Hingehört: Graham Coxon – “A+E”

März 31, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Auch auf seinem achten Album "A+E" liebt Graham Coxon vor allem eins: seine Gitarre.

Auch auf seinem achten Album "A+E" liebt Graham Coxon vor allem eins: seine Gitarre.

Künstler Graham Coxon
Album A+E
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Graham Coxon war einmal der Gitarrist bei Blur. Das ist eine Information, die jedem halbwegs anständigen Musikfan vertraut sein dürfte. Es ist eine Nachricht, die so banal ist, dass wahrscheinlich nicht einmal N24 daraus eine Eilmeldung machen würde. Trotzdem soll dieser Satz hier am Anfang stehen.

Denn konnte man zu Beginn seiner Sololaufbahn noch den Graham an ihm lieben (also die Tatsache, dass er der genialste Cockney-Nerd diesseits von Jarvis Cocker ist) und wenig später die Tatsache, dass er ein paar Blur-Qualitäten in sein Oeuvre herübergerettet hat (Hits wie Bittersweet Bundle Of Misery oder Standing On My Own Again sind der beste Beweis), so steht bei A+E der dritte Bestandteil dieses Satzes im Zentrum: sein Dasein als Gitarrist.

Seine Gitarre ist das erste (und 16 Sekunden lang das einzige) Instrument, das man auf Graham Coxons achtem Soloalbum hört, und sie dominiert auch danach mehr als je zuvor. Es gibt ein gelegentliches Saxofon (wie im Effektfeuerwerk Meet And Drink And Pollinate), auch mal Synthies (What’ll It Take) oder eine Orgel (Bah Singer). Aber ansonsten lebt Coxon, der auf A+E lustigerweise mit Produzent Ben Hillier zusammenarbeitet (der vor zehn Jahren auch Think Tank verantwortet hat – das Album, das zu Coxons Ausstieg bei Blur führte), die Liebe zu seinem Instrument in allen Facetten aus.

“I wanted the hue and saturation to be on full. A lot of the demos that ultimately resulted in the songs were improvised”, erklärt er seinen Ansatz, und auch sonst stand diesmal die Methode “Weniger ist mehr” auf dem Plan: “I didn’t want to get caught up in my usual struggle with trying to make things sound really posh, you know? I didn’t want lovely 60s-sounding drums and valve amps.”

Das hat zur Folge, dass A+E leider keinerlei Hits zu bieten hat, auch wenn das gut tanzbare What It’ll Take und das melodisch feine Running For Your Life nah dran sind. Auch der Rausschmeißer Ooh, Yeh Yeh könnte ein Kracher sein (zumal bei diesem Titel), kommt aber mit akustischer Gitarre erst nicht recht in Schwung und wird dann am Ende ausufernd lärmend.

Eine Enttäuschung ist A+E trotzdem nicht. Zum einen finden sich noch ein paar höchst liebenswerte Elemente des Cockney-Nerds. Im stoischen City Hall mit seinem störrischen Drumcomputer (wenn es so etwas gibt) wiederholt er immer wieder eine einzige Zeile: „Going down to the city hall / a billion lights in front of me“. Er tut das so fokussiert, beinahe verblendet, dass man sich schon bald fragt, was er wohl plant am Ziel seiner Reise. Die Heirat mit einer Frau, von der er schon jetzt weiß, dass er sie in ein paar Jahren hassen wird? Einen Brandanschlag? Ein Massaker? Es kann nichts Gutes sein bei einem so düsteren Sound.

Auch What’ll It Take setzt auf den Reiz der Wiederholung. „What’s wrong with me“, will Graham Coxon am Ende immer wieder wissen, und allein die Intensität dieser Frage sorgt dafür, dass man sich um ihn sorgen muss. Einmal ist auch noch der Geist von Blur anwesend, nämlich ganz zu Beginn in Advice. Auf das angeblich frustrierende Leben als Rockstar blickt er da zurück, aus der Perspektive desjenigen, der es inzwischen besser weiß.

Vor allem aber ist A+E ein gutes Album geworden, weil Graham Coxon mit nur sechs Saiten hier schon wieder Wunderdinge verbringt. Als “the most gifted guitarist of his generation” hat ihn einst Noel Gallagher (!) bezeichnet, und man kann dem nur zustimmen. Was Coxon im abstrakten, fast instrumentalen Knife In The Cast anstellt, ist irre. Wenn er sich im hüpfenden Seven Naked Valleys austobt, dann steckt darin so viel Spielfreude, dass es kaum zu glauben ist.

A+E legt ein bisschen zu viel Augenmerk auf Sound (Coxon wollte im Studio gerne “that cheap headachey thing” hinbekommen, sagt er) und Spontaneität und ein bisschen zu wenig aufs Songwriting. Aber wenn man hört, was Graham Coxon alles aus seiner Gitarre herausholt und wie innovativ er nach wie vor mit diesem Instrument umgeht, dann kann man nur feststellen: All die angeblichen Gitarrenhelden, die sich mittlerweile gelangweilt der elektronischen Musik zuwenden, tun das offensichtlich nicht wegen der Beschränktheit der Möglichkeiten von Gitarrenmusik, sondern bloß wegen der Beschränktheit ihrer eigenen Fähigkeiten und Fantasie. Deshalb bleibt auch nur zwei Lösungen übrig für die Frage, was A+E wohl bedeuten mag: acoustic + electric. Oder noch besser: amplifiers + effects.

Fender hat Graham Coxon eine eigenes Gitarrenmodell gewidmet. Er freut sich:

Graham Coxon bei MySpace.

