Der Herr der schrägen Vögel 1


Verletzte und kranke Seevögel sind für Ralph T. Heath zur Lebensaufgabe geworden.

Verletzte und kranke Seevögel sind für Ralph T. Heath zur Lebensaufgabe geworden.

Ralph T. Heath hat viele berühmte Patienten. Einige spielen in Disney-Produktionen mit, andere in Imax-Filmen. Manche lassen sich sogar eigens zur Behandlung nach Florida einfliegen. Doch bei diesen Stars handelt es sich keineswegs um hoch bezahlte Hollywood- Größen, und Ralph Heath ist auch kein Schönheitschirurg. Er ist Tierfreund. Von Geburt an – und seit 1971 im Hauptberuf.

Damals, genauer gesagt am 3. Dezember 1971, nahm er den ersten verletzten Vogel unter seine Fittiche. Es war ein Kormoran mit einem gebrochenen Flügel, den er auf einer viel befahrenen Straße fand und wieder aufpäppelte. „Ich hob ihn auf, wickelte ihn in eine Decke und nahm ihn mit nach Hause“, erinnert sich Heath. Aus der netten Geste ist eine Institution geworden: Ein Jahr später gründete Heath das Suncoast Seabird Sanctuary und kümmert sich dort inzwischen jedes Jahr um bis zu 12.000 verletzte oder kranke Vögel.

„Das passierte alles über Mundpropaganda. Für den Kormoran brauchte ich Futter, das ich von einem Fischer in der Nachbarschaft bekam. Der fand kurz darauf eine verletzte Möwe und brachte sie zu mir. Und irgendwann wussten alle, dass ich mich um solche Patienten kümmere“, erzählt der 59-Jährige.

Selbst aus dem hohen Norden finden die Tiere inzwischen den Weg zu ihm: Ein Pelikan hatte sich dorthin verirrt und legte dann eine Bruchlandung hin – ausgerechnet auf der Autobahn zwischen Toronto und Montreal. Jemand fand den verletzten Vogel, und Air Canada brachte den Pelikan schließlich als Passagier nach Florida. „Manche finden auch ganz von selbst zu mir. Die laufen einfach den Strand entlang und biegen dann an genau der richtigen Stelle zu mir ab“, staunt der studierte Zoologe über den Orientierungssinn der Tiere.

Die Klinik liegt direkt am Wasser. Ihrem braun gebrannten Chef sieht man an, wie gern er sich hier aufhält. Stolz führt er durch die Anlage in Indian Shores, einem Vorort von St. Petersburg. Auf seinem weißen T-Shirt steht „All For The Bird“ – und schnell merkt man, dass dies für ihn kein Werbeslogan, sondern eine Herzensangelegenheit ist. „Ich wollte nach der Uni unbedingt etwas machen, wo ich draußen an der frischen Luft und bei den Tieren sein kann“, sagt er. Seine Eltern gaben ihm die Möglichkeit dazu – und schenkten ihm das Grundstück unmittelbar am Strand, das inzwischen sechs Millionen Dollar wert ist. Einen richtigen Operationssaal mit modernsten Geräten gibt es dort, Käfige für die verschiedenen Vogelarten, weitläufige Gehege für die Patienten, die sich schon wieder etwas erholt haben.

Manche Tiere müssen auch für immer hier bleiben. Man sieht dem ansonsten heiteren Lockenkopf den Zorn an, wenn er aufzählt, wie die schwersten Verletzungen entstehen: Grausame Fischer, gefährliche Stromleitungen oder achtlose Autofahrer sorgen oft dafür, dass die Tiere irreparable Schäden erleiden. Der älteste Dauergast „lebt seit über 30 Jahren hier und ist inzwischen blind. Aber der Vogel kennt sich bei uns so gut aus, dass er sich trotzdem in seinem Gehege orientieren kann und seine Mahlzeiten findet.“

500 Pfund Futter verschlingen die Vögel am Tag. Vor allem Fische, aber auch Gras und Körner. „Das ist für uns der größte Kostenpunkt“, erläutert Heath. Das Seabird Sanctuary finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Viele Besucher lassen ein paar Dollar da, manche berücksichtigen die Tierklinik in ihrem Testament, gelegentlich kommt Geld rein, wenn die Vögel als Statisten bei Dreharbeiten gebraucht werden. Die zwei Dutzend Mitarbeiter – von ausgebildeten Tierärzten über Studenten bis hin zu engagierten Nachbarn – sind alle ehrenamtlich tätig.

Jeden Sonntag gibt es eine Führung durch die Anlage. Überall piept und singt es, wird geraschelt und geflattert. Es gibt Eulen, Adler, Spechte oder die seltenen braunen Pelikane zu beobachten, auf die Ralph Heath besonders stolz ist. Am meisten Freude hat er aber, wenn er seine Patienten wieder los ist. „70 Prozent der Tiere können wir zurück in die freie Wildbahn entlassen“, sagt Heath. „Das ist für mich der schönste Moment: Wenn ein Vogel sich berappelt, seine Flügel ausbreitet, vielleicht einen Zwischenstopp auf einem Dach macht – und wir ihm dann zum Abschied noch einmal winken können.“


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