Draufgeschaut: Ein gutes Jahr

Juni 3, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Max Skinner (Russell Crowe) versucht, die Kellnerin Fanny Chenal (Marion Cotillard) für sich zu gewinnen.

Max Skinner (Russell Crowe) versucht, die Kellnerin Fanny Chenal (Marion Cotillard) für sich zu gewinnen.

Film Ein gutes Jahr
Produktionsland USA
Jahr 2006
Spielzeit 118 Minuten
Regie Ridley Scott
Hauptdarsteller Russell Crowe, Albert Finney, Marion Cotillard, Freddie Highmore, Rafe Spall, Archie Panjabi, Didier Bourdon, Abbie Cornish, Valeria Bruni Tedeschi
Bewertung *1/2

Worum geht’s?

Max Skinner ist einer der erfolgreichsten und aggressivsten Makler an der Londoner Börse. Als sein Onkel Henry stirbt und ihm sein Landgut in der Provence vererbt, macht sich der Business-Mann auf den Weg nach Frankreich, um das Anwesen zu begutachten und zu verkaufen. Während er dort ist, wird er von seiner Firma suspendiert, weil er es mit seinen Spekulanten-Tricks übertrieben hat. So bleibt er ein paar Tage länger in Frankreich, entdeckt die Erinnerungen an seine Kindheit wieder – und die Schönheit(en) der Umgebung.

Das sagt shitesite:

Für jemanden wie mich, der Russell Crowe nicht ausstehen kann, ist Ein gutes Jahr ein Vergnügen: Der Australier spielt hier ein bekennendes Arschloch, wird in einem Swimmingpool gedemütigt und muss schreckliche Outfits tragen. Für alle anderen hingegen dürfte Ridley Scotts Versuch, eine romantische Komödie zu inszenieren, wenig erquicklich sein: Der Film ist unausgegoren, langweilig und hat mit Crowe zudem den falschen Hauptdarsteller.

Den Klischees der hektischen Finanzmetroploe (die Broker in London verhalten sich in Ein gutes Jahr wie die Tiere) stellt Scott, der übrigens selbst in der Provence lebt, bloß die Klischees des Lebens wie Gott in Frankreich gegenüber. Max Skinner weiß nach ein paar Tagen in seinem hübschen Chateau, welch Wunder!, plötzlich das Leben, das Essen, die Frauen und den Wein zu schätzen, die Nostalgie und sogar den Müßiggang. Und dazu kommen peinliche Rückblenden, in denen der kleine Max von seinem weisen Onkel Henry erklärt bekommt, was angeblich einen echten Mann ausmacht. Die Franzosen haben ein schönes Wort dafür: merde.

Bestes Zitat:

“Das Geheimnis des Reichtums ist dasselbe wie das Geheimnis der Komödie: Timing.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Damon Albarn – “Dr Dee”

Juni 3, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Als Konzeptalbum widmet sich "Dr Dee" dem Leben von John Dee.

Als Konzeptalbum widmet sich "Dr Dee" dem Leben von John Dee.

Künstler Damon Albarn
Album Dr Dee
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ohne Wertung

Ganz England feiert die Queen. Zum 60. Thronjubiläum von Elizabeth II. flippt London heute noch einmal aus. Auch Damon Albarn möchte da nicht nachstehen. Er feiert, mit einem Konzeptalbum, Queen Elizabeth ebenfalls – allerdings Elizabeth I. Genauer gesagt: John Dee, den Mathematiker, Universalgelehrten und Berater der Königin im 16. Jahrhundert.

Auf Dr Dee, in dem der Ex-Blur-Frontmann womöglich so etwas wie einen Geistesverwandten entdeckt hat, spürt er dessen Leben und Wirken nach. Das BBC Philharmonic Orchestra macht mit, auch ein 16-köpfiger Chor namens Palace Voices. In drei Wochen soll Dr Dee erstmals an der National Opera in London aufgeführt werden. Es wundert angesichts dieser Eckdaten sicher kaum, dass das Ergebnis mit Popmusik reichlich wenig zu tun hat.

Zwar sind auch Tony Allen und Simon Tong wieder mit von der Partie, die ihn auch bei The Good, The Bad & The Queen (da ist sie wieder!) begleiteten. Aber Dr Dee blickt noch viel, viel weiter über den Tellerrand, als man das von Albarn mittlerweile erwartet – immerhin hat dieser Mann mit den Gorillaz die erste Cartoonband der Welt erfunden, mit Mali Music den Blick der englischen Musikszene wieder nach Afrika gerichtet und den gewagten Soundtrack zu 101 Reykjavik mitgeschrieben.

Das Album beginnt mit Vogelzwitschern, Kirchenglocken und Orgel (The Golden Dawn) und endet mit einer hübschen Ballade, die wiederum in Vogelzwitschern mündet (The Dancing King). Dazwischen gibt es Instrumentals, A-Cappella-Stücke und vieles, was eher an Klassik oder Kirchenmusik denken lässt denn an einen der größten lebenden britischen Popstars.

Das wird geheimnisvoll zu Pizzicato-Streichern (A Man Of England), betörend mit Frauenstimme und Harfenklängen (The Moon Exalted) oder auch mal dezent afrikanisch, wie Preparations mit seinen Percussions. Dazu kommen Choralgesänge und reichlich Musik, die tatsächlich klingt, als könne sie 400 Jahre alt sein.

