geraten. Im sanften Simple Things (dem einzigen Stück auf As The Crow Flies ohne Calexico-Drummer John Convertino) kann die Stimme von Amos Lee glänzen. Say Goodbye wird anschließend trotz des Titels vergleichsweise heiter. Der Abschied, womöglich gar das Ende einer Beziehung, ruft hier ganz offensichtlich Trauer und Enttäuschtsein über das eigene Versagen hervor, aber auch Erleichterung.
Das beste Lied auf As The Crow Flies ist danach May I Remind You. Der Song hat eine herrliche Beiläufigkeit, die ihn noch wichtiger, echter gefühlt erscheinen lässt. Mama Sail To Me bekommt mit Mandoline und Akkordeon einen dezent irischen Einschlag, gleich danach klingt das an Nate James erinnernde There I Go Again mit seinen Funk-Anspielungen und Soul-Elementen dann durch und durch schwarz. So schafft es Amos Lee sogar innerhalb dieser nur sechs Lieder seine ganze Wandlungsfähigkeit zu zeigen. Da soll noch einer sagen, die Amerikaner verständen nichts von Recycling.
Schlicht und gekonnt: Amos Lee spielt Simple Things live:
Boy, Theaterfabrik, Leipzig

Bei ihnen fühlt man sich verstanden: Sonja Glass (links) und Valeska Steiner. Foto: Benedikt Schnermann/Add On Music
Sitzen oder stehen? Das ist die erste Frage, wenn man die Theaterfabrik in Leipzig betritt. Beim ausverkauften Konzert von Boy ist das keineswegs eine Banalität. In der Entscheidung schwingt nichts weniger mit als eine grundsätzliche Einordnung, eine Schublade für diese Band. Club oder Cabaret? Tanzen oder Träumen? Singen oder Schwelgen?
Boy nehmen ihren 750 Fans in Leipzig diese Entscheidung nicht ab, sorgen zum Glück aber schnell dafür, dass sich beide Fraktionen wohl fühlen. Man kann sich zu ihrem Programm wunderbar nach vorne begeben, wo mitgesungen wird, und wo schon am Ende des ersten Lieds jemand ein Feuerzeug entzündet (es bleibt dann freilich dankenswerterweise das einzige des Abends). Man kann sich auch hinten, wo es beinahe wirkt, als habe sich der Boden der Theaterfabrik aus Neugier ein bisschen nach oben gereckt, um zumindest einen verstohlenen Blick auf das Geschehen auf der Bühne werfen zu können, einen Kinosessel suchen, die Augen schließen und sich verwöhnen lassen von dieser „Musik, die nach ewig blauem Himmel klingt, sanfte Stimmen, große Melodien, keine unnötigen Aufregungen, geradeaus und hübsch“ (Süddeutsche Zeitung).
Denn, offen gesagt: Visuell verpasst man nicht allzu viel. Natürlich grenzt es an Frevel, sich dem optischen Zauber von Valeska Steiner aus Zürich (mit Minirock und goldenem Glitzertop) und Sonja Glass aus Hamburg (in einem etwas weniger glitzernden Bolero-Jäckchen) zu entziehen. Aber bis auf einen riesenhaften Lampion links von der Bühne und die Scheinwerfer, die zu jedem Lied die passende Farbe finden, passiert kaum etwas, was man „eine Show“ nennen könnte.
Das ist allerdings ein Segen für diesen Abend in Leipzig. Die Musik von Boy lebt, das ist die größte Stärke ihres Debütalbums Mutual Friends, von ihrer Zurückhaltung. Genau diesen Trumpf spielen Valeska Steiner und Sonja Glass gemeinsam mit ihrer vierköpfigen Band auch live aus. „Wir schwitzen sonst nie“, behaupten sie gar angesichts der schnell tropischen Temperaturen in der Theaterfabrik.
Auch sonst sind die Ansagen so schlau, wie man das angesichts der Reflexion und unangestrengten Poesie der Texte von Boy erhoffen durfte. Dabei wirkt nichts kalkuliert. Wenn Valeska Steiner versucht, mit ein bisschen Lokal-Small-Talk einen Draht zu den Leipzigern aufzubauen oder Boris mit dem Hinweis anmoderiert, dass es auch in der Schweiz durchaus Arschlöcher gibt, dann hat das genau die richtige Dosis Unbeholfenheit. Man darf fast gewiss sein: Egal, mit wie viel Wut, Frust oder Vorliebe für Dubstep/Volksmusik/Death Metal man zu einem Konzert von Boy kommt: Es wird fast unmöglich sein, diese Band nicht sympathisch zu finden.
