Berlin Festival, Flughafen Tempelhof, Tag 2


Ein Cyborg mit Pusteblumenhelm: Björk war phänomenal. Foto: Berlin Festival/Stephan Flad

Ein Cyborg mit Pusteblumenhelm: Björk war phänomenal. Foto: Berlin Festival/Stephan Flad

Gestern hatte ich ja bereits angekündigt, dass das Berlin Festival 2013 diesmal in Häppchen konsumiert und rezensiert wird. Auch für den Samstag im ehemaligen Flughafen Tempelhof bietet sich das an. Hier also die Zapping-Eindrücke.

10 Minuten als Choreograf von Ellie Goulding: Kopfschütteln, Stirnrunzeln und Haareraufen sind in dieser Zeit wahrscheinlich wichtige Tätigkeiten. Denn die 26-Jährige ist zwar schon ein paar Jährchen auf internationalen Bühnen unterwegs, was sie dort machen soll, weiß sie aber wohl nach wie vor nicht so recht. Wohin mit den Armen? (keine Ahnung, sagt Ellie.) Sind Springerstiefel geeignetes Schuhwerk für einen Auftritt bei herrlichem Spätsommerwetter? (nein) Behalte ich auf der Bühne einfach das weiße T-Shirt mit dem Moxham-Logo an, das ich schon den ganzen Tag trage? (klaro) All das steht allerdings nicht einem sehr schönen Auftritt im Wege. Ellie Goulding hat reichlich Hits zu bieten und offensichtlich großen Spaß in Berlin. Das ist vielleicht der Grund, warum ihre Show in punkto Optik etwas unbeholfen wirkt: Sie will einfach nur singen.

Im Art Village wurde auch getanzt. Foto: Berlin Festival/Stephan Flad

Im Art Village wurde auch getanzt. Foto: Berlin Festival/Stephan Flad

Zehn Minuten in der Church of Phonk. Besagte Kirche ist die größte Attraktion im Art Village. Dort treffen sich auch dieses Mal beim Berlin Festival wieder bildende Künstler, Tänzer oder Spoken-Word-Poeten. Das Publikum kann etliche der Installationen selbst verzieren oder eben in der Church Of Phonk sitzen. Dort huldigt man offensichtlich einem Brötchen und einer Möhre (diese hängen jedenfalls über dem Altar). Es gibt aber auch ein paar Gemeinsamkeiten mit den ganz handelsüblichen Kirchen, wie man sie aus dem Heimatdorf kennt: Etliche Besucher sehen aus, als stellen sie sich die ganz großen Fragen (wenn auch wahrscheinlich aus anderen Gründen als in der Dorfkirche): Wo bin ich, wer bin ich, was ist der Sinn des Ganzen? Zudem gilt auch in der Church Of Phonk: Sie ist gut klimatisiert, bietet willkommene Sitzgelegenheiten und ist schlecht besucht.

Zehn Minuten bei Savages: Viel Hall, viel Einsatz von Sängerin Jenny Beth und viel Szenenapplaus. Die Londoner legen eine Festivalshow hin, wie man sie sich als Debütant in Berlin nicht besser wünschen kann.

Zehn Minuten beim Roulette: In einem Zelt, das diesmal „Warsteiner backstage“ heißt, kann man sich auch in diesem Jahr beim Glücksspiel versuchen, neben Poker steht auch ein Roulettetisch parat. Bei meiner 10-Minuten-Stippvisite fallen die Zahlen 8, 27, 5, 36 – das als kleine Hilfe für alle, die nach wie vor nach „dem System“ suchen. Die Musik dazu ist lauter als vor Main Stage (also viiiiiiiiel zu laut) und dazu noch schlechter als Fritz Kalkbrenner.

Zehn Minuten als Tourmanager von Is Tropical: Nach wie vor muss man bei dem Trio aus London den Eindruck haben, ihr Management habe ihnen aus Versehen die Klamotten der Ramones oder von Motörhead eingepackt, obwohl Is Tropical doch nach eher nach New Rave (oder sagen wir einfach: Pop) klingen. Trotzdem: ein großer Spaß.

