Alex Cameron – „Miami Memory“


Künstler Alex Cameron

Alex Cameron Miami Memory Review Kritik

Starke Frauen stellt Alex Cameron in den Mittelpunkt von „Miami Memory“.

Album Miami Memory
Label Secretly Canadian
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Die Helden auf den bisherigen beiden Alben von Alex Cameron waren meist Männer, und ihr Bild von Männlichkeit war immer geprägt von Melancholie, Verletzlichkeit und Einsamkeit, auch wenn sie sich das nie eingestehen wollten (oder es nicht einmal bemerkten). Für Miami Memory will der Australier das ändern. Eines seiner Ziele für die Platte war, „nicht mehr Geschichten von heruntergekommenen Männern zu erzählen, sondern stattdessen von meinen Erfahrungen mit starken Frauen zu berichten“, sagt er.

Miami Memory, produziert von Jonathan Rado (Foxygen), ist also deutlich autobiografischer als der Vorgänger Forced Witness (2017). Es geht hier sehr eindeutig um Alex Cameron, vor allem um sein Liebesleben, das mittlerweile in einer seit drei Jahren bestehenden Beziehung mit Schauspielerin Jemima Kirke gemündet ist und damit zugleich für Familienleben gesorgt hat, durch die Kinder seiner Freundin. „Wenn du diese Lieder hörst und auf die Pointe wartest, den Witz oder irgendeine Art von Distanzierung, dann kann ich dir versichern: Nichts davon war vorhanden, als ich sie geschrieben habe. Dies sind wahre Geschichten von tatsächlichen Ereignissen. Spezifisch, aber nie esoterisch. Drastisch, aber nie beleidigend. Miami Memory ist die Geschichte eines Paares, das Sex und zeitgenössische Familienwerte in Einklang bringen will. Es ist mein Geschenk an meine Freundin, ein Symbol, das man auf das Totem der Liebe hieven kann“, sagt Alex Cameron.

Die nicht für möglich gehaltene Ernsthaftigkeit, die daraus spricht, ebenso wie die betonte Authentizität, zeigt schon der Auftakt. Stepdad ist ein enorm reduzierter Beginn, mit einer Orgel wie aus dem einsamsten Eishockey-Stadion der Welt, dazu ein paar Trommelschlägen und Gesang. Die Botschaft richtet sich an die eigenen Stiefkinder, und sie lautet: Ich habe euch vielleicht nicht gezeugt, und ich werde auch mal feige, peinlich oder ungerecht sein. Aber ich bin trotzdem für euch da, und ich liebe eure Mutter.

Ganz direkt an diese richtet Alex Cameron natürlich auch einige Lieder. Gaslight setzt auf Tom-Petty-Gitarre und -Atmosphäre (später rückt es etwa mit einem Akkordeon ein wenig mehr in Richtung Südstaaten) und erweist sich als Angebot von bedingungslosem Beistand in finsteren Zeiten. In Other Ladies schwört der bisher bekennende Libertin tatsächlich Treue und Monogamie, zumindest auf emotionaler Ebene. „I don’t really need those other ladies“, erkennt er zu einem Sound, der Soul, beinahe sogar Gospel ist, und wenn daraus die Zeile „I don’t understand what we’re waiting for“ erwächst, steckt darin wohl nichts weniger als ein Heiratsantrag. Ganz am Ende der Platte gesteht der Australier in Too Far seine Hilflosigkeit ein, er ist überwältigt vom eigenen Gefühl. Er weiß, wie sein Leben ohne die Liebste aussehen würde, sagt er zu Beginn einer gesprochenen Passage: „It’s a dark place.“

