Das Ende des Feminismus


Magerwahn und Mc Donald's-Werbung - mehr Ironie geht nicht. Foto: obs/McDonald´s Deutschland Inc.

Das große Finale. Manch einer wird aufatmen, ein paar Leute werden einen neuen Lebensinhalt für den Donnerstagabend brauchen, und mindestens drei Mädels überkommt spätestens jetzt das ganz große Zittern. Denn schließlich geht es darum, zum mittlerweile fünften Mal Germany’s Next Topmodel zu küren.

Ich kenne die Sendung nur flüchtig. Natürlich erinnere ich mich an den von Bild inszenierten „Sind diese Mädchen wirklich zu dünn?“-Skandal. Auch an einen sehr interessanten Abend im Fitness-Studio, als die Sendung ohne Ton auf einem der dortigen Fernseher lief. Deutlich übergewichtigen Damen bei Abnehm-Versuchen zuzusehen, während auf Pro7 diese Show voller superschlanker Grazien läuft und dann in der Werbepause auch noch Heidi Klum für Mc Donald’s wirbt – das ist ungefähr so, als würde man einen Greenpeace-Aktivisten beim Altöl-Entsorgen im Regenwald erwischen, mit einem Sixpack Red Bull unterm Arm.

Aus der Finalshow wollte ich mit ein paar Kollegen eine Art Public Viewing im Kleinen machen. Alle gucken, alle knabbern, alle lästern – beim Eurovision Song Contest, der Oscar-Verleihung oder Fußball-Länderspielen funktioniert diese Methode ja auch immer glänzend. Und auch diesmal war es eine gute Idee. Denn: Alleine zuhause vor dem Fernseher hätte ich Germany’s Next Topmodel nicht ertragen.

Denn schon nach wenigen Minuten ist klar: Diese Sendung stellt an Sinnlosigkeit, Langeweile und moralischer Fragwürdigkeit alles in den Schatten, was in gut 25 Jahren Privatfernsehen in Deutschland zu sehen war. Tutti Frutti? Gibt im Gegensatz zu GNTM wenigstens zu, dass es eine Fleischbeschau ist. Holt mich hier raus, ich bin ein Star? Da wurden die Begegnungen mit Schlamm und wilden Tieren immerhin explizit als Mutprobe gekennzeichnet – und nicht als angeblich sündhaft teures Setting für ein Foto-Shooting mit internationalem Niveau verkauft. Big Brother? Da war von Anfang an allen Teilnehmern klar, dass es einzig und allein darum ging, sich dabei beobachten zu lassen, wie ein Lagerkoller entsteht.

Auch im Vergleich mit anderen Castingshows ist Germany’s Next Topmodel sagenhaft dämlich. Muss man anderswo wenigstens noch Mundharmonika spielen, singen können oder zu einem bezaubernden Cockney-Akzent exaltiert tanzen, ist die einzig hier erforderliche Leistung: aussehen und laufen – zwei Dinge, die trotz Pisa-Krise und Geburtenrückgangs schon der gemeine deutsche Zweijährige hinbekommt.

Wo beispielsweise DSDS also noch das neoliberale Märchen erzählt, dass man sich nur ordentlich anstrengen muss, um es in dieser Welt zu etwas zu bringen, führt GNTM die Allmacht des Fernsehens vor Augen: Ehrgeiz, Training und Talent sind überflüssig. Es geht einzig und allein darum, genau das zu bieten, was das Medium will – und das Spiel mitzuspielen. Dass am Ende Alisar gewonnen hat, ist da nur konsequent. Die Österreicherin mag langsam und begriffsstutzig sein. Aber sie sieht toll aus auf Fotos – und Widerworte muss man von ihr nicht erwarten.

