David Foster Wallace – „Unendlicher Spaß“


Autor David Foster Wallace

David Foster Wallace Unendlicher Spaß Review Kritik

Mit „Unendlicher Spaß“ hat David Foster Wallace ein Monster und einen Meilenstein erschaffen.

Titel Unendlicher Spaß
Verlag RoRoRo
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung

Ich hasse dieses Buch. Ich würde sogar noch weiter gehen: Ich habe Angst davor. Und das reicht schon sehr weit zurück.

Ungefähr im Jahr 2009, als (ein Jahr nach dem Selbstmord von David Foster Wallace) die deutsche Erstausgabe von Unendlicher Spaß erschien, erzählten mir immer mehr Menschen, die ich auf diesem Gebiet als Autoritäten betrachte, von der unfassbaren Kraft und Originalität dieses Buches. Als Literaturfreund reagiert man da natürlich mit Skepsis. Es ist, als schwärmten einem die Menschen im persönlichen Umfeld jahrelang von dieser hinreißenden Frau, diesem umwerfenden Song oder dieser wunderschönen Landschaft vor. Ich neige dann dazu, diese Objekte lieber als Fantasie zu belassen denn den Abgleich mit der Realität zu wagen. Oft genug passiert es schließlich, dass man merkt: Die Frau ist nicht mein Typ, der Song ist gewöhnlich, die Landschaft spricht mich nicht an.

Unendlicher Spaß wurde eines dieser Bücher, das man zuhause im Regal stehen haben musste, wenn man zur intellektuellen In-Crowd gehören wollte“, hat Die Zeit einmal über diese Phase geschrieben, dennoch wahrte ich weiter Abstand zu diesem Roman, trotz aller Lobpreisungen und trotz des Gefühls, in David Foster Wallace könnte vielleicht mein neuer Lieblingsautor stecken. Ich weigerte mich, das Buch zu kaufen. Im Jahr 2012 geschah es dann: Jemand, der meinen Geschmack sehr gut kennt, üblicherweise exzellente Empfehlungen gibt und selbst begeistert war von Unendlicher Spaß, schenkte mir das Buch. Das machte es natürlich nicht leichter. Zu der möglichen Enttäuschung beim Abgleich von Idealvorstellung und Empirie kam nun die Gefahr, undankbar zu sein. Man möchte in so einem Fall nach der Lektüre ja ungern zum Ausdruck bringen müssen: Vielen Dank für das Buch, aber es hat mir nicht sonderlich gut gefallen – erst recht nicht bei einem Werk, das bei so vielen Leuten offensichtlich nicht nur sehr geschätzt wird, sondern eine Herzensangelegenheit geworden ist.

Aus diesem Grund stand das Buch dann noch mehrere Jahre in meinem Regal, bis ich es wirklich zur Hand nahm. Prompt gesellte sich die nächste Angst hinzu: Der Roman entwickelte eine solche Wucht und Größe, dass ich mir schnell die Frage stellte: Kann ich ihm in einer Rezension überhaupt gerecht werden? Auch daran liegt es, dass zwischen der Lektüre und dem Verfassen dieser Kritik nun wiederum Jahre vergangenen sind. Wie gut die Erinnerungen an diese in der Taschenbuchausgabe gut 1500 Seiten noch sind, spricht dabei natürlich für die nachhaltige Wirkung von Unendlicher Spaß. Auch im Rückblick lässt sich festhalten: Es war ein einmaliges Lektüreerlebnis, und es ist ein Roman, der meinen Blick auf Literatur insgesamt verändert hat.

Dieser recht persönliche Ansatz für diese Rezension erscheint mir nicht nur angemessen, um die zeitliche Dimension ihres Zustandekommens zu erklären. Er passt auch zu den Inhalten, denn sehr schnell baut man beim Lesen eine Beziehung zu diesem Roman auf, und auch da kann das Gefühl mitunter lauten: Ich hasse dieses Buch. David Foster Wallace treibt die Methoden der postmodernen Literatur virtuos auf die Spitze, um eine postmoderne Welt abbilden zu können: Es gibt in Unendlicher Spaß reichlich Sprünge in Orten, Zeiten und Erzählperspektiven, es gibt knapp 400 teils wieder in sich selbst verschachtelte Fußnoten, es gibt keinerlei chronologische Ordnung und zudem noch eine eigene Zeitrechnung. Die Protagonisten werden eher durch ihre Neurosen reizvoll als dass sie Identifikationspotenzial bieten würden, und ihren Denkschleifen und Bewusstseinsströmen muss man hier teils quälend lange folgen, bevor ihre Rolle im Gesamtkontext deutlich wird. Völlig banale Dinge werden vom Autor erklärt, bei anderen – zentralen – Begriffen (darunter vielen Wortschöpfungen und Abkürzungen) tut er hingegen so, als seien sie allgemein bekannt und keiner Erläuterung bedürftig. Er bezieht sich auf ein Referenzsystem, das beim Leser nicht existiert und macht damit auch immer wieder seine Macht und die Mechanismen des Lektürevertrags zwischen Autor und Leser deutlich, indem er sich vorbehält, in diesem Referenzsystem auch Lücken zu lassen.

