Interview mit Boy

August 31, 2012 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 1 Comment 
Valeska Steiner (links) und Sonja Glass - die Gummistiefel sind nicht im Bild. Foto: Add On Music/Inga Seevers

Valeska Steiner (links) und Sonja Glass – die Gummistiefel sind nicht im Bild. Foto: Add On Music/Inga Seevers

Die Musik von Boy ist eigentlich zu filigran und dezent, um an einem lärmenden Festivalwochenende bestehen zu können. Trotzdem sind Valeska Steiner und Sonja Glass längst so etwas wie Stammgäste auf Festivalbühnen. In diesem Sommer hat das Duo aus Hamburg/Zürich beispielsweise beim Hurricane, beim Frequency und beim Melt! gespielt, wo ich Boy vor ein paar Wochen zum Interview getroffen habe.

Ihre Garderobe ist, durchaus passend, ein bisschen abseits platziert – neben den beiden Räumen, die Rufus Wainwright bezogen hat, den Boy als sehr willkommenen Nachbarn bezeichnen. Valeska und Sonja kommen beide in Gummistiefeln zum Interview und erweisen sich, wie nicht anders zu erwarten, als äußerst charmante Gesprächspartner. Sie freuen sich auf die Shows von Bloc Party und Peter Licht später am Abend und plaudern über das nächste Album, die Festival-Tauglichkeit von Boy und den seltsamen Traum, einmal Bass bei Travis zu spielen.

Die Rolling Stones feiern in diesen Tagen ihr 50. Jubiläum als Band. 50 Jahre Boy – wäre das für euch ein Traum oder eine Horrorvision?

Sonja Glass (lacht): Das geht gar nicht. Wie alt wäre ich da? Ich glaube, ich wäre schon tot.

Valeska Steiner: Wenn es immer so viel Spaß macht wie jetzt, dann wäre das keine schlimme Vorstellung.

Sonja: Wahrscheinlich würde ich dann mit dem Krückstock auf die Bühne wanken.

Valeska: Vielleicht ist das bei Männern auch anders, vielleicht halten die den Rock’N'Roll auf Dauer besser aus.

Vielleicht ist es für ein Duo auch aus einem anderen Grund schwieriger, so lange zusammen zu bleiben: Wenn es bei Boy mal Konflikte gibt, müsst ihr sie immer eins gegen eins austragen.

Sonja: Das stimmt. Aber andererseits kann man dann auch sicher sein, dass man nicht alleine gegen drei andere Leute ankämpfen muss.

Ihr seid eine gefühlte Ewigkeit mit eurem Debütalbum Mutual Friends auf Tour, nach den Festivals stehen noch etliche Dates im Vorprogamm von Katie Melua an. Habt ihr nicht langsam Sehnsucht nach der Arbeit im Studio?

Sonja: Wir vermissen das sehr. Ich habe total Lust, zu schreiben, aber leider keine Zeit. Man sollte ja normalerweise die Phase, in der man inspiriert ist, auch nutzen. Das ist wirklich schade, dass das zurzeit nicht geht.

Valeska: Es ist aber nicht so, dass ich schon genug davon hätte, live zu spielen. Die Songs hängen mir nicht zum Hals raus oder so. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es manchen Bands so geht, wenn die ewig unterwegs sind mit einem Album. Aber so weit ist es bei uns zum Glück noch nicht.

Entstehen auch Songs, wenn ihr unterwegs seid? Das einzige neue Lied, das es bisher bei euren Shows zu hören gab, handelt ja bezeichnenderweise vom Leben im Hotelzimmer.

Valeska: Das ist das einzige Lied, das bisher fertig ist. Auf Tour zu schreiben ist wirklich schwierig, vor allem, wenn es um die Texte geht. Wir haben versucht, immer mal ein bisschen zu schreiben, wenn wir mal drei Tage frei hatten. Ich brauche diese Zeit auch, das geht nicht im Bus. Und ich habe auch keine Lust, ein Album zu texten, das nur das Tourleben behandelt. Man kann auch im Bus viele Geschichten beobachten und wir erleben sehr viel, wenn wir unterwegs sind. Aber das sind dann oft keine Geschichten, mit denen sich jeder identifizieren kann.

Es fehlt euch momentan also nicht nur die Zeit zum Schreiben, sondern auch die Zeit zum Leben und Erleben?

Valeska: Ja. Deshalb haben wir uns jetzt zwei freie Monate erkämpft, in denen wir hoffentlich nur schreiben können. Anfang nächsten Jahres.

Das scheint eine ziemlich knappe Zeit zu sein, wenn ihr so viel Nachholbedarf habt. Reichen zwei Monate, um genug Erlebnisse und Erfahrungen für ein ganzes Album zu sammeln?

Sonja: Natürlich nicht. Aber man kann mal wieder ein bisschen leben und in eine andere Phase des Musikerdaseins eintauchen.

Ihr geht als nicht mit dem Ziel in diese zwei Monate, danach ein fertiges Produkt zu haben, ein Album oder eine EP?

Sonja: Nein. Am liebsten wollen wir das wieder so machen wie beim ersten Album: Wir nehmen uns einfach die Zeit, die wir brauchen. Und diese Phase wird uns auf jeden Fall helfen, mal wieder richtig ins Schreiben eintauchen zu können.

Valeska: Beim ersten Album haben wir da auch eine Weile gebraucht, bis unsere Arbeitsweise richtig harmoniert hat, bis wir miteinander und mit unserem Produzenten so richtig gut funktioniert haben. Und wir haben wirklich das große Glück, dass wir ein Label haben, das uns nicht jetzt schon im Nacken sitzt und wissen will, wann das zweite Album fertig ist. Die wollen auch, dass das Album gut wird – und wissen, dass das Zeit braucht.

Auch wenn vom Label noch kein Druck kommt: Was denkt ihr, werden die Erwartungen an euer zweites Album sein?

Sonja: Ich denke, als Künstler sollte man sich von solchen Gedanken freimachen, auch wenn das sicher sehr schwer ist. Als Künstler möchte ich kreativ sein. Wir haben eine Vision, was wir machen möchten. Darum sollte es gehen – und nicht darum, irgendwelche Erwartungen von außen zu befriedigen. Sonst kann man sich leicht darin verlieren. Natürlich hoffe ich, dass es den Leuten gefällt, dass es unserer Plattenfirma gefällt und Philipp, unserem Produzenten. Aber jetzt sind wir noch an einem Punkt, wo wir uns eher wundern, warum so viele Leute schon nach dem Druck beim zweiten Album fragen.

Valeska: Ich denke, wenn wir die Linie verfolgen wie beim ersten Album, dann können wir nicht falsch liegen. Da haben wir uns nur auf uns selber konzentriert. Darauf muss man sich berufen. Wenn man mit den Gedanken schon bei der Frage ist, was vielleicht gut ankommt, dann macht man ja nicht mehr das, was man selbst gerne mag.

Mutual Friends lebt sehr stark davon, dass es so organisch und unprätentiös klingt. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, diese ungezwungene Sound-Atmosphäre noch einmal zu wiederholen.

Sonja: Wir beide haben uns wirklich noch keine Gedanken über das zweite Album gemacht. Noch nicht eine Sekunde lang habe ich mich gefragt, ob das wohl funktioniert und wie es sein muss, damit es funktioniert. Vielleicht kommt das, wenn wir irgendwann ein paar Songs geschrieben haben und selber erkennen: Aha, da geht die Reise hin. Aber ich fände es gar nicht schlimm, wenn wir den Sound des ersten Albums nicht wiederholen können, sondern uns weiterentwickeln, aufbauend auf das, was wir bisher gemacht haben.

Valeska: Uns ging es ja schon einmal so: Wir hatten die Akustik-EP gemacht, weil wir uns damals einfach noch keine Band leisten konnten – obwohl die Lieder schon mit Band gedacht waren. Und als wir sie dann mit Band eingespielt haben, hielten das manche schon für überproduziert. Da haben wir schon gesehen: Es gibt immer Leute, die einfach an dem hängen, was sie schon kennen. Und es gibt andere, die für Entwicklung offen sind. So wird es beim zweiten Album sicherlich auch sein.

