Christian Wulff: Nichts gelernt von Guttenberg 1


Einen Satz hört man häufig in diesen Tagen von Menschen, die Christian Wulff verteidigen möchten: Politiker sind auch nur Menschen. Das stimmt, zum Glück.

Auch Politiker lassen sich scheiden (was ziemlich teuer werden kann), sie haben Kinder (die eine Menge Geld kosten), sie träumen vielleicht von einem eigenen Haus (wie viele andere Menschen auch), und sie leihen sich deshalb womöglich Geld bei Freunden, die eine große Summe problemlos entbehren können (wogegen nichts einzuwenden ist).

Die Kreditaffäre des Bundespräsidenten wirft aber die Frage auf: Was für ein Mensch ist Christian Wulff? Wie ehrlich ist er? Wie unabhängig? Wie seriös? Nehmen wir einmal an, die 500.000 Euro, die er bekam, hatten tatsächlich nichts mit seinem aktuellen oder früheren Amt zu tun. Warum konnte als Kreditgeber dann nicht ganz offen Egon Geerkens fungieren, was naheliegender gewesen wäre, als dessen Frau zu benennen? Warum verschwieg Wulff dann auf Nachfrage des niedersächsischen Landtags diesen Kredit? Warum brachte er nun bei Bekanntwerden der Ungereimtheiten nicht sofort alle Fakten auf den Tisch?

Sein Umgang mit der Affäre wirkt, als hätte Wulff etwas zu verbergen. Er muss deshalb nicht zurücktreten. Schweden hat ein Staatsoberhaupt (König Carl XVI. Gustaf), das eine Sexaffäre mit einer Pop-Sängerin zumindest nicht dementiert. Russland hat ein Staatsoberhaupt (Präsident Dimitri Medwedew), das sich gerade dem Vorwurf ausgesetzt sieht, eine Wahlfälschung zu dulden. Und Frankreich hatte bis vor ein paar Jahren ein Staatsoberhaupt (Ex-Staatspräsident Jacques Chirac), das gerade wegen Veruntreuung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Im Vergleich dazu wirken die Anschuldigungen gegen den Bundespräsidenten zunächst banal. Aber Wulff ist nicht nur wenig souverän, sondern auch wenig sensibel – beides gehört zu den wenigen Mindestanforderungen, die für einen Bundespräsidenten gelten.

Zum einen zeigt Wulff, wie wenig die Politik aus der Guttenberg-Affäre gelernt hat. Auch der Bundespräsident wählt als Krisenmanagement die Salamitaktik, statt sich mit einem ehrlichen und frühen Eingeständnis eines Fehlers aller Vorwürfe zu entledigen. Ob er nun gelogen hat oder bloß nicht komplett aufrichtig war – das ist Haarspalterei. Auch die Union meint offensichtlich, wie im Falle Guttenberg auf die Trennung zwischen privater Moral und Leistung im Amt verweisen zu können – das ist Unsinn, zumal Wulff, ähnlich wie Guttenberg, seine Beliebtheit in der Bevölkerung eher einem weltgewandten Auftreten und einer jungen Frau zu verdanken hat als seiner Amtsführung.

Zum anderen hat der Bundespräsident offensichtlich unterschätzt, wie brisant sein Privatkredit wirken kann. Ein kurzer Blick auf die Eurokrise, die Proteste in Griechenland oder die Occupy-Bewegung hätte ihm da helfen können. Die Menschen wollen, dass diejenigen in die Schranken gewiesen werden, die meinen, mit Geld die Welt regieren zu können. Sie wollen keine Staaten mehr, die sich vor der Macht der Märkte und dem Diktat der Finanzwelt beugen müssen. Und sie wollen in solchen Zeiten erst recht keinen Bundespräsidenten, der vielleicht von den Einflüsterungen eines Geldgebers abhängig ist.


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