Bruce Springsteen, Red Bull Arena, Leipzig


Eindeutig: Der Boss hat die "Elvis-Presley-Schule der Bühnenposen" besucht. Foto: Sony Music

Eindeutig: Der Boss hat die „Elvis-Presley-Schule der Bühnenposen“ besucht. Foto: Sony Music

Es ist ein besonderes Lied, mit dem Bruce Springsteen seine Show in Leipzig eröffnet. Roulette erklingt, zum ersten Mal auf dieser Tour. Der Boss ist diesmal nicht so überpünktlich wie sonst, aber schon diese kraftvollen ersten Minuten in der Red Bull Arena sind beeindruckend.

Es ist ein besonderer Song, der dann folgt (denn Bruce Springsteen hat nur besondere Songs): Lucky Town, bei den bisherigen Stationen der schon seit zwei Jahren laufenden Wrecking Ball-Konzertreise ebenfalls noch nie gespielt.

Und es ist ein ganz besonderes Lied, das dann ansteht (und bei dem dann auch die Zuschauer auf den Tribünen in Leipzig aufstehen): Badlands. Als Bruce Springsteen am 19. Juli 1988, vor einem Vierteljahrhundert also und noch vor dem Fall der Mauer, in Ost-Berlin spielte, eröffnete er mit diesem Stück sein Set. Nach inoffiziellen Schätzungen waren damals 300.000 Fans bei seinem Konzert an der Radrennbahn Weißensee, das entsprach sage und schreibe 2,5 Prozent aller erwachsenen DDR-Bürger. Es war eine Show, die Epoche machte, die ein Gefühl von Freiheit hinter den Eisernen Vorhang brachte, von Rebellion, von Mündigkeit und Unbeugsamkeit. Keiner, der dabei war, dürfte dieses Konzert je vergessen können.

Bruce Springsteen ist nicht David Hasselhoff, er würde nie von sich behaupten, die Mauer zu Fall gebracht zu haben mit seiner Musik (auch wenn sein aktuelles Album übersetzt „Abrissbirne“ heißt). Aber er weiß, wie viel dieses Konzert den Menschen im Osten bedeutet hat und noch heute bedeutet. Selbst wenn er es vergessen hätte, würde er in Leipzig wieder daran erinnert: Vor der Bühne halten die Fans Transparente und Schilder hoch, auf denen „Thank you for 1988“ oder „From Berlin to Leipzig – 25 years“ steht. Als Springsteen als erstes Stück im Zugabenblock zwei Stunden später Born In The USA anstimmt, geht er in der Ansage noch einmal auf diese legendäre Show ein, die auch für ihn zu den „most memorable“ in seiner Karriere zählt. Es ist ein Gänsehautmoment.

Das Stück wird frenetisch gefeiert, und das hat einen erstaunlichen Effekt. Denn es wird eindeutig missverstanden, noch immer. Das ist schon oft passiert bei diesem Lied, das eigentlich ein USA-kritischer Song ist, aber schnell als blindes patriotisches Bekenntnis interpretiert werden kann, wenn man nicht allzu genau hinhört. So kam Ronald Reagan auf die aberwitzige Idee, den Song für seinen Wahlkampf zu nutzen. Und so konnte 1988 die DDR-Jugend (zumal sie noch mit Russisch als erster Fremdsprache aufgewachsen war) Born In The USA als Hymne auf den Westen missverstehen, als Lobpreis all dessen, was sonst allenfalls noch Coca Cola in derart purer Form verkörpert.

An diesem Abend in Leipzig wirkt diese Interpretation nach, und Born In The USA wird so auch zu einem Lied über den eigenen historischen Triumph. Seit der friedlichen Revolution kann man in Leipzig wirklich Coca Cola trinken, in die USA reisen, einen Cadillac kaufen – viele der hier Anwesenden hätten das niemals für möglich gehalten, erst recht nicht 1988, als Bruce Springsteen noch der Botschafter eines beinahe irreal erscheinenden Sehnsuchtslands war.

Auch diese neue Wahrnehmung des Songs strapaziert das, was der Autor damit sagen wollte, deutlich über Gebühr, und legt man die verhaltenen Reaktionen auf die durchaus charmanten, witzigen und rührenden Ansagen von Bruce Springsteen zugrunde, dann muss man davon ausgehen, dass ein beträchtlicher Teil der 45.000 Menschen im Leipziger Publikum nach wie vor nicht allzu viel Englisch versteht. Aber das ist egal: Die Botschaft steckt im Sound, im Feeling, in dem, was Bruce Springsteen verkörpert. Und diese Botschaft heißt: Du kannst es schaffen, du kommst irgendwie raus aus dem Dreck, und du sollst dafür verdammt noch mal die harte Route wählen, also die, auf der du anständig bleibst und nicht deine Seele verhökern musst.