Sonja: Genau dasselbe noch einmal zu machen – das geht ja gar nicht. Da muss man sich einfach Fans wünschen, die offen sind und so eine Reise auch mitmachen.

Gibt es schon Punkte, die ihr auf jeden Fall ganz anders machen wollt als beim Debüt? Erfahrungen, die ihr seitdem gemacht habt und die auf jeden Fall euren Sound beeinflussen werden?

Sonja: Beim ersten Album haben wir wirklich sehr viel alleine gemacht in unserem Dreiergestirn. Inzwischen hat aber jeder aus unserer Live-Band seinen Teil zu unserer Musik beigetragen. Ich denke aber, dass wir uns wieder zu dritt hinsetzen werden und den Hauptteil machen.

Im Kinderzimmer von Produzent Philipp Steinke, wie bei Mutual Friends?

Sonja (lacht): Das wissen wir noch nicht. Das ist wirklich ein Punkt, bei dem wir uns schon gefragt haben, ob wir das wirklich wieder so machen sollten. Wahrscheinlich nicht.

Valeska: Obwohl wir uns freuen würden, wenn wir da wieder wären.

Sonja: Stimmt. Es hängt auch ein bisschen davon ab, wo unser Produzent sich dann aufhält.

Könntet ihr euch weitere Mitstreiter vorstellen? Wer wäre auf eurer Wunschliste der Künstler, mit denen ihr unbedingt einmal zusammenarbeiten wollt?

Sonja: Das ist schwierig. Weil viele Leute, die ich gut finde, sicher eine ganz eigene Arbeitsweise haben, die sich womöglich gar nicht so gut mit dem verträgt, wie ich Musik mache.

Valeska: Das sehe ich auch so. Wir haben bei Boy eine sehr enge, sehr kleine Zusammenarbeit, die alles hat, was man braucht. Da wäre es wirklich schwierig, jemanden von außen dazu zu holen. Aber ich hätte nichts dagegen gehabt, mal mit Jeff Buckley oder Johnny Cash auf der Bühne zu stehen.

Sonja: Ich habe gestern gerade wieder Travis gehört. Das ist auf jeden Fall eine Band, mit der ich supergerne einmal spielen würde. Der Bassist von Travis spielt ganz, ganz tolle Basslinien, und das wäre dann ja quasi meine Rolle. Ich könnte ihn für ein paar Lieder zum Kaffeetrinken schicken und dann einspringen. (lacht)

Habt ihr bei euren Konzerten vielleicht schon ein paar eurer Helden oder Vorbilder getroffen, die dann ganz beeindruckend oder total unsympathisch waren?

Valeska: Nein. Es gibt bei Festivals aber ein anderes Phänomen. Manchmal sind die Leute so nett, dass man darüber erst ihre Musik entdeckt. Wir sind zum Beispiel bei mehreren Festivals immer wieder Bat For Lashes begegnet, und das sind so nette Leute, dass wir uns dann erst richtig mit ihnen beschäftigt haben.

Festivals sind laut, schmutzig und flüchtig – passt das zu Boy?

Sonja: Ich denke schon. Es kommt natürlich immer auch darauf an, was es für ein Festival ist. Aber bis jetzt haben wir gute Erfahrungen gemacht und es macht wahnsinnig viel Spaß. Noch mehr Spaß als ich dachte.

Valeska: Ich muss sagen, dass ich vorher schon ein bisschen Respekt hatte. Ich war früher nicht so oft auf Festivals, und dann hat man so ein Klischee im Kopf, dass die Leute da in erster Linie wegen der Party hingehen und nicht, um die Konzerte zu sehen. Aber ich habe mich schnell eines Besseren belehren lassen, Zum Beispiel unsere Show beim Southside zum Sommeranfang war ganz wundervoll.

Sonja: Stimmt. Da dachten wir: Das war jetzt schon der Höhepunkt, besser kann die Festivalsaison nicht mehr werden. Besonders schön für uns ist es, wenn wir im Zelt spielen. Dann ist alles ein bisschen kompakter, man kann ein bisschen mehr Atmosphäre schaffen. Und selbst wenn alle schwitzen und das Wasser von den Decken läuft, wie es beim Southside war, dann ist das herrlich.

Was ist das typische Boy-Publikum?

Sonja: Mein Eindruck nach unseren ersten beiden Tourneen: Mehr Mädchen als Jungs und vom Alter her sehr gemischt. Und vor allem: ein sehr nettes Publikum. Wenn ich von der Bühne blicke, sehe ich ganz oft Leute, bei denen ich denke: Wow, die sehen total nett aus. Mit denen könnte man bestimmt gut einen Kaffee trinken. Das ist vor allem deshalb schön für uns, weil man am Anfang ja gar nicht weiß, wer zu den Konzerten kommen wird und wie die Leute drauf sind, bevor man die ersten Konzerte spielt.

Valeska: Sogar wenn wir auf der Straße angesprochen werden, ist das in der Regel sehr angenehm. Das ist nie ein dummer Spruch, sondern die Leute erzählen uns eher, was ihnen die Musik bedeutet. Das ist wunderbar.

Hingehört: PiL – “This Is PiL”

August 30, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
"This Is PiL" klingt akut, biestig und gefährlich.

“This Is PiL” klingt akut, biestig und gefährlich.

Künstler PiL
Album This Is PiL
Label PiL Official
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

„This is PiL“, ruft John Lydon. Er presst diesen Satz heraus aus den tiefsten Tiefen seines Herzens, wie ein eine Ehefrau, die ihren betrunkenen Mann endlich rausschmeißt und ihm all ihre Verbitterung hinterher schreit, bis er endlich um die Ecke getorkelt und für immer aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. Lydon schreit diesen Satz immer wieder am Beginn dieses Albums, gut dreieinhalb Minuten lang. Und man muss sich fragen: Warum?

Befürchtet der ehemalige Sänger der Sex Pistols, der Public Image Ltd im Jahr 1978 gegründet und dann über Jahrzehnte hinweg zu einer der unberechenbarsten Bands der englischen Musikszene gemacht hat, die Fans könnten PiL vergessen haben? Schließlich ist This Is PiL das erste Album seit 20 Jahren. Oder meint er es als etwas plumpe Informationsvermittlung für all die Festivalbesucher, die PiL vielleicht bei einem ihrer zahlreichen Gigs in den vergangenen Jahren (seit 2009 spielt die Band wieder live) eher zufällig erlebt haben und gar nicht wussten, wen sie da vor sich hatten?

Beide Vermutungen erweisen sich als falsch, wenn man sich etwas näher mit This Is PiL beschäftigt. In erster Linie geht es hier nach wie vor darum, auf möglichst hohem Energie-Level mit Konventionen zu brechen. Das gilt uneingeschränkt für das neue Lineup von PiL, neben John Lydon bestehend aus Gitarrist Lu Edmonds (ehemals The Damned), Schlagzeuger Bruce Smith (ehemals The Slits), Bassist Scott Firth (hat unter anderem für Elvis Costello gespielt und für Steve Winwood, in dessen Studio This Is PiL auch aufgenommen wurde). Alles auf dieser Platte klingt akut, biestig, gefährlich.

Die Single One Drop setzt auf Dub-Einflüsse und Quasi-Sprechgesang, was an die Happy Mondays denken lässt. Deeper Water ist hypnotisch, spannend und intensiv, wie The Clash in einer noch etwas schrägeren Ausgabe. Es gibt gute Grooves wie den von I Must Be Dreaming, brodelnde Songs wie Terra-Gate, feine Slogans wie in Human („If these are your leaders / then they are good enough for you“), Psychedelisches wie den Reggie Song und abstraktes Material wie I Said That.

Würde man The Prodigy zwingen, echte Instrumente zu spielen, könnte so etwas dabei heraus kommen wie die Lollipop Opera. Spinnert und monoton wie die besten Momente der Talking Heads gerät Out Of The Woods, der fast zehnminütige Rausschmeißer.

The Room I Am In enthält nur ein paar sanfte Gitarrentöne, darüber spricht John Lydon ein chaotisches Gedicht, als habe er sich selbst gesamplet und würde jetzt bloß noch zufällige Tasten drücken, die dann zufällig angeordnete Worte erklingen lassen. Auch Fool kann man mit einigem Recht eine Ballade nennen, schließlich scheint der Liebeskummer hier in jeder einzelnen Zelle zu stecken.

In den ruhigeren Momenten fällt am meisten auf, dass PiL – ebenso wie einst die Sex Pistols – den Willen haben, unbedingt anders zu sein, und dass die Stärke ihrer Songs gerade in der Reduktion begründet ist. Doch im Gegensatz zu den Drei-Akkorde-Strukturen der Punk-Ikonen hat sich bei PiL eine erstaunliche Musikalität etabliert, die wunderbar kontrastiert mit der Stimme von John Lydon, die noch immer klingt, als habe sie sich gerade von einer Brücke gestürzt. Letztlich macht das Album dann auch klar, was hinter dem Kampfschrei „This is PiL“ steckt: Es ist eine Warnung, dass man es hier nach wie vor mit etwas sehr Speziellem zu tun hat – und der Beleg dafür, dass John Lydon auch nach einem knapp halben Jahrhundert als Musiker nichts von seiner Wut verloren hat.

Sehr schräg und sehr englisch kommen PiL auch im Video zu One Drop rüber:

Homepage von PiL.

Draufgeschaut: Curly Sue

August 29, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Curly Sue (Alisan Porter) landet von der Straße plötzlich in einem Luxus-Apartment.

Curly Sue (Alisan Porter) landet von der Straße plötzlich in einem Luxus-Apartment.

Film Curly Sue
Produktionsland USA
Jahr 1991
Spielzeit 102 Minuten
Regie John Hughes
Hauptdarsteller James Belushi, Kelly Lynch, Alisan Porter, John Getz
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Bill ist ein Vagabund und zieht gemeinsam mit seiner Tochter Curly Sue durchs Land. Dass sie bettelarm sind, stört die beiden nicht: Sie schlagen sich mit Einfallsreichtum, Tricks, Schlagfertigkeit und ihrer tiefen Liebe zueinander durch. Als Bill von der reichen Anwältin Grey angefahren wird, die das Paar dann vor lauter schlechtem Gewissen bei sich zu Hause aufnimmt, scheinen sie das große Los gezogen zu haben.

Das sagt shitesite:

“Written, directed and produced by John Hughes”, steht stolz im Vorspann von Curly Sue. Doch der Mann, der Klassiker wie The Breakfast Club, Ferris macht blau oder Kevin – allein zu Haus erschaffen hat, scheint hier von beinaher jeder Form von Inspiration, Esprit und Originalität verlassen zu sein.

Man mag ihm kaum vorwerfen, dass die Handlung unglaubwürdig ist – das war bei einigen seiner besten Filme ebenfalls der Fall. Schlimmer wirkt, wie eindimensional hier die Figuren sind. Curly Sue wird mit ihren Kulleraugen und dem Lockenkopf, vor allem aber mit ihrer penetranten Aufgewecktheit, die man kaum einem doppelt so alten Mädchen abnehmen würde, schnell nervtötend. Wenn sie dann im Luxus-Apartment herausgeputzt wird, wirkt sie auch noch wie eine um 20 Jahre verjüngte Version von Pretty Woman. Bill kommt nie aus dem Harter-Kerl-mit-weichem-Kern-Klischee heraus und Grey nimmt man niemals die Businessfrau ab, die plötzlich ihre mütterliche Seite entdeckt.

Schlimmer als dieses Ensemble fällt aber die Tatsache ins Gewicht, dass hier keine harmlose Familiengeschichte erzählt wird, sondern Curly Sue auch eine gesellschaftliche Dimension hat. Die Obdachlosigkeit von Bill und Curly Sue wirkt hier fast putzig – jedenfalls angenehmer als das Leben der Reichen, das von Missgunst, Stress und Intrigen geprägt scheint. Bill und Curly Sue sind die Identifikationsfiguren in diesem Film, sie sind anständige Leute, die an Gott glauben und die Nationalhymne singen. Obwohl sie mittellos sind, erscheinen sie zufrieden mit ihrem Leben, souverän. Grey hingegen scheint trotz all ihres Reichtums auf irgendeine bessere Zeit zu warten, auf ihr wirkliches Leben. Mehr Schablonen-Denken und Verharmlosung geht kaum.

Immerhin bietet Curly Sue ein paar sehr schöne Slapstick-Momente. Allerdings sind auch die nicht rundum gelungen – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Film eine Familienkomödie sein will: Wenn sich in einem Schreckmoment in der Luxuswohnung alle gegenseitig einen satten Fausthieb versetzen, dann ist das eine allenfalls halblustige Form von häuslicher Gewalt.

Bestes Zitat:

“Es macht keinen Spaß, von irgendwem das Spielzeug zu sein.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Max Herre – “Hallo Welt”

August 28, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
Klare Botschaften und entspannte Sounds mischt Max Herre auf "Hallo Welt".

Klare Botschaften und entspannte Sounds mischt Max Herre auf “Hallo Welt”.

Künstler Max Herre
Album Hallo Welt
Label Nesola
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

„Rap ist mein Talent und meine Identität.“ Es ist eine an Klarheit kaum zu überbietende Aussage, die Max Herre da in Rap ist trifft, dem letzten Track von Hallo Welt. Und es ist ein Satz, der eigentlich ein bisschen zu selbstverständlich sein sollte für jemanden, der einst mit Freundeskreis ganz oben auf der Erfolgswelle des deutschen Sprechgesangs surfte und der HipHop immer als Lebensentwurf verstanden hat – nicht zuletzt tauchte eben jene Zeile schon 1999 im Track Erste Schritte auf dem Esperanto-Album auf.

Trotzdem ist diese Zeile eine Überraschung. Denn auf seinem letzten Soloalbum Ein geschenkter Tag vor drei Jahren hatte er sich eher in Richtung Folk bewegt und nur noch gesungen. Rap schien ihm zum Korsett, zur Belastung geworden zu sein und wurde kurzerhand auf den Index gesetzt. Auch auf Hallo Welt gibt es noch solche Passagen, aber dazu kommen diesmal, neben einer guten Dosis Sprechgesang, auch Soul, Reggae, Jazz, Funk und Rock. Die Zeiten des Dogmas scheinen vorbei. „Ups, ich tauge nicht mehr als Projektionsfläche / nicht gleich alles staatstragend, was ich ins Mikrofon spreche / Das ist einfach nur meine Sicht der Dinge / Und dass ich wieder rappe, heißt nicht, dass ich nicht mehr singe“, stellt Max Herre passend dazu im Kahedi Dub fest.

Dass er wieder das gesamte Spektrum seines Könnens und seiner Vorlieben nutzt, passt zu den Themen von Hallo Welt: Die Suche nach einem tragfähigen Glauben wird gleich mehrfach besungen, die Sehnsucht nach Werten und einer besseren, heilen Welt ist unverkennbar. Es geht um die Kraft der Musik, die er schon mit Freundeskreis gepriesen hat, es geht um Zusammenhalt, Solidarität und Freiheit – politisch, privat und kreativ.

Passend dazu hat sich Max Herre gleich ein knappes Dutzend hochkarätiger Gäste ins Studio geholt. Die Senkrechtstarter Aloe Blacc, Philipp Poisel und Cro gehören dazu, alte Wegbegleiter wie Patrice, Clueso, Joy Denalane und Samy Deluxe oder Hoffnungsträger wie Marteria und Megaloh. Als loser Rahmen dient die Idee, Hallo Welt wie eine Radiosendung zu verstehen, und passend dazu gibt es ein paar Jingles, Ansagen und Frequenzsuchgeräusche, glücklicherweise wird dieses Konzept aber nicht überstrapaziert.

Schon eher störend ist (neben dem erwartbaren Umstand, dass sich musikalisch hier alles im dauerbekifften Bereich zwischen gefällig, beschaulich und ereignislos bewegt) die Tatsache, dass Herres Hippie-Philosophie oft einigermaßen simpel daher kommt. Auch auf seinem dritten Soloalbum und mit fast 40 Jahren liefert er noch immer Weltverbesserer-Lyrik auf Pubertäts-Niveau. Immerhin: Der gebürtige Stuttgarter ist einer der wenigen, die sich in diesen Tagen nicht in Ironie oder Oberfläche flüchten, sondern eindeutig Stellung beziehen und keine Scheu vor klaren Botschaften haben.

Aufruhr (Freedom Time) ist das erste Beispiel dafür, holt den Arabischen Frühling via spanischer Jugendproteste nach Berlin und schafft es, auch noch Fukushima und Trash-TV zu integrieren. Jeder Tag zuviel thematisiert zu einem feurigen Funk im Stile von Jan Delay die Monotonie im Hamsterrad eines ganz normalen Jobs. Solang kann man mit gutem Gewissen einen Blues nennen, der Orientierung sucht oder wenigstens Eskapismus. Einstürzen Neubauen (mit Samy Deluxe) disst zu einem ebenso mächtigen wie plakativen Beat soziale Netzwerke, unterstützt Occupy und bringt auch noch eine Ton-Steine-Scherben-Referenz („Mach kaputt was dich kaputt macht“) unter. Es gebe „zu viele Gutmenschen und zu wenig Wutbürger“, stellt Max Herre darin fest – womöglich nicht einmal ahnend, dass er auf Hallo Welt eindeutig beides ist.

Am besten ist Max Herre, wenn er über die Liebe singt. Neuerdings ist er wieder mit seiner Ex-Frau Joy Denalane zusammen, und so gibt es auf Hallo Welt gleich eine ganze Reihe von Songs, in denen ein reuiger Sünder zurückkehrt zu dem, was ihm wirklich wichtig ist. Das zuckersüße Dududu ist so ein Fall. Noch eindeutiger wird es bei So wundervoll (das You Are So Beautiful von Billy Preston aufgreift) und ganz viel Hoffnung verbreitet und Nicht vorbei (Bis es vorbei ist), eine eingedeutschte Version von It Ain’t Over ’Til It’s Over (Lenny Kravitz), für die Max Herre den Text von Dududu noch einmal recycelt.

Fühlt sich wie fliegen an (mit Cro und Clueso) ist entspannt und leichtfüßig und von einem herrlichen Flow getragen. Das beste Lied des Albums ist Vida, eine Hymne an seine Tochter. Gemeinsam mit Aloe Blacc nutzt Max Herre hier nicht nur wunderhübsche Soul-Versatzstücke, sondern klingt tatsächlich beseelt.

Gemeinsam mit Philipp Poisel ist die Top-10-Single Wolke 7 entstanden, die ein eigentlich sperriges Klavier-Sample sehr gekonnt zum Fundament macht und im Refrain so etwas wie Unheilig-Feeling entwickelt. Berlin – Tel Aviv (mit Sophie Hunger) erzählt zu sehr geschmackvollen Jazzklängen ein Kapitel aus Max Herres Familiengeschichte aus der Zeit des Dritten Reichs. Nicht ganz so weit zurück blickt 1992, in dem sich Max Herre zu einer schönen Bass-Line, mit Stolz, aber ohne Arroganz an seine ersten Gehversuche im HipHop erinnert. „Rap ist mein Talent und meine Identität“ – das war damals schon klar, und für beides liefert Max Herre nun mit Hallo Welt noch einmal den Beweis ab.

Er kann es noch: Max Herre trägt ein Stück von Rap ist vor, live im Kiosk:

Homepage von Max Herre.

Draufgeschaut: It’s A Free World

August 27, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Angie (Kierston Wareing) vermittelt Jobs an Einwanderer.

Angie (Kierston Wareing) vermittelt Jobs an Einwanderer.

Film It’s A Free World
Produktionsland Großbritannien
Jahr 2007
Spielzeit 96 Minuten
Regie Ken Loach
Hauptdarsteller Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Angie heuert in Polen Arbeitskräfte im Auftrag ihrer englischen Personalvermittlungsfirma an. Sie ist gut in ihrem Job – doch dann wird sie gefeuert und steht als alleinerziehende Mutter vor dem Nichts. Gemeinsam mit ihrer Freundin Rose beschließt sie, sich selbstständig zu machen und selbst Arbeitskräfte anzuheuern. Sie setzt auf ihre Erfahrung, weiblichen Charme und die Verzweiflung der Arbeitslosen. Schon bald ist sie hoffnungslos verstrickt in einem unbarmherzigen System.

Das sagt shitesite:

Fast dokumentarisch beginnt It’s A Free World: Angie sitzt in einem provisorischen Büro, vor ihr stehen polnische Arbeitslose Schlange und können es kaum erwarten, für die Aussicht auf irgendeinen Job in England ihre Ausbildung, ihre Erfahrung und ihr Leben wegzuwerfen. Manch ein Akademiker oder Facharbeiter schiebt noch ein Schmiergeld über den Tresen, um künftig als Hilfskraft arbeiten zu dürfen. Eindrucksvoller könnten das Geschäft der Personalvermittler, die Hoffnung der Einwanderer und die Abgeklärtheit von Angie kaum illustriert werden, und dieses Prinzip greift in diesem Film immer wieder: Es wird zurückhaltend erzählt, mit Respekt und Mitgefühl für die Beteiligten, aber mit scharfem Blick auf all die Abgründe des Geschäfts mit der Leiharbeit.

Wenn Angie mit einem Auftraggeber aneinander gerät, mit ihrem Vater über die Löhne ihrer Leiharbeiter streitet oder sich mit ihrer Partnerin Rose in die Haare kriegt, weil die nicht noch schneller und mit noch skrupelloseren Methoden wachsen will, dann wird sie zum Knotenpunkt all der Entwicklungen, die da aufeinander treffen: Sie glaubt, Gutes zu tun, und sie steht doch auf der Seite der Ausbeuter. Sie verschafft Menschen ein Auskommen, und weiß doch, dass für Fairness in diesem Business kein Platz ist. Sie bemüht sich, im Umgang mit ihren Arbeitern so etwas wie Menschlichkeit zu bewahren, und merkt nicht einmal, dass sie sie schon nach ein paar Tagen selbst bloß noch als Ware betrachtet.

Die Stärke von It’s A Free World ist es, dass der Film dabei keinen anderen Schuldigen benennt als das System selbst. Die Wut der illegalen Einwanderer, die nicht bezahlt werden, wird ebenso nachvollziehbar wie Angies Versuch, sich ohne Rücksicht auf Verluste nach oben zu kämpfen oder der Druck ihrer Auftraggeber, die Löhne noch ein bisschen mehr zu drücken. Alle spielen mit und trösten sich, so ist der Titel des Films gemeint, mit der Einbildung, sie könnten auch aussteigen aus diesem Spiel, wenn es ihnen nicht mehr passt. In Wirklichkeit sind sie alle ohnmächtig gefangen im Hamsterrad der globalisierten Arbeitswelt.

Jeder wird mies behandelt, jeder wird verarscht, und es gibt immer noch jemanden weiter oben, der das wirklich große Geld macht – das ist die trostlose Botschaft von It’s A Free World.

Bestes Zitat:

“Wir geben den Menschen eine Chance.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Conor Maynard – “Contrast”

August 26, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Conor Maynard tobt sich auf "Contrast" im Pop-Wunderland aus.

Conor Maynard tobt sich auf “Contrast” im Pop-Wunderland aus.

Künstler Conor Maynard
Album Contrast
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

Vor ziemlich genau 20 Jahren (genauer gesagt: am 8. März 1992) lief die Frist aus, um rechtliche Schritte gegen Milli Vanilli einleiten zu können. In der Tat hatten bis zu dieser Deadline einige Fans vor allem in den USA die Möglichhkeit genutzt, ihren Schmerz einzuklagen (und ein paar Dollars abzustauben). Sie waren bei Konzerten gewesen oder hatten Platten gekauft, und sie fühlten sich hintergangen, als dann herauskam, dass die beiden Rasta-Schönlinge auf der Bühne oder dem Plattencover gar nicht die waren, die da sangen.

Hinter ihrer Empörung steckt die Idee: Pop soll authentisch sein. Verpackung und Inhalt, Gesicht und Stimme sollen übereinstimmen. Aus heutiger Sicht ist das ein fast rührend altmodischer Gedanke. Die Popwelt des Jahres 2012 ist so Gaga und stromlinienförmig, dass der Gedanke von musikalischer Authentizität nur noch lächerlich wirken kann. Hip-Hop-Veteranen aus Kalifornien (Snoop Dogg) klingen in diesen Tagen genauso wie pubertierende Kanadier (Justin Bieber), der Sound von Glamour-Püppchen (Rihanna) ist kaum zu unterscheiden von dem einstiger Underground-Helden (Magnetic Man).

Das liegt nicht nur daran, dass der Mainstream immer schneller Trends integriert und damit pulverisiert. Es liegt vor allem daran, dass die Erste Liga des Pop sich fast durchweg mit Songmaterial beliefern lässt, statt selbst zu schreiben. Die Hits kommen aus den immergleichen Werkstätten, die mit den immergleichen Schablonen und Werkzeugen arbeiten. Das Ergebnis ist das, was Bloc-Party-Sänger Kele Okereke kürzlich „the invisible grid that seems to be mapping out all of popular music these days” genannt hat.

Contrast, das Debütalbum von Conor Maynard ist ein fast schockierend eindrucksvolles Beispiel dafür. An der Platte, die in England auf Platz 1 der Charts eingestiegen ist, waren sage und schreibe 13 Produzenten oder Produzententeams beteiligt (nimm das: Invisible Men, The Arcade, Dan Stein, Stargate, Deto Nate, Benny Blanco, Parker & James, Pharrell, Quiz & Larossi, Lucas Secon, Dirty Swift, Bruce Wayne und Eagle Eye), darunter reichlich namhafte Leute, die schon mit 50 Cent, DJ Fresh oder Kid Kudi gearbeitet haben. Die Liste der Komponisten ist noch länger und umfasst für 12 Lieder stattliche 31 Namen. Immerhin acht Mal wird auch Conor Maynard selbst als Co-Komponist genannt, der ansonsten kein Problem damit hat, fremdes Material zu nutzen: „Ich lerne immer noch, also wäre ich schön blöd, einen Song eines anderen abzulehnen, den ich bewundere“, sagt der 21-Jährige.

So viel Pragmatismus kann man dem jungen Mann aus Brighton kaum vorwerfen: Vor ein paar Jahren war er einfach ein enthusiastischer Teenager, nun steht er mit seinen Helden Ludacris, Pharrell oder Ne-Yo im Studio, darf in der Royal Albert Hall und im Wembley-Stadion singen und hat neben dem Nummer-1-Album auch noch zwei Top-5-Singles vorzuweisen. Seine Fans sind verrückt nach ihm und im Rennen um den MTV-Brand-New-For-2012-Award hat er sogar Lana del Rey und Lianne Le Havas ausgestochen.

„Früher band ich zwei Singstar-Mikrofone zusammen am Bettpfosten fest. So habe ich angefangen, meine Coverversionen aufzunehmen“, erinnert sich Conor Maynard. Dann ging für ihn der Traum in Erfüllung, den Millionen Teenager träumen: Die Videos, die er bei YouTube einstellte, machten Furore, vor zwei Jahren lud ihn dann sogar sein Vorbild Ne-Yo ein, nachdem er dessen Beautiful Monster gecovert hatte. Ne-Yo wurde zum Mentor für den Wunderknaben, und Conor Maynard wurde zu Englands Version von Justin Bieber, sogar mit der passenden Frisur.

Sein Debüt klingt jetzt wie das Werk eines jungen Mannes, der sein Glück kaum fassen kann, und sich tüchtig austobt im Wunderland des modernen Pop. Bei der Auswahl der Tracks, Mitstreiter und Produzenten muss sich Maynard vorgekommen sein wie ein Achtjähriger mit einem 1-Million-Dollar-Gutschein bei Toys’R’Us.

Der Opener Animal ist in der Stophe dezent durchgeknallt, geht im Refrain aber in bester David-Guetta-Hmynen-Manier auf Nummer sicher. Turn Around (mit seinem Ziehvater Ne-Yo) wird beinahe balearisch. Es war „einer der letzten Songs für das Album, den wir eigentlich nicht mehr auf dem Schirm hatten“, erzählt Conor Maynard. „Ich bin so froh, dass wir es noch rechtzeitig geschafft haben. Das Stück rundet das Album ab.“

Die Single Vegas Girls verweist im Text auf Rihanna und klingt dann prompt auch nach Umbrella, gleich danach lässt Can’t Say No mit seinem satten Bass erst an Justin Timberlake und dann im Break an M.I.A.s Paper Planes denken.

Das Problem an Contrast ist: Conor Maynard liefert hier nichts, was ihn irgendwie von anderen aktuellen Künstlern im Bereich des Urban Pop unterscheidet. Seine Stimme wird mit AutoTune jeglichen Charakters beraubt, die Texte sind hohl, der Charme, den der 21-Jährige in den Making-Ofs seiner frühen Videos versprüht, ist nirgends zu finden. Contrast hat kaum ein Qualitätsgefälle (lediglich das von Pharrell produzierte Lift Off und der sanfte Rausschmeißer Just In Case ragen etwas heraus), aber auch keinen Spannungsbogen. Letztlich klingt die Platte wie ein einziger Megamix. Oder aber: wie die Fließbandware, die sie schließlich auch ist.

Nicht auf dem Album, leider: Conor Maynard covert Use Somebody von den Kings Of Leon:

Homepage von Conor Maynard.

Draufgeschaut: Illuminati

August 25, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Robert Langdon (Tom Hanks) und Vittoria Vetra (Ayelet Zurer) suchen einen geheimen Treffpunkt der Illuminati.

Robert Langdon (Tom Hanks) und Vittoria Vetra (Ayelet Zurer) suchen einen geheimen Treffpunkt der Illuminati.

Film Illuminati
Originaltitel Angels And Demons
Produktionsland USA
Jahr 2009
Spielzeit 138 Minuten
Regie Ron Howard
Hauptdarsteller Tom Hanks, Ewan McGregor, Ayelet Zurer, Thure Lindhardt, Stellan Skarsgård, Pierfrancesco Favino, Nikolaj Lie Kaas, Armin Müller-Stahl
Bewertung ***

Worum geht’s?

Der Vatikan ist zutiefst erschüttert: Nicht nur, dass gerade der Papst gestorben ist. Auch der längst in Vergessenheit geratene Geheimbund der Illuminati taucht plötzlich wieder auf und will Rache für die Verfolgung seiner Mitglieder vor hunderten von Jahren. Vier Kardinäle, die Favoriten für die Wahl zum neuen Papst waren, wurden entführt. Außerdem haben die Illuminati eine Bombe versteckt, die Antimaterie enthält und bei Ablauf ihres Ultimatums den gesamten Vatikan zerstören soll. Auf der Suche nach Hilfe wendet sich der Kammerdiener des gestorbenen Papstes, der bis zur Wahl eines neuen Kirchenoberhaupts die Amtsgeschäfte führt, an den Illuminati-Experten Robert Langdon. Gemeinsam mit der Physikerin Vittoria Vetra will der Professor die entführten Kardinäle retten – und die Antimaterie-Bombe rechtzeitig finden.

Das sagt shitesite:

Natürlich ist Illuminati vollkommen unlogisch und überzeichnet, aber das ist schon der Buchvorlage von Dan Brown geschuldet. Der Film schafft es, das Geschehen zumindest ein bisschen plausibler zu machen, solide Unterhaltung zu bieten und vor allem starke Bilder für seinen recht simplen Plot zu finden.

Auf sein namhaftes Ensemble kann sich Regisseur Ron Howard verlassen, auch die Spannungskurve flacht über die gut zwei Stunden Spielzeit kaum ab. Die größte Leistung von Illuminati ist es aber, in einen Blockbuster mit der Pflicht zum ebenso pompösen wie pathetischen Ende immerhin ein paar schlaue Gedanken zum Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion zu integrieren, der hier ausgefochten wird – auch wenn der Beinahe-Papst dabei zum Actionhelden mutiert und es bei der Hetzjagd durch Rom ein paar arg plakative Schmankerl für Kunsthistoriker gibt.

Illuminati durchleuchtet die Machtkämpfe innerhalb des Vatikans, das erstaunliche Nebeneinander von Egoismen und Massenhysterie, den Kampf zwischen Tradition und Transparenz. Und findet in der Person des Camerlengo eine sehr eindrucksvolle Verkörperung des Zusammenspiels von eiskaltem Kalkül und religiösem Eifer.

Bestes Zitat:

“Der Glaube ist eine Gabe, die ich noch erhalten muss.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Bloc Party – “Four”

August 24, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
"Four" ist ein Wunder, eine Weiterentwicklung und doch typisch Bloc Party.

“Four” ist ein Wunder, eine Weiterentwicklung und doch typisch Bloc Party.

Künstler Bloc Party
Album Four
Label Frenchkiss Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Feingefühl war schon immer eine Stärke von Bloc Party. Das Gespür für den richtigen Moment und die perfekte Balance bewiesen sie ganz oft in ihrer zehnjährigen Karriere, ob sie nun mit Paul Epworth einen Produzenten für ihr Debüt verpflichteten, der kurz darauf zum Mann der Stunde werden sollte, mit Kreuzberg (von A Weekend In The City) den zweiten Frühling von Berlin als Magnet für Kreative aus aller Welt einfingen oder zuletzt mit Intimacy ein Album völlig ohne PR und zuerst nur online veröffentlichten.

Diesmal haben sich Kele Okereke, Matt Tong, Gordon Moakes und Russell Lissack aber selbst übertroffen. Four beginnt mit etwas, das in jedem Tonstudio der Welt jeden Tag anfällt, aber normalerweise herausgeschnitten wird: Ein kurzer Wortwechsel der Band, eine Nachfrage. Auch am Ende von Real Talk und Team A sind ein paar Sekunden solcher Arbeitsgespräche zu hören. Es ist ein herrlich subtiler Hinweis auf das, was viele Musikfans kaum noch für möglich gehalten hatten: Ja, Bloc Party stehen wirklich wieder in einem Tonstudio. Sie arbeiten an neuen Songs. Gemeinsam. Als Band.

Die Zweifel, dass es diesen Moment noch einmal geben würde, waren zuletzt immens. Vier Jahre lang hatten Bloc Party kein Album gemacht, zwei Jahre lang kein Konzert mehr gespielt. Stattdessen starteten fast alle Bandmitglieder während dieser Zeit eigene Projekte, musikalisch meist weit entfernt vom Bloc-Party-Sound. Insbesondere Sänger Kele Okereke wirkte auf seinem Solo-Album The Boxer und der anschließenden Tour wie befreit, die alte Band musste zwangsläufig als Ballast erscheinen, als Auslaufmodell.

Die weltpolitischen Turbulenzen des Jahres 2011 brachten ihn dann dazu, wieder Songtexte zu schreiben, und sorgten schließlich dafür, dass er sich nach den alten Kollegen sehnte. „Obwohl ich die Soloplatte gemacht hatte, vermisste ich die Arbeitsweise meiner Band. Die kleinen Improvisationen und Andeutungen, die dann zu immer neuen Ideen führen”, schreibt er in seinem Blog. Den anderen ging es ähnlich, und so zog das Quartett im Winter 2011 gemeinsam mit Produzent Alex Newport (Death Cab For Cutie, The Mars Volta, At The Drive-In) in ein Studio in New York.

Das erste Zusammentreffen war durchaus heikel. „Wir waren alle aufgeregt und nervös wie vor der ersten Probe“, erzählte mir Bassist Gordon Moakes, als ich ihn und Schlagzeuger Matt Tong beim Melt-Festival getroffen habe.  Auch Kele Okereke erinnert sich in seinem Blog daran, dass beim Wiedersehen alles möglich gewesen wäre, auch eine Katastrophe: “Um ehrlich zu sein, hatte keiner von uns eine Ahnung, ob bei diesen Sessions irgendetwas herauskommen würde. Es gab bis zu diesem Tag ein großes Fragezeichen, ob Bloc Party jemals wieder eine Platte machen würden. Wir waren alle ausgelaugt, gelangweilt und hatten uns voneinander entfernt.“

Als die Instrumente einmal eingestöpselt waren, setzte aber schnell Erleichterung ein: „Es hat vielleicht eine Viertelstunde gedauert, bis wir gemerkt haben: Das fühlt sich gut an. Die Chemie stimmt noch“, erzählte mir Moakes im Interview. Wahrscheinlich sei es noch nie so angenehm gewesen, eine Platte mit Bloc Party zu machen wie diesmal, fügt er an. Drummer Matt Tong stimmt zu: „Wir sind eine Band, und das hat man ziemlich schnell wieder gemerkt.“ Das wieder gewonnene Zusammengehörigkeitsgefühl wirkt sich auch auf den Sound von Four aus. Bloc Party spielen immer noch genau auf den Punkt, aber sie klingen nicht mehr verkrampft. Four ist perfektionistisch, aber doch organisch.

Die Halb-Ballade Day Four mit ihren vielen Arpeggios ist ein gutes Beispiel dafür. Das Lied macht Hoffnung (auch sich selbst), und findet die perfekte Form dafür. Auch Team A, das klassischen Bloc-Party-Sound bietet, und Truth bestechen durch ein Selbstbewusstsein, das keine Effekthascherei nötig hat. Der Sound ist so einfach wie die Botschaft: „I am yours now.“

Ganz am Anfang macht So He Begins To Lie die Wiederauferstehung von Bloc Party geradezu dokumentarisch deutlich. Nach dem erwähnten Studio-Dialog erklingen ein Monster-Beat, ein Monster-Riff und dann die Stimme von Kele Okereke, die längst ein Markenzeichen geworden ist. Gegen Ende gibt es ein Crescendo, in dem sich die vier Musiker anscheinend gegenseitig ihre Virtuosität, Kraft und ihren ganz persönlichen Stellenwert für diese Band unter Beweis stellen wollen. Das Ergebnis klingt wie das gesamte Album: Four ist eine echte Bloc-Party-Platte, aus der Position der Bedrängnis heraus, die diese Band wohl niemals verlassen wird, und trotzdem frisch, überraschend, herausfordernd.

Erstmals haben sich Bloc Party im Studio auf ihre Live-Qualitäten verlassen und danach nicht mehr viel an den Aufnahmen herumgedoktert. „Wir haben früher auch oft die Instrumente live eingespielt, aber dann noch eine Menge mit den einzelnen Aufnahmespuren angestellt. Diesmal ging es mehr darum, wirklich die Performance einzufangen“, betont Matt Tong. „Früher haben wir oft die Möglichkeit genutzt, an eine bestimmte Stelle zu springen und beispielsweise nur einen bestimmten Refrain noch einmal neu einzuspielen, bis er genau richtig klang. Diesmal sollte man hören können, dass da Leute in einer Band sind, und was sie gerade spielen, ganz authentisch“, schildert Gordon Moakes die neue Arbeitsweise.

Kele Okereke gibt sogar zu: “Wir haben sonst gerne versucht, die Leidenschaft zu verstecken, mit der wir spielen. Wir wollten sie verschleiern, manipulieren, bis das Ergebnis uns nicht mehr entsprach. (…) Bei dieser Platte wollten wir uns selbst herausfordern, ohne uns auf Pro Tools zu verlassen oder dieses unsichtbare Raster, nach dem heutzutage anscheinend alle Popmusik entworfen wird. Wir wollten uns wirklich bis an die äußersten Grenzen unserer Möglichkeiten wagen, sonst wäre es sinnlos, überhaupt noch weiter zu machen.” Passend dazu bietet Four einige neue Facetten wie die Country-Elemente am Anfang von Coliseum, das dann wild, feurig und atemlos wird, Kettling, das quasi Hardrock ist, oder die Rhythmuswechsel und die angedeutete Surf-Gitarre in So He Begins To Lie.

Dazu kommen das bedrohliche 3×3, mit einer geflüsterten Strophe und einem Refrain so mächtig wie von Muse, die Punk-Gewalt von We’re Not Good People und das zurückgenommene The Healing als der Rausschmeißer im Geiste.

