Bobbycar statt Aufklärung


Vielleicht ist Christian Wulff bloß deshalb noch nicht zurückgetreten, weil sie alle keine Zeit haben. Schauspielerin Nina Hoss muss sicher schon überlegen, welches Kleid sie zur Berlinale in drei Wochen tragen wird, sollte es einen Bären für ihre Rolle in Barbara geben. Ihre Kollegin Martina Gedeck ist gerade mit Dreharbeiten zu einer Neuauflage von Die Nonneeingespannt. Für Sänger Sebastian Krumbiegel steht bald eine Solo-Tournee ins Haus. Und Thomas Bach hat als Vizepräsident des IOC sicher jede Menge mit den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in London zu tun.

Was das alles mit dem Bundespräsidenten zu tun hat? All die Genannten saßen vor rund 17 Monaten in der Bundesversammlung und mussten sich im dritten Wahlgang zwischen Christian Wulff und Joachim Gauck entscheiden. Wir wissen nicht, wer wie abgestimmt hat. Aber man darf recht sicher sein: Insgeheim dürften sich mittlerweile fast alle von ihnen wünschen, Gauck hätte damals das Rennen gemacht.

Denn seit der Affäre, in der es erst um einen Kredit, dann um einen Anrufbeantworter und neuerdings um Kochbücher geht, kommt das Staatsoberhaupt nicht mehr aus den Negativschlagzeilen. Das nervt, stellt Günther Jauch sehr richtig fest. Und er will in seiner dritten Sendung zum Thema Wulff wissen: Ist der Bundespräsident mittlerweile Opfer einer Medienhatz?

Es mangelt nicht an kräftigem Vokabular. Von Denunzianten und Voyeuren ist die Rede, von Verfolgungswahn und Amtsanmaßung, von Politik als Selbstbedienungsladen. Eine Antwort findet die Talkrunde erwartungsgemäß trotzdem nicht. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo werden zunächst prophetische Gaben unterstellt (sein erster Text über Christian Wulff trug bereits vor 20 Jahren die Überschrift «Stehvermögen auf scheinbar verlorenem Posten»). Dann fordert der Journalist, sehr souverän und mit guten Argumenten, vernünftige Maßstäbe und einen korrekten Umgang miteinander ein. Und sorgt für die größte Überraschung, als er seine Co-Autorschaft von Karl-Theodor zu Guttenbergs Vorerst gescheitert als Fehler einräumt.

Moritz Hunzinger, ehemaliger PR-Berater, plädiert derweil für «mediterrane Contenance», praktiziert selbst aber von der ersten Minute an die maximale Empörung. Ansonsten empfiehlt er sich als Aushilfe, falls die Jauch-Redaktion mal wieder einen unbelehrbaren, arroganten Schlauberger braucht und FDP-Unsympath Martin Lindner gerade nicht verfügbar ist. Der Bundespräsident sei tapfer, jung und gut aussehend – das scheint für Hunzinger auszureichen, um in der Causa Wulff für die Methode «Schwamm drüber» zu plädieren.

FDP-Mann Wolfgang Kubicki (auch er war im Mai 2010 übrigens Mitglied der Bundesversammlung) wundert sich nicht, wenn Politiker offen für Annehmlichkeiten sind, schließlich seien sie schlecht bezahlt. Anke Domscheit-Berg, die passend zu ihrer Rolle als Internet-Aktivistin ein twitterndes Häkelschwein dabei hat, sieht das anders: Während sich jeder Hartz-IV-Empfänger vor dem Amt finanziell nackig machen müsse, um Stütze zu beziehen, pfeife unser Staatsoberhaupt auf Transparenz – und darf sich trotzdem seines Ehrensolds bis ans Lebensende sicher sein, klagt sie an.

«Wir wollen einen ethisch integren Bundespräsidenten in einer weitgehend unethischen Gesellschaft», lautet indes der schlauste Satz von Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth. Ansonsten sind ihre Beiträge so wenig nennenswert, dass man froh ist, als sie am Ende der Sendung klarstellt, nicht als potenzielle Wulff-Nachfolgerin zur Verfügung zu stehen.

Und wer ist nun schuld, sollte Wulff wirklich abtreten? Fakt ist: Fast alle Vorwürfe, die im Raum stehen, sind momentan nicht erwiesen. Gegen Wulff spricht, dass er bisher so gut wie nichts beiträgt, um sie zu entkräften. «Der Bundespräsident schafft es nicht, etwas so zu erklären, dass es nicht einen Rattenschwanz an Nachfragen und Ungereimtheiten gibt», stellt Domscheit-Berg sehr richtig fest. Für Wulff spricht, dass die Medien sich lächerlich machen, wenn sie selbst ein Bobbycar, das eines von Wulffs Kindern als Geschenk bekommen hat, als Skandal verkaufen wollen.

«Wer ist des Amtes noch würdig?», will Jauch schließlich wissen. Verlangen wir zu viel von unseren Politikern? Dürfen sie nicht auch menschlich sein? An diesem Punkt der Diskussion haben leider alle Teilnehmer schon den Überblick verloren – vielleicht ist ihnen schwindlig geworden, nachdem sie sich so lange im Kreis gedreht haben. Denn die Antwort lautet natürlich: Ja, das dürfen sie. Aber sie sollten danach dazu stehen – und nicht lügen, rumdrucksen und verschleiern.

Bestes Zitat: «Es kann nicht sein, dass wir eine Demokratie und Politik haben, die nur dann überlebensfähig ist, wenn sie Zuwendungen aus der privaten Wirtschaft erhält.» (Internet-Aktivistin Anke Domscheit-Berg über die Verflechtung von Politik und Wirtschaft)

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu Günther Jauch auch bei news.de.

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