Das Fremde in mir


Film Das Fremde in mir

Das Fremde in mir Review Kritik

Rebecca (Susanne Wolff) und Julian (Johann von Bülow) sind frischgebackene Eltern.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2008
Spielzeit 99 Minuten
Regie Emily Atef
Hauptdarsteller Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann, Hans Diehl
Bewertung

Worum geht’s?

Julian und Rebecca sind Anfang 30 und freuen sich auf ihr Wunschkind. Sie richten eine neue Wohnung ein und bereiten sich auf die Rolle als Eltern und ein glückliches gemeinsames Familienleben vor. Als Wunschkind Lucas zur Welt kommt, ist die Idylle allerdings schnell vorbei. Rebecca fremdelt mit ihrem eigenen Kind, steht zunehmend neben sich und versucht schließlich gar, sich das Leben zu nehmen. Eine Therapie soll ihr helfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und eine Beziehung zu Lucas aufzubauen. Doch auch im Miteinander mit Julian muss sie aus einer Krise herausfinden. Denn er will ihr den gemeinsamen Sohn nicht mehr anvertrauen – und die Schwiegereltern machen Rebecca schwerste Vorwürfe, sie habe sich nicht um ihr Kind gekümmert.

Das sagt shitesite:

„Gewaltig ist das Mutterherz / man kann auch / wenn das Kind uns Böses angetan / doch nimmer hassen, was man selbst gebar.“ Das hat Sophokles vor 2500 Jahren geschrieben, und das Alter dieses Zitats, das Renommee dieses Dichters und die Unbedingtheit seiner Aussage verweisen auf die weit verbreitete Idee, die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind müsse nicht sozial erlernt oder der Eigenliebe mühsam abgerungen werden, sondern sei quasi biologisch bedingt. Dass dem nicht so ist, zeigt Das Fremde in mir auf sensible und glaubwürdige Weise. Sehr explizit will der Film ein Tabu brechen und Aufmerksam für die postpartale Depression schaffen, an der jährlich 80.000 Betroffene in Deutschland leiden – das Phänomen tritt also bei etwa zehn Prozent aller Geburten auf.

Rebecca ist zunächst selbst irritiert von ihrer ausbleibenden Zuneigung zu Lucas. Angst und Hilflosigkeit machen sich stattdessen in ihr breit, schnell auch ein schlechtes Gewissen, Schuldgefühle und Scham. Sie reagiert darauf mit Schweigen – und Das Fremde in mir macht sehr deutlich, dass darin die eigentliche Ursache für die Eskalation der Situation liegt. Julian bekommt zunächst nichts mit von der Krise seiner Frau, von allen anderen Außenstehenden erlebt sie in erster Linie Skepsis und Druck. Wenn die Schwiegereltern oder ihre Schwester unbefangen und zärtlich mit dem Baby schmusen, wird ihr umso klarer, wie sehr sie die Erwartungen nicht erfüllt. So entsteht letztlich sogar Abscheu in ihr, gegenüber dem schreienden Kind gegenüber, aber auch gegenüber der eigenen Gefühlslosigkeit. Sie soll Beschützerin sein und empfindet sich als Bedrohung für das Baby, und weil sie ihren eigenen Gefühlen misstraut, misstrauen schließlich alle anderen auch ihr.

Dass Das Fremde in mir die Frage nach der Ursache dabei weitgehend ausblendet, ist eine der Stärken des Films. Ist Rebeccas Krankheit hormonell bedingt? Eine Folge der eigenen Kindheit (dass auch frischgebackene Eltern ihrerseits Kinder ihrer Eltern und damit in vielfältigen Abhängigekits- und Loyalitätskonflikten verstrickt bleiben, ist ein zentraler Aspekt in diesem Film)? Oder eine Reaktion auf die Belastung, die mit dem Mutterwerden einhergeht? Statt dieser Frage nachzugehen, legt Regisseurin Emily Atef den Fokus auf Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten, zugleich zeigt sie, dass bei postpartaler Depression keineswegs nur die Mütter im Fokus und in der Verantwortung stehen. Natürlich erlebt Rebecca hier, dass sie seit der Geburt nicht mehr in erster Linie die 32-Jährige ist, die ein Blumengeschäft und eine liebevolle Partnerschaft hat. Sie ist nun Mutter, und mit dieser Rolle (und der Reduzierung auf diese Rolle durch ihre Umwelt) kommt sie nicht klar, denn nicht nur das Kind stellt neue Anforderungen an sie, sondern der Mann, die Eltern, scheinbar die ganze Welt. Zugleich zeigt der Film aber auch, wie viel Sensibilität in solchen Situationen von Vätern, Großeltern und Freunden gefordert ist und was passieren kann, wenn sie ausbleibt. Emily Atef, die gemeinsam mit Esther Bernstorff auch das Drehbuch geschrieben hat, ruft damit in Erinnerung, welches Wagnis es ist, Kinder zu kriegen, und wie unendlich groß der Zusammenhalt sein kann, der entsteht, wenn man dieses Wagnis eingeht.

Formal ist ihr Film – und das ist keine Selbstverständlichkeit bei einem Thema, das leicht hätte gefühlsduselig werden oder sich im Sezieren sozialer Normen hätte verstricken können – enorm reduziert, konzentriert und nüchtern, im Spiel ebenso wie in der Kameraführung. Das Geschehen wird in vielen intimen Szenen konzentriert. Die Zeitsprünge lenken dabei zwar vom Plot und der Krankheitsgeschichte ab, sorgen aber beim Zuschauer für jene Verunsicherung, die auch Rebecca empfindet. Die zentrale Stärke von Das Fremde in mir ist somit das, was Rebecca in der Beziehung zu ihrem Baby und in der Reaktion ihres Umfelds darauf fehlt: Empathie.

Bestes Zitat:

„Alle waren so begeistert von seinem Geruch. Ich habe da nichts gerochen.“

Der Trailer zum Film.

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