Das vielleicht Erstaunlichste an Dr Dee ist dabei, dass man Albarn darin trotzdem wiederfindet. The Marvellous Dream singt er zur akustischen Gitarre, Cathedrals ist eine rührende Ballade, die auch auf ein spätes Blur-Album gepasst hätte, und Watching The Fire That Waltzed Away entwickelt einen faszinierenden Drive. In diesen Momenten sind dann durchaus Spurenelemente von Blur und den Gorillaz erkennbar. Oder besser umgekehrt: Diese Songs zeigen, mit welch großem Mut und Horizont Damon Albarn auch mit seinen Pop-Vehikeln arbeitet.

So modern muss es dann auch sein, wenn es um das Elisabethanische Zeitalter geht: ein interaktiver Sampler zu Dr Dee.

Damon Albarn bei MySpace.

Draufgeschaut: Gangs Of New York

Juni 3, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Amsterdam (Leonardo di Caprio, rechts) hat William Cutting (Daniel Day-Lewis) Rache geschworen.

Amsterdam (Leonardo di Caprio, rechts) hat William Cutting (Daniel Day-Lewis) Rache geschworen.

Film Gangs Of New York
Produktionsland USA, Deutschland, Italien
Jahr 2002
Spielzeit 160 Minuten
Regie Martin Scorsese
Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Jim Broadbent, Henry Thomas, Liam Neeson, John C. Reilly
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Die Five Points sind die vielleicht gefährlichste Gegend in New York. Jeder scheint hier einen Nebenjob als Schläger oder Kleinkrimineller zu haben, und erbarmungslose Gangs beherrschen das Viertel. Amsterdam Vallon kommt aus einem Waisenhaus, spielt in den Five Points aber bald schon ganz oben mit: In Zeiten, in denen der Bürgerkrieg für noch mehr Chaos sorgt, glänzt er mit Mut und Geist und wird zum Zögling von William Cutting, einem mächtigen Gangsterboss. Was dieser allerdings nicht ahnt: Amsterdam trachtet ihm nach dem Leben, denn Cutting ist der Mörder seines Vaters, der einst selbst eine mächtige Bande von irischen Einwanderern anführte.

Das sagt shitesite:

Man kann gut verstehen, was Martin Scorsese reizte, den Stoff der Buchvorlage von Herbert Asbury aus dem Jahr 1928 zu verfilmen: Ein dreiviertel Jahrhundert später bieten sich nach wie vor spannende Parallelen. Dass es auch im 19. Jahrhundert in New York schon Gangs gab, die hemmungslos brutal waren, sich mit Drogen berauschten, über ihre Outfits ihre Zugehörigkeiten deutlich machten, den Kampf mit Trash Talk begannen und auf eine korrupte Polizei setzen konnten, ist eine verführerische Erkenntnis – das ändert aber nichts daran, dass dieser Gedanke trotzdem einigermaßen platt ist und beim besten Willen nicht ausreicht, um beinahe drei Stunden Film zu tragen.

Es ist eine der Schwächen von Gangs Of New York, dass das Epos im ersten Drittel fast ausschließlich auf diese Beobachtung setzt, garniert mit blutrünstigen Männlichkeitsritualen. Auch danach bleibt der Film langatmig, mit elend langen Sequenzen voll irischer Musik und leeren Protz-Bildern. Eine weitere Schwäche ist der Hauptdarsteller: Leonardo di Caprio nimmt man weder den Draufgänger ab noch den von Rache besessenen Waisen oder den Mann, der Gefallen am Leben in der Halbwelt findet. Vor allem im Kontrast zur diabolischen Performance von Daniel Day-Lewis als Bill “The Butcher” Cutting bleibt er blass.

In keinem Moment ist Gangs Of New York so schlau und episch, wie der Film gerne sein möchte. Aber immerhin schafft es dieses Drama in der zweiten Hälfte, die Weichen in Richtung auf einen weiteren Konflikt zu stellen, der weitaus spannender ist. Dass die Gangs jeglicher Couleur bloß Barbaren sind, die sich als fromme Christen gerieren, dass Rassismus und Familienbande von ihnen ebenfalls bloß als Vorwand für Schutzgelderpressung oder Zuhälterei missbraucht werden, führt der Film sehr schön vor.

Vor allem aber wird Gangs Of New York zum Schluss ganz grundsätzlich und hat darin seine besten Momente. Was hier inmitten des amerikanischen Bürgerkriegs ausgefochten wird, ist keine Schlacht um die Vorherrschaft im Revier, sondern der Kampf um das Gewaltmonopol. Die Gangs stehen mit ihrem Selbstverständnis und ihrem Ehrenkodex dem im Weg, was wir als moderne Zivilisation kennen, und Gangs Of New York zeigt auch, dass parallel zu ihrer Rivalität in der Stadt schon längst ein anderer (Klassen-)Kampf im ganzen Land gefochten wird. Wenn ganz am Ende die zwei bis aufs Blut verfeindeten Männer im Staub liegen, dann sehen sie aus wie Mahnmale der Idiotie.

Bestes Zitat:

“Man kann immer eine Hälfte der Armen kaufen, um die andere Hälfte umzubringen.”

Der Trailer zum Film: