Acht Wochen für 138 Seiten


Nicht umsonst wurde sie auch schon die „Pleiteliga“ genannt: Seit Bestehen der Regionalliga mussten rund ein Dutzend Drittligisten ein Insolvenzverfahren einleiten. Zuletzt standen Eintracht Trier, der FC Gütersloh und der VfB Leipzig vor dem Konkurs. Vor der Umstrukturierung zur neuen, zweigleisigen Regionalliga legt der Deutsche Fußball-Bund deshalb großen Wert auf finanzielle Solidität der Vereine. Wer in der neuen Klasse spielen will, muss bis zum 1. März seine Zahlungsfähigkeit unter Beweis stellen.

Ein Wirtschaftsprüfer muss anhand einer Bilanz den wirtschaftlichen Status des Vereins an diesem Tag darlegen. Außerdem muss der Verein seine Planungen für den Rest dieser und für die komplette nächste Saison offen legen. Der DFB wird dann prüfen, ob die Kalkulationen realistisch sind und danach die Zulassung zur Regionalliga erteilen – oder eben nicht.

Für die 72 Regionalligisten ist es das erste Mal, dass sie dem Verband ihre Wirtschaftsfähigkeit nachweisen müssen. Zuletzt häuften sich Beschwerden der Vereine, dass der Termin vom DFB zu früh angesetzt sei. Willi Hink kann die jetzt einsetzende Hektik bei vielen Regionalligisten nicht verstehen. „Wir haben die Vereine schon im April über die Inhalte des Zulassungsverfahrens informiert“, macht der Abteilungsleiter Spielbetrieb und Schiedsrichter beim DFB klar.

Zwar seien die Formulare erst im Dezember bei den Clubs angekommen, bei den vorangegangenen Schulungsveranstaltungen habe es aber selten Rückfragen der Vereine gegeben. „Die Hälfte der Regionalligisten hat auch schon am Lizenzierungsverfahren für die Zweite Liga teilgenommen und kennt das System“, ergänzt Hink.

Obwohl derzeit noch keine Unterlagen vorliegen, rechnet er damit, dass sich alle jetzigen Drittligisten um die Zulassung bewerben. Auch nach dem 1. März sei dann noch nicht das letzte Wort gesprochen. Bei Problemfällen werde man sich mit den betroffenen Vereinen noch einmal an einen Tisch setzen und die Zulassung dann eventuell mit Auflagen erteilen. „Wir sind keine Einrichtung, um Vereine aus der Liga zu schmeißen“, betont Hink . Man müsse die Interessen der einzelnen Vereine aber gegen die Interessen der gesamten Liga abwägen. „Wir müssen sicherstellen können, dass das ganze System funktioniert und dass kein Verein vorzeitig aus der neuen Klasse aussteigen muss“, gibt er die Gründe für die genaue Prüfung an.

Beim SV Wehen sind die Zulassungsunterlagen am 27. Dezember 1999 eingetroffen. „Vorher konnten wir kaum etwas machen. Schließlich muss man erst schwarz auf weiß wissen, was der DFB haben will“, erklärt Wehens Geschäftsführerin Annegret Sievert. Die Bearbeitung der Formulare sei für den SV Wehen völliges Neuland, und der Süd-Regionalligist habe nach Erhalt der Unterlagen alles in Bewegung setzen müssen. Inzwischen ist die Geschäftsführerin zuversichtlich, dass man den Termin am 1. März einhalten kann. „Unser Wirtschaftsprüfer wird vier Tage lang durcharbeiten. Sonst würden wir es nicht schaffen. Wir haben Glück gehabt, dass er das so durchzieht“, sagt Sievert.

Auch Bernd Reisig ist sich sicher, dass die Bearbeitung der Unterlagen bis zum 1. März kaum zu schaffen ist. „Wer das noch nie gemacht hat, ist zum Scheitern verurteilt“, meint der Präsident des FSV Frankfurt. Das 138-Seiten-Dokument sei in ehrenamtlicher Arbeit niemals rechtzeitig auszufüllen. Bei seinem Verein habe der beauftragte Wirtschaftsprüfer das Verfahren bereits von Zweitligavereinen gekannt. Der FSV war somit in der Lage, Vorbereitungen zu treffen und kann deshalb schon in den nächsten Tagen die Unterlagen abgeben.

