Durchgelesen: Thomas Bernhard – „Der Untergeher“


„Der Untergeher“ zeigt den Neid auf den perfekten Tod.

Autor Thomas Bernhard
Titel Der Untergeher
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1983
Bewertung ***

Die Handlung ist schnell erzählt. Der Erzähler, der einst mit dem steinreichen Wertheimer und dem hochtalentierten Glenn Gould Klavier studiert hatte, ist auf dem Weg in ein Jagdhaus auf dem Land. Der mittlerweile weltberühmte Glenn Gould ist gerade gestorben, der zerstörte Wertheimer („Er war zwar unglücklich in seinem Unglück, aber er wäre noch unglücklicher gewesen, hätte er über Nacht sein Unglück verloren, wäre es ihm von einem Augenblick auf den anderen weggenommen worden, was wiederum ein Beweis dafür wäre, dass er im Grunde gar nicht unglücklich gewesen ist, sondern glücklich, und sei es durch sein Unglück.“) hat sich wenige Tage zuvor erhängt.

„Der Untergeher“ ist die Geschichte der Flucht vor der eigenen Schuld und Verantwortung. Die ständige Wiederholung der Charakterisierungen von Wertheimer und Gould, für die der Erzähler ebenso Freund wie Rivale war, die Erkenntnisse über das Wesen ihrer Beziehung, über die scheinbare Unausweichlichkeit der Ereignisse, dient der Selbstbestätigung. Bernhard macht das wunderbar deutlich durch kurze Sprünge auf die Meta-Ebene, in denen er zwar in einen gewissen Manierismus verfällt und die Spannung tötet, aber klar macht, dass die Handlung Erzählung ist – und nicht Ereignis. Die Diskrepanz zwischen Realität und Verklärung findet ihre Entsprechung in der enormen Differenz zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Und dadurch schreit aus jeder Seite dieses sagenhaften stream of consciousness (es gibt hier weder Kapitel noch Absätze, sondern nur einen einzigen, ewigen, kreisenden Fluss von Gedanken) die Erkenntnis des eigenen Scheiterns, der Vorwurf der eigenen Inkonsequenz, die Ahnung der eigenen Undankbarkeit.

Um den genialen Virtuosen Gould, der vorgeblich im Zentrum der Erzählung steht, geht es hier am allerwenigsten. Viel eher geht es um Wertheimer, der hier nur als Leiche auftaucht und doch eine wunderbare Figur ist. „Wertheimer wäre gern Glenn Gould gewesen, wäre gern Horowitz gewesen, wäre wahrscheinlich auch gern Gustav Mahler gewesen oder Alban Berg, Wertheimer war nicht imstande, sich selbst als ein Einmaliges zu sehen, wie es sich jeder leisten kann und muss, will er nicht verzweifeln, gleich was für ein Mensch, er ist ein einmaliger, sage ich mir selbst immer wieder und bin gerettet.“ Dieser Übergang ist frappierend: Denn am allermeisten geht es natürlich um den Erzähler selbst. „Der Untergeher“ ist die Geschichte vom Neid auf ein erfülltes Leben. Letztlich sogar : vom Neid auf einen idealen Tod.

Beste Stelle: „Alle Hochschulen sind schlecht und die wir besuchen, ist immer die schlechteste, wenn sie uns nicht die Augen geöffnet hat.“

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