Botho Strauß – „Paare, Passanten“


Autor*in Botho Strauß

Botho Strauß Paare ,Passanten Review Kritik

„Paare ,Passanten“ bietet Kulturpessimismus auf höchstem Niveau.

Titel Paare, Passanten
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1981
Bewertung

Als Bibel des Kulturpessimismus ist Paare, Passanten gefeiert worden, als es vor 40 Jahren erschien. Andere erkannten in dem Buch von Botho Strauß eine deutsche Entsprechung eines Existenzialismus à la Albert Camus, auch eine Interpretation aus Gender-theoretischer Perspektive (die angesichts des wiederholten Fantasierens über junge Mädchen und einen latenten Machismo auf diesen gut 150 Seiten auch angebracht ist) liegt mittlerweile vor.

Für all das liefern diese mehr als 100 Texte, von dokumentarisch bis surreal, von Fragment bis Essay, mehr als gute Gründe. Der 1944 in Naumburg geborene Autor hat sie in sechs Kapitel unterteilt (Paare, Verkehrsfluss, Schrieb, Dämmer, Einzelne, Der Gegenwartsnarr), die einigermaßen unverbunden und kaleidoskopisch wirken, auch wenn man gelegentlich meint, Figuren wiederzuerkennen. Eine große Gemeinsamkeit ist dennoch überdeutlich: Es sind „Enthüllungen über die Wirklichkeit“, wie Rainald Goetz das damals im Spiegel genannt hat, basierend auf feinen Beobachtungen und präzisen Schlussfolgerungen. „Seine seismografische Prosa fängt scheinbar mühelos die Erschütterungen des Heute und die Vorbeben des Künftigen ein“, urteilt der Literturkritiker Volker Hage über Paare, Passanten.

Die klarsichtige Beschreibung des Zustands der Welt nimmt hier genauso viel Raum ein wie das moralische und ästhetische Leiden daran („Das wirkliche Elend besteht darin, dass sich das wirkliche Elend nicht Luft machen kann. Es erniedrigt das Bewusstsein, es sprengt nicht.“). Strauß seziert die bundesrepublikanische Gesellschaft der 1970er Jahre, in der die Selbstdefinition durch Konsum erfolgt, Freizeit als höchstes Gut gilt und Medien (wohlgemerkt noch vor dem Start des deutschen Privatfernsehens) sowohl bei der Inszenierung von Protagonist*innen als auch der Perpetuierung dieses Systems bereits eine entscheidende Rolle spielen. Paare, Passanten wird zum „Panorama einer sich selbst verlorengegangenen Gesellschaft“, wie es im Klappentext dieser Ausgabe treffend heißt.

Es ist eine Gesellschaft, die kein gemeinsames Fundament mehr kennt, keine Verbindlichkeit herzustellen vermag und erschreckend hohl ist, wenn sie sich an den Utopien der Zeit messen muss – sowohl an den Idealen der 68er Generation, zu der Strauß gehört, als auch für alle, die damals womöglich noch einem Obrigkeitsstaat preußischer Prägung nachtrauerten. Insofern ist Paare, Passanten im Rückblick auch hoch interessant aus einer Ost-West-Perspektive. Wer die nach wie vor bestehenden Mentalitätsunterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern verstehen will, kann hier viel entdecken. Denn für die von Strauß beschriebenen Phänomene gab es in der DDR schlicht keine Entsprechung, auch nicht für das daraus folgende soziale und ideelle Vakuum: Eine Konsumgesellschaft war in der Mangelwirtschaft des Ostens kaum möglich. Statt Freizeitorientierung wurde der soziale Status über das Arbeitsleben erlangt, das zudem eng mit dem persönlichen Umfeld verknüpft war. Medienvielfalt war im Land der Einheitspartei schon gleich ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür gab es statt eines völlig übersteigerten Hedonismus aber Narrative von Kollektiv und Solidarität, die gesellschaftlicher Konsens in der DDR waren.

Wie viele Westdeutsche (damals allemal, heute zum Teil noch immer) hat Botho Strauß diese Welt auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs nicht im Blick und setzt seine Erfahrungswelt als Standard für die Lage des Landes. Er hat dabei allerdings bei weitem nicht bloß den Kulturpessimuismus eines (damals noch gar nicht so) alten weißen Mannes zu bieten, sondern viele kluge Prognosen zu Politik, Medien, gesellschaftlichem Zusammenhalt und unserem Verhältnis zur Natur. „Wir sollten darauf gefasst sein, dass es in Zukunft sehr viel schneller als in den vergangenen dreißig Jahren zu abrupten Ereignissen kommt, in denen die abgedrängten Ströme sich sammeln und hervorbrechen können, und dass die Sicherungen des modernen Rationalismus ‚bei überforderter Kapazität‘ sehr plötzlich, ohne lange Anlaufzeit durchbrennen können“, heißt es beispielsweise an einer Stelle.

Jenseits dieser gesellschaftlichen Analysen bietet Paare, Passanten im Kapitel Schrieb viel Geistreiches und Selbstkritisches über Kunst, Literatur und Ästhetik, weitere Highlights sind unter anderem ein Bericht aus einer Gerichtsverhandlung gegen eine Drogenabhängige, in dem Strauß plötzlich wie Irvine Welsh ohne den literarisch überhöhten Schmodder klingt, und die Fabel Männer und Frauen.

Ohnehin philosophiert Botho Strauß hier quer durch alle Texte bevorzugt über Liebe, Sexualität, Beziehungsmodelle und Rollenbilder. Er zeigt, wie häufig die Fixierung auf die Idee, nur als Paar könne man glücklich durchs Leben gehen, eigentlich eine Fixierung auf uns selbst ist, denn es geht dabei um das eigene Glück, nicht um das gemeinsame. Den Menschen sieht der Autor als „Mängelwesen“, das ändert sich auch als Paar nicht, in der Liebe nicht, selbst beim Geschlechtsakt nicht – Beziehungen werden passenderweise an einer Stelle als „Albklump“ bezeichnet. Für das Private gilt hier indes dasselbe wie für die Gesellschaft: Es gibt Angst, aber man kann sie verdrängen, es gibt Ausweglosigkeit, aber man kann sie ergründen – und aus diesem intellektuellen Sport vielleicht so etwas wie Glück ziehen.

Bestes Zitat: „Einige Augenblicke mit Menschen waren erfüllt von Zuwendung, die unanfechtbar bleibt, und man darf sagen: jawohl, da war man nicht allein, da ist man zusammengerückt, da hat man was Gutes erlebt. In einer einzigen gelungenen Umgangsform steckt schon mehr Glück, als man verkraften kann. Kaum je sind dies Momente des körperlichen Begehrens, der Wollust gewesen. Die Erinnerung selbst ist zärtlich, ist ein Geschenk der Sublimation.“

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