Christian Freimuth – „Klipp & Gefahr“


Künstler Christian Freimuth

Klipp und Gefahr Christian Freimuth Review Kritik

An Neil Young orientiert sich Christian Freimuth mit „Klipp & Gefahr“.

Album Klipp & Gefahr
Label Kombüse
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Ich habe ein Problem mit diesem Album. Christian Freimuth, den ich bisher nicht kannte, hat mir sein neustes Werk auf CD geschickt, begleitet von einem handgeschriebenen (!) Brief, der mit der Anrede „Hallo Michael“ beginnt. Es ist nicht nur sehr selten geworden, dass ich handgeschriebene Briefe bekomme. Der Inhalt seiner Zeilen zeigt auch noch, dass er sich ernsthaft mit mir beschäftigt hat. Dem Künstler hat meine Rezension zum Album Ganz normale Songs von Tom Liwa gefallen, und eben jener Tom Liwa (Flowerpornoes) ist jetzt der Produzent von Klipp & Gefahr.

Natürlich ist das auch ein sehr cleverer Versuch, die Aufmerksamkeit von möglichen Rezensenten zu wecken (ich bin nicht so eitel anzunehmen, dass ich der einzige Empfänger eines derartigen Briefes war), vor allem aber ist es eine sehr sympathische Geste. Ich möchte Klipp & Gefahr also gerne gut finden. So wie die Kontaktaufnahme besonders war, soll möglichst auch die Musik von Christian Freimuth besonders sein. Ich will einem Menschen, der sich ungefragt so viel Mühe gemacht hat, ja nicht mit dem Hinweis begegnen, seine Liedern seien leider Mist. Und genau das ist mein Problem – zumindest eine Viertelstunde lang.

Denn Klipp & Gefahr, aufgenommen innerhalb eines Jahres mit dem schon erwähnten Tom Liwa in Lübeck, beginnt leider sehr schwach. Entlaufene Hunde heißt der Opener dieser Platte und wird somit mein Erstkontakt mit Christian Freimuth. Die Assoziationen: Die Stimme ist dünn, die Komposition ist gewöhnlich, der Text ist krude. „Gisbert zu Knyphausen für Arme“, ist einer der bösen Gedanken in meinem Kopf, die so gar nicht zum Vorsatz passen, diesen Musiker zu unterstützen. Die beste Idee des Lieds sind die Zeilen „Es heißt, gesprochene Worte sind wie entlaufende Hunde / was sind dann gesungene?“ Auch dieser Einfall wird allerdings getrübt, weil Freimuth nicht mutig genug ist, diese Verse einfach so stehen zu lassen, sondern sie – wohl wissend darum, wie stark sie sind – noch einmal wiederholt um sicher zu gehen, dass sie auch ihre Wirkung erzielen.

Das ungute Gefühl bleibt bei dem Singer-Songwriter, der 1977 in Dortmund geboren wurde, später Literatur studiert hat und heute als Vater zweier Töchter in Lübeck lebt, auch danach noch bestehen, auch wenn es auf Klipp & Gefahr (für alle, die über diesen Titel rätseln: Klipp ist in der Heimat des Künstlers der sichere Ort beim Fangenspielen) einen leichten Aufwärtstrend gibt. Haken & Ösen ist etwas besser als der Auftakt, aber noch nicht ganz rund. „Alle streicheln das Pony / du streichelst den Esel“, singt Freimuth. Das ist natürlich eine schöne Zeile (und eine schöne Geste – vor allem, falls man selbst der Esel ist). Paula sagt Klipp verweist recht putzig auf den Gedanken, dass in der Kindheit manches leichter war, auch wenn wir das damals natürlich nicht gemerkt haben.

Mit den nächsten drei Liedern kriegt das Album dann die Kurve. Wo keine andere Liebe hinkommt wird gerade deshalb überzeugend, weil es unbestimmter und abstrakter bleibt als die meisten Lieder auf Klipp & Gefahr. Schön wird es auch durch das glaubhafte Bekenntnis: Ich muss diese Musik schreiben, ich kann nicht anders. Wir bauen uns einen Tunnel hat rund um die Zeilen „Wer von uns weiß eigentlich genau, was auf den Schildern steht / die man vor sich sein ganzes Leben lang so aufstellt“ einen rührenden Effekt, Nur Rosinen ist das erste Lied, dem man das Attribut „besonders“ verleihen möchte.

Das Leitmotiv des Albums ist Durchschnaufen nach dem Fliehen, das auch die Gelegenheit für die Frage bietet: Wovor laufe ich eigentlich weg? Ist es die richtige Entscheidung, das zu tun? Was könnte ich stattdessen tun, um mein Leben zu verbessern? Schluck Wasser in der Kurve zeigt das deutlich, kurz darauf weist Freimuth treffend darauf hin: „Nur wer verlieren kann, der kann spielen überhaupt lernen.“

Aus unserer Haut wird tatsächlich ergreifend und ist nahe am Sound von Neil Youngs Harvest, den Freimuth und Liwa als klangliches Vorbild für Klipp & Gefahr auserkoren haben. Das kluge Das mit dem Liebsten beweist, dass der Sänger seine individuelle Erfahrung auch sehr gekonnt ins Universelle überführen kann. Am offenen Fenster schließt die Platte ab und lässt mich bezüglich der Gefahr eines drohenden Verrisses gänzlich versöhnt und erleichtert zurück (und Christian Freimuth wohl auch): Aus sehr klassischen Folk-Zutaten versteht er es hier, ein gelungenes, eindringliches, sehr eigenständiges Werk zu schaffen.

Das Video zu Aus unserer Haut hat deutlich mehr von Lübeck als von Dortmund.

Website von Christian Freimuth.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.