Bernd Stegemann – „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“


Autor*in Bernd Stegemann

Bernd Stegemann Die Öffentlichkeit und ihre Feinde Kritik

„Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“ ist Analyse, Appell und Alarm.

Titel Die Öffentlichkeit und ihre Feinde
Verlag Klett-Cotta
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Zwei Dinge sind zunächst überraschend an diesem Buch. Erstens die Profession des Autors: Bernd Stegemann, Jahrgang 1967, hat Philosophie und Germanistik studiert und arbeitet nach diversen Stationen an verschiedenen Theatern seit 2017 als Dramaturg am Berliner Ensemble. Man kann sich wundern, wieso sich ein Theatermann berufen fühlt, sich mit der „desolaten Lage“ (so der Klappentext seines Buches) der Öffentlichkeit und aktuellen Phänomenen der Massenkommunikation zu befassen. Man hätte so eine Analyse vielleicht eher aus den Disziplinen der Medienwissenschaften, Publizistik oder vielleicht auch Systemtheorie erwartet. Stegemanns Kompetenz auch in diesen Feldern wird hier indes schnell deutlich (sein Spezialgebiet ist die Dramaturgie des öffentlichen Sprechens), nicht zuletzt zeigt sein Buch, dass sich Massenkommunikation und Theater ohnehin gerade annähern. Bühne und Publikum findet man hier wie dort, ebenso Dramaturgien und Inszenierung. Es gibt Applaus und Schmähungen, es wird geschauspielert und souffliert.

Zweitens irritiert auch der Titel Die Öffentlichkeit und ihre Feinde. Wer (außer Einsiedlern und Geheimdiensten) sollte etwas gegen Öffentlichkeit haben? Ist Transparenz nicht eines dieser Buzzwords, mit denen sich seit Jahren wirklich alle brüsten? Wenn es Gegner gibt, gar im Plural, ist ihre Gegnerschaft dann nicht ungefähr so widersprüchlich und aussichtslos wie die Idee, sich mit der Gravitation anzulegen? Denn wo sonst sollten sie ihren Kampf ausfechten als in der Öffentlichkeit? Wie sollten sie Unterstützung für ihr Anliegen generieren können und was sollte, sofern sie erfolgreich wären, an die Stelle der Öffentlichkeit treten?

Man kann diese Fragen ignorieren, denn der Titel ist natürlich sowohl verkürzt als auch personalisiert, was man akzeptieren kann, wenn es dem Erfolg dieses Buchs zuträglich sein sollte. Denn Die Öffentlichkeit und ihre Feinde ist so klug und weitsichtig, dass es mindestens allen dringend ans Herz zu legen ist, die sich hauptberuflich mit medialer Kommunikation beschäftigen. Bernd Stegemann zeigt auf, welche Verantwortung diese Personengruppe hat, welche gefährlichen Trends sich in Journalismus und Social Media gerade verfestigen und vor allem, wie radikal das Umdenken dort und anderswo sein muss, um nichts weniger zu verhindern als den Kollaps unseres Zusammenlebens. Ein besser zutreffender Titel des Buches könnte somit lauten: Wie und von wem das Funktionieren unseres gesellschaftlichen Diskurses untergraben wird und wie wahrscheinlich es ist, dass dies unsere Zivilisation in den Abgrund treibt.

Denn natürlich geht es in diesem Buch um viele Facetten aktueller Mediendebatten, von Filterblasen bis zur Irreführung durch Framing, von den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie bis zur angeblichen Cancel Culture, von Identitätspolitik bis zur Protestkommunikation à la Fridays For Future. Es gibt sehr viele scharfsinnige Gedanken dazu, wobei es Stegemann in diesen häufig emotional und/oder ideologisch aufgeladenen Debatten gelingt, neutral zu bleiben. Er entlarvt die Neue Rechte ebenso wie Lebenslügen der Generation Woke, er setzt auf begriffliche Schärfe und ein theoretisches Fundament statt auf persönliche Betroffenheit oder manipulative Leidenschaft. Ganz häufig ertappt man sich während der Lektüre beim Gedanken: Das ist vieles, was man bereits ähnlich bewertet, aber selbst nicht so klar ausformuliert hatte, und da sind dazu manche Zusammenhänge und Widersprüche, die man vielleicht nie selbst entdeckt hätte.

So betont der Autor immer wieder die Notwendigkeit der (historisch bis zur Verfügbarkeit von Social Media selbstverständlichen) Distinktion zwischen privater und öffentlicher Kommunikation. Dass deren Unterschiede oft vergessen oder nicht verstanden werden, führe immer wieder dazu, dass die Spielregeln der einen Sphäre unzulässigerweise auf die andere übertragen würden, mit entsprechenden Friktionen. Als treffendes Beispiel nennt er die Möglichkeit, unliebsame Follower*innen bei Twitter oder anderswo zu blockieren. „Das Blocken ist die technische Lösung der paradoxen Emotionen, die in den sozialen Netzwerken ausgelebt und provoziert werden“, schreibt Stegemann. „Man will als einzigartiges Individuum anerkannt sein und zugleich die Folgekosten der Individualität nicht tragen. Man will, dass die Öffentlichkeit exakt den Regeln des privaten Nahbereichs entspricht, und zugleich will man die Enge der privaten Welt gegen die Aufmerksamkeit einer möglichst großen Öffentlichkeit tauschen. Es soll so überschaubar sein wie zu Hause, aber so aufregend wie in der Welt.“