Die Single Octopus setzt auf ein eingängiges Piano-Riff, um das sich die Gitarren wie eine Doppelhelix ranken. Das ist genau die Mischung aus Aggression und der Suche nach Orientierung, die Bloc Party immer ausgemacht hat, und die beinahe der Sprengstoff geworden wäre, der dieser großartigen Band ein Ende bereitet hätte. Das zurückgenommene Real Talk scheint der einzige Song zu sein, der die einstigen Konflikte in der Band zumindest andeutet. Mit Shuffle-Beat, Banjo und dem zärtlichen, herrlichen Gesang klingt es wie ein Angebot zur Versöhnung, wissend um den Schatz der Vergangenheit, der unzertrennlich verbindet. „I’ve lived in every town /But here is where I find home / My mind is open / And my body is yours”, lautet der Refrain.

Die Freude, sich wieder gefunden zu haben, durchströmt auch V.A.L.I.S. Der Song ist extrem tanzbar, verspielt und voller Leichtigkeit – und damit wohl die perfekteste Entsprechung dessen, was Kele Okereke als Essenz von Four ansieht: “Die Platte ist die Musik von vier Leuten in einem Raum, die lieben, was sie tun, und die es tun, so gut sie nur können. Es ist ein Sound, den nur wir Vier so hinbekommen können, und ich bin stolzer darauf als auf irgendeine andere Platte, die ich je gemacht habe.”

Schaut mal her, alle zusammen! Das ist auch die Botschaft des Albumtrailers zu Four:

Homepage von Bloc Party.

Draufgeschaut: Im falschen Leben

August 23, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Die Kinder von Sandra (Anna-Maria Mühe, links) und Marie (Sonsee Neu) wurden vertauscht.

Die Kinder von Sandra (Anna-Maria Mühe, links) und Marie (Sonsee Neu) wurden vertauscht.

Film Im falschen Leben
Produktionsland Deutschland/Österreich
Jahr 2011
Spielzeit 90 Minuten
Regie Christiane Balthasar
Hauptdarsteller Sonsee Neu, Anna Maria Mühe, Maxim Mehmet, Andreas Lust
Bewertung ***

Worum geht’s?

Marie und Holger können es nicht fassen: Kurz vor dem ersten Geburtstag ihrer kleinen Tochter erfahren sie, dass sie gar nicht ihr Kind ist. Das Baby wurde auf der Geburtsstation verwechselt, ein DNA-Test lässt daran keinen Zweifel. Die wirkliche Tochter der beiden ist bei Sandra gelandet, einer alleinerziehenden Studentin, die ebenfalls nichts von dem Irrtum ahnte. Nun stehen die Eltern vor der Frage, ob sie das Kind behalten sollen, das sie bis vor kurzem für ihr eigenes gehalten, geliebt und versorgt haben. Oder ob ein Tausch der Kinder die bessere Lösung wäre.

Das sagt shitesite:

Der Konflikt von Im falschen Leben könnte kaum größer sein. Es geht in diesem Film um nichts Geringeres als die Frage, was letztlich wirklich die Bindung zu einem Kind ausmacht: Blut und Gene oder Zuneigung und Vertrautheit? Zumindest im ersten Drittel kann der Film dieser Dimension mit starken Dialogen und dem überzeugenden Spiel insbesondere von Sonsee Neu und Andreas Lust sogar gerecht werden.

Dann lassen Intensität und Klasse dieses Dramas aber leider nach. Im falschen Leben gefällt sich ein bisschen zu sehr darin, dem ohnehin existenziellen Dilemma noch andere Probleme zur Seite zu stellen. Holger und Marie leben als gut situiertes, glückliches Paar in Leipzig, ihre Tochter ist ein Wunschkind. Sandras Schwangerschaft war ein Unfall, der Vater kümmert sich kaum um das Baby und so hat die Studentin zu kämpfen, um überhaupt einigermaßen über die Runden zu kommen. Das Jugendamt liegt im Clinch mit der Klinik, und als dann auch noch die Lokalpresse Wind von der Geschichte bekommt, wissen die Eltern gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Nur die beiden Babys grinsen die ganze Zeit selig, nicht ahnend, dass sie zu den Hauptdarstellern eines Skandals geworden sind und zwei bisher intakte Beziehungen auf eine echte Zerreißprobe stellen.

So viele Nebenschauplätze hätte Im falschen Leben gar nicht gebraucht, zumal die dort angedeuteten Konflikte zum Teil nur halbherzig inszeniert werden. Erst am Schluss wirkt das Geschehen wieder schlüssig: Die die Eifersucht und Wehmut, die misstrauischen Blicke, die sich die Mütter zuwerfen, wenn sie “ihr Kind” kurz in die Obhut der anderen geben, während sie hoffen, die Zeit werde helfen, ihre Entscheidung einfacher zu machen – all das geht dann doch nahe und zeigt nicht zuletzt, wie übersteigert mitunter die Erwartungshaltung ist, die wir in Kinder stecken.

Bestes Zitat:

“Werd’ groß und stark und glücklich. Und vergiss’ mich nicht.”

Der Anfang des Films:

Interview mit Bloc Party

August 22, 2012 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 2 Comments 
Die Soloprojekte haben Bloc Party (von links: Russell Lissack, Matt Tong, Gordon Moakes, Kele Okereke) gestärkt, glaubt die Band. Foto: verstaerker.com

Die Soloprojekte haben Bloc Party (von links: Russell Lissack, Matt Tong, Gordon Moakes, Kele Okereke) gestärkt, glaubt die Band. Foto: verstaerker.com

Am Montag ist Four erschienen. Es ist nicht einfach das vierte Album von Bloc Party. Es ist ein Album, mit dem fast keiner mehr gerechnet hatte, nachdem sich die Bandmitglieder während einer vierjährigen Bloc-Party-Auszeit seit Intimacy in diverse andere Projekte gestürzt hatten. Beim Melt habe ich schon vor ein paar Wochen mit Bassist Gordon Moakes und Schlagzeuger Matt Tong über die Platte gesprochen.

Sie waren zwar reichlich müde, lümmelten gepflegt herum, wollten sehr offensichtlich lieber die Show von The Rapture sehen als Interviews geben und waren sich zwischendurch nicht einig, wie lange eigentlich ihr neuer Plattenvertrag mit Frenchkiss Records läuft. Dann sind sie aber doch noch aufgetaut und haben mir erzählt, wie es sich anfühlte, plötzlich wieder mit den alten Kollegen in einem Raum zu stehen, ob sie sich Bloc Party noch im Jahr 2052 vorstellen können und ob sie schon den besten Song ihres Lebens geschrieben haben.

Ihr seid zum dritten Mal beim Melt. Welche Erinnerungen habt ihr an eure ersten beiden Melt-Shows?

Matt Tong: Als wir zum ersten Mal hier gespielt haben, hatten wir einen vergleichsweise späten Slot. Damals spielten wir bei Festivals normalerweise noch am Nachmittag. Beim Melt durften wir das erste Mal im Dunkeln ran und konnten somit sogar unsere Lightshow benutzen. Das hat sich auf jeden Fall eingeprägt.

Wie wirkt das Gelände, von der Bühne aus betrachtet, mit all diesen Baggern und Kränen?

Gordon Moakes: Auf mich wirkt es zunächst mal sehr deutsch. Es sieht nach Arbeit aus, nach Industrie, aber auch nach Kunst. Das ist echt einzigartig.

Wie viele Songs vom neuen Album werdet ihr heute Abend spielen?

Gordon Moakes: Vier oder fünf.

Das macht dann ein knappes Drittel eures Konzerts aus, obwohl die Platte noch nicht draußen ist. Habt ihr Bedenken, weil die Fans die neuen Lieder noch nicht kennen könnten?

Gordon Moakes: Nein. Heutzutage kann ja jeder auf YouTube die verschiedenen Liveversionen der Songs sehen. Ich denke, zumindest das „Woo woo woo“ aus Octopus werden die Fans schon mitsingen können. (lacht)

Mein erster Eindruck vom neuen Album: Es ist überraschend, aufregend, eine Weiterentwicklung, aber es ist trotzdem eindeutig Bloc Party. War das euer Ziel?

Gordon Moakes: Ja. Genau das war das haben wir bei dieser Platte angestrebt. Wir wollten zusammenarbeiten als Band. Ich bin froh, dass du das jetzt so wahrnimmst.

Fast alle aus der Band haben nach dem letzten Bloc-Party-Album ihre eigenen Projekte gegründet. Wie fühlte es sich an, dann wieder gemeinsam in einem Raum zu stehen?