Zu diesem Effekt trägt auch die (nicht unbeträchtliche) Arbeit bei, die der Leser zu leisten hat, um sich den Unendlichen Spaß zu erschließen: Man muss hin und her springen und am besten mit mehreren Lesezeichen arbeiten, auch dadurch wird man auf seine Rolle als Leser zurückgeworfen und die Gestalt des Textes als geformte Fiktion in Erinnerung gebracht. „Wenn Sie nach einem Monat Lektüre aus diesen Seiten heraustreten, sind sie ein besserer Mensch. (…) Ihr Verstand ist gestärkt, weil er einen Monat lang trainiert wurde, und was noch wichtiger ist, Ihr Herz ist praller“, hat Dave Eggers den Effekt dieser Mühen sehr treffend beschrieben. Welche Szene oder welche Figur in diesem scheinbaren Chaos später noch wichtig wird, ist zunächst unmöglich zu sagen – auch daraus erwächst die Faszination dieses unfassbar deprimierenden und dabei unsagbar witzigen Romans.

Die Handlung spielt dabei in einer nahen (nicht näher bezifferten) Zukunft. Drogenabhängige und Agenten sind auf der Jagd nach einem Video, das den Betrachter so sehr in seinen Bann zieht, dass er nichts anderes mehr tun kann, als dieses Video zu schauen. Wer eine der wenigen Kopien, die im Umlauf sind, gesehen hat, vergisst Essen, Trinken und Schlafen, stirbt schließlich an den Folgen oder verfällt für immer in einen quasi lobotomierten Zustand. Das Video ist damit die perfekte Droge und zugleich eine perfekte Waffe, erschaffen wurde es von James O. Incandenza, dessen letztes Werk dieser Film war. Sein sportlich wie sprachlich hochbegabter Sohn Hal (18), so etwas wie die Hauptfigur des Romans, lebt in einer vom Vater gegründeten und nun von der Mutter als Dekanin geleiteten Tennisakademie und versucht dort, den Selbstmord des Vaters, den Erfolgsdruck an der Akademie und den Hype um das Video zu verarbeiten.

Natürlich kann man im Video die ultimative Entsprechung von Neil Postmans Diagnose Wir amüsieren uns zu Tode erkennen, allerdings bleibt David Foster Wallace dabei nicht stehen, sondern konstruiert rund um diesen Gedanken einen „Generalangriff auf die läppische postmoderne Ironie, den hochglanzverspiegelten Nihilismus“, wie Axel Rühe 2010 in der Süddeutschen Zeitung schrieb. „Wallace ging es tatsächlich ums ‚echte Menschsein‘. Er wollte die total medialisierte Welt abbilden, ohne aber dünnsuppige Popaffirmation zu servieren.“ Der Plot wird dabei angereichert mit reichlich Medienkritik (neue Filme gibt es hier auf Datenträgern, die bezeichnenderweise „Patronen“ genannt werden), Verweisen auf ignorierte oder verdrängte Umweltprobleme, hemmungslosen Lobbyismus, undurchdringliche Behörden mit Überwachungscharakter (dieses Thema sollte dann in Der bleiche König im Mittelpunkt stehen), eskalierenden Hedonismus und dysfunktionale Familen als Normalität ebenso wie alltäglichen Drogenkonsum als Versuch einer Bewältigung all dessen. Vieles davon ist schockierend konsequent erzählt, manches hat sich mittlerweile als visionär und prophetisch erwiesen. Ob das alles nun logisch oder gar zwingend zusammenhängt oder der Plot (den man als Science-Fiction- oder Horror-Persiflage betrachten kann) nur als Vorwand dient, um allerlei ziemlich ungeordnete Gedanken aneinander zu reihen und damit ein Monument für das Chaos und die Vernetzung unserer Zeit zu schaffen, darf offen bleiben. Kritiker wie Michiko Kakutani haben das als Schwachpunkt dieses Romans gekennzeichnet, sie sieht in Unendlicher Spaß lediglich eine „enzyklopädische Zusammenstellung von allem Möglichen, was Wallace durch den Kopf gegangen“ ist. Allerdings gehört auch das zum Reiz dieses Romans: Einzelne Abschnitte könnte man wie Samples neu anordnen, ohne dass Inhalt, Tiefe oder emotionale Wirkung dabei große Einbußen erleiden würden.