Boy sind auf diesen Charakterzug nicht angewiesen, denn ihre Lieder sind stark genug, um auch noch zu gefallen, wenn sie von hässlichen, arroganten Snobs gespielt würden. Aber ihre Bescheidenheit („Wir spielen jetzt unsere zweite Tour und es ist total schön, dass diese Konzerte immer so gut besucht sind und dass so viele Leute da sind, die die Songs mitsingen und so“, sagt Valeska tatsächlich im Interview mit der LVZ) und die fortwährende Verwunderung über den eigenen Erfolg (am Ende von Little Numbers gerät die Band derart in Verzückung über diese gelungene Show und die Begeisterung in der Theaterfabrik, dass sie ein bisschen zu schnell wird und das Lied beinahe ins Straucheln gerät) sind bei den Konzerten ein wichtiger Faktor für die Bindung zu den Fans.
Der bunte Mix im Publikum, der verführerische Konsens, der bei diesem Konzert in scheinbar allen Fragen herrscht, und die Innigkeit, mit der hier Schüler-Cliquen, junge Familienväter und lesbische Pärchen gleichermaßen mitsingen – all das lässt an die Blütezeit von Wir Sind Helden denken. Der Albumtitel Mutual Friends bekommt bei den Konzerten noch einmal eine ganz neue Dimension: Hier fühlen sich Menschen verstanden.
Das gilt für Skin in der Mitte der Show, das die Vorfreude auf eine euphorische Partynacht und die Einsamkeit auf dem enttäuschten Heimweg auf den Punkt bringt (und dann als Zugabe in der Theaterfabrik noch einmal als Akustik-Version erklingt). Es gilt in Waitress, dem zweiten Stück des Abends, für die Hoffnung, die der Monotonie innewohnt, wenn man das möchte. Oder die etwas eitle Melancholie von Waltz For Pony, das sich in Leipzig als perfekter Beinahe-Schlusspunkt erweist.
Einen neuen Song haben Boy danach nämlich auch noch im Gepäck. Das Lied mit der zentralen Zeile „a hotel room is a hotel room“ verarbeitet ganz offensichtlich die Tristesse des Touralltags (kein Wunder: Glaubt man der Band, dann ist der Song erst vier Tage zuvor fertig geworden, und da gastierten Boy ausgerechnet in Bielefeld).
Am Ende haben die Fans alles richtig gemacht, die da waren – egal ob stehend oder sitzend. Vor der Bühne wird fleißig gewippt und geschunkelt, als in der zweiten Hälfte des Konzerts mit This Is The Beginning, Silver Streets oder Little Numbers das Tempo ein bisschen angezogen wird, kann man sogar richtiges Tanzen erkennen. Auf den Sitzplätzen hinten ist man sich zumindest nicht zu fein, auf Aufforderung von Valeska Steiner die Arme in die Luft zu recken. Aber die Euphorie eines Boy-Konzerts äußert sich ganz offensichtlich nicht in exstatischer Körperertüchtigung der Stehplatz-Fans oder im andächtigen Lauschen und frenetischen Applaus der Sitzenden. Blickt man sich nach dem Konzert um, erkennt man die Euphorie anderswo und überall: in den Gesichtern der Fans.
Boy spielen Boris live in der Theaterfabrik Leipzig:
Draufgeschaut: Die Wutprobe

Der Therapeut Buddy (Jack Nicholson, links) treibt den friedlichen Dave (Adam Sandler) zur Weißglut.
| Film | Die Wutprobe |
| Originaltitel | Anger Management |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 100 Minuten |
| Regie | Peter Segal |
| Hauptdarsteller | Adam Sandler, Jack Nicholson, Marisa Tomei, Heather Graham, Woody Harrelson |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Dave Buznik ist der friedlichste, schüchternste und zahmste Mensch, den man sich vorstellen kann. Doch durch ein Versehen wird er angeklagt, eine Stewardess angegriffen zu haben und zu einer Therapie verurteilt, um seine Gefühle besser in den Griff zu bekommen. Der Psychiater Buddy macht ihn aber eher aggressiv – und dann will er auch noch bei ihm einziehen und ihm die Freundin ausspannen.
Das sagt shitesite:
Die Wutprobe setzt nicht auf Schenkelklopfer, sondern lässt die absurde Ausgangssituation langsam ihre Wirkung entfalten und die Dynamik des Hauptdarsteller-Duos ihren Reiz entwickeln. Das ist ein wohltuender Ansatz und über weite Strecken auch unterhaltsam. Trotzdem: Ein bisschen mehr Verve wäre hier drin gewesen.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Maribel – “Reveries”
| Künstler | Maribel |
| Album | Reveries |
| Label | Splendour |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ** |
Es gibt solche Platten, die hört man, und merkt es gar nicht. Reveries, das zweite Album von Maribel aus Oslo, ist so eine Platte. Sie beginnt irgendwo in der Ferne und verflüchtigt sich dann immer mehr.
