Das Paradies, Nato, Leipzig


Das Paradies Konzertkritik

Florian Sievers muss beim Heimspiel nicht den Lokalmatador geben. Foto: Groenland/Marco Sensche

Er sei mit dem Bollerwagen aus Dresden gekommen, erzählt Florian Sievers auf der Bühne in der Nato. Dort hatte er am Vorabend ein Konzert gespielt, bevor es zum Heimspiel nach Leipzig ging, das auf Christi Himmelfahrt fällt. Der Feiertag wird auch hier in erster Linie als Männer-/Herren-/Vatertag begangen, und das ist rund um den Auftrittsort unverkennbar. Im Park torkeln schon am späten Nachmittag ein paar Jungs ohne Bartwuchs, aber mit reichlich Promille in Richtung Gebüsch. An der Ampel steht eine Karawane von Lowrider-Fahrrädern, die sehr laut Metallica hören. An einer Kreuzung unweit der Nato sitzen vier junge Männer auf einem Stromkasten und rufen den Passanten das Wort „Hupen“ zu. Man kann sich nicht sicher sein, ob sie damit Autofahrer animieren wollen, ihr Warnsignal zu betätigen, oder Frauen, ihre Brüste zu zeigen.

Dass Florian Sievers sich an solchen Ausprägungen von toxischer Maskulinität beteiligt, erscheint fast undenkbar, und deshalb darf man sicher sein, dass der Spruch mit dem Bollerwagen als Scherz gemeint ist. Wenn man sich klar macht, wie sehr die Position eines Mannes, der mit E-Gitarre ganz vorne auf einer Konzertbühne steht, weiterhin mit Machismo, Prahlen und Posen verbunden ist, dann kann man sich kaum einen größeren Gegenentwurf dazu vorstellen als diesen Mittdreißiger, der das Publikum in Leipzig mit einem schlichten „Na“ begrüßt. Statt Kraftmeiern, inszenierter Virilität und dem verzweifelten Versuch, wenigstens an einem Tag im Jahr die Freuden des ungehemmten Patriarchats auskosten zu können, gibt es bei ihm eine große Flauschigkeit, die voller Sensibilität ist und damit voller Zweifel steckt. Das gilt für die Gestaltung des Konzerts ebenso wie für die Inhalte der insgesamt vierzehn Lieder, die er in der Nato spielt. Es geht nicht um entscheiden, festlegen und auf den Tisch hauen, sondern um grübeln, reflektieren und das Sowohl-als-auch respektieren.

Das Paradies Konzertkritik Nato

Florian Sievers hat gleich zwei Nico-Semsrott-Doppelgänger mitgebracht.

Dass Sievers vor mehr als zehn Jahren von der Ostsee nach Leipzig kam und vor seiner Inkarnation als Das Paradies schon mit Talking To Turtles die Musikszene der Stadt bereichert hat, spielt beim Konzert kaum eine Rolle. Er witzelt zwar zwischendurch über die seltsame Gewässerlandschaft in Leipzig und ist offensichtlich noch nicht mit dem vor Ort hergestellten Longhorn Gin vertraut („Da ist etwas Grünes in meinem Glas“, wundert er sich), aber seine Musik ist stark genug, um auch ohne diesen regionalen Bezug den ganzen Saal in ihren Bann zu ziehen. Er spielt das gesamte Debütalbum Goldene Zukunft, dazu in der Mitte des Sets mit Sonne Mond und Sterne (das könnte direkt ein neues Lieblingslied werden) und Eis auf einer Scholle, das perfekt seine Mischung aus Eleganz und Unentschlossenheit einfängt, auch zwei neue Lieder.

Auf der Bühne begleiten ihn zwei Nico-Semsrott-Doppelgänger mit Hoodie und Brille. Einer von ihnen spielt das Schlagzeug, öfter mit den Handflächen als mit Sticks, der andere diverse Tasteninstrumente. Florian Sievers selbst geht extrem nah ans Mikro und hat seine Gitarre in einen extra schrammeligen Modus versetzt. Das kommt vor allem in der ersten Zugabe sehr schön zur Geltung, als er Hinter deiner schönen Stirn ganz alleine spielt, bevor die Coverversion Wann strahlst du (im Original von Erobique & Jacques Palminger) auch diesmal das Konzert abschließt. Die letzten vier Refrains werden von den Fans in Leipzig laut mitgesungen, schon zuvor kann man indes reichlich Momente beobachten, in denen Menschen sehr intensiv mitsingen, oft mit geschlossenen Augen, oder für eine einzelne Zeile ihr Tanzen unterbrechen, um diese paar besonderen Worte, diese wenigen Sekunden besonders innig mit dem Künstler und dem Rest des Publikums teilen zu können.

„Der ist schon ein bisschen verschroben, oder?“, fragt hinter mir ein Mann seinen Begleiter, als eine Ansage von Florian Sievers über das Niesen und die damit verbundenen Höflichkeitsformen versandet und er stattdessen beschließt, doch lieber das nächste Lied zu spielen. Vielleicht hat diese beiden Männer eine vorangegangene Vatertags-Tour in die Nato gespült, ganz offensichtlich sind beide jedenfalls nicht allzu vertraut mit der Wirkung von Das Paradies. Denn gerade dieses Anerkennen des Scheiterns, die Erfahrung von Sackgassen und die Entschlossenheit, den eigenen Irrwegen mit einer sehr ausgeprägten Leichtigkeit zu begegnen, machen diese Musik aus. Daraus erwächst die tröstende, vereinende, sogar bestärkende Kraft dieser Lieder. Die treffendere Reaktion darauf kann man in Leipzig deshalb deutlich häufiger erkennen: Menschen, die sich im Publikum wiegen, die Zeilen wie „Wir wohnen in Zentrifugen zwischen Discoscootern“ oder „Würdest du, dann würde ich / ein schiefes Lächeln in einem symmetrischen Gesicht“ mitsingen, und dazu kurz nicken. Es ist ihr Signal: Diese Zeilen mögen verschroben klingen, aber ich habe sie verstanden – und sie mich.

Die komplette Setlist von Das Paradies in der Nato:

Das große Versprechen

Goldene Zukunft

Die Giraffe streckt sich

Hier bist du sicher

Du, die anderen und ich

Dürfen die das

Sonne Mond und Sterne

Eis auf einer Scholle

Ein schönes Unentschieden

Es gab so viel was zu tun war

Discoscooter

Das Universum weiß es auch nicht

Zugabe 1: Hinter deiner schönen Stirn

Zugabe 2: Wann strahlst du

So sieht das live aus: Du, die anderen und ich von Das Paradies.

Homepage von Das Paradies.

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