Natürlich ist Alex Cameron trotz all dieser Beispiele kein zahmer Schnulzensänger geworden. PC With Me macht deutlich, dass die Intensität seiner hier immer wieder artikulierten Zuneigung auch darin begründet ist, dass er eine Geistesverwandte gefunden hat, die ähnlich verdorben ist wie er, die einen genauso schwarzen Humor und eine genauso schmutzige Fantasie hat, inklusive der Selbsterkenntnis: „The meaner they are / the harder I fall in love.“ In End Is Nigh lässt er Todessehnsucht und Fatalismus freien Lauf, gespeist von einem ordentlichen Suff. „If the end is nigh, baby / I don’t think I want to survive / make it swift and let me die“, fleht er. Far From Born Again nennt er seine „Sexarbeiterhymne”. Es geht darin um eine Frau, die als Pornodarstellerin sehr gutes Geld verdient. Alex Cameron zeichnet sie als eine der starken Frauenfiguren, die er hier in den Mittelpunkt stellen wollte, „in control and command / (…) just a woman in charge of her plan.” Auch dass der Sound betont funky, heiter und clean ist, unterstreicht, dass man sie keineswegs als Opfer betrachten sollte.

Divorce setzt auf einen ähnlichen Effekt. Der Titel bezieht sich auf die Drohung mit dem ultimativen Ende, die sich ein Paar in Momenten der Krise gerne an den Kopf wirft. Die Scheidung wird dabei nicht so sehr als Lösung betrachtet, auch nicht als Ausdruck des eigenen Wunschs nach Freiheit, sondern als Pfand, von dem beide wissen, dass sie es nie einlösen werden, weil sie dann doch zu sehr aneinander hängen. Die gegenseitige und regelmäßige Drohung tut zwar nach wie vor weh, ist aber auch so etwas wie ein Running Gag in einem Psychospiel geworden – und entsprechend fröhlich klingt der Chor, der dieses „Divorce“ mitsingt.

Miami Memory, zugleich die erste Single des Albums, zeigt Alex Cameron in seiner denkbar schlüpfrigsten Inkarnation (nicht nur wegen des Saxofons seines langjährigen Wegbegleiters Roy Molloy), aber trotz Anspielungen auf Analverkehr, Menage à trois und Sex bei offener Hotelzimmertür ist es zugleich ein hoch romantisches Lied über die erste Beziehung, die in ihm den Wunsch weckt, sie würde ewig währen. Die Kulisse dafür ist eine Stadt, die dem Untergang geweiht ist (wenn schon nicht durch die Oberflächlichkeit ihrer Bewohner, so doch durch den steigenden Meeresspiegel), als Gegenstück zu dieser unsterblichen Liebe.

Vielleicht der Schlüsselmoment der Platte ist Bad For The Boys. Das Lied kann man als so etwas wie einen Antwortsong auf The Boys Are Back In Town von Thin Lizzy verstehen. Alex Cameron fragt sich darin, was passieren würde, wenn The Boys, so wie sie damals waren, tatsächlich Back In Town wären, in unserem Zeitalter. „Es wäre eine elende Scheißparty. Es wäre eine Bürde. Diese Boys haben einfach zu sehr verschissen. Will die Stadt sie überhaupt zurückhaben?“, fragt Alex Cameron aus dieser Ausgangsposition. Auch hier ist der Sound vordergründig schmissig, leichtfüßig und einigermaßen muskulös. Umso entlarvender sind die Geschichten von alten Zeiten, in denen hier geschwelgt wird, das Leugnen von Verfall und Veränderung, und natürlich die Überzeugung, die Weiber seien an all dem schuld.

Die einstigen Jungs wollen sich als alte Säcke gegenseitig noch einmal bestätigen, wie großartig sie sind – vor allem vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die sich plötzlich für #MeToo interessiert und nichts mehr von den „good old days“ wissen will. Genau damit schlägt Alex Cameron die Brücke zu den peinlichen Helden seiner ersten beiden Alben, zugleich findet er tatsächlich eine neue Perspektive auf sie – und nicht zuletzt legt er mit Miami Memory eine Platte vor, die bei aller Cleverness enorm viel Spaß macht.

Fürs Video zu Far From Born Again begibt sich Alex Cameron ins Rotlichtmilieu – inklusive Interviews.

Im Herbst gibt es hierzulande etliche Konzerte von Alex Cameron:

14.10. München, Strom

16.10. Berlin, Festsaal Kreuzberg

22.10. Hamburg, Uebel & Gefährlich

23.10. Köln, Artheater

Alex Cameron be Facebook.

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