An anderer Stelle zeigt er sehr eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen den Algorithmen der Social-Media-Plattformen, die Empörung ebenso triggern wie den Wunsch nach Bestätigung des eigenen Weltbilds, und ganz realen Attacken gegen prominente Figuren der öffentlichen Sphäre, von Shitstorms über „Lügenpresse“-Plakate bis hin zu tätlichen Angriffen. „Die spätmoderne Öffentlichkeit verbindet die Suche nach Aufmerksamkeit mit dem Wunsch, bestimmte Widersprüche nicht sehen zu wollen“, hat der Autor erkannt. Das führe zu „kognitiver Dissonanz“ – ein zentraler Begriff für seine Betrachtungen – und deren stetiges Erleben untergrabe das Vertrauen in Medien, informierten Diskurs und Fakten, letztlich also das Fundament unseres Miteinanders. „Wenn Menschen bei immer mehr Worten erleben, wie der schöne Schein eine harte Zumutung kaschiert oder positive Worte einen gegenteiligen Inhalt verschleiern sollen, dann führt das zu einer kognitiven Dissonanz gegenüber dem gesamten Bereich der öffentlichen Kommunikation. Und ebenso führt es zu Verärgerung, wenn immer mehr Worte, mit denen eine problematische Realität beschrieben wird, ‚böse‘ sein sollen und die Erklärungen hierfür häufig unverständlich erscheinen. Die immer wiederkehrende Frustration, dass hinter der Fassade eine ganz andere Realität liegt, führt anfänglich zu einem Misstrauen, das sich schließlich in einer Aggression gegenüber öffentlicher Kommunikation entlädt.“

Die größte Stärke des Buchs ist aber, dass diese Einzelphänomene in ihrem Zusammenspiel mit dem Ausmaß der Herausforderungen abgeglichen werden, die das Anthropozän mit sich bringt. Vereinfacht gesagt, stellt Stegemann dar, wie absurd es ist, dass wir Zeitungsseite um Zeitungsseite mit Debatten über Gendersternchen füllen, während es gleichzeitig nicht gelingt, größeren Teilen der Bevölkerung mit der nötigen Klarheit darzulegen, dass wir durch die im globalen Westen verbreitete Lebensweise gerade in rapidem Tempo und möglicherweise irreversibel die Grundlagen unserer Existenz auf diesem Planeten zerstören. Mehr noch: Er zeigt auch, dass wir womöglich innerhalb der aktuellen Strukturen von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit nicht in der Lage sein werden, dieses Dilemma aufzulösen. „Die tragische Dimension des Anthropozäns besteht darin, dass wir an den Schalthebeln einer Macht sitzen, die wir nicht verstehen, geschweige denn, dass wir als Menschheit in der Lage wären, diese Macht vernünftig ausüben zu können. (…) Die Menschen können die Erde kollektiv zerstören, sie können sie aber nicht kollektiv in der Balance halten.“

Sein Buch ist Analyse, Appell und Alarm, und so präzise es in seinen Einzelfallbetrachtungen ist, so viel gewinnt es durch die Betonung von zwei Grundsätzen. Erstens ist eine informierte Öffentlichkeit, die in der Lage ist, auf Basis von Fakten gesellschaftliche Debatten zu führen, sich im Diskurs ihrer selbst zu vergewissern, und im Anschluss mehrheitlich getroffene Entscheidungen als legitim zu akzeptieren (oder erneut mittels öffentlichen Diskurses zu hinterfragen) das Fundament für Meinungsbildung und Partizipation, also für unser gesamtes demokratisches System. Zweitens bringt das Anthropozän mit der globalen Erwärmung, der Zerstörung von Biodiversität und dem Schwinden natürlicher Ressourcen ganz neue Herausforderungen für unsere Problemlösungskompetenzen mit sich. Seine These lautet: Wenn wir die entsprechenden Fähigkeiten nicht entwickeln, droht die Apokalypse – und dabei sind indirekte Effekte wie soziale Spaltung, Flucht und Krieg noch gar nicht berücksichtigt. Angesichts von Stegemanns Bestandsaufnahme kann man nur zum Schluss kommen, dass die Chancen nicht allzu gut stehen, wenn wir nicht sehr schnell neue Spielregeln für die Öffentlichkeit vereinbaren. „In einer Phase, wo ihre Funktion der gemeinsamen Verständigung mehr denn je gebraucht würde, trägt sie nicht nur kaum mehr etwas zur Lösung bei, sondern sie scheint sich sogar immer mehr von den realen Problemen abzulösen und sich stattdessen mit sich selbst zu beschäftigen.“

Es ist umso erfreulicher, dass der Autor nicht nur diagnostiziert und kritisiert, sondern auch einen Lösungsvorschlag präsentiert, nämlich eine „neugierige und suchende Kommunikation“ innerhalb einer Gesellschaft, die sich als „Problemgemeinschaft“ versteht. Doch selbst ohne solche Vorschläge wäre das Buch brillant darin, uns allen als Beteiligte dieser Öffentlichkeit den Spiegel vorzuhalten, und herauszuarbeiten, wie dringend und tiefgreifend der Bedarf an Veränderung ist.

Bestes Zitat: „Die Erfolgsgeschichte des Neoliberalismus hat zu einer dialektischen Wendung geführt, bei der die Mittel seines Erfolgs – die Atomisierung der Gesellschaft und Auflösung aller Zusammenhänge in relative, nur noch vom Markt zu entscheidende Ereignisse – die Grundlage dessen zerstört haben, was heute angesichts des Anthropozäns dringend nötig wäre. Eine offene Öffentlichkeit, die sich ihrer gemeinsamen Aufgabe angesichts der Erde bewusst würde, ist so unvorstellbar wie das Ende des Neoliberalismus.“

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