Es ist nicht zu fassen, mit wie viel Inbrunst, Begeisterung und schierer Autorität der 63-Jährige drei Stunden lang Musik macht. Wo andere Künstler in diesem Stadion ausgetüftelte Effekte brauchen, gibt es bei Bruce Springsteen bloß: Pappschilder, auf denen die Fans ihre liebsten Lieder notiert haben (und ein paar, auf denen Fotos von Babys zu sehen sind, die nach Bruce-Springsteen-Songs benannt sind). Diese Schilder zappeln vor der Bühne herum wie Fische in einem Aquarium, das bis zum Anschlag gefüllt ist mit Romantik, Intensität und Aufrichtigkeit. Sie halten Bruce Springsteen Abend für Abend vor Augen, wie großartig sein Repertoire ist, wie innig es geliebt wird, was inmitten von politischem Engagement und Jetset-Annehmlichkeiten der Kern seines Lebenswerks ist.

Back Into Your Arms gerät herzzerreißend, Spirit In The Night kündigt er mit dem heiligen Ernst eines Predigers an, bei Hungry Heart überlässt er den Gesang größtenteils dem Publikum. Die Coverversion von Rockin’ All Over The World bereitet ihm kurz vor Schluss sichtlich Freude und die akustische Version von Thunder Road ganz am Ende des Konzerts ist eine Offenbarung.

Open All Night wird eine tolle Party, bei Waitin’ On A Sunny Day herrscht in Leipzig die pure Glückseligkeit (nicht nur bei dem strahlenden blonden Mädchen, das der Boss auf die Bühne holt). Überhaupt erweist sich Springsteen als erstaunlich ausgelassenes Showtalent: Er tanzt mit der Frau vom Roten Kreuz, die eventuelle Kollabierende versorgen soll und dann wohl selbst am meisten in Gefahr gerät, in Ohnmacht zu fallen. Er lässt ein paar Elvis-Posen wieder auferstehen, er gibt Autogramme mitten im Song und er gönnt sich einen Becher deutsches Bier, der aus dem Publikum gereicht und von Springsteen in einem Zug geleert wird.

Natürlich trägt auch die E Street Band ihren Teil dazu bei, dass diese drei Stunden niemals langweilig werden. Chuck Berrys You Never Can Tell, ein weiterer Wunsch aus dem Publikum, wird von den knapp 20 Musikern auf der Bühne spontan improvisiert. Saxofonist Jake Clemons hat reichlich spektakuläre Auftritte und Steve van Zandt darf immer wieder unter Beweis stellen, dass er nicht nur der schildkrötigste Mensch aller Zeiten ist, sondern auch ein Monster-Gitarrist. Jeder Moment, jede Silbe, jede Gitarrennote, jedes Saxofonsolo hat dabei einhundert Prozent Intensität, und daran ändert sich nichts, bis Light Of Day als letztes Lied des regulären, gut zweistündigen Sets erklingt, sagenhaft heavy und energisch.

Bei all dieser Musikalität beeindruckt am meisten aber die Stimme von Bruce Springsteen. Man fragt sich, wo dieser 63 Jahre alte Mann all die Energie her nimmt, all die Wut, all die Liebe, die darin steckt. Man muss anerkennen: Es wäre schlicht ungerecht, wenn Bruce Springsteen bei so viel Talent und Engagement kein Weltstar wäre. Und man muss gestehen: Man kann die feurigsten, aufrichtigsten der aktuellen Stars nehmen (Frank Turner meinetwegen oder The Gaslight Anthem) und man wird nicht dergleichen finden.

Dazu trägt auch bei, dass Bruce Springsteen derart uneitel ist. Er flirtet in Leipzig per Videoleinwand mit einer Dame, die sagen wir: eine ganze Menge hat, mit der sie eine Zeile wie „wiggle your legs“ illustrieren könnte. Er erzählt davon, wie ihm der Schweiß den Arsch herunter rinnt. Er liefert ehrliche Arbeit, mit ehrlichen Liedern, und er erntet dafür von 45.000 Menschen ehrliche Bewunderung und Dankbarkeit. Er läuft etwas langsamer über die Bühne als 1988, und er schnauft ein bisschen länger durch. Aber er ist noch nicht müde, beteuert er, auch nach zwei Jahren auf Tour, auch als 63-Jähriger. Man kann sich nach diesem Konzert in Leipzig nicht vorstellen, dass das Feuer in Bruce Springsteen jemals erlöschen wird. Wenn irgendwann alle seine Organe versagen, wird sein Herz noch schlagen.

Thunder Road, ganz am Schluss und ganz famos:

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