Der Stoff, aus dem Künstlerträume sind


Geschäftsführerin Ramon Höfler hat noch nicht genug von Orange.

Geschäftsführerin Ramon Höfler hat noch nicht genug von Orange.

Orange. Überall Orange. Wäre es ein bisschen wärmer, wähnte man sich auf einer Südfrucht-Plantage. Wäre es ein bisschen lauter, könnte man meinen, man sei in den Fanblock der holländischen Nationalmannschaft geraten. Doch dieses Orange rührt nicht von Obst, Trikots oder Fahnen her. Dieses Orange ziert Stoffbahnen. Meterlange Stoffbahnen. Aufgespannte, zurechtgefaltete, eingeschweißte. Sie alle sind aus demselben Material. Und alle sind orange.

Am 12. Februar sollen die Stoffbahnen entlang der Gehwege im Central Park wehen. 7550 Tore lässt das New Yorker Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude für sein neues Projekt „The Gates“ dort aufstellen. In diesen knapp fünf Meter hohen Toren werden die Stoffbahnen wie Vorhänge wehen. Im Zusammenspiel mit Wind und Sonne soll das Ganze aus der Ferne wie ein goldener Fluss aussehen – und über den Spaziergängern im Park eine goldene Kuppel bilden. 16 Tage lang wird das Kunstwerk allen Besuchern kostenlos zugänglich sein.

„Eine Erfahrung, an die man sich noch lange mit Freude erinnern wird“, versprechen die Verpackungskünstler. Damit das klappt, muss in diesen Tagen aber erst noch der letzte Container mit den orangenen Stoffbahnen heil im Hafen von Queens ankommen. Ihre Reise begonnen hat die Fracht in Taucha, einem Vorort von Leipzig. Denn dort ist die Firma Bieri Zeltaplanen GmbH mit der Produktion der Vorhänge beauftragt.

Das Unternehmen fertigt mit 20 Mitarbeitern sonst eigentlich Zelte, Pavillons und Lkw-Aufbauten für Autohäuser, Brauereien oder Speditionen. Auch das Dach über der Boxengasse beim Großen Preis von Kanada wurde in Taucha hergestellt. Ganz groß raus kam die Firma aber 1995 bei der ersten Kooperation mit Christo und Jeanne-Claude. Damals verhüllte das Künstlerpaar den Berliner Reichstag. Und die 100.000 Quadratmeter Stoff, die dazu nötig waren, wurden in Taucha zurechtgeschnitten.

Weil die Zusammenarbeit gut geklappt hat, fragten die Künstler auch für das neue Vorhaben im Leipziger Vorort an. „The Gates ist für uns nicht nur ein Prestigeobjekt. Das ist auch ein lukrativer Auftrag“, sagt Geschäftsführerin Ramona Höfler. Die 43-Jährige ist seit 1986 im Betrieb und hat sich von der Schreibkraft zur Chefin hochgearbeitet. Auch diesmal gilt es, 100.000 Quadratmeter Textilien in Form zu bringen. „Im Moment haben wir so viel zu tun, dass wir auch samstags arbeiten müssen. Das ist natürlich hart, wenn man auch Familie hat. Ich bringe deshalb immer selbst gemachtes Frühstück für die Mitarbeiter mit – als zusätzliche Motivation“, erzählt die Mutter zweier Kinder.

Um den Großauftrag zu bewältigen, hat die Firma zwei zusätzliche Näherinnen eingestellt. „Wir sind voll im Zeitplan. Mitte September ist alles fertig, Ende September ist alles in New York“, sagt Höfler.

Bis dahin hat der orangene Stoff eine wahre Odyssee hinter sich. Die Farbe wurde in China gefertigt. Das Material, das speziell für The Gates entwickelt wurde und dessen Zusammensetzung wie ein Staatsgeheimnis gehütet wird (Höfler: „Wir dürfen nicht den kleinsten Fetzen davon weitergeben“), wird aus Emsdetten in Nordrhein-Westfalen nach Taucha geliefert. Dort wird der Stoff dann zugeschnitten, geschweißt, genäht, auf Pappe aufgerollt, in Folien verpackt, auf Paletten verladen und nach New York verschifft. Die dabei verwendeten Garne, Folien und Container sind natürlich ebenfalls orange.

Ramona Höfler hat dennoch nicht die Nase voll von dieser Farbe. Im Gegenteil – sie mag das Material: „Das Gewebe ist viel leichter und auch besser zu verarbeiten als bei der Reichstagsverhüllung. Da war alles noch aluminiumbeschichtet und unsere Näherinnen haben sich an den Bahnen die Arme aufgescheuert.“

Eine Näherin schafft etwa 45 Vorhänge am Tag. Die Künstler haben genaue Stellen vorgeschrieben, an denen Falten eingearbeitet werden müssen – damit es auch bei Flaute aussieht, als würden die Bahnen im Wind wehen.
Dass die Vorgaben der Künstler eingehalten werden, überwacht Wolfgang Volz. Der Düsseldorfer Fotograf ist Manager von Christo und Jeanne-Claude und wird täglich über den Stand der Dinge informiert. Einmal pro Monat überzeugt er sich vor Ort über den Fortgang der Arbeiten.

„Christo fertigt mit Fotos von mir Collagen und Zeichnungen an, die das Projekt zeigen. Diese Vorgabe habe ich in die technischen Zeichnungen und Maßtabellen umgesetzt und nach Taucha gegeben“, erklärt Volz die Arbeitsweise. Die visuelle Erscheinung der Tore sei vor über 20 Jahren festgelegt worden, denn so lange versuchen die Künstler schon, The Gates zu verwirklichen.

Sein Ansprechpartner in Taucha ist Roland Eilenberger. Der 61-jährige gelernte Sattler arbeitet seit 1965 im Unternehmen, das damals noch VEB Favorit Taucha hieß und Campingzelte produzierte. Als Technischer Leiter musste er dann nach der Wende die von der Treuhand beschlossene Liquidation umsetzen („Das hat menschlich geschlaucht“). Später hat er die Firma als gesellschaftlicher Geschäftsführer wieder belebt, schließlich stieg 2000 ein Schweizer Konzern ein, dem die Tauchaer heute als Tochtergesellschaft gehören.

The Gates ist das letzte Projekt, an dem Eilenberger mitarbeitet. Bei der Enthüllung des Werks in New York wird er dabei sein und sich danach in den Ruhestand verabschieden. „Für uns bedeutet The Gates in erster Linie Arbeit. Aber wir wissen auch, um was es geht, und was das Anliegen der Künstler ist“, betont Eilenberger. Dass ein besonderer Kitzel dabei ist, will er gar nicht verhehlen: „Für jeden Mitarbeiter ist das ein Anreiz. So ein Kunstwerk zu machen, ist gigantisch.“

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