Christen als Flüchtlinge im eigenen Land


Martin Lessenthin warnt: Europa muss auf Nigeria achten. Foto: IGFM

Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh schlägt sich gegen den Kopf. „Unerträglich“, findet er die Situation im Norden seines Landes, „wahnsinnig“ die Ziele der dort stärker werdenden Islamisten, „barbarisch“ die Strafen der Scharia-Gesetzgebung. Gemeinsam mit Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), schildert der studierte Theologe die aktuellen Probleme Nigerias: ethnische Konflikte eskalieren, die Wirtschaft liegt brach, Christen werden verfolgt.

Am 11. Februar 2000 wurde die Scharia in Nigeria erstmals wieder angewandt. Inzwischen gilt das religiöse Gesetz des Islam in 12 der 36 Bundesstaaten. Dieser „Flächenbrand in den Staaten, wo die islamischen Parteien eine Mehrheit haben“ bedeutet laut Martin Lessenthin nicht nur eine „bedeutende Verschlechterung der gesellschaftlichen Stellung der Frauen“, sondern auch grausame Strafen für geringe Vergehen. Wer Alkohol trinkt oder auch nur eine Frau auf seinem Motorrad mitnimmt, wird öffentlich ausgepeitscht. Auf Diebstahl stehen Amputationsstrafen, die selbst an kleinen Kindern vollstreckt werden. Bei außerehelichem Geschlechtsverkehr droht die Steinigung.

Jüngster Fall ist der des dreifachen Vaters Umaru Tori. Er soll gesteinigt werden, weil er seine 15-jährige Stieftochter geschwängert hat. „Was dieser Mann getan hat, ist moralisch natürlich falsch. Aber ihn zum Tod durch Steinigung zu verurteilen, verstößt gegen alle Übereinkünfte der Menschenrechte“, sagt Emmanuel. Aus seiner Empörung macht er keinen Hehl: „Wenn das Mädchen das Kind bekommen hat, wird sie 100 Peitschenhiebe bekommen. Das ist doch irre, 100 Peitschenhiebe auf ein menschliches Wesen!“ Solch eine Strafe dürfe es nicht geben, auch wenn das Opfer Moslem sei und das Gericht anerkennt: „Einem anderen Menschen den Arm zu amputieren ist meiner Meinung nach geisteskrank.“

Emmanuel befürchtet, dass die Vollstreckung des Urteils als Präzedenzfall wirken könnte: „Wenn die Moslems das durchsetzen, wird die Steinigung zur Norm.“

Etwa die Hälfte der knapp 127 Millionen Nigerianer sind Moslems, die allermeisten von ihnen leben im Norden des Landes. Für einige von ihnen verkörpert das islamische Gesetz – das in diesen Regionen schon vor und während der Kolonialzeit angewandt wurde – das echte und ursprüngliche Nigeria. Manche empfinden, dass Gerechtigkeit nun deutlich greifbarer geworden ist. Außerdem wurde mit der Scharia auch die Almosensteuer Zafat wieder eingeführt. Durch diese Zwangsabgabe der Reichen hat sich die wirtschaftliche Situation der sozial Schwachen im unterentwickelten Norden etwas gebessert.

Doch es gibt auch Moslems, die mit der Scharia nicht einverstanden sind. Einige sagen sich vor Gericht vom Islam los, um den harten Strafen zu entgehen. Andere können sich nicht gegen ein gefälltes Urteil wehren, weil sie ihre Rechte – beispielsweise die Anrufung eines Berufungsgerichts – gar nicht kennen und keinen Anwalt haben. „Die Beschuldigten wissen oft nur, was ihnen der Imam in der Koranschule erzählt hat. Deshalb sind sie so willfährige Instrumente des Terrorismus. Wir haben nichts dagegen, dass sie ihre Religion ausüben. Aber sie sollen allen anderen diese Gelegenheit auch geben“, erklärt Emmanuel.

