Andy Grammer – „The Good Parts“


Künstler Andy Grammer

The Good Parts Andy Grammer Review Kritik

„The Good Parts“ zeigt: Andy Grammer hat eine Marktlücke gefunden.

Album The Good Parts
Label BMG
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Eine sehr romantische Erfolgsgeschichte hat Andy Grammer hingelegt. Aus New York ging er nach Santa Monica, um dort als Straßenkünstler zu leben und mit seinen Liedern die Leute zu erfreuen, die gerade auf dem Weg an den Strand waren. Er wurde entdeckt, gleich sein Debütalbum enthielt 2011 mit Keep Your Head Up und Fine By Me zwei große Hits. Der drei Jahre später veröffentlichte Nachfolger Magazines Or Novels war noch erfolgreicher: Die darauf enthaltene Single Honey, I’m Good bekam Dreifach-Platin und wurde in den USA einer der zehn am besten verkauften Songs des Jahres. Spätestens, als er an Dancing With The Stars teilnahm, war Andy Grammer in seiner Heimat ein Name, mit dem fast jeder etwas anfangen konnte.

Die Erklärung für diesen Siegeszug könnte einfach ausfallen: gute Lieder, schöne Melodien, angenehme Atmosphäre. So ähnlich sieht es auch der Künstler selbst, und die Tage als Straßenmusiker haben in seinen Augen dafür den Grundstein gelegt. „So schwer es da draußen manchmal auch gewesen sein mag, ich würde nichts davon ändern wollen“, betont Andy Grammer. „Auf der Straße konnte ich beurteilen, welche Songs gut waren. Wenn die Leute anhielten und mir für eine Weile zuhörten, wusste ich gleich: Der Song ist ein Knaller.“

Man kann auf der Suche nach der Ursache seines Erfolgs aber, das zeigt sein drittes Album The Good Parts, auch noch eine andere Argumentation finden: Andy Grammer hat eine Marktlücke gefunden. Popsongs handeln, wenn sie Liebeslieder sind (und das sind sie meistens), üblicherweise von drei Konstellationen. Erstens: „Ich bin so einsam und hätte gerne jemanden, der mich liebt.“ Zweitens: „Ich bin gerade extrem verliebt, und das fühlt sich auch deshalb so spektakulär an, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es meist nicht lange hält.“ Drittens: „Ich bin gerade verlassen/betrogen worden und das tut so sehr weh, dass ich nie mehr lieben will.“ Andy Grammer fügt diesem Kanon eine vierte Variante hinzu. Sein bevorzugtes Thema auf The Good Parts ist das fortwährende Glück einer dauerhaften Beziehung, und wahrscheinlich ist die Zielgruppe dafür gar nicht so klein.

Smoke Clears, das erste Lied der Platte, ist dafür gleich ein gutes Beispiel. „You and I against the world“, lautet das Versprechen, das am Beginn dieser Geschichte steht. Man würde vermuten, dass daraus Tragik und Enttäuschung entstehen, aber hier hat der Schwur bestand, und mit ihm die Verliebtheit. Das Lied feiert den Zusammenhalt auch über große Entfernung und lange Zeit hinweg. Später will Andy Grammer in Freeze die Pausetaste für sein Leben drücken, weil alles gerade so gut ist („We are in a perfect place / and I don’t want to lose it“).

Die erste Single Fresh Eyes handelt von dem Moment, in dem man realisiert, dass man sich gerade erneut in seinen Partner verliebt hat. „Es sind die kleinen Dinge“, sagt Andy Grammer, „aber die Welt bleibt für eine Sekunde stehen und man denkt sich nur: ‚Oh mein Gott, ich liebe diese Person so sehr!‘“ Im Text gibt es nicht nur die passende Zeile „I can’t believe she’s mine“, sondern auch den Wunsch, dieses Gefühl in Flaschen abzufüllen. Die Musik dazu klingt niedlich und durch das weitgehend akustische Arrangement nicht nur ein bisschen nach Jack Johnson. Always verweist darauf, dass sich vieles verändern wird im Leben: die besten Freunde, die Lieblingsschuhe, sogar ein paar seiner Fehltritte wird man vergessen. Aber bei Andy Grammer gilt natürlich: „You and me will be always.“ Das diese Aussage so glaubwürdig klingt, hat großen Anteil daran, dass das Lied zugleich so ansteckend wird.

Wo es nicht um die dauerhaften Freuden der monogamen Liebesbeziehung geht, steht trotzdem fast immer der feste Wille im Fokus, das Glas als halb voll zu betrachten. Give Love (feat. Luchmoney Lewis) verrät als funky Schlusspunkt des Albums, dass Andy Grammer seinen optimistischen Blick aufs Leben offensichtlich von seiner Mama gelernt hat. Der Titelsong The Good Parts mahnt: Auch wenn man niedergeschlagen und verletzt ist, soll man die positiven Erfahrungen nicht ignorieren. Der Kontrast zwischen der sehr zurückhaltenden Strophe und dem pompösen Refrain würde dabei gut zu Coldplay passen. Der Trost in Spaceship, das mit HipHop-Beat und prominentem Klavier auch von Aloe Blacc vorstellbar wäre, lautet: „Somebody loves you / you’ve got a friend / even if you don’t know it yet.“ Ein Höhepunkt ist 85, das energisch, verspielt, heiter und voller Lebensfreude die Perspektive zurechtrückt für das, was wirklich wichtig ist im Leben.

In This Ain’t Love hat Andy Grammer kurz seine Zuversicht verloren, interpretiert die Einsicht, dass er in der falschen Beziehung steckt, aber sogleich als Befreiung und Chance. Das reduzierte Civil War macht ebenfalls deutlich: Auch ihm fällt Optimismus nicht leicht, vielmehr ist das Gute in seinem Herzen permanent im Kampf mit seinen Dämonen.

Das Muster von prinzipiell handgemachten Songs, die viel Spaß an Rhythmus beweisen (besonders an eher exotischen Ausprägungen), geht auf The Good Parts allerdings nicht immer auf. Grown Ass Man Child zeigt Aggressivität und Lust, irgendwo zwischen Prince und LMFAO aus diesem Konzept auszubrechen, und funktioniert damit nur halbwegs. Als man das thematisch sehr ähnlich angelegte Grow nach der ersten Strophe gerade gewöhnlich finden will, nimmt das Arrangement eine sehr erstaunliche Entwicklung und gleicht Plattitüden wie „Love yourself“ oder „Live your life“ wenigstens ein bisschen aus. Working On It erinnert daran, dass wir alle versuchen können, ein besserer Mensch zu werden, klingt aber inhaltlich ebenso wie im Sound dann doch ein bisschen nach Masche und wird zum größten Schwachpunkt von The Good Parts.

In Summe ist dies dennoch eine erfreulich Platte und bietet letztlich Musik, die fast so niedlich ist wie die Geschichte der Entwicklung vom Strandmusiker zum Platin-Star. Die Lieder von Andy Grammer sind angenehm und harmlos, nicht edgy, aber auch nicht verlogen. Also letztlich: mehr als okaye Popmusik.

Fürs Video von Fresh Eyes hat Andy Grammer eine Obdachlosenunterkunft besucht.

Website von Andy Grammer.

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