Desperate Journalist – „In Search Of The Miraculous“


Künstler Desperate Journalist

In Search Of The Miraculous Desperate Journalist Review Kritik

Ein niederländischer Aktionskünstler inspirierte das dritte Album von Desperate Journalist.

Album In Search Of The Miraculous
Label Fierce Panda
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

To Be Forgotten heißt das letzte Lied auf dieser Platte. Dieses Vergessenwerden hört sich dabei nicht bedauerlich an, sondern geradezu reizvoll. Man muss es wohl dennoch nicht als Schwanengesang von Desperate Journalist verstehen, denn das Quartett aus London hat seit dem ersten Konzert – das fast auf den Tag genau sechs Jahre vor dem morgigen Erscheinen von In Search Of The Miraculous über die Bühne ging – eine durchaus beachtliche Karriere hingelegt. Ihr drittes Album wird Jo Bevan (Gesang), Simon Drowner (Bass), Rob Hardy (Gitarre) und Caz Hellbent (Schlagzeug) sicher noch einmal etliche neue Freunde einbringen, denn man darf es als bisherigen Höhepunkt in der Laufbahn von Desperate Journalist verstehen.

Dazu trägt auch die Verknüpfung bei, die eigentlich hinter dem Titel To Be Forgotten steckt. Sie führt zum niederländischen Konzeptkünstler Bas Jan Ader, der einmal festgestellt hat: „The sea, the land, the artist has with great sadness known they too will be no more.“ Passend zu diesem Gedanken wurde sein letztes Werk auch seine letzte Reise: 1975 machte er sich in einem winzigen Boot auf den Weg, den Atlantik zu überqueren. Er nannte die Fahrt „In search of the miraculous.“ Zehn Monate später wurde das Wrack seines Boots vor der irischen Westküste gefunden. Der beim Start der Reise 33-jährige Künstler war nicht mehr an Bord. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Nicht nur der Albumtitel zeigt, wie sehr diese tragische Form von Performance-Kunst die Musik von Desperate Journalist hier geprägt hat. „Ich will gar nicht groß drum herum reden: Das Album hat ein ziemlich ausgefeiltes Konzept“, sagt Jo Bevan, und erklärt dann ihre Faszination für die wagemutige Schifffahrt von Bas Jan Ader: „Seine Aktion sollte all seine früheren Werke zusammenfassen, in denen er einen Weg gesucht hat, die antike Idee des Erhabenen im Kontext moderner Kunst umzusetzen.“

Erfreulicherweise kann man diese Erhabenheit auch in der musikalischen Version von In Search Of The Miraculous finden. Murmuration eröffnet das Album mit viel Wucht, sogar Bombast, das Lied ist entschlossen, aber mit einem Rest von Unsicherheit. In der Single Cedars sorgt der Bass für einen sehr vorzeigbaren Post-Punk-Groove, während der Refrain viel Leichtigkeit und Grazie ausstrahlt. Satellite, eine weitere Single, beschließt das Werk als bestes Lied der Platte: Der Gesang ist strahlend hell, der Rest gruppiert sich kongenial um dieses Zentrum, das Ergebnis hat viel Kraft und Präsenz.

So komplex der Hintergrund dieser Platte ist, so einfach könnte man die Musik von Desperate Journalist hier auf den Punkt bringen: Der Sopran von Jo Bevan, der an einigen Stellen an Sonya Aurora Madan (Echobelly) erinnert, dominiert alles, aber alle Instrumente geben jederzeit alles, um den Liedern ihrerseits einen Stempel aufzudrücken. In Black Net wird Schlagzeugerin Caz Hellbent zur treibenden Kraft, in Girl Of The Houses zeigt der Bass, dass er auch etwas zur Melodie beitragen möchte (und kann). Die Gitarren dürfen in Jonatan am meisten glänzen, zu Beginn mit etwas Jangle, im Refrain mit ordentlich Drive.

Was In Search Of The Miraculous so faszinierend macht, ist nicht nur die Tatsache, dass die Stimme von Jo Bevan am Ende stets trotzdem gewinnt, sondern auch die Vielschichtigkeit des Kampfes, den sie dabei zuvor zu bestehen hat. Das passt durchaus zu ihrem eigenen Charakter, sagt die Sängerin, und führte letztlich auch zur Identifikation mit der Ästhetik von Bas Jan Ader: „Ich neige dazu, alles in meinem Leben mit einer großen Dosis ‚Over The Top‘ zu tränken. Außerdem habe ich so etwas wie einen neuen Lebensabschnitt begonnen, der am Anfang mit einem Vertrauensverlust verbunden war. Deshalb haben mich die Ideen von Ader so sehr angesprochen, und das tun sie immer noch“, sagt Bevan. „Die Idee des Erhabenen, so weit ich sie selbst verstehe, beinhaltet ja das Ziel, extreme Gefühle auf möglichst perfekte Weise darzustellen. Per definitionem kann Menschen so etwas letztlich nie gelingen, nur die Natur kann das erreichen. (…) Hier versuche ich, meine persönlichen Dramen und innersten Gefühle auf diese Weise umzusetzen.“

Man hört das sehr klar in Argonauts, wenn ihre Stimme auch in die ganz tiefen Register geht. Eine große Intensität hat auch Ocean Wave, das in einer gerechten Welt zum Klassiker in den Grufti-Discos aller Kontinente werden müsste. Wenn Desperate Journalist in International Waters die Zeile „Miracles, they don’t happen here“ intonieren, kann man das für ihre Musik jedenfalls zumindest in Zweifel ziehen. Jo Bevan würde dieser Gedanke wohl gefallen, schaut man auf ihre abschließende Charakterisierung von In Search Of The Miraculous. „Es ist ein Album über die erschreckende Schönheit der Hoffnung und über das Erregende an der Möglichkeit. Und über Liebe. Letztlich geht es doch immer darum, wenn ich ehrlich bin.“

Hochhäuser und Tiefgaragen bilden die Kulissen im Video zu Satellite.

Nach der Tour im Frühjahr kommen Desperate Journalist im September noch nach Leipzig.

08.05. Hamburg, Hafenklang
09.05. Köln, MTV (verlegt vom Blue Shell)
10.05. Stuttgart, Merlin
11.05. Münster, Gleis 22
07.09. Leipzig, NCN 2019

Homepage von Desperate Journalist.

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