Die Scharia ist für Nigeria also kein rein juristisches Problem. Damit verbunden sind soziale, wirtschaftliche, ethnische und religiöse Dimensionen sowie Mängel im Bildungssystem, in der Verwaltung und der Verfassung – was Emmanuel besonders empört: „Die Scharia als religiöses Gesetz ist gegen die Verfassung, weil Nigeria dort als säkularer Staat definiert ist. Und außerdem wird darin das Recht auf Leben garantiert.“

Lessenthin sieht in der Einführung des Scharia-Rechts ebenfalls einen Widerspruch zur Verfassung und „im Grunde genommen die Einführung einer Parallel-Rechtssprechung und eines parallelen Gesellschaftssystems“. Dies sei möglich, weil regionale Machthaber sehr selbstständig agieren und sich nicht von der Zentralregierung kontrollieren lassen. Lessenthin: „Die Haussas sind im Norden des Landes die größte Nation. Die machen in ihren Provinzen rechtlich das, was sie wollen.“

Die Zusammenarbeit zwischen IGFM und Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh kam in Frankfurt zustande. Doch den Kampf für die Menschenrechte führte der Nigerianer schon in seiner Heimat. Nach dem Studium der katholischen Theologie in Enugu arbeitete er für das „Institut für die Entwicklung von Gerechtigkeit und Frieden“ viel mit Kindern, beispielsweise in Sportprojekten. Seit Dezember studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität und schreibt an seiner Doktorarbeit zum Thema „Christentum und Armut in Afrika“.

Der 29-Jährige stammt aus dem Südosten Nigerias. Er gehört den Igbo an, der zweitgrößten ehtnischen Gruppe des Landes. In erster Linie versteht er sich aber als Nigerianer. „Ich bin ein Nigerianer. Aber ein Nigerianer mit Igbo-Ausprägung“, sagt er.

Insgesamt enthält das „Konstrukt Nigeria“, das die Kolonialmacht Großbritannien am 1. Oktober 1960 in die Unabhängigkeit entließ, 250 verschiedene ethnische Gruppen. Wie schwierig es ist, sie zu einen, zeigt die Geschichte des Staates seitdem: Immer wieder gab es Putschversuche, drei Jahre lang einen Bürgerkrieg. Trotz beträchtlicher Ölvorkommen leben große Teile der Bevölkerung in Armut. Korruption ist an der Tagesordnung, Folter und Willkür sind bei den Ordnungsbehörden weit verbreitet. erst seit vier Jahren ist der Staat eine Demokratie – und die Hoffnungen, die viele auf das Ende der Militärdiktatur gesetzt hatten, erfüllten sich nicht schnell genug. Religiös und ethnisch motivierte Gewalt ist deshalb nicht selten bloß Ausdruck der Unzufriedenheit der Nigerianer mit der unzuverlässigen und wechselhaften Regierungspolitik und der Benachteiligung vieler Gruppen durch den Staat.

Präsident Olusegun Obasanjo, seit 1999 im Amt und 2003 wieder gewählt, hat also keine leichte Aufgabe. Der 66-jährige Ex-General gehört den Yoruba an und ist Baptist. Emmanuel ist überzeugt, dass in dieser Personalie die Ursache für die Einführung der Scharia liegt. „Die Scharia ist ganz klar eine politische Angelegenheit. Der christliche Präsident will damit den Moslems entgegenkommen. Als es noch muslimische Präsidenten gab, war die Scharia kein Thema. Scharia ist das Ass im Ärmel der Muslime im Norden“, sagt er. „Sie wollen Nigeria zu einem islamischen Staat wie den Iran machen und werden dabei enorm unterstützt.“

Laut Lessenthin fließt „sehr viel Geld für Koranschulen und Moscheen aus Saudi-Arabien oder Iran ins Land“. Deshalb verfolgten die ehemals moderaten Sunniten seit etwa 20 Jahren einen verstärkt islamistischen Kurs, der „sehr offensiv ist und sich ausdehnen möchte. Das Zeichen des politischen Sieges ist die Besieglung durch Scharia-Recht.“ Auch dabei gingen die Machthaber im Norden nach einer genauen Taktik vor: „Die Moslems suchen jede Gelegenheit, um Ärger zu machen. Sie wollen damit das System destabilisieren. Sie wollen das Land unregierbar machen, um mit den Menschen tun zu können, was immer sie wollen“, sagt Emmanuel.

Eine dieser Gelegenheiten sei die Miss-World-Wahl im letzten Jahr gewesen. Als Bessenthin den Ausbruch der Konflikte am Rande des Wettbewerbs schildert (Imame hatten die Schönheitsköniginnen als böse Prostituierte bezeichnet und aus dem Land schaffen lassen wollen), merkt man Emmanuel den Eifer an. Er komplettiert und ergänzt die Sätze, die Bessenthin anfängt – und kann seine Fassungslosigkeit nicht verbergen. „Kann man sich das vorstellen?“, fragt er. 30 Kirchen wurden bei den Auseinandersetzungen von Muslimen zerstört, 800 Menschen kamen ums Leben. Danach mussten mehr als 20000 Christen den Norden verlassen.

