Barbara


Film Barbara

Barbara Filmkritik Review

Barbara (Nina Hoss) ist gegen ihren Willen an der Ostsee tätig.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2012
Spielzeit 105 Minuten
Regie Christian Petzold
Hauptdarsteller Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Jasna Fritzi Bauer
Bewertung

Worum geht’s?

Dr. Barbara Wolf ist eine hoch kompetente und engagierte Kinderärztin, die nach dem Studium eine Stelle an der renommierten Charité bekommt. Als sie allerdings einen Ausreiseantrag aus der DDR stellt, ist ihre Karriere beendet. Sie kommt zunächst in Haft, dann wird sie an ein Provinzkrankenhaus an der Ostseeküste versetzt. Dort hat sie mit rückständiger medizinischer Ausstattung zu kämpfen und mit neuen Kollegen, die ihr mit einer Mischung aus fachlichem Respekt und Misstrauen begegnen. Vor allem ihr Chef André Reiser versucht, einen Zugang zu ihr zu finden und ihr das Leben im neuen Job und der neuen Heimat schmackhaft zu machen. Barbara kann sich indes nicht sicher sein, ob dahinter Sympathie, ein Flirtversuch oder Bespitzelung im Auftrag der Stasi steckt. Sie bleibt auf Distanz zu ihrer neuen Umgebung – auch, weil sie weiterhin von einer Flucht in den Westen träumt, die sie bei nächster Gelegenheit umsetzen möchte. Eine emotionale Beziehung baut sie am ehesten zu ihren jungen Patientinnen und Patienten auf, etwa zur Ausreißerin Stella, bei der sie eine Meningitis diagnostiziert. Auch Stella hat mit Repressalien des Systems zu kämpfen: Sie muss Zwangsarbeit im berüchtigten Jugendwerkhof Torgau leisten, aus dem sie zum wiederholten Male geflohen ist.

Das sagt shitesite:

Die einzige Schwäche von Barbara ist, dass der Plot am Ende etwas zu schnell vorhersehbar wird. Ansonsten gelingt Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold hier ein eindrucksvolles Stimmungsbild aus der Spätphase der DDR mit starken Schauspielern, starken Bildern und einer starken Soundkulisse fast ohne Musik.

Die tragende Säule dabei ist natürlich Nina Hoss in der Titelrolle, Barbara ist bereits ihre fünfte Zusammenarbeit mit Petzold. Sie ist verschlossen, agiert fast wortlos und bringt dennoch eine Zerrissenheit und Entschlossenheit auf die Leinwand, der man sich nicht entziehen kann. Sie wird von der Staatsmacht observiert und schikaniert, sie wird auch im neuen privaten Umfeld, in dem sie gegen ihren Willen gelandet ist, permanent gedrängt, sich zu positionieren oder wenigstens zu artikulieren. Doch sie schlägt alle Angebote zur Integration aus, und während man zunächst vermuten kann, dies sei vielleicht auf ein Trauma aus ihrer Zeit im Gefängnis zurückzuführen, wird nach und nach klar, wie grundsätzlich ihre Verweigerung ist: Diese Frau besteht fast nur aus Selbstdisziplin, selbst bei den heimlichen Treffen mit ihrem Geliebten aus dem Westen, der sie bei der ersehnten Flucht unterstützen will.

Mit großer Sensibilität zeigt der Film damit die Funktionsweisen von Bespitzelung, Willkür und Schikane. Anders als beispielsweise in Das Leben der anderen spielen sich die Mechanismen der Unterdrückung hier in einer sagenhaft unglamourösen Welt ab: nicht in der Hauptstadt, sondern in der Provinz, nicht im Künstlermilieu, sondern in einem heruntergekommenen Krankenhaus, nicht mit Politikprominenz, sondern einem kleinen Stasi-Offizier, der selbst mit einem schweren Schicksal zu kämpfen hat. Gerade durch diese Szenerie wird Barbara umso bedrückender, weil die Mechanisem der Repression hier nicht mehr überhöht werden, sondern allen Beteiligten in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Besonders deutlich wird das in der ambivalenten Figur von André Reiser und seinem Versuch, einen Zugang zu seiner neuen Kollegin zu finden. Sie eint der fachliche Ehrgeiz, beide erkennen auch die erotische Anziehungskraft zum Gegenüber. Zugleich weiß Barbara, dass sie sich diesem Mann nicht offenbaren kann, auch er selbst macht keinen Hehl aus seiner zumindest teilweisen Kooperation mit dem System: „Ich sollte berichten. Aber ich habe keinen Ehrgeiz in diese Richtung.“ In diesem Widerstreit aus Einsamkeit und Wunsch nach Verständnis, aus Skepsis und Zuneigung, ist der Kern von Barbara zu finden, noch mehr als im Konflikt zwischen ärztlichem Ethos und dem Traum von persönlicher Entfaltung. Es geht um den Mut, den es in diesem System braucht, um Vertrauen aufzubauen. Dieses Vertrauen ist hier nicht auf Alltagshilfe oder Zwischenmenschliches gerichtet, sondern ausschließlich auf die Frage: Wie weit kann ich mich hervor wagen mit meiner Kritik an diesem Staat?

Bestes Zitat:

„Hier kann man nicht glücklich werden.“

Der Trailer zum Film.

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