Alex Cameron – „Jumping The Shark“


Künstler Alex Cameron

Alex Cameron Jumping The Shark Review Kritik

Die 2016er Version ist schon die dritte Auflage des Debütalbums von Alex Cameron.

Album Jumping The Shark
Label Secretly Canadian
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Um Jumping The Shark, das Debütalbum von Alex Cameron, aus heutiger Sicht richtig zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf die Veröffentlichungsgeschichte werfen. Zuerst waren diese acht Lieder 2013 gratis auf seiner Website verfügbar, ein Jahr später gab es einen offiziellen Release von Siberia Records. Als er sich drei Jahre später eine eingschworene Fangemeinde erspielt hatte und einen Vertrag bei Secret Canadian unterschrieb, veröffentlichte seine neue Plattenfirma das Debüt erneut.

Alex Cameron, der hier stets in Personalunion mit seinem Mitstreiter Roy Molloy (Geschäftspartner und Saxofonist) auftritt, begleitet die Platte mit einem höchstwahrscheinlich ironischen Manifest, in dem man allerdings doch ein paar Wahrheiten über diese Songs finden kann. „Wir erobern uns das Scheitern zurück, als einen Akt des Fotschritts, als etwas, das man feiern sollte“, heißt es darin beispielsweise. Etwas später beschreibt er das Figurenensemble, das er für Jumping The Shark entworfen hat: „Sexsüchtige, Internetsüchtige, tragisch Verliebte. Bösewichter, Betrüger und gewalttätige Typen, überflutet mit Hormonen und falscher Tapferkeit. Sie sind alle da, denn gute Geschichten brauchen sie. Gute Geschichten brauchen Bösewichter.“

Was sie alle gemeinsam haben, ist eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Helden, den Dave Eggers in Ein Hologramm für den König erschaffen hat: nicht mehr ganz jung, im eigenen Selbstmitleid die eigene Selbstzerstörung nicht erkennend und trotzig deren Folgen leugnend, nämlich den geistigen und körperlichen Verfall. Die Protagonisten von Alex Cameron (es sind fast ausschließlich Männer) sind Verlierer, die ihren Status als Loser nicht anerkennen wollen.

Die erste Zeile der Platte heißt „I lost my job in Hong Kong“, doch der Erzähler redet sich die Chance auf ein Happy Ending ein, später gar die Einschätzung: „I’m still the king of this town.“ Einen ganz ähnlichen Widerspruch stellt Internet in den Mittelpunkt. „I started another life on the internet“, beginnt dieser Song, dessen Erzähler beim Blick auf das bisherige, analoge Leben nur das Eingeständnis „I just feel like it’s gone“ bleibt Er ist offenkundig müde, satt und überflüssig wie ein Faxgerät, trotzdem pocht auch er auf die These: „I’m my own boss / I’m the man.“

Eine Zeile wie „Make decisions like a seasoned vet“ (aus Mongrel) klingt resigniert, eindeutig von einem Menschen, der näher am Tod als an der Jugend ist. „All the boys, they think I’m a star“, meint in Real Bad Lookin die nicht mehr ganz junge Dame in einer Bar, deren Ruhm vor allem auf Hässlichkeit und Trinkfestigkeit beruht. Später gesellt sich natürlich ein genauso heruntergekommener Mann dazu mit der Überzeugung: „I make so much money, I swear I don’t get any older.“

Diese Krise der Männlichkeit sollte natürlich auch auf den beiden folgenden Alben das Leitthema bei Alex Cameron bleiben. Auf Jumping The Shark ist seine Ästhetik noch in der Entwicklung; durchaus schon reizvoll und einzigartig, aber im Vergleich beispielsweise zum Nachfolger Forced Witness noch längst nicht ausgereift. Was hier am meisten ins Auge sticht, sind die Rohheit und der Minimalismus dieser Lieder. „Es gibt nur einen Weg, um voran zu kommen: ungeschnitten, unzensiert und ohne Hemmungen“, heißt ein Satz aus dem besagten Manifest des Australiers, der dazu passt.

The Comeback entwickelt mit den hier omnipräsenten analogen Synthesizern tatsächlich so etwas wie Springsteen-Atmosphäre, ausnahmsweise sogar mit dem Eingeständnis einer Niederlage: „I used to be the number one entertainer / now I’m bumpkin with a knife“. Der Beat in Gone South würde auch zu einer sanften Variante von Industrial passen. Im vergleichsweise schwungvollen She’s Mine ist der Sound erstmals wichtiger als der Text, der Album-Abschluss Take Care Of Business beginnt bedrohlich und reduziert, entwickelt dann aber doch große Dramatik.

„Wir erwarten sehr viel von uns selbst in den Kategorien Arbeit, Fleiß und Erfolg. Mit diesen Liedern kommentiere ich das riesige Gefühl von Traurigkeit, das man erleben kann, wenn man diesen Erwartungen nicht gerecht wird“, hat Alex Cameron über Jumping The Shark gesagt. Wie schön, und wie verdient, dass daraus für ihn selbst der erste Baustein einer Erfolgsgeschichte wurde.

Seine Video-Ästhetik hat Alex Cameron schon gefunden, zeigt der Clip zu She’s Mine.

Alex Cameron bei Facebook.

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