Dennoch setzte sich Reisig gegenüber dem DFB wiederholt für eine Verlängerung der Abgabefrist ein: „Wir brauchen ein faires Verfahren mit gleichen Chancen für alle.“ Der Verband wolle durch die gezeigte Strenge Sauberkeit erreichen, durch den Zeitdruck werde nun bei den Vereinen aber möglicherweise geschludert.

„Das ist ein vorweggenommener Schutz, falls die Vereine Probleme kriegen, die Bilanz zu bekommen“, vermutet Willi Hink. „Jeder Verein, der bisher ordentlich geführt wurde, hat mit unseren Bedingungen keine Probleme“, macht er deutlich. Von vielen Regionalligisten werde das gesamte Verfahren überbewertet. Bis Ende Mai werden alle Vereine über die Entscheidung des DFB informiert sein. Die nicht erteilte Zulassung kann dann noch auf dem ordentlichen Rechtsweg erstritten werden. „Es würde dann ein Schiedsgerichtverfahren laut BGB geben. Ich hoffe aber, dass es so weit nicht kommt“, sagt Willi Hink.

Auch bei Borussia Fulda hat man die Zulassung für die neue Regionalliga beantragt. Zwar ist die Chance auf eine sportliche Qualifikation für den Vorletzten der Regionalliga Süd eher gering, dennoch wollte man sich diese Möglichkeit auf jeden Fall offen halten. „Wir liebäugeln immer noch damit, dass wir es doch noch schaffen. Man weiß ja nie, was noch alles passiert. Die Sache mit Gütersloh hat ja auch keiner erwartet“, begründet Manager Horst Ruland die Entscheidung. Auch die Kosten für das Erstellen einer Bilanz nehme man in Kauf, um die sportliche Motivation der Mannschaft aufrechtzuerhalten.

Trotz des Zögerns werde der Verein die Unterlagen rechtzeitig abgeben können. „Die Dinge lagen ja schon in der Schublade“, macht Ruland deutlich. Er kann die Forderungen nach einer Fristverlängerung deshalb auch nicht nachvollziehen: „Die Probleme sind ja nicht erst gestern entstanden. Jeder Verein wusste, was auf ihn zukommt.“ Trotz der problematischen finanziellen Situation steht für den Manager außer Frage, dass die Borussen die Zulassung erhalten: „Die Lizenz für die Zweite Liga hätten wir ja auch gekriegt.“

Kandidaten für die neue Regionalliga sind natürlich auch die Mannschaften, die momentan in den Oberligen oben mitspielen. In Hessen wird aber keine der Spitzenmannschaften die Zulassung beantragen. „Damit hätte ich 35.000 Mark in den Sand gesetzt, ohne dass ich weiß, ob ich aufsteige“, erklärt Erhard Gödelmann die Gründe. Neben den Kosten für den Wirtschaftsprüfer sieht der Vorsitzende von Tabellenführer Höchst noch andere Argumente, die gegen einen Antrag sprechen: „Der DFB behält einen Großteil der Fernsehgelder der neuen Regionalligisten ein. Mit diesem Geld kann ich dann nicht arbeiten.“

Zudem müssten die Oberligameister in dieser Saison erst eine Relegationsrunde spielen, die Chance auf den Aufstieg sei dadurch gering. „Durch die neue Regionalliga wird der Amateurfußball kaputt gemacht. Das ist vor allem eine Spielwiese für die Amateurmannschaften der Bundesligisten. Ich hoffe, dass diese Klasse kaputt geht“, sagt Gödelmann. Man habe beim DFB auf die Probleme der Oberligisten hingewiesen. „Offenbar herrscht dort aber die Ansicht vor: ,Wer es sich nicht leisten kann, der soll es eben bleiben lassen'“, glaubt der Vorsitzende der SG Höchst.

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