Etwa 40 Prozent der Nigerianer sind Christen, ein Drittel von ihnen ist katholisch. Im Norden dürfen sie kein Land mehr kaufen, keine Kirchen mehr errichten und haben kaum Rechtssicherheit. Christliche Schulen werden zerstört, Pfarrer in Kämpfen getötet. „Es werden Kirchen verbrannt mitsamt der Leute darin. Wenn du kein Moslem bist, ist dein Leben in Gefahr. Auf diese Weise soll erreicht werden, dass alle Menschen im Norden Moslems werden.“, berichtet Emmanuel. Christen „sind Flüchtlinge im eigenen Land“, sagt er.

„Im Süden sind sie zwar sicherer, aber getrennt von ihren Wurzeln und ohne wirtschaftliche Basis. Jedes Jahr sieht man Ströme mit Tausenden von Menschen, die ihre paar Habseligkeiten auf dem Kopf tragen und unterwegs in den Süden sind, weil sie Angst haben, sonst ermordet zu werden.“

Die Opfer am Rande der Miss-World-Wahlen sorgten weltweit für Aufsehen und richtete die Augen der internationalen Öffentlichkeit auf die Menschenrechtslage in Nigeria. Dieser Druck von außen sei „ein enorm wichtiges Element im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen“, sagt Emmanuel. „Erst der internationale Protest hat dazu geführt, dass Berufungsgerichte eingeführt wurden, die Scharia-Urteile überstimmen können“, nennt er ein Beispiel. „Ohne den Druck der Staatengemeinschaft hätte Afrika eine bedeutende Nation vielleicht schon in einem religiös motivierten Bürgerkrieg verloren“ , vermutet er.

Nigeria habe als bevölkerungsreichstes Land Afrikas eine strategische Bedeutung für den ganzen Kontinent. „Wenn Islamisten sich in Nigeria durchsetzen, ist Afrika erledigt“, prophezeit er. Auch Lessenthin sieht Nigeria als „Schlüsselstaat für alle in der Welt, die den Islam stärken wollen“. Eine Ausdehnung der Scharia könnte als schlechtes Beispiel auch bis nach Kenia, Zimbabwe oder Südafrika ausstrahlen, wo es muslimische Minderheiten gibt. „Wer sich für Afrika interessiert, muss ein Auge auf Nigeria haben. Wir sind deshalb enttäuscht, dass Kanzler Schröder bei seiner Afrika-Reise Nigeria links liegen lassen hat“, sagt Lessenthin. „Die Bedeutung einer konstruktiven Politik gegenüber Nigeria ist noch nicht erkannt worden – und das ist absolut kurzsichtig“, kritisiert er.

Die Bundesregierung solle sich für eine Ächtung der Scharia-Gesetzgebung und insbesondere der Steinigung einsetzen. „Dass Schröder das erste Mal nach seiner Wahl afrikanischen Boden betritt und dabei die größte Nation des Kontinents nicht besucht, ist ein Zeichen von großer Unsicherheit im Umgang mit den Problemen dieses Landes“, meint er.

Weil die Konflikte enorm vielschichtig sind, hat manch einer schon fast resigniert. „40 Jahre nach der Unabhängigkeit als politische Nation, 30 Jahre nach einem Bürgerkrieg, der mehr als eine Million Menschenleben gekostet hat, sind wir immer noch genau so zersplittert wie eh und je. Wir sind keine Nation. Wir sind verschiedene Völker, zusammengepfercht in einem aufgezwungennen politischen Verband“, sagt etwa Kayode Ogundamisi, Generalsekretär der inzwischen verbotenen Bewegung OPC. Das sieht Emmanuel ganz anders. Er glaubt fest an die friedliche Zukunft und die Einheit Nigerias. „Viele Länder haben es geschafft. Die Vereinigten Staaten sind ein gutes Beispiel. Auch dort gibt es viele verschieden Gruppen und Religionen, trotzdem existieren sie in Frieden und Toleranz“, sagt er. „Alles, was wir für Nigeria verlangen, ist, dass die Moslems andere tolerieren. Leben und leben lassen. Jeder soll das Recht auf seine eigene Religion haben und respektiert werden. Nigeria kann es schaffen.“

Homepage der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

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