Man kann das durchaus reizvoll finden. Das Quartett, das sich nach dem Debüt Aestheircs komplett neu formiert hat, arbeitet im Prinzip mit einer klassischen Rock-Besetzung, kommt aber nie auch nur in die Nähe der Konventionen des Genres.
Falling Down The Stairs, das erste Stück auf Reveries, hat eine Gitarre wie Edwyn Collins, eine Sehnsucht wie Buddy Holly und Gesang, der bloß hingehaucht ist. Diese Kombination ergibt einen Sound, der filmisch klingt (Bandleader Pål Espen Kapelrud nennt unter anderem die Filmmusik von John Barry, Henry Mancini und Ennio Morricone als wichtige Einfluss für Reveries), aber trotzdem unscheinbar.
Dann folgt Jezebel Jive – und es wird klar, dass Maribel keine Lieder machen, in denen sich eine klare Struktur erkennen lässt. “I wanted the recording sessions on this album to be more experimental and open. I always have some notions of how I want the songs to sound, but I this time I also wanted the songs to evolve and grow while recording”, sagt Pål Espen Kapelrud, und als Resultat hat Jezebel Jive, wie viele andere Lieder des Albums, keine Strophe und keinen Refrain, sondern ist bloß ein andauerndes, seltsames Statement.
Meow! lässt mit seinem komplexen Beat (das Schlagzeug kommt von Bjarne Stensli, der Reveries auch produziert hat) an Portishead denken, das ätherische You Bring The Sadness erinnert an Twin Peaks. Auch Perfumed setzt sofort das Kopfkino in Gang: Das Lied klingt nach High Noon und Wüste, aber die Stimmen, die man hier hört, sind nicht die der todesmutigen Kontrahenten, sondern die der verängstigten Zuschauer.
Am Ende entwickeln Slumber Street und Devil’s Sigh eine faszinierende Schönheit und profitieren dabei von der geheimnisvollen Stimme der aus Deutschland stammenden Maribel-Sängerin Rebekka Markstein. Auch Pretty Nights klingt vergleichsweise lebendig. Mit einer anderen Musik im Hintergrund könnte dieser Gesang von den frühen Cardigans kommen, aber hier erklingen dazu Gitarren wie aus einem Verlies und komatöse Percussions. “Rebekka has kind of a jazzy touch to her voice and it fit perfectly to the mood I wanted to create. Aesthetically speaking it doesn’t hurt that she looks like a French movie star from the 60s. She completed the album in many ways”, erklärt Kapelrud die wichtige Rolle der neuen Sängerin.
Insgesamt sind Maribel, die schon als Vorgruppe für Interpol gespielt haben, mit ihrem Mix aus Fifties-Ästhetik, Shoegaze und Jazz aber schlicht zu schüchtern und unnahbar, um wirklich zu gefallen. Reveries klingt wie die Raveonettes unter Narkose.
Hatte ich Twin Peaks gesagt? Im Video zu Jezebel Jive setzen Maribel eher auf Shining:
Draufgeschaut: The Sixth Sense

Der Arzt Malcolm (Bruce Willis) will dem kleinen Cole (Haley Joel Osment) sein dunkles Geheimnis entlocken.
| Film | The Sixth Sense |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1999 |
| Spielzeit | 107 Minuten |
| Regie | M. Night Shyamalan |
| Hauptdarsteller | Bruce Willis, Haley Joel Osment, Toni Collette, Olivia Williams |
| Bewertung | ***** |
Worum geht’s?
Malcolm ist Kinderpsychologe. Doch aus seinem neuen Patienten wird er nicht schlau: Der kleine Cole ist völlig verängstigt. Erst langsam gewinnt er Vertrauen zu dem Arzt und offenbart ihm sein Geheimnis: Er sieht tote Menschen.
Das sagt shitesite:
The Sixth Sense ist tolles Kino: großartig gespielt, spannend, rührend, gruselig und mit einer famosen Pointe.
Der Trailer zum Film:
Der kritische Blick: Das Ende der Lohn-Bescheidenheit
Bis zu 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde. Das klingt anmaßend – ist aber überfällig. Denn mit ihrer jahrelangen Zurückhaltung haben die Gewerkschaften zwar dafür gesorgt, dass Deutschland wettbewerbsfähig ist. Das ging aber auf Kosten der Binnennachfrage und der anderen EU-Länder und hat so zur Euro-Krise beigetragen. Vor allem aber haben die Arbeitnehmer dadurch den Aufschwung verpasst. Das darf nicht so bleiben.
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