Futter für die Ohren mit H-Blockx, Shearwater, Memoryhouse, Cursive und School Of Seven Bells

März 30, 2012 · Posted in Live, Musik · Comment 
Evan Abeele und Denise Nouvion sind Memoryhouse. Foto: Off The Record PR

Evan Abeele und Denise Nouvion sind Memoryhouse. Foto: Off The Record PR

Wer hätte das gedacht? Pünktlich zum Herannahen der Festivalsaison kehren H-Blockx zurück. Am 25. Mai erscheint das Album HBLX, und um die Werbetrommel schon mal ein wenig zu rühren, verschenkt die Band auf ihrer Homepage den Track Can’t Get Enough. Nach Auskunft der Plattenfirma ist es das Lieblingslied der Band auf dem neuen Album. Wie eh und je bei den Jungs aus Münster gibt dabei der Bass den Ton an, dazu kommt einer netter Flow, der verwirrenderweise gelegentlich an Snoop Dogg denken lässt, und neuerdings offensichtlich so etwas wie Entspanntheit statt Geschrei bei Sänger Henning Wehland. Mal sehen, ob er das bei den Festivals (unter anderem sind Taubertal und Highfield schon gebucht) auch durchhalten kann. **1/2

Ebenfalls in der härteren Gangart zuhause und ebenfalls auf dem besten Weg zu Veteranen sind Cursive. Ihr siebtes Album I Am Gemini ist gerade erschienen. Die Band aus Omaha beweist darauf, wie gut sich Post-Harcore mit Konzeptalben verträgt (wie sie es im Jahr 2000 schon mit Domestica getan haben). Wowowow, das auf der Homepage ihres Labels Saddle Creek zum kostenlosen Download bereit steht, funktioniert aber auch als einzelner Track. Vor allem glänzt Frontmann Tim Kasher als Sänger. Über die komplexen Gitarren und noch komplexeren Beats singt er mal einladend, mal geheimnisvoll, mal wütend. Spannend. ***

Als Kunstprojekt begannen Memoryhouse aus Kanada, inzwischen könnten sie locker eine steile Karriere als Cranberries-Coverband hinlegen. Nun stellen die netten Jungs und Mädels von Sub Pop jetzt die besten Track des Memoryhouse-Debüts The Slideshow Effect gratis zur Verfügung: Walk With Me beginnt schlaftrunken und entwickelt dann eine leicht kokette Schüchternheit im Stile von Saint Etienne. Eine gute Dosis Cranberries steckt natürlich auch noch immer drin. Sehr hübsch. ***1/2

Ebenfalls bei Sub Pop unter Vertrag, und ebenfalls mit einem Highlight ihres aktuellen Albums hier vertreten sind Shearwater. Breaking The Yearlings, das es hier zum Gratis-Download gibt, dreht von Beginn an ein ganz großes Rad und macht mit seinem Sound die Tatsache nicht mehr ganz so unvorstellbar, dass Shearwater einmal als Vorgruppe für Coldplay gespielt haben. Im Herzen ist die Band aus Seattle aber weiterhin eine aufrechte Indie-Institution (der Track stammt von Animal Joy, ihrem bereits achten Album), und deshalb wird der Gesang ein bisschen hysterisch wie bei Maximo Park oder den Talking Heads und die Gitarren könnten Paul Epworth sehr glücklich machen. *** Bei Stereogum gibt es von Shearwater übrigens gerade You As You Were zum kostenlosen Herunterladen, das von Klavier getragen und ein bisschen konventioneller ist, aber ebenso gelungen. ***

Ein bisschen verschoben hat sich Album Nummer drei von School Of Seven Bells aus New York angekommen. Ghostory ist mittlerweile aber doch draußen. Gitarist & Produzent Benjamin Curtis und Sängerin Alejandra Deheza (ihre Schwester Claudia gehört mittlerweile nicht mehr zur Band) legen damit ein Konzeptalbum vor, das die Geschichte eines jungen Mädchens names Lafaye erzählt – und von den Geistern, die sie umgeben. Lafaye, der Titeltrack, ist auch die erste Single des Albums und hat unlängst einen Remix der Scissor Sisters erhalten, den man bei Soundcloud umsonst herunterladen kann. Der Track klingt tatsächlich nach Geistern und jungen Mädchen – keine schlechte Kombination. ***

Hingehört: Roxette – “Travelling”

März 29, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
So entspannt, spontan und organisch wie auf "Travelling" klangen Roxette schon lange nicht mehr.

So entspannt, spontan und organisch wie auf "Travelling" klangen Roxette schon lange nicht mehr.

Künstler Roxette
Album Travelling
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Hilfe! Roxette haben ein Punkrock-Album gemacht! Kaum von den Folgen eines Gehirntumors genesen, entdeckt Sängerin Marie Fredriksson ihre Hardrock-Wurzeln wieder. Und Songschreiber Per Gessle mutet den Fans zum Schluss sogar eine brachiale Coverversion von The Prodigys Smack My Bitch Up zu.

Nein, das ist natürlich nur ein Scherz. Roxette machen auch auf Travelling, dem neunten Album ihrer Karriere, harmlose, eingängige, wunderbare Popsongs. Lieder, die inzwischen erwachsen klingen, aber die Teenagerzeit im Herzen tragen. Lieder, die sich zwischen den vielen Referenzpunkten im Lexikon der Popmusik austoben, und doch unverwechselbar Roxette sind. Lieder, die niemals platt oder eindimensional klingen, die man aber trotzdem spätestens beim dritten Hören schon mitsingen kann.

Manchmal gelingt das sogar schon beim ersten Hören. Denn Travelling enthält einige Songs, die bereits in anderen Varianten erschienen sind. So gibt es beispielsweise ganz am Ende des Albums eine himmlische Version von It Must Have Been Love, einem der größten Roxette-Hits, der hier 25 Jahre nach seinem Entstehen mit Flöten und Oboen noch ein Stück romantischer, majestätischer und herzerweichender wird. Die neue Version basiert auf einer Performance bei Night Of The Proms aus dem Jahr 2009, alles außer dem Arrangement von Clarence Öfwerman und Christoffer Lundqvist wurde für Travelling aber neu aufgenommen.

