Bill Fay – „Who Is The Sender“


Künstler Bill Fay

Bill Fay Who Is The Sender Review Kritik

„Bill Fay Who Is The Sender“ thematisiert Verbundenheit und Versöhnung.

Album Who Is The Sender
Label Dead Oceans
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Bill Fay hätte allen Grund, sich über Altersdiskriminierung zu beklagen. Als 2012 sein Album Life Is People erschien, war in den (meist begeisterten) Kritiken fast überall von „weise“ oder „aus einer anderen Epoche“ zu lesen, ebenso von „Altmeister“. Natürlich hat das nicht nur mit seinem biologischen Alter zu tun (er ist mittlerweile 75), sondern in erster Linie mit der Tatsache, dass der Mann aus London die meisten seiner Lebensjahre außerhalb des musikalischen Rampenlichts verbracht hat. Seine ersten beiden Alben erschienen 1970 und 1971 und wurden damals weitestgehend übersehen. Erst die Bewunderung der Nachgeborenen sorgte dafür, dass diese Lieder mit reichlich Verspätung noch die verdiente Wertschätzung erhielten, was schließlich zum Comeback mit Life Is People und dem drei Jahre später folgenden Who Is The Sender führte.

Auch hier wird sehr schnell klar, dass man es nicht mit einem Jungspund zu tun hat, sondern 13 Lieder vor sich hat, die auf ein ganzes Leben zurückblicken können – und das auch tun. Gleich der erste Song macht das deutlich. Er heißt The Geese Are Flying Westward und blickt mit einem Hauch von Neid auf die darin benannten Vögel, weil sie (im Gegensatz zu uns) wissen, wo sie hin müssen. Es gibt auch einen Hauch von Reue, weil sie (im Gegensatz zum Sänger) viel gesehen haben von der Welt. Beides wird dann allerdings vom Tisch gewischt mit einem „But I don’t think so“, das nicht bloß lakonisch und bequem ist, sondern getragen von der Erkenntnis, stets am richtigen Ort zu sein, solange man die Fähigkeit gelernt hat, dort den Moment zu lieben und das Leben zu schätzen. Man nennt das wohl: Weisheit.

Immer wieder verbindet Bill Fay, der in der langen Zeit ohne Plattenvertrag unter anderem als Gärtner gearbeitet hat, die Beobachtung von Flora, Fauna und Wetter mit sehr universellen Gedanken über das Leben, für die er beinahe naiv anmutende, aber sehr wirkungsvolle Worte findet. Natürlich kann man da die Prägung aus der Flower-Power-Ära und britischen Folk-Bewegung heraushören, ebenso eine Zivilisationskritik, die damals so angebracht war wie heute. War Machine beginnt mit Naturbildern, die sich dann als Symbole für eine Unschuld erweisen, die zerstört wird. Töten, Gier, Anmaßung – all das findet unausweichlich statt, „as we pay our taxes to the war machine“. Bring It On Lord drängt sanft darauf, dass Gott diese bessere Welt ohne Kriege und Krankheiten, von der wir immer geträumt haben, jetzt bitte endlich mal liefern soll. Blutvergießen und die Diskrepanz zwischen Ideal/Idyll und Realität sind auch an anderer Stelle The Order Of The Day, doch „every battleground / is a place for sheep to graze“, lautet die Gewissheit von Bill Fay.

Der Blick auf das große Ganze ist geprägt von Spiritualität und Erfahrung, und er überträgt sich in Who Is The Sender auf das Verständnis der eigenen Kunst. Der Titelsong beginnt vielleicht wirklich mit einer Postsendung, deren Absender der Musiker nicht kennt. Diese wird dann aber schnell zur Metapher einer großen Dankbarkeit für alles, was uns unverhofft (vielleicht gar unverdient) erreicht, die Inspiration für ein Lied gehört dazu, letztlich die Tatsache, dass wir überhaupt auf dieser Welt sind. Bill Fay ist in der Tat der Überzeugung, dass seine Musik (die er „alternative gospel“ nennt) von ihm nicht geschrieben wird, sondern schon immer da war, bis er sie entdeckt hat oder sie zu ihm gekommen ist. „Güte, Schönheit und Zufriedenheit“, nennt er die Dinge, die er dabei empfängt. „Geben ist eine gute Sache, nicht wahr? Vielleicht ist es das, was Musik tun will.“

How Little bringt das mit abstraktem Klavier, geheimnisvollen, sogar leicht bedrohlichen Streichern, später einer leicht schroffen E-Gitarre, Orgel und Schlagzeug zum Ausdruck. „There’s a melody at the heart of it“, singt Bill Fay, und das gilt nicht nur für dieses Lied, sondern für seinen Blick auf die Welt. Alles ist verbunden, an seinem Platz, letztlich schön – sofern wir es nicht kaputt machen. A Page Incomplete hat ein ähnliches Arrangement, das sich von jazzigen Klavierakkorden zu einer fast klassischen Rock-Instrumentierung entwickelt und auch durch die Kopfstimme einen überraschenden Farbtupfer in dieses Album bringt. The Freedom To Read ist ernster und bestimmter als die sonst eher versöhnlichen anderen Songs, das Stück verweist eher auf Bob Dylan als auf Nick Drake, wozu auch der Storyteller-Ansatz und die Mundharmonika passen.

I Hear You Calling zeigt die herrlich elegante, warme Atmosphäre dieses Albums, das innerhalb von 13 Tagen größtenteils mit dem Ensemble von Life Is People aufgenommen wurde. World Of Life ist vom ersten Ton an majestätisch, die gesprochene Zeile „This can’t be all there is“ klingt eher verwundert als enttäuscht. Der typischste Moment für Who Is The Sender ist Underneath The Sun: Die Musik nähert sich ganz langsam an, mit sehr leisen Streichern, schüchternen Klaviertönen und geflüstertem Gesang. Der Text betrachtet die Naturphänomene mit der Sonne als treibende Kraft hinter dem Wetter, dem Wachstum der Pflanzen und dem Treiben der Tiere. Wieder wird darin die Idee von der Ordnung, Verbundenheit und Kreislauf erkennbar, die Atmosphäre verweist aber auch auf die Verletzlichkeit und Bedrohtheit dieser herrlichen Harmonie.

So klingt der Titelsong, zu dem es kein Video gibt.

Bill Fay bei Facebook.

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