Clap Your Hands Say Yeah – „New Fragility“


Künstler Clap Your Hands Say Yeah

Clap Your Hands Say Yeah New Fragility Review Kritik

Clap Your Hands Say Yeah sind auf „New Fragility“ persönlich und politisch.

Album New Fragility
Label CYHSY
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Hysterical hieß die Platte, die Clap Your Hands Say Yeah vor zehn Jahren veröffentlicht haben, damals noch als Band. Inzwischen ist Sänger Alec Ounsworth mehr oder weniger das einzige Mitglied, aber dieser Begriff passt weiterhin wunderbar als Beschreibung ihres Sounds, der auch anno 2021 durch nichts so sehr geprägt wird wie durch seine schmerzlich-schöne Stimme. Im Titelsong New Fragility beispielsweise singt er wieder, als stehe er am Rand des Nervenzusammenbruchs oder wolle sich lustig machen über das, was normalerweise in einer Rockband in ein Mikrofon gehaucht wird. Doch ohne diese frei fluktuierende Gesangsmelodie und ihren schrägen Effekt könnte das fast ein normaler, erwachsener (und guter) Rocksong sein, von John Mellencamp oder Ryan Adams. Vor allem, wenn man auch noch den Text betrachtet. „Es ist ziemlich persönlich. Es geht um etwas, das wir meiner Ansicht nach alle gerade erleben, auf jeden Fall hier in den USA: Wir wollen vorankommen, trotz einer fast grausamen Ungewissheit“, sagt Ounsworth über New Fragility.

Damit ist auch schon die erstaunliche Wirkung des sechsten Studioalbums von Clap Your Hands Say Yeah beschrieben: Weiterhin kann man diese Musik für kurzweilig und diesen Sänger sogar für einen Clown halten. Aber zusätzlich zum beträchtlichen Unterhaltungswert gibt es auf der von Ounsworth zusammen mit Will Johnson produzierten Platte erstaunlich viel Ernsthaftigkeit. Es geht um Trennungen, Älterwerden, Depression, den Rückblick auf eigene Fehler in Beziehungen ebenso wie in der Karriere – und sogar um die Lage des Landes.

Hesitating Nation eröffnet das in Austin einspielte Album, die Stimme ist so weinerlich und brüchig wie schon beim selbstbetitelten Debüt dieser Band im Jahr 2005, aber auch voller Spannung. Erst recht gilt das, wenn sie von so einer Musik begleitet wird, die wie einer der Momente wirkt, in denen Bruce Springsteen einen Höhepunkt aufbaut, der dann nach rund 160 Sekunden wirklich zu kommen scheint, aber verweigert wird, was das Lied noch reizvoller macht. „Diese Songs haben einen politischen Hintergrund, was bei mir ungewöhnlich ist“, sagt Ounsworth über die ersten beiden Stücke der Platte. Das zweite davon ist Thousand Oaks. Dieser Ort in Kalifornien, genauer gesagt die Borderline Bar And Grill, wurde am 7. November 2018 zum Schauplatz eines Amoklaufs, bei dem 13 Menschen erschossen wurden. Den dazugehörigen Song nutzt Ounsworth zur Abrechnung mit dem amerikanischen Schusswaffen-Fetisch, er setzt dazu auf eine Unerbittlichkeit im Rhythmus, die von einem dezent hämmernden Klavier verstärkt wird, und einer Zweideutigkeit, die praktisch alle anderen Bestandteile des Lieds ausstrahlen.

Auch auf persönlicher Ebene weiß die neue Ernsthaftigkeit bei Clap Your Hands Say Yeah zu überzeugen: Innocent Weight nimmt das Aus einer Beziehung in den Blick und wird eröffnet von wunderschönen Streichern, die später auf ein ziemlich schroffes Solo einer E-Gitarre und die Verwunderung der Zeile „I don’t know what I’ve done wrong“ treffen. Die wichtigsten Zutaten in Dee, Forgiven sind Klavier, Wehmut, Langsamkeit und Innbrunst – das Ergebnis hat nicht nur Ecken und Kanten, sondern auch Löcher und Stolperfallen. Where They Perform Miracles beschränkt sich zunächst auf akustische Gitarre und Gesang, dann weisen eine vorsichtige Orgel und ein Mundharmonika-Solo den Weg in Richtung lupenreiner Country-Softrock, und all das klingt fragil und uralt wie das Geheimnis, von dem Ounsworth hier erzählt.

CYHSY, 2005 glänzt mit einem schönen Groove vor allem durch den kreativen Bass, auch durch die ungewöhnlichen Streicher bekommt es zugleich tatsächlich so etwas wie Gelassenheit (was so ziemlich das Gegenteil von Hysterie ist). Das an Arcade Fire erinnernde Went Looking For Trouble ist vielleicht die Ounsworth-Variante einer Powerballade: Man kann sich gar nicht entscheiden, ob man die Emotionalität oder die Dramaturgie schöner finden soll. If I Were More Like Jesus beschließt New Fragility fast wie ein Bonustrack oder Demo: Der Song ist übersteuert und besteht nur aus Gesang und Klavier. Durch diesen Lo-Fi-Charakter wirkt es noch ein bisschen unmittelbarer, direkter und schmerzerfüllter. Als aufpolierte Version davon, die ebenso gut die Weiterentwicklung bei Clap Your Hands Say Yeah zeigt, kann man die Klavierballade Mirror Song betrachten. Ounsworths Stimme klingt hier nicht mehr bewusst grell, sondern offenbart eine Ähnlichkeit beispielsweise zu Roger Hodgson. Und was man in Text und Sound erspüren kann, ist nicht Selbstmitleid, sondern Reflexion, Erfahrung und Sensibilität.

Zur Single Thousand Oaks gibt es leider nur ein Official Audio.

Wenn Corona mitspielt, gibt es im Oktober Konzerte von Clap Your Hands Say Yeah in Deutschland:

10.10.2021 Dresden, Beatpol
12.10.2021 Berlin, Frannz Club
14.10.2021 Hamburg, Molotow
15.10.2021 Köln, Bumann & Sohn

Website von Clap Your Hands Say Yeah.

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