Auch Stars (eine Single von 1999), The Weight Of The World (bereits auf der RoxBox zu finden), See Me (eine B-Seite von Salvation im Jahr 1999) und She’s Got Nothing On (But The Radio), der Comeback-Hit aus dem vergangenen Jahr, dürften vielen Roxette-Fans schon bekannt sein. Sie erklingen hier in Neuinterpretationen, von einem Soundcheck in Dubai, als Remix oder als Live-Mitschnitt von einem Konzert in Rio de Janeiro.

She’s Got Nothing On bleibt aber der einzige Track, der sich so auch auf einem klassischen Live-Album finden könnte. „Wir wollten das Livematerial etwas eingrenzen, weil wir auf der Charm School-Bonus-CD, die in hohen Stückzahlen veröffentlicht wurde, ja bereits ziemliche viele Liveaufnahmen hatten. Aber dieser Song bildet die Ausnahme – es ist so großartig, ihn mit dieser Band zu spielen, und das Stück kommt immer so gut an, da musste man nicht lange drüber nachdenken, ob es aufs Album kommt“, erklärt Per.

Auch die anderen Neuauflagen sind keine schamlose Resteverwertung, sondern haben im Falle von Travelling Methode: Mit der Platte wollen Roxette die spezielle Atmosphäre und Energie während einer Welttournee einfangen. „Wenn man mehr als ein Jahr lang so eng zusammen ist, dann verändert es dich, deine Werte, deine Identität“, schreiben Marie und Per im Booklet der CD. Travelling soll diesen Prozess dokumentieren. So gibt es neue Lieder, die während der Tour geschrieben oder spontan in Hotelzimmern und verschiedenen Studios quer über den Globus aufgenommen wurden, Livemitschnitte und aufgepepptes Archivmaterial.

Genau dieses Prinzip wandten Per und Marie schon einmal an, bei Tourism (1992), auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Die Platte brachte mit How Do You Do!, Queen Of Rain oder Here Comes The Weekend einige der besten Roxette-Songs überhaupt hervor. Auch diesmal profitiert die Musik von der Spontaneität der Aufnahmen, dem guten Zusammenspiel der Band und der hörbaren Lust am Musizieren, die Roxette seit dem Bühnencomeback im Jahre 2009 gepackt hat. Das Duo begnügt sich nicht mit einem ordinären Live-Album. Roxette feiern stattdessen ihre eigene Existenz und, ganz wörtlich genommen, die Tatsache, dass sie noch am Leben sind: Travelling ist ein Life-Album.

Zum Auftakt vermischt Me & You & Terry & Julie (der letzte Teil des Titels ist eine Anspielung auf Waterloo Sunset von den Kinks) eine akustisch-psychedelische Strophe mit einem satten Soul-Refrain im Stile von Soul Deep. Zudem bricht Per Gessle hier mit der noch bis zu Charm School gültigen goldenen Regel, dass er das erste Lied auf einem Roxette-Album immer selbst singt, denn diesmal hat auch Marie Fredriksson einen großen Stimm-Anteil.

Es folgt das herrlich runde Lover Lover Lover mit weiteren schlau versteckten Zitaten. Die Atmosphäre erinnert an Tom Pettys Full Moon Fever-Zeiten, das „Ooh-Lalala“ im Hintergrund ist von den Beatles (You Won’t See Me, um genau zu sein), die Bläser im Refrain sind bei David Bowies Blue Jean entlehnt. „Es ist einer dieser Songs, wo die Strophe sich irgendwie zum Refrain entwickelt. In der Geschichte des Rock’N’Roll gibt es da einige Beispiele, etwa A Hard Day’s Night, wo sich wirklich alles um die Strophe dreht“, erklärt Per stolz.

Turn Of The Tide, das von den Sessions zu Have A Nice Day stammt, ist eine üppige und herrlich gesungene Ballade in bester Crash Boom Bang- oder Listen To Your Heart-Manier. Eigentlich als Titelsong für das letzte Album war der dann folgende Song gedacht: Die Worte „Charm School“ kommen jetzt aber nur noch in der Strophe vor. „Das war ein sehr zentrales Lied, als wir mit den Aufnahmen für das Album angefangen haben. Aber wir haben es dann im Studio irgendwie vermasselt. Es gibt zwei Versionen davon, und beide sind ziemlich übel“, hatte mir Per zur Veröffentlichung von Charm School im Interview verraten und schon damals versprochen: „Wir werden unser Glück mit diesem Lied nochmal probieren.“ Nun wurde der Track, um Verwirrung zu vermeiden, in Touched By The Hand Of God umbenannt, ist aber trotzdem ein feiner Pop-Feger und ein weiterer Beleg für gelungenes Zusammenspiel von Per und Maries Gesang.

In einem Hotelzimmer wurde Easy Way Out aufgenommen – das Lied, das vielleicht am besten die Idee hinter Travelling zum Ausdruck bringt. Enorm frisch, organisch und lebendig klingen diese 3:38 Minuten, beinahe so, als seien sie gar nicht für eine Veröffentlichung bestimmt, und doch unwiderstehlich gelungen. Auf Neil Youngs Heart Of Gold spielt der Text an – einen Song, den Roxette einst auch bei ihrem Auftritt für MTV Unplugged gespielt haben, dessen Herangehensweise hier (und später auch im sehr hübschen Angel Passing) wieder auflebt.

Gleich zweimal ist It’s Possible auf dem Album enthalten – einmal als Unplugged-Variante, einmal auf Hit getrimmt. Letztere Version ist denn auch die erste Single von Travelling, wirkt aber leider ein wenig gezwungen und zu sehr auf den durchschnittlichen Radiogeschmack zugeschnitten (dabei hatte Per im vergangenen Jahr im Interview noch behauptet: “Heute frage ich mich nicht mehr, ob ein Lied nun den Geschmack der Radiomacher trifft oder nicht”). Ein Ohrwurm ist das ohne Zweifel, aber mit der souveränen Hotelzimmer-Variante kann die Single bei weitem nicht konkurrieren.