Zehn Minuten auf der Suche nach Ohrstöpseln. Oder aber: My Bloody Valentine, live im Tempelhof. Sie seien „in erster Linie laut“ twittert jemand, als die Iren, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern, auf der Pitchfork Stage stehen. Das ist nicht ganz falsch, aber überrascht davon (und tatsächlich auf der Suche nach Gehörschutz) können nur Amateure sein. My Bloody Valentine führen noch einmal eindrucksvoll vor: Sie, und niemand anders, haben das bedrohliche Dröhnen erfunden. Das mag als keine allzu große Leistung erscheinen, aber Bands wie beispielsweise Savages oder Heerscharen anderer Acts wären ohne dieses Vorbild gar nicht denkbar.

Zehn Minuten als Ed Buller: Der Mann hat beispielsweise mit Suede, Pulp oder den Courteeners gearbeitet und war, nach allem, was man weiß, beim Berlin Festival 2013 nicht vor Ort. Wäre er es doch gewesen, hätte er sich allerdings fragen müssen: Warum klingen die Songs vom neuen Album der White Lies, das er produziert hat, live so viel besser als auf Platte? Die Antwort könnte lauten: Die Sonne scheint. Die Show der Londoner wird auch dank dieses Effekts solide, bleibt auf Dauer aber arg eindimensional. Wenn nicht ein Wunder passiert, dürfte man die White Lies in nächster Zeit nicht mehr auf den Hauptbühnen bei Festivals sehen.

Zehn Minuten bei Björk. Falsch: Den Auftritt der Isländerin muss man einfach komplett erleben. Sie gibt in Berlin ihr einziges Deutschlandkonzert des Jahres, zudem ist die Show der Abschluss ihrer aktuellen Europatournee. Die Mischung aus ausgelassener Freude über das Erreichte (in den Gesichtern der Beteiligten kann man durchaus den Stolz und die Vorfreude erkennen, die man bei einer Dernière am Theater oft sieht) und einer perfekt eingespielten Truppe sorgt für ein atemberaubendes Konzerterlebnis. Blur lieferten am Freitagabend die ultimative Version dessen, was ein typisches Popkonzert ausmacht. Man hat diese Instrumente, Klänge und Gesten schon hundert Mal gesehen, jedoch selten in solcher Qualität. Bei Björk kann man am Samstagabend hingegen feststellen: Hier kommen die Leute, weil sie so etwas noch nie gesehen haben. Es ist eine völlig eigenständige Neudefinition dessen, was man auf einer Festivalbühne veranstalten kann.

Björk hat einen Schlagwerker, einen Knöpfchendreher und einen Chor aus zwölf Frauen mitgebracht, ihre Show wird mit diesem Ensemble manchmal zum Monster-Rave, manchmal zum modernen Theater, manchmal zur Walpurgisnacht. Feuer und Blitze, Bässe und Furien können aber niemals diesen einmaligen Gesang in den Schatten stellen: Wenn Björk singt, dann hat sie alles Leid der Welt in ihrer Stimme, nicht nur ihre eigenen Qualen, sondern die aller Pflanzen und Tiere obendrein (auf den Videoleinwänden zeigt sie immer wieder Flora und Fauna oder geologische Phänomene, als wolle sie diese Assoziation unterstreichen). Und doch ist in dieser Stimme keine Larmoyanz, sondern Kampf, Entschlossenheit, Hoffnung. Man kann kaum fassen, dass all diese Intensität aus so einer kleinen Person kommt. Björk sieht in Berlin aus wie ein Cyborg mit einem Pusteblumenhelm, sie ist ihr eigenes Genre, ihre eigene Liga, ihr eigener Planet. Ganz anders als alles andere – so, wie ein Popstar sein muss.

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