Boy, Theaterfabrik, Leipzig 3


Bei ihnen fühlt man sich verstanden: Sonja Glass (links) und Valeska Steiner. Foto: Benedikt Schnermann/Add On Music

Bei ihnen fühlt man sich verstanden: Sonja Glass (links) und Valeska Steiner. Foto: Benedikt Schnermann/Add On Music

Sitzen oder stehen? Das ist die erste Frage, wenn man die Theaterfabrik in Leipzig betritt. Beim ausverkauften Konzert von Boy ist das keineswegs eine Banalität. In der Entscheidung schwingt nichts weniger mit als eine grundsätzliche Einordnung, eine Schublade für diese Band. Club oder Cabaret? Tanzen oder Träumen? Singen oder Schwelgen?

Boy nehmen ihren 750 Fans in Leipzig diese Entscheidung nicht ab, sorgen zum Glück aber schnell dafür, dass sich beide Fraktionen wohl fühlen. Man kann sich zu ihrem Programm wunderbar nach vorne begeben, wo mitgesungen wird, und wo schon am Ende des ersten Lieds jemand ein Feuerzeug entzündet (es bleibt dann freilich dankenswerterweise das einzige des Abends). Man kann sich auch hinten, wo es beinahe wirkt, als habe sich der Boden der Theaterfabrik aus Neugier ein bisschen nach oben gereckt, um zumindest einen verstohlenen Blick auf das Geschehen auf der Bühne werfen zu können, einen Kinosessel suchen, die Augen schließen und sich verwöhnen lassen von dieser „Musik, die nach ewig blauem Himmel klingt, sanfte Stimmen, große Melodien, keine unnötigen Aufregungen, geradeaus und hübsch“ (Süddeutsche Zeitung).

Denn, offen gesagt: Visuell verpasst man nicht allzu viel. Natürlich grenzt es an Frevel, sich dem optischen Zauber von Valeska Steiner aus Zürich (mit Minirock und goldenem Glitzertop) und Sonja Glass aus Hamburg (in einem etwas weniger glitzernden Bolero-Jäckchen) zu entziehen. Aber bis auf einen riesenhaften Lampion links von der Bühne und die Scheinwerfer, die zu jedem Lied die passende Farbe finden, passiert kaum etwas, was man „eine Show“ nennen könnte.

Das ist allerdings ein Segen für diesen Abend in Leipzig. Die Musik von Boy lebt, das ist die größte Stärke ihres Debütalbums Mutual Friends, von ihrer Zurückhaltung. Genau diesen Trumpf spielen Valeska Steiner und Sonja Glass gemeinsam mit ihrer vierköpfigen Band auch live aus. „Wir schwitzen sonst nie“, behaupten sie gar angesichts der schnell tropischen Temperaturen in der Theaterfabrik.

Auch sonst sind die Ansagen so schlau, wie man das angesichts der Reflexion und unangestrengten Poesie der Texte von Boy erhoffen durfte. Dabei wirkt nichts kalkuliert. Wenn Valeska Steiner versucht, mit ein bisschen Lokal-Small-Talk einen Draht zu den Leipzigern aufzubauen oder Boris mit dem Hinweis anmoderiert, dass es auch in der Schweiz durchaus Arschlöcher gibt, dann hat das genau die richtige Dosis Unbeholfenheit. Man darf fast gewiss sein: Egal, mit wie viel Wut, Frust oder Vorliebe für Dubstep/Volksmusik/Death Metal man zu einem Konzert von Boy kommt: Es wird fast unmöglich sein, diese Band nicht sympathisch zu finden.

Boy sind auf diesen Charakterzug nicht angewiesen, denn ihre Lieder sind stark genug, um auch noch zu gefallen, wenn sie von hässlichen, arroganten Snobs gespielt würden. Aber ihre Bescheidenheit („Wir spielen jetzt unsere zweite Tour und es ist total schön, dass diese Konzerte immer so gut besucht sind und dass so viele Leute da sind, die die Songs mitsingen und so“, sagt Valeska tatsächlich im Interview mit der LVZ) und die fortwährende Verwunderung über den eigenen Erfolg (am Ende von Little Numbers gerät die Band derart in Verzückung über diese gelungene Show und die Begeisterung in der Theaterfabrik, dass sie ein bisschen zu schnell wird und das Lied beinahe ins Straucheln gerät) sind bei den Konzerten ein wichtiger Faktor für die Bindung zu den Fans.

Der bunte Mix im Publikum, der verführerische Konsens, der bei diesem Konzert in scheinbar allen Fragen herrscht, und die Innigkeit, mit der hier Schüler-Cliquen, junge Familienväter und lesbische Pärchen gleichermaßen mitsingen – all das lässt an die Blütezeit von Wir Sind Helden denken. Der Albumtitel Mutual Friends bekommt bei den Konzerten noch einmal eine ganz neue Dimension: Hier fühlen sich Menschen verstanden.

Das gilt für Skin in der Mitte der Show, das die Vorfreude auf eine euphorische Partynacht und die Einsamkeit auf dem enttäuschten Heimweg auf den Punkt bringt (und dann als Zugabe in der Theaterfabrik noch einmal als Akustik-Version erklingt). Es gilt in Waitress, dem zweiten Stück des Abends, für die Hoffnung, die der Monotonie innewohnt, wenn man das möchte. Oder die etwas eitle Melancholie von Waltz For Pony, das sich in Leipzig als perfekter Beinahe-Schlusspunkt erweist.

Einen neuen Song haben Boy danach nämlich auch noch im Gepäck. Das Lied mit der zentralen Zeile „a hotel room is a hotel room“ verarbeitet ganz offensichtlich die Tristesse des Touralltags (kein Wunder: Glaubt man der Band, dann ist der Song erst vier Tage zuvor fertig geworden, und da gastierten Boy ausgerechnet in Bielefeld).

Am Ende haben die Fans alles richtig gemacht, die da waren – egal ob stehend oder sitzend. Vor der Bühne wird fleißig gewippt und geschunkelt, als in der zweiten Hälfte des Konzerts mit This Is The Beginning, Silver Streets oder Little Numbers das Tempo ein bisschen angezogen wird, kann man sogar richtiges Tanzen erkennen. Auf den Sitzplätzen hinten ist man sich zumindest nicht zu fein, auf Aufforderung von Valeska Steiner die Arme in die Luft zu recken. Aber die Euphorie eines Boy-Konzerts äußert sich ganz offensichtlich nicht in exstatischer Körperertüchtigung der Stehplatz-Fans oder im andächtigen Lauschen und frenetischen Applaus der Sitzenden. Blickt man sich nach dem Konzert um, erkennt man die Euphorie anderswo und überall: in den Gesichtern der Fans.

Boy spielen Boris live in der Theaterfabrik Leipzig:


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