Perfect Excuse war ursprünglich für Pers Soloalbum Party Crasher (2008) gedacht, wirkt aber tatsächlich wie gemacht für die Stimme von Marie. „Ich fand immer, es wäre perfekt für sie, und dass ich selbst dem Song nicht gerecht werden könnte. Das war ein bisschen frustrierend“, gesteht Per. Nun ist es eine herrliche Ballade geworden, die trotz der Streicher sehr reduziert bleibt – und den besten Text des Albums zu bieten hat. Die Andeutung eines Hauchs von Verletzlichkeit, die seit ihrer Krankheit in der Stimme von Marie Fredriksson liegt, gibt dem Lied einen zusätzlichen Reiz.

Excuse Me, Sir, Do You Want Me To Check On Your Wife? basiert auf einem banalen Dialog mit dem Kellner in einem Londoner Restaurant und breitet sich zu einem opulenten Pop-Mosaikstückchen aus, das sogar ein Stückchen Selbstironie enthält. Von einem „fake guitarist in an 80′s band“ ist da die Rede, und das ist wohl nach wie vor die Assoziation, die einige beim Namen „Per Gessle“ haben.

Aber Image, Erfolg, Kritiken – all das ist nach der Wiedergeburt von Roxette nicht mehr so wichtig für die Band. «Das neue Album ist entstanden, weil es entstehen konnte. Marie war wieder in der Lage, mit mir eine Platte zu machen. Und dann haben wir einfach die besten Lieder genommen, die wir hatten», hatte Per schon über Charm School gesagt, und dieser Ansatz, in dem eher Dankbarkeit als Ehrgeiz steckt, eher laissez-faire als Perfektionismus, wird nun mit Travelling konsequent weitergeführt. „Als die Arbeit an Charm School losging, war ich angespannt und nervös, weil es nach so vielen Jahren das erste Mal war, dass wir wieder etwas machten“, sagt Gessle. „Aber dieses Mal waren wir wie eine sehr eng zusammengeschweißte Einheit, und das hat die Arbeit an Travelling viel einfacher gemacht. Ich konnte es richtig genießen.“ Und das können nun auch die Fans.

Roxette sprechen über Travelling:

Roxette bei MySpace.

Extrem schön – Dorian Gray bei RTL2

März 28, 2012 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
Sylvia schämt sich so sehr für ihr Aussehen, dass sie kaum aus dem Haus geht - eine OP soll helfen. Bild: RTL2

Sylvia schämt sich so sehr für ihr Aussehen, dass sie kaum aus dem Haus geht - eine OP soll helfen. Bild: RTL2

Ein 20-köpfiges Team begleitet die Protagonisten bei Extrem schön in jeder Staffel. Keiner von all den Chirurgen, Zahnärzten, Psychologen und Stylisten heißt Oscar. Keiner von ihnen heißt Wilde. Auch die Namen «Dorian» und «Gray» sucht man vergebens in der Liste der Macher der Schnippeldoku von RTL2.

Schaut man sich Extrem schön an, dann ist Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde trotzdem allgegenwärtig. Denn die uralte Geschichte des Romans aus dem Jahr 1890 wird hier in jeder Folge neu erzählt. Es ist der Traum von einem neuen Ich (Endlich ein neues Leben, heißt schließlich der Untertitel der Sendung), von Makellosigkeit und vom Vergessen alter Sünden.

Dorian Gray ist ein hübscher junger Mann. Er erblickt ein Porträt von sich und wünscht sich, das Gemälde würde an seiner Stelle altern, und er könne dafür ewig jung bleiben. Sein Wunsch erfüllt sich: Dorian Gray bleibt ein strahlender Schönling, während sich in seinem Gesicht auf dem Bild nach und nach nicht nur die Spuren des Alters abzeichnen, sondern auch all die Laster, Fressorgien und anderen Sünden, die Dorian Gray im Laufe der Jahre begeht.

So ähnlich stellt sich wohl auch Sylvia ihren Auftritt bei RTL2 vor. «Mein Spiegelbild – ich mag’s nicht sehen. Ich erschreck mich manchmal selbst davor», sagt die 45-jährige Reitlehrerin. Die zweifache Mutter leidet schon seit Jahren derart unter ihrem Körper, dass sie sich kaum mehr vor die Tür traut. Ihr Mann hat sie nach zwölf Jahren Ehe verlassen, weil sie auch vor ihm ihren Körper verbergen wollte. Auch die beiden Kinder wundern sich, warum die Mutter keine Nähe zulassen kann. Alle Hoffnungen setzt sie nun auf RTL2: Nach den 42 Minuten von Extrem schön will Sylvia ein neuer, strahlender Mensch sein, und ihre hässliche Vergangenheit soll unsichtbar werden wie das Bildnis des Dorian Gray, das von ihm in einer dunklen Dachkammer versteckt wird.

Ganz ähnlich sieht die Biografie der 43-jährigen Elke aus: Sie fühlt sich alt und entzieht sich am liebsten jeder Berührung. Ihr Ex-Mann hat ihr 15 Jahre lang eingeredet, sie sei hässlich. Auch sie sagt einen Satz in die Kameras, der von Dorian Gray stammen könnte: «Ich hoffe, wenn ich in den Spiegel schau, dass mir da jemand entgegen schaut, den ich mag.»

Natürlich sind die Experten von RTL2 da gerne zur Stelle. Sylvia legt sich insgesamt neun Stunden unters Messer und bekommt in ihrem Operationsmarathon neue Zähne für den Oberkiefer, ein Lifting, eine Nasenkorrektur und größere Brüste. Elke darf sich nach mehrwöchigen Behandlungen ebenfallls über ein strafferes Gesicht und straffere Brüste freuen.