Matt Tong: Gut. Wir sind eine Band, und das hat man ziemlich schnell wieder gemerkt.

Gordon Moakes: Stimmt. Wahrscheinlich ist es noch nie so angenehm gewesen, eine Platte mit Bloc Party zu machen wie diesmal. Es gab eigentlich nichts, was wir erst hätten aus dem Weg räumen müssen, bevor wir uns ans Komponieren oder Aufnehmen machen konnten.

Habt ihr live im Studio aufgenommen?

Matt Tong: Ja, weitgehend. Wir haben früher auch oft die Instrumente live eingespielt, aber dann noch eine Menge mit den einzelnen Aufnahmespuren angestellt. Diesmal ging es mehr darum, wirklich die Performance einzufangen.

Gordon Moakes: Deshalb haben wir auch meistens die Lieder am Stück eingespielt. Früher haben wir oft die Möglichkeit genutzt, an eine bestimmte Stelle zu springen und beispielsweise nur einen bestimmten Refrain noch einmal neu einzuspielen, bis er genau richtig klang. Diesmal sollte man hören können, dass da Leute in einer Band sind, und was sie gerade spielen, ganz authentisch.

Seid ihr davon ausgegangen, dass die Wiedervereinigung funktioniert? Es hätte ja auch die Möglichkeit gegeben, einen Schlussstrich zu ziehen, weil ihr keinen Plattenvertrag mehr hattet.

Gordon Moakes: Ich denke, dass wir alle aufgeregt und nervös waren vor der ersten Probe. Es hat vielleicht eine Viertelstunde gedauert, bis wir gemerkt haben: Das fühlt sich gut an. Die Chemie stimmt noch.

Das Album heißt jetzt Four. Wir können also davon ausgehen, dass es auch Nummer fünf, sechs und sieben geben wird?

Gordon Moakes: Es könnte auch Vier, Drei, Zwei, Eins lauten. (lacht) Mal sehen.

In jedem Fall kann man wohl davon ausgehen, dass jedes Album – wie bisher – eine Weiterentwicklung bringen wird, einen neuen Sound. Man könnte diesen Drang zur Innovation auch so interpretieren, dass euch mittlerweile peinlich ist, was ihr früher gemacht habt.

Matt Tong (lacht): Ich denke, dass es unmöglich ist, als Band relevant zu bleiben, wenn man sich nicht weiterentwickelt. Man muss neue Dinge probieren. Warum sollte man sich freiwillig auf eine simple Formel reduzieren lassen? Meine liebsten Alben sind solche, auf denen es viele Ideen gibt.

In deutschen Indie-Discos wird immer noch fleißig zu Banquet getanzt. Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr den Song heute so hören würdet?

Gordon Moakes: Keine Ahnung. Was sollte mich in eine deutsche Indie-Disco verschlagen?

Matt Tong: Schwer zu sagen. Ich lebe nicht mehr in England, aber wenn ich dorthin zurück komme und den Fernseher einschalte, begegnen mir auch alte Songs von uns, als Soundtrack zu einer Serie oder sogar in Kochshows. Ich denke dann einfach an das ganze Geld, das wir damit kassieren. (beide lachen)

Wünscht ihr euch manchmal, ihr könntet in die Vergangenheit reisen, um diese Songs noch mal anders aufzunehmen?

Gordon Moakes: Nein. Ich glaube, dieser Gedanke würde es unmöglich machen, überhaupt noch eine Platte hinzubekommen. Die Versuchung ist groß, immer wieder zurückzugehen, alles noch einmal zu überarbeiten, immer weiter an den kleinsten Details zu frickeln. Aber irgendwann muss man auch die Entscheidung treffen: So bleibt es jetzt. Das ist das Ergebnis dessen, was wir tun, jetzt in diesem Moment.

Die Vergangenheit bildet aber auch eine Messlatte. Ich denke, man sollte nur dann ein neues Album machen, wenn man sicher sein kann, dass mindestens drei, vier Lieder darauf sein werden, die zu den besten überhaupt in meinem Werk zählen werden. Seht ihr das ähnlich?

Matt Tong: Da ist was dran. Das Problem ist aber, dass man das kaum erkennen kann. Jeder glaubt, er habe die beste Platte gemacht, die möglich ist. Wie gut die Songs dann im Vergleich zum Gesamtwerk sind, kann man immer erst mit etwas Abstand beurteilen. Es kann auch wichtig sein, einen Schritt vorwärts zu machen, ein paar Dinge auf den Kopf zu stellen, bloß weil es sich gerade richtig anfühlt – ohne schon den Gedanken im Kopf zu haben, das irgendjemand das alles im Nachhinein beurteilen wird, oder dass man selbst das tut.

Gordon Moakes: Es gibt bestimmt einen Tag im Leben, an dem macht man die beste Tasse Tee aller Zeiten. Alle anderen Tassen, die man danach trinken wird, können da nicht heranreichen. Aber trotzdem hört man nicht auf, Tee zu trinken. So ist es auch mit der Musik. Egal, wie gut man seine Songs findet – man versucht immer, sie noch zu toppen.

Habt ihr schon den besten Song geschrieben, der in euch steckt?

Matt Tong: Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob das neue Album das beste ist, was wir je gemacht haben. Aber ich weiß, dass es sich gut angefühlt hat, es zu machen. Wahrscheinlich hat das alles auch mit dem Alter und der Erfahrung zu tun. Wir haben jetzt viel mehr Möglichkeiten, aber wir haben auch andere Ansprüche.

Apropos Alter: Die Rolling Stones feiern gerade ihr 50. Band-Jubiläum. Wäre das auch ein erstrebenswertes Ziel für Bloc Party?

Matt Tong (schreit beinahe): Zur Hölle, nein! Keine Chance! Wenn wir Reggae spielen würden, dann könnte ich mir vielleicht vorstellen, in diesem Alter noch auf der Bühne zu stehen. Aber mit der Musik, die wir machen? Das wäre für mich schon körperlich gar nicht zu schaffen. Ich habe keine Lust, auf der Bühne zu sterben.

Es liegt also nur an der Musik? Oder wäre es auch ein Problem, 50 Jahre lang mit diesen anderen Typen von Bloc Party rumzuhängen?

Matt Tong: Ich könnte mir vorstellen, dass wir dann zusammen Weihnachten feiern. Jeder bringt seine Kinder mit und so. Das wäre mir jedenfalls lieber als noch auf der Bühne zu stehen.

Gordon Moakes: Man muss aber auch bedenken: Die Rolling Stones kommen uns heute vor wie Jesus oder wie Brot – irgendetwas, das es eben schon immer gab. Aber auch für sie gab es mal einen Moment, wo sie sich entscheiden mussten: Hören wir auf oder machen wir weiter? Wir machen noch ein Album oder wir gehen auf Tour. Bei Radiohead war es sicher auch so. Sie hätten sich um ein Haar aufgelöst, bevor In Rainbows herauskam. Und jetzt machen sie immer weiter. Das heißt nicht, dass es bei uns auch so sein wird. Aber all diese Bands haben irgendwann entdeckt, dass sie noch etwas in sich haben. Genug, um weiterzumachen.

Wenn ihr jetzt auf die Pause nach dem letzten Album zurückblickt: Haben all die Nebenprojekte vielleicht sogar geholfen, Bloc Party zusammenzuhalten?

Gordon Moakes: Ich glaube schon. Mir hat das sehr geholfen, selbst etwas auf die Beine zu stellen und dann stolz darauf sein zu können. Vor allem die Erkenntnis, dass mein Leben nicht nur aus dieser einen Sache besteht, nämlich der Band.

Sind die Fans heutzutage toleranter für solche Ausflüge? Oder habt ihr den Eindruck, viele fühlen sich betrogen, wenn ihr Musik auch außerhalb von Bloc Party macht?

Matt Tong: Ich glaube, die Fans kommen damit klar. Zum Glück sind wir ja Künstler und keine Fußballspieler: Wenn dein Lieblingsspieler plötzlich den Verein wechselt, dann hast du bloß noch die Erinnerungen, aber er ist weg. Bei einem Nebenprojekt setzt man nicht gleich das ganze Erbe der Band aufs Spiel. Man kommt zurück und es geht weiter.

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