Was wie die Unfähigkeit zu Ordnung, Konzentration und Selektion wirken könnte, ist ein sehr bewusst gewähltes Stilmittel: Die Präzision in der Beschreibung dient hier als Behelf, um sich Orientierung zu verschaffen, ebenso wie das wiederholte Kreisen um Konflikte. Lösungen werden an der Oberfläche gesucht – auch, weil mitunter der Mut fehlt, um zum Kern von Problemen vorzudringen, oder weil geahnt wird, dass eine Lösung völlig andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen erfordern würde. „Hals Grübeln wird schnell zu abstrakt und zu verwickelt. Wie die meisten Nordamerikaner seiner Generation weiß er weit weniger über den Grund seiner Einstellung zu bestimmten Gegenständen und Neigungen als über diese Gegenstände und Neigungen selbst. Es ist schwer, eindeutig zu sagen, ob diese Haltung außergewöhnlich schlecht ist“, wird dieser Gedanke zu Beginn des Romans zum Ausdruck gebracht. Natürlich kann man darin eine Diagnose unserer Zeit erkennen, die immer mehr Verständnis zu Klimawandel, Politikverdrossenheit oder sozialer Ungleichheit ansammelt, ohne dadurch auch nur einen Millimeter bei der Bewältigung dieser Probleme vorwärts zu kommen.

Unendlicher Spaß setzt das um als virtuoses Spiel mit Sprache und Kommunikation, auch mit deren Schwächen und Scheitern. Sie dienen als Sinnbild für die Größe und Komplexität des menschlichen Geistes, ebenso wie für seine Anfälligkeit für Wahnsinn und Abgründe. Ihre Rolle beim Erschaffen dieses Romans ist dabei immer transparent, der Leser ist herausgefordert, wird belohnt und auf einzigartige Weise einbezogen, zugleich bekommt er permanent den Spiegel vorgehalten, weil deutlich wird, dass dieses Werk nicht das Leben ist, sondern Literatur. An einer Stelle, die Erfahrungen einer depressiven Figur namens Kate Gompert beschreibt, wird dieser Hinweis auf Sprache als Wirklichkeitsmodell besonders deutlich: „Von Begriffen, mit denen Nicht-Deprimierte um sich schmeißen und die sie ganz selbstverständlich für prall und saftig halten – Glück, Lebensfreude, Herzlichkeit, Liebe – blieb plötzlich nur das Skelett übrig, sie wurden auf abstrakte Konzepte reduziert. Sie hatten quasi denotativen, aber keinen konnotativen Wert. Die Anhedonikerin kann von Glück, Sinn usw. noch sprechen, in den Begriffen aber nichts mehr spüren, sie versteht sie nicht mehr, erhofft nichts mehr von ihnen und glaubt nicht mehr, dass sie mehr als bloß Konzepte sind.“

Sogar gleich in der ersten Szene des Buches kann man diesen Gedanken und ein weiteres zentrales Indiz für Wesen und Wirkung dieses Romans finden. Hal sitzt da in einem Büro der Tennisakademie, es ist ein wichtiger Termin für ihn, doch er achtet viel mehr auf die Einrichtung des Raums, die Outfits der anderen Personen, den Geruch in der Luft, sogar die anwesenden Insekten als auf den Kern des Geschehens. Man könnte daraus eine Dominanz der Form über den Inhalt ableiten, wie sie der postmodernen Literatur gelegentlich vorgeworfen wird. Später wird indes klar, wie untrennbar und meisterhaft beide Dimensionen bei David Foster Wallace verschmolzen sind.

Bestes Zitat: „„Alles Unerträgliche ist im Kopf, weil der Kopf nicht in der Gegenwart verweilt, sondern die Mauern hochklettert, Erkundigungen einzieht und mit unerträglichen Nachrichten zurückkommt, die man dann irgendwie glaubt.“

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