Das Paradies, Ilses Erika, Leipzig


Das Paradies Konzertkritik

Florian Sievers (hier eindeutig nicht in der Künstlergarderobe des Ilses Erika). Foto: Grönland/Marco Sensche

Ich bin spät dran. Das gilt zunächst im Hinblick auf meine Wahrnehmung der Leipziger Musikszene. Ich kann mich noch gut erinnern, als das Stadtmagazin Kreuzer sich in einem Beitrag vor knapp zwei Jahren wunderte, was in unserer schönen Stadt diesbezüglich schief läuft. „Warum hat eigentlich jede andere ‚Stadt im Osten‘ Popstars hervorgebracht (Magdeburg Tokio Hotel, Erfurt Clueso, Rostock Marteria, Chemnitz Kraftklub, Dresden Polarkreis 18 und Bautzen Silbermond) und Leipzig nur die Prinzen?“, lautet damals die Frage.

Seitdem ist viel passiert, nicht nur in der Stadt, sondern auch bei der Sichtbarkeit lokaler Bands. Mittlerweile habe auch ich zwangsläufig bemerkt: Es tut sich was. Acts wie Malky, Sarah Lesch, I Salute oder der Schraubenyeti landen (ohne größeres eigenes Zutun) regelmäßig auf meinem Radar, weil sie auch auf nationaler Ebene wahrgenommen werden. Und nun auch Das Paradies.

Auch diesbezüglich bin ich spät dran. Die für ihn tätige Promotion-Agentur wollte mich schon längst auf die Musik von Florian Sievers aufmerksam machen, der hinter diesem Namen steckt (und sonst auch bei Talking To Turtles das lokale Musikleben bereichert). Der Musikexpress lobte seine Lieder längst als „gelungenen, weil wendungsreichen Soft-Indie-Pop“, Fritz erkannte darin ein „wunderschön nachdenkliches Poesiebuch für die letzten Berliner Sommerabende“ und die Lokalpatrioten von detektor.fm kürten den Leipziger zum „neuen Hoffnungsträger des Deutschpop“. Derweil schlummerte das fantastische Debütalbum Goldene Zukunft noch selig (und wochenlang) in meinem Mailpostfach, bis ich ebenfalls feststellen durfte, wie klug, einzigartig und sympathisch dieser Sound ist.

Schließlich bin ich auch heute Abend spät dran. Laut Facebook geht das Konzert um 22 Uhr los, laut Eintrittskarte um 23 Uhr. Ich kann beides nur belächeln. Bekanntlich ist über dem Ilses Erika (der beste Club der Welt, no less, der übrigens mit seinem nach wie vor sehr kunterbunten Programm einen ordentlichen Anteil am jüngsten Florieren des Leipziger Musiklebens verschiedenster Genres haben dürfte) ein Kino. Wenn dort bis 23:30 Uhr ein Film läuft, wird kaum im Keller darunter um 22 Uhr ein Konzert beginnen – erst recht nicht, wenn tags darauf Feiertag ist und somit keine Eile besteht. Die Erfahrung bestätigt das. Wer zur offiziell benannten Startzeit kommt, steht dann schlimmstenfalls stundenlang rum und muss über das Outfit von Minki Warhol rätseln oder spontane Interviews führen.

Kurz vor Mitternacht, als ich diesmal ankomme, hat die Show allerdings tatsächlich schon begonnen. Der Nachteil dabei ist nicht nur, dass ich Das große Versprechen und Goldene Zukunft (in einer mir nicht bekannten Reihenfolge) verpasst habe. Sondern auch, dass es unmöglich ist, jetzt noch einen brauchbaren Blick auf die Bühne zu bekommen. Das Konzert ist ausverkauft, das Ilses Erika sehr, sehr voll. Lustigerweise gibt es selbst vom Künstler eine ironische Beschwerde über die Architektur des Clubs.

