Chvrches – „The Bones Of What You Believe“


Künstler Chvrches

Chvrches The Bones Of What You Believe Review Kritik

Gleich sieben Singles warfen die zwölf Lieder auf „The Bones Of What You Believe“ ab.

Album The Bones Of What You Believe
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Normalerweise reicht es mir bei einem Popsong, wenn er eingängig ist, damit ich ihn für akzeptabel halte. Ehrlich gesagt reicht es oft genug sogar, wenn bloß der Refrain eingängig ist. Das ist das Schöne bei Chvrches: Ihre Lieder sind Pop und sie sind eingängig. Sie sind aber noch viel mehr: Sie sind schick und aktuell, sie haben Energie und Attitüde. Das haben Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty seit der Gründung ihrer Band 2011 ausreichend häufig nachgewiesen. Überdeutlich wird diese besondere Qualität aber auch schon auf ihrem Debütalbum, das es 2013 in die Jahresbestenlisten beispielsweise von NME, Rolling Stone, Billboard, Pitchfork und Musikexpress schaffen sollte.

Der Titel The Bones Of What You Believe stehe für Überzeugung ebenso wie für Ehrgeiz, hatte Sängerin Lauren Mayberry damals erklärt, und diese beiden Zutaten sind es in der Tat, die Chvrches hier auszeichnen. Die Musik der Band aus Glasgow ist technisch nahezu perfekt und hat keinerlei Problem damit, auch massenkompatibel zu sein. Zugleich steckt reichlich Persönlichkeit darin. Das gilt zum einen für die Texte, vor allem dann, wenn es um Herzschmerz geht, der bei Chvrches gerne in Rachegelüste umgewandelt wird. By The Throat ist ein gutes Beispiel dafür: Zu einem famosen Sound und klasse Refrain lautet die Warnung: „I don’t want to play fair with you this time.“ Noch brutaler wird es in Gun mit der Ankündigung „I’m gonna break you down to tiny, tiny parts.“ Selbst dabei klingt Lauren Mayberry zwar niedlich, aber die Beziehung als Machtkampf ist auf The Bones Of What You Believe ein sehr beliebtes Thema, und der Refrain des Songs hat dafür auch die nötige Aggressivität. Die Melodie von Tether klingt nach Techno-Euphorie, aber der Text erzählt von der Tapferkeit, die man braucht, um eine Niederlage und Enttäuschung eingestehen zu können. We Sink behandelt eine Verbundenheit, die auch dann vorhanden sein kann, wenn man sie gar nicht möchte.

Zum anderen lässt sich die Individualität dieses Trios auch im Sound erkennen, der schnell einen hohen Wiedererkennungswert entwickelt. Zu den Besonderheiten dabei gehört natürlich die sagenhaft präzise Stimme von Lauren Mayberry. Ein Lied wie das umwerfende Recover bräuchte fast gar keinen Beat, so stark und abwechslungsreich ist die Melodie und so direkt sollte dieser Gesang den Nerv jedes halbwegs intakten Popfans treffen. Mit einer Kälte im Sound, wie man sie meinetwegen von Anne Clark kennt, kontrastiert ihr Gesang in Science/Visions, auch Rock-Ästhetik im Stile von The Sounds (Night Sky) oder reichlich Effekte zu einem HipHop-Beat (Lungs) hat Mayberry mühelos drauf.

Neben dem eigentlichen Gesang ist dabei auch ihre Herangehensweise ein Pluspunkt für die Schotten: Durch die emotionale Offenheit in den Texten, durch ein Bekenntnis zu Ängsten und Schwächen, das Chvrches mit einem optimistischen, sogar konstruktiven Sound kombinieren, wird Mayberry zu einer überaus reizvollen Identifikationsfigur für selbstbewusste, moderne Weiblichkeit. Das fällt umso mehr auf, weil sie nicht auf allen Songs des Albums singt. In Under The Tide übernimmt Martin Doherty den Gesang, ebenso im Album-Schlusspunkt You Caught The Light, der eine wehmütig-elegante Atmosphäre etwa in der Nähe von Roxy Musics More Than This verströmt. Gerade in diesen Momenten erkennt man, wie viel diese Lieder noch einmal gewinnen, wenn die Sängerin zu hören ist.

Wie entscheidend auch die Studiokünste von Cook und Doherty sind (Chvrches haben The Bones Of What You Believe selbst produziert), ist ebenfalls unverkennbar, etwa in Lies: Der Beat, eigentlich der gesamte Sound, ist hier nichts weniger als brutal offensiv. Dass es bei zwölf Songs auf diesem Album gleich sieben Singles gab, ist ein eindrucksvoller Beweis für die Songwriting-Qualitäten des Trios. Viele Kritiker schrieben dabei von einem „Neon-Eighties“-Stil, aber das greift zu kurz: Chvrches gelingt hier, ebenso wie auf den späteren Veröffentlichungen, eine Aktualisierung und sogar Weiterentwicklung dieses Sounds. The Mother We Share illustriert das am besten: Es ist der vielleicht eingängigste Moment des Albums, zugleich ultimativ zeitgemäß.

Chvrches spielen The Mother We Share live für die BBC.

Website von Chvrches.

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