Insofern ist Heidi Klum auch die perfekte Moderatorin für Germany’s Next Topmodel. Auch im Finale führt sie zwar vor Augen, wie wenig sie kann. Als Lauftrainer Jorge (nach Bruce Darnell und Dirk Bach schon das dritte Beispiel, dass es im deutschen Fernsehen nicht viel mehr braucht als übertriebene Tuntigkeit und schlechte Grammatik, um es zu veritablem Ruhm zu bringen) beim Einmarsch auf die Bühne stolpert und es dann nach Berappeln und Gezappel und gefühlten acht Minuten tatsächlich auf die Talk-Couch (wenn man bedankt, wie verstört ich schon nach wenigen Minuten von dieser Show bin, dann ist das eindeutig ein Betroffenheitssofa im umgekehrten Sinne!)  geschafft hat, ahnt die Klum offensichtlich, dass sie ihn jetzt irgendetwas über den Sturz fragen sollte. Aber vor der Show hat sie nun einmal ihre erste Frage auswendig gelernt, und die heißt: „Jorge, wieso kannst du eigentlich so gut tanzen?“ Und so übergeht sie das Malheur und fragt den noch ganz peinlich berührten Kubaner: „Jorge, wieso kannst du eigentlich so gut tanzen?“ Viermal. Bis auch Jorge endlich über den Ausrutscher hinweg ist und ihr antwortet.

Trotzdem passt Heidi Klum perfekt. Denn im Gegensatz etwa zu Claudia Schiffer hat sie nichts Exotisches, Überirdisches, Unantastbares. Auch als Mutlimillionendollarfrau hat sie ein bisschen etwas vom Mädchen von nebenan behalten – und ist somit die perfekte Projektionsfläche für ihre Zielgruppe. Zudem ist sie abgebrüht, zynisch oder schlicht doof genug, um das Menschenverachtende der Sendung gerne Woche für Woche ihrer eigenen Gage unterzuordnen. Damit lebt sie genau das vor, was sie auch von den Kandidatinnen erwartet – und was letztlich auch die Message für das Publikum ist.

Das ist das wirklich Gefährliche an der Show: Jungen Frauen, die nun einmal den größten Teil der wöchentlich rund zwei Millionen Zuschauer ausmachen, wird hier nicht nur der gemeingefährliche Figurterror ins Hirn gebrannt, sondern auch Konsumwahn. Wenn Models wichtig sind, dann sind es natürlich auch Frisuren, Klamotten, Kosmetik. Diäten, Sonnenbrillen – und natürlich Schuhe.

Die Idee, sich als Frau anders zu definieren als über reine Oberfläche, käme niemandem in dieser Sendung. Und ein solcher Ansatz wird auch den Zuschauerinnen von Germany’s Next Topmodel ganz subversiv ausgeredet.

Dass sich Frauen, die in dieser Sendung vorgeblich als schön, begehrenswert und individuell stilisiert und auch in der Finalshow immer wieder explizit als „Vorbild für ganz viele Mädchen“ gepriesen werden, damit klammheimlich dem Diktat der Schönheitsindustrie (und damit der Männer) unterwerfen, ist erschütternd. Dass die Sendung ganz viele Mädchen dazu bringt, auch für sich den Traum von der Karriere als Supermodel zu träumen, ist erschreckend. Der beste Beweis dafür sind die 15.000 Zuschauer in der Kölner Lanxess-Arena. Denn sie sind ganz offensichtlich gekommen, um die Grenze zwischen Medium und Realität für einen Abend verschwinden zu lassen – man ahnt bei diesem gefährlichen Wunsch, wie sehr sie auch sonst dem Geschehen auf der Mattscheibe nacheifern werden.

Germany’s Next Top Model ist der Triumph des Machismo über die Emanzipation, der Sieg des Marketings über den gesunden Menschenverstand, die Steigerung des Konzepts Privatfernsehen in eine bisher nicht erreiche Konsequenz.

Und dann, während die Final-Show dank nahezu völliger Ereignisarmut und üppiger Werbeblöcke reichlich Zeit für derlei Gedanken lässt, fällt mir endlich ein, an wen mich die etwas strubbelige, leicht ergraute Frisur erinnert, die Heidi Klum an diesem Abend trägt: Alice Schwarzer. Dass der Todesstoß für den Feminismus einmal so perfide (und auch noch zur Primetime im deutschen Fernsehen!) gesetzt werden würde, hätte wohl niemand geahnt.

Was man bei Germany’s Next Topmodel unter Laufen versteht:

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