Beide sind, gemessen an den Standards von Extrem schön, keine besondere Härtefälle – weder von ihrer Leidensgeschichte her noch von ihrem Äußeren. Bei Sylvia scheint schon die Nachricht zu genügen, dass sie an der Sendung teilnehmen darf, um ihr neuen Lebensmut zu geben. Elke ist frisch verliebt und hat vier Kinder, die sich eifrig um sie bemühen – auch das ist keineswegs Standard im Dokusoapland.

Umso mehr muss man sich im Verlauf der vorletzten Folge der aktuellen Staffel wundern. Warum können diese Frauen nicht akzeptieren, dass sie älter werden? Warum können sie einem Mann, der sie liebt, nicht ihre Brüste zeigen – präsentieren sie aber bereitwillig einem Millionenpublikum im Fernsehen? Warum erhoffen sie sich von einem chirurgischen Rundumschlag plötzlich die Lösung aller Probleme? Warum sagt ihnen niemand, dass ein Gesicht auch eine Identität ist? Dass es womöglich auch für die Psyche gesünder ist, die authentischen Spuren seiner Biografie zu tragen, als eine Lüge zu leben? Das Gesicht trägt «das Geheimnis seines Lebens und erzählt seine Geschichte», schreibt Oscar Wilde über Dorian Gray.

Was sein Romanheld erkennen muss: Die Trennung von außen und innen funktioniert nicht. Der ewigschöne Dorian Gray wird paranoid, herrisch, ein unausstehlicher Mensch. Am Ende des Romans zerstört Dorian Gray sein eigenes Porträt – es ist seine letzte Hoffnung, um wieder in seine echte Rolle schlüpfen zu können. Der Tausch gelingt, und er wird zum Selbstmord der Figur: Das Bildnis ist plötzlich wieder strahlend schön, Dorian Gray ist eine unförmige Leiche mit einem «verlebten, runzeligen, widerwärtigen Gesicht». Bestimmt kein schöner Anblick, sicher ein dankbares Einsatzgebiet für die RTL2-Chirurgen – aber immerhin sein wahres Ich.

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu Extrem schön auch bei news.de.

Die komplette Folge von Extrem schön gibt es hier in der Mediathek von RTL2.

Quelle:
News -
Medien News -
«Extrem Schön» – Der Horror im Spiegelbild

Draufgeschaut: Models

März 28, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Lisa (Lisa Großmann), Tanja (Tanja Petrovsky) und Vivian (Vivian Bartsch) vertrauen fast nur dem Spiegel.

Lisa (Lisa Großmann), Tanja (Tanja Petrovsky) und Vivian (Vivian Bartsch) vertrauen fast nur dem Spiegel.

Film Models
Produktionsland Österreich
Jahr 1998
Spielzeit 98 Minuten
Regie Ulrich Seidl
Hauptdarsteller Vivian Bartsch, Lisa Grossmann, Tanja Petrovsky
Bewertung ***

Worum geht’s?

Lisa, Vivian und Tanja sind Models. Auf ihren Fotos sehen sie makellos und begehrenswert aus, doch im echten Leben plagen sie Einsamkeit, Figurterror und Konkurrenzkampf. Der Dokumentarfilm begleitet sie durch ihren scheinbar glamourösen Alltag.

Das sagt shitesite:

Ein einziges Ziel scheint sich Ulrich Seidl (Regie und Drehbuch) gesetzt zu haben: Den Mythos Models will er ein für allemal zerstören. Er zeigt nicht nur die üblichen Klischees zwischen Kippen, Koks und Klobrillen. Er zeigt auch, wie nervtötend monoton die Shootings sind und wie mörderisch der Wettstreit der Schönheiten werden kann.

Das Beste daran ist perfiderweise, wie hässlich seine Szenen dabei werden können. Die Models werden bei absurden Fitnesstrainings und peinlichen Schönheitsbehandlungen gezeigt, auf der (meist vergeblichen) Jagd nach sexuellen Abenteuern, beim Kacken und beim Kotzen – danach haben sie nichts Glamouröses oder Überhöhtes mehr.

Zudem macht Models klar, wie sehr diese Frauen zum Produkt gemacht werden, und wie sehr sie sich auch selbst dazu machen. Beim Casting wird Klartext geredet wie auf dem Viehmarkt, und auch in vielen anderen Szenen ist dieses Metier deutlich näher an der Prostitution als beispielsweise an der Schauspielerei.

Die Eindimensionalität dieses Daseins wird auch formal aufgegriffen: Immer wieder filmt die Kamera aus der Perspektive eines Spiegels heraus. Und die beste Szene liefert Models gleich zu Beginn. Da sagt eine Frau, von der man zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass sie Vivian ist, “Ich liebe dich”. Sie sagt es zwölfmal, und sie sagt es in einen Schminkspiegel hinein, der ihr Gesicht verdeckt. Es könnte sein, dass sie es zu sich selbst sagt, als eine Art plumper Selbstbestätigung oder übersteigerter Narzissmus. Es könnte sein, dass sie es zu dem Spiegel sagt, der ihr permanent den Wert ihres Selbst vor Augen führt und der damit die Instanz darstellt, der in Models vertraut wird und der sich alles unterwirft. Es könnte sein, dass sie den Satz übt, um ihn irgendwann einem anderen Menschen sagen zu können, sobald sie es geschafft hat, sich selbst zu lieben. Das zeigt all die Dimensionen, die dieses Business so faszinierend machen – und so schäbig.

Bestes Zitat:

“Ich pack’ die Realität nimmer.”

Eine Szene aus dem Film:

 

Der kritische Blick: Burnout ist keine Mode

März 27, 2012 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Der DGB stellt in dieser Woche eine Studie zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland vor, zudem legt die IG Metall demnächst ihr Schwarzbuch Leiharbeit vor. Beides hängt eng zusammen, und beides zeigt: Das Arbeitsleben ist hierzulande oft ein idealer Nährboden für Burnout.