Normalerweise berichte ich bei Konzerten ja gerne davon, wie viele Leute auf der Bühne sind, welches Outfit der Sänger trägt oder welche Biermarke er trinkt. Heute ist all das unmöglich. Ich stehe hinter einem Türrahmen, durch den man theoretisch auf die proppevolle Tanzfläche kommen könnte. Aber dorthin ist kein Durchkommen, nicht einmal eine freie Sichtachse gibt es. Einmal sehe ich zwischen all den nickenden Köpfen vor mir ein Ohr von Florian Sievers, einmal erkenne ich, wie er einen G-Dur-Akkord auf seiner Gitarre greift. Sonst ist nichts zu sehen. (Einer Ansage gegen lässt sich entnehmen, dass an den Keyboards auch sein Produzent Simon Frontzek dabei ist; nach dem Konzert kann ich mich überzeugen, dass auch ein Schlagzeug auf der Bühne steht, das wohl von einer dritten Person bedient wurde). Wenn jemand aus der Menge raus kommt und an mir vorbeigeht, zieht er eine Wolke aus Hitze hinter sich her, ohne dass dadurch weiter vorne irgendwo eine Lücke erkennbar würde. Unmittelbar vor mir versucht jemand ziemlich verzweifelt, mit einer Kamera weit über den Köpfen des Publikums ein paar Fotos zu machen – mein Versuch, statt der echten Bühne einfach die Bühne im Display dieser Kamera anzuschauen (quasi als Ilses-Erika-Großbildleinwand-Entsprechung), schlägt ebenfalls fehl.

Dass der visuelle Aspekt des Live-Erlebnisses damit praktisch komplett fehlt, ist aber keineswegs schlimm. Umso klarer wird dadurch vielmehr, wie wundersam diese Musik ist: Angenehm, aber voller schräger Ideen. Intelligent, aber nicht elitär. Eigenwillig, aber nicht egozentrisch.

Die Giraffe streckt sich ist der erste Song, den ich hören darf, es folgt Hier bist du sicher und bei Du, die anderen und ich wird dann erstmals hörbar mitgesungen. Schnell wird klar, wie sehr die Fans hier an den Lippen des Künstlers hängen. Mehr noch: Fast jeder im Publikum hat offensichtlich seine ganz persönliche Lieblingszeile, sodass es immer wieder auch während der Songs spontane Äußerungen des Entzückens gibt, einmal sogar den Zwischenruf „Wunderschön!“ Bei Dürfen die das wird bis ganz nach hinten (also bis zu meinem Türrahmen) gezappelt, soweit es das Platzangebot zulässt.

Dass man hier ein Heimspiel erlebt, verstärkt die sehr harmonische Atmosphäre, ein bisschen liegt auch der Gedanke in der Luft, dass viele der Anwesenden in ein paar Jahren vielleicht davon erzählen werden, sie hätten diese Lieder „damals noch in einem ganz kleinen Club“ erlebt. Als es kurz eine Panne mit dem Backing Track gibt, stellt Florian Sievers sehr treffend fest, dass auch so etwas der Stimmung keinen Abbruch tun kann („Der Vibe bleibt!“), die weiteren Ansagen bestärken das Gefühl, hier einen sehr schönen Abend in einer sehr feinen Location unter sehr guten Freunden zu verleben. „Das waren sie alle“, meint Sievers, als er mit Das Universum weiß es auch nicht das Konzert beschließt und damit tatsächlich alle Lieder seines Debütalbums gespielt hat. Mit Wann strahlst du? gibt es noch eine kurze Zugabe. Danach ist klar: Wer Das Paradies will, wird belohnt, wenn er pünktlich kommt. Und die Sache mit der Goldenen Zukunft könnte sich als sehr wahr herausstellen.

So klingt Das Paradies im Konzert.

Hier gibt es Das Paradies demnächst live zu erleben:

01.12.18 – Peter-Weiss-Haus (Rostock)
02.12.18 – Lagerhaus (Bremen)
03.12.18 – Lido (Berlin)
04.12.18 – Molotow (Hamburg)
05.12.18 – Schlachthof (Wiesbaden)
06.12.18 – Merlin (Stuttgart)
07.12.18 – Milla (München)
08.12.18 – Franz Mehlhose (Erfurt)

Website von Das Paradies.

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