Diese Diagnose mag manchem wie ein Modewort vorkommen. Sven Hannawald und Jan Ullrich, Mariah Carey und Britney Spears – sie alle haben sich schon mit der Begründung “Burnout” für eine Weile aus ihrer Karriere ausgeklinkt. Sie machen eine Weltreise, widmen sich einem exotischen Hobby oder tauchen einfach für ein Jahr ab. Das wirkt einigermaßen banal, in jedem Fall harmlos. “Burnout” – das klingt vor diesem Hintergrund wie die perfekte Ausflucht für Drückeberger und Weicheier.

Ist es aber nicht. Burnout ist ein ernstes Problem, vor allem in der Arbeitswelt. Und da haben die meisten leider nicht die Gelegenheit, auf die Therapie der Promis zurückzugreifen. Urlaub und ausgefallene Hobbys kosten eine Menge Geld, und die Frage nach einem Jahr Auszeit vom Job beantworten die meisten Chefs noch immer mit einem hysterischen Lachen.

Dabei wäre ein Umdenken dringend notwendig. Druck, Existenzangst, schlechte Bezahlung – all das sind wichtige Faktoren für Burnout. Anonyme Leiharbeit oder befristete Arbeitsverträge als Dauerzustand sorgen zudem dafür, dass sich viele Arbeitnehmer nicht mehr mit ihrem Job identifizieren können, oder gar mit dem Unternehmen, für das sie arbeiten.

Immer öfter muss man permanent erreichbar sein, immer mehr Deutsche schleppen sich auch krank noch zum Dienst. All das erhöht ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann nicht mehr kann. Oder sich zumindest die Frage stellen muss, ob man bloß noch funktioniert und arbeitet, oder ob man auch noch lebt.

Wenn Arbeitgeber solche Zustände tolerieren oder sogar forcieren, dann schaden sie sich selbst. Denn wenn die Identifikation fehlt, gerät als nächstes die Motivation abhanden, und dann die Produktivität. So viel Kurzsichtigkeit kann sich in Zeiten des Fachkräftemangels kein Unternehmen mehr leisten.

Wenn der Staat nicht endlich gegensteuert, schadet er sich ebenfalls selbst. Denn die Kosten für die Behandlung psychischer Krankheiten sind explosionsartig gestiegen – Vorbeugen ist auch in dieser Hinsicht die beste Medizin.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Draufgeschaut: Vielleicht, vielleicht auch nicht

März 26, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Will (Ryan Reynolds) muss seiner Tochter April (Abigail Breslin) sein Liebesleben erklären.

Will (Ryan Reynolds) muss seiner Tochter April (Abigail Breslin) sein Liebesleben erklären.

Film Vielleicht, vielleicht auch nicht
Originaltitel Definitely Maybe
Produktionsland England/USA/Frankreich
Jahr 2008
Spielzeit 105 Minuten
Regie Adam Brooks
Hauptdarsteller Ryan Reynolds, Abigail Breslin, Isla Fisher, Elizabeth Banks, Rachel Weisz, Kevin Kline
Bewertung ****

Worum geht’s?

Es ist ein Schock für Will Hayes: Seine Tochter Maya geht noch zur Grundschule, doch als er sie an diesem Tag vom Unterricht abholt, muss er erfahren, dass sie gerade ihre erste Stunde in Sexualkunde hinter sich hat. Als wäre das nicht schon schlimm genug, will die 10-jährige Maya nun auch noch wissen, wie das damals war zwischen ihm und ihrer Mutter, von der er sich demnächst wird scheiden lassen. Widerwillig erzählt Will ihr die Geschichte seiner Liebschaften – und dabei wird ihm auch selbst einiges über seine Beziehungen klar.

Das sagt shitesite:

Mit einem ganz einfachen Konzept wird Vielleicht, vielleicht auch nicht zu einer famosen Romantischen Komödie: All das, was uns Erwachsenen als normales Liebesleben erscheint, ist für Kinder mitunter unfassbar, unverzeihlich, skandalös. Wir wollen für sie als Vorbilder und gute Menschen erscheinen, doch wir machen Schluss, wir betrügen und brechen Herzen. Durch diese Diskrepanz gerät Will in Erklärungsnot, immer und immer wieder. Das sorgt für wunderbare Dialoge und eine satte Dosis Humor, die zudem die beste Absicherung dafür ist, dass Vielleicht, vielleicht auch nicht niemals kitschig wird.

Gekonnt arbeitet Regisseur Adam Brooks, zuvor eher als Drehbuchautor aktiv (zum Beispiel für Bridget Jones), mit seiner Rahmenhandlung. Der größte Teil der Geschichte wird als Rückblende mit einer Stimme aus dem Off erzählt. Aber sobald dieser Plot ein bisschen zu sehr auf die eingefahrenen RomCom-Gleise gerät, hat die Kamera plötzlich wieder den Papa und sein aufgewecktes Töchterchen im Bild. Das Geschehen wird damit nicht nur aufgelockert, sondern auch permanent hinterfragt.

So darf man Will auf einer romantischen und spannenden Zeitreise begleiten, die mitunter an High Fidelity erinnert. Wie er in seiner Erzählung immer wieder lavieren muss zwischen Ehrlichkeit und dem Versuch, nicht als skrupelloses Monster oder desillusionierter Zyniker dazustehen, das ist ein großes Vergnügen. Man hätte das ja fast erwarten können bei einem Film, der nach einem Oasis-Album benannt ist.

Bestes Zitat:

“What’s the boy word for ‘slut”? – They still haven’t come up with one yet.”

Der Trailer zum Film:

Durchgelesen: Vicki Baum – “Zwischenfall in Lohwinckel”

März 25, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Die Statik der Provinz beleuchtet Vicki Baum in "Zwischenfall in Lohwinckel".

Die Statik der Provinz beleuchtet Vicki Baum in "Zwischenfall in Lohwinckel".

Autor Vicki Baum
Titel Zwischenfall in Lohwinckel
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 1930
Bewertung ***

Verdammt unspektakulär klingt dieser Titel: Zwischenfall in Lohwinckel. Das trifft heute zu, wenn man Vicki Baum als Bestseller-Autorin der Weimarer Republik und Vorreiterin der Neuen Sachlichkeit kennt. Es muss aber auch schon 1930 gegolten haben, als der Roman erschien. Denn Zwischenfall in Lohwinckel war nicht nur eines der letzten Bücher, das Vicki Baum vor ihrer Emigration in die USA geschrieben hat. Es ist auch der Nachfolger von Menschen im Hotel, ihrem bekanntesten Roman.

Doch der Glamour und das Gewagte, das Menschen im Hotel ausgemacht hatte, ist hier zunächst vollkommen abwesend. Das erste Viertel des Romans macht tatsächlich seinem Titel alle Ehre. Vicki Baum schildert die Menschen in Lohwinckel, einem Provinzstädtchen, in dem Stillstand und Konformität regieren. „Sie hatte keine Sorgen und war gesund – was ihr unfein und zweitklassig vorkam. Sie besaß weder Talente noch Leidenschaft, sie erlebte nichts, weder außen noch innen“, beschreibt die Autorin an einer Stelle Frau Profet, die bessere Hälfte des örtlichen Fabrikanten, und es ist eine Charakterisierung, die auf viele Menschen in Lohwinckel zutrifft.

Ihre gekonnte Milieustudie ist durchaus lesenswert, und an vielen Stellen beweist Vicki Baum förmlich einen Röntgenblick für die kleinen Dinge. Richtig Schwung kommt in den Roman aber erst durch einen Autounfall, den vier Berliner in dem Städtchen haben. Der Chauffeur Fobianke kommt ums Leben, die Filmdiva Leore Lania wird verletzt, der Box-Champion Franz Albert kommt mit ein paar Schrammen davon und der Fabrikant Peter Karbon wird zur Behandlung im Hause des örtlichen Arztes einquartiert.

Der an sich banale Unfall sorgt dafür, dass die Berühmtheiten zunächst ihr Bild von der Provinz, dann das Bild von sich selbst hinterfragen müssen. Vor allem aber sorgt er für reichlich Trubel in Lohwinckel. Wo vorher alles nach starren Regeln und in festen Bahnen ablief, regieren schon bald „Auflösung, Fieber und Verworrenheit“. Die Farbrikarbeiter wollen mehr Geld, die Gymnasiasten rebellieren gegen den Schuldirektor und die Frau des Doktors fängt eine Affäre mit ihrem begüterten Patienten an.

Es sind kleine Verschiebungen, die aber umso stärker wirken und in der Summe eine umso stärkere Bedrohung heraufbeschwören, weil Vicki Baum zuvor so ausführlich das Statische in dieser Stadt beschrieben hat. Jede Abweichung von Pflicht und Norm hat hier das Potenzial zum Skandal, zur Katastrophe, zur Revolution, wie ein zentraler Moment der Liebelei zwischen dem reichen Gast aus Berlin und der Frau des Doktors zeigt: „Karbon ließ ihre zitternde Hand los und setzte sich in Bewegung; nach einer Weile schob er seinen Arm unter den ihren, es war für ihn eine selbstverständliche Geste. Für sie hieß es das Loslassen aller Zucht und Gesittung und das Abgleiten ins Uferlose.“

Das ist nicht nur spannend als Sittengemälde der Zeit, das Antisemitismus ebenso thematisiert wie Bigotterie oder Frauenrechte. Es ist zeitlos faszinierend als eine Geschichte über das Erwachen des Individuums aus dem bloßen Dasein im Sittlichen, hinein in ein echtes Leben.

Zumindest irritierend ist aus heutiger Sicht allerdings das Ende von Zwischenfall in Lohwinckel. Die unheilschwangere Atmosphäre löst sich praktisch in nichts auf, das Städtchen kehrt mit der Abreise der unfreiwilligen Gäste wieder in seinen alten Trott zurück. Dieses Happy End wirkt beinahe, als habe Vicki Baum nicht den Mut gehabt, sich zu einem echten Plädoyer gegen das Konservative aufzuraffen, oder als habe ein imaginärer Zensor die letzten Seiten angeklebt. Aber auch hier darf man den Titel des Romans wohl wörtlich nehmen: Die Erschütterungen in der Welt der Lohwinckler bleiben tatsächlich bloß eine Episode – eben ein Zwischenfall.

Bestes Zitat: „In diesem Augenblick erst begreift sie plötzlich, was geschehen ist. Dass sie auf einem unbekannten Friedhof steht, in einem fremden Winkel von Deutschland, dass ihr Mann gestorben ist, fort, so vollständig gestorben, dass er nie mehr da sein wird. Es zerbricht etwas in ihr, dumpf von innen her, wie eine Eisdecke über einem See zerbricht.“

Draufgeschaut: Schluss mit lustig

März 24, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Felix (Martin Glade, rechts) muss die Sympathien von Paul (Nikita Wokurka) gewinnen.

Felix (Martin Glade, rechts) muss die Sympathien von Paul (Nikita Wokurka) gewinnen.

Film Schluss mit lustig
Produktionsland Deutschland
Jahr 2001
Spielzeit 95 Minuten
Regie Isabel Kleefeld
Hauptdarsteller Martin Glade, Yangzom Brauen, Wotan Wilke Möhring, Maja Schöne, Caroline Peters, Yvonne Johna
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

“Kinder sind eine Seuche”, meint Felix. Schließlich ist sein Mitbewohner gerade ausgezogen, um eine Familie zu gründen. “Schluss mit lustig”, kommentiert er diese Lebensplanung. denn auch die Kinder in der Grundschule vor seinem Fenster sorgen für nichts als Lärm und Ärger. Immerhin ein bisschen Freude scheint sich trotzdem in sein Leben zu schleichen: Er trifft Maja und erkennt, dass sie endlich eine Frau sein könnte, in die er sich wirklich verliebt. Es gibt da nur ein klitzkleines Problem im Leben von Maja – und das heißt Paul und ist sieben Jahre alt.

Das sagt shitesite:

Das Beste an Schluss mit lustig sind die Schauspieler, von denen die meisten hier ihre erste größere Rolle haben: Martin Glade ist im höchsten Maße glaubwürdig als ewiger Kindskopf Felix. Wotan Wilke Möhring ist umwerfend in der Rolle des Macho, der seine eigene Beziehung nicht auf die Reihe kriegt. Yangzom Brauen gibt gekonnt die abgeklärte Alleinerziehende, und selbst der kleine Nikita Wokurka lässt ahnen, dass er mächtig Spaß hat an seiner Rolle als perfider Giftzwerg.

Dazu kommt eine solide Geschichte über einen Mann, der nicht erwachsen werden will, und eine Frau, die sich ihre eigenen Wünsche nicht eingesteht. Das ist auch deshalb ein passabler TV-Film-Spaß, weil Schluss mit lustig immer wieder Mut zur Selbstironie beweist, etwa mit seiner konsequenten Seventies-Ästhetik oder einer grandiosen Schlussszene mit dem gesamten Ensemble beim Synchronschwimmen.

Bestes Zitat:

“Du hast doch überhaupt nichts im Griff. Genauso wenig wie wir alle. Nur du würdest dir eher die Zunge abbeißen, bevor du das zugibst.”

Es gibt leider keinen Trailer zum Film.

Hingehört: Memoryhouse – “The Slideshow Effect”

März 23, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Unglückliche, die ihr Unglück nicht beklagen - das ist der Sound von "The Slideshow Effect".

Unglückliche, die ihr Unglück nicht beklagen - das ist der Sound von "The Slideshow Effect".

Künstler Memoryhouse
Album The Slideshow Effect
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Ich möchte gerne die wahre Geschichte von Memoryhouse erzählen. Sie geht so:

Memoryhouse sind zwei junge Menschen aus Kanada namens Evan Abeele (Musik) und Denise Nouvion (Gesang). Sie haben durch seltsame Wirrungen des Schicksals von Kindesbeinen an eine unbesiegbare Vorliebe für den Sound der Cranberries entwickelt. Sie haben eine Band gegründet und Songs geschrieben, die wie Lieder von den Cranberries klingen. Sie sind mit diesen Songs durch das Land getourt, sie haben im September 2011 eine EP bei Sub Pop veröffentlicht und nun ihr Debütalbum The Slideshow Effect fertig.

Die Perspektive der Zukurzgekommenen ist zentral für die Musik von Memoryhouse. „We’re not the lucky ones / we’ll never be the lucky ones“, heißt es in All Our Wonder sehr treffend. Hier singen Unglückliche, die sich nicht einmal gegen ihr eigenes Unglück auflehnen möchten. Die Musik ist nie einfach hübsch, sondern hat immer einen kleinen Schönheitsfleck wie Bonfire oder der Rausschmeißer Old Haunts, der am Ende von düster-romantisch in wütend umschlägt. Die Lieder kommen oft nach einer Weile fast zum Stillstand, schwellen dann aber noch einmal mächtig an wie Heirloom oder Kinds Of Light.

Denise Nouvion singt, ebenso wie Dolores O’Riordan bei den Cranberries, sehr gerne „ahaha“, und sie singt mit einer solchen Strahlkraft, dass sich die Instrumente offensichtlich nicht recht rantrauen an diese Stimme – aus Angst, sie könnten versengt werden. Schon in The Kids Were Wrong, dem zweiten Stück auf The Slideshow Effect, würde man sich nicht mehr wundern, wenn sie zu kompaktem Schlagzeug und einer hübschen The-Smiths-Gitarre plötzlich „do you have to let it linger“ singen würde.

Wo die Cranberries-Frontfrau schon einmal penetrant werden kann, bleibt die Sängerin von Memoryhouse aber erfreulicherweise immer zurückhaltend. Und im besten Song der Platte, Walk With Me, weicht sie sogar etwas vom Grundprinzip ab und entwickelt stattdessen eine leicht kokette Schüchternheit im Stile von Saint Etienne.

Memoryhouse werden behaupten, dass diese Geschichte nicht stimmt. Sie wissen, dass die Cranberries nicht cool sind. Sie wissen, dass man sich am besten immer auf Kate Bush berufen muss, oder allenfalls halbwegs respektierte amerikanische Bezugspunkte nennen darf. „These vocalists, Emmylou, Stevie Nicks…They have undeniable warmth to them, but also a sense of identity, or character“, sagt Evan Abeele beispielsweise – nichts als ein Ablenkungsmanöver. Bei anderer Gelegenheit nennt die Band ihren Sound scherzhaft “Taylor Swift with Built To Spill as her backing band” – eine Blendgranate. Die alberne Behauptung, Memoryhouse sei eigentlich als Multimedia-Kunstprojekt gedacht gewesen – ein Märchen. Die prahlerische Bezugname auf Max Richter im Bandnamen – ein vergeblicher Versuch.

Ich bleibe dabei: Die Cranberries sind gerade mit einem passablen Album zurück ins Rampenlicht getreten, tun aber immer noch gerne so, als seien sie gefährliche Rocker. Memoryhouse haben mit The Slideshow Effect das Alterswerk geschaffen, dass es von den Iren womöglich nie geben wird.

Jungen und Mädchen, Regen und Strand: Wie das Video zu The Kids Were Wrong sehen bei Memoryhouse also die Ergebnisse eines Multimedia-Kunstprojekts aus.

Memoryhouse bei MySpace.

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