Die 33 besten Fußballlieder


Fußballlieder EM 2016 Frankreich

David Guetta steuert den Titelsong zur EM 2016 bei. Foto: Warner Music

Es ist wieder so weit. Die Europameisterschaft in Frankreich bietet etlichen Zeitgenossen die Gelegenheit zur akustischen Umweltverschmutzung. Aus dem Radio tönt Max Gieriger, beim Public Viewing wird Mickie Krause gegrölt und das Fernsehen untermalt seine Übertragungen mit Jeder für jeden von Felix Jaehn und Herbert Grönemeyer, das noch schlimmer ist als dessen auch schon sehr peinliches Der Löw. Solche Songs prägen dann für gewöhnlich auch Sampler wie Fetenhits Fußball oder die EM Party 2016, die der durchschnittliche Stadionsprecher in der vierten Liga gerne spielt, damit die Leute mehr Bratwurst und vor allem mehr Bier kaufen.

Doch es geht auch anders. Es gibt viele gute Fußballlieder. Sogar sehr viele, sehr gute. Und um die EM in Frankreich musikalisch etwas aufzuwerten, habe ich eine Liste der besten Fußballlieder zusammengestellt. Gemeint sind keine Songs, die mittlerweile mit Fußball assoziiert werden, weil sie gerne im Stadion gesungen oder beim Torjubel eingespielt werden, aber ursprünglich gar keine Beziehung zum Fußball hatten wie der Gassenhauer Na Na Hey Hey (Kiss Him Goodbye) von Steam aus dem Jahr 1969, das unsterbliche You’ll Never Walk Alone von Gerry & The Pacemakers (1963) oder, etwas aktueller, Seven Nation Army von den White Stripes (2003) oder Andreas Bouranis Auf uns (2014).

In meinen Charts der besten Fußballlieder, die es zum Zwecke der Spannungssteigerung in umgekehrter Reihenfolge gibt, sind nur Songs erlaubt, die entweder gezielt für den Fußball geschrieben wurden (etwa als offizielle Hymne eines Turniers) oder vom Fußball handeln. Natürlich dürfen dabei auch Fußballer selbst singen – ob das allerdings hilfreich ist, zeigt die Platzierung in der Liste. Apropos: Richtig miese Songs sind mir bei meiner Recherche natürlich auch begegnet. Aber für eine Liste mit schlechten Fußballliedern ist im gesamten Internet leider nicht genug Platz.

Platz 33: Die deutsche Fußballnationalmannschaft – Fußball ist unser Leben, 1973
Das von Jack White geschriebene Lied ist natürlich künstlerisch eine Katastrophe. Aber als Zeitdokument wird dieser Volksmusik-Schlager-Zwitter höchst beeindruckend: Fußball wird hier, vom Kampfgeschrei „Ha, ho, heia heia hey“ zu Beginn über den Marschrhythmus bis hin zum im Text beschworenen Zusammenhalt, der den Sieg herbeiführen soll, vor allem militärisch begriffen. Und das 1973, also mitten in einer Zeit, als auch in Deutschland längst liberale Gedanken tonangebend waren, die Spieler lange Haare hatten und selbst die Verbindung von Fußball und Pop schon angedacht wurde. Die offizielle Hymne zur WM 1974 im eigenen Land zeigt damit vor allem, wie gerne der Fußball (mitunter bis heute) als heile Welt inszeniert wird, die es weder innerhalb des Fußballs (die Aufdeckung des Bundesligaskandals lag damals gerade zwei Jahre zurück) noch außerhalb gibt.

Platz 32: The Fall – Kicker Conspiracy, 1983
So zynisch wie der gesamte Output der Band aus Manchester ist auch dieser Song. Kicker Conspiracy behandelt zu chaotischem Post-Punk-Sound und Zweivierteltakt die fiesen Seiten des Fußballs, etwa Hooligans, irrsinnige Spielergehälter oder fehlende Innovationen und Überraschungen. Der legendäre Mark E. Smith, Sänger der Band, sollte später einmal mit seiner wunderbar gelangweilten und kaputten Stimme die Spieltagsergebnisse im englischen Äquivalent der Sportschau verlesen dürfen, ein Highlight.

Platz 31: Spice Girls feat. England United – (How Does It Feel To Be) On Top Of The World, 1998
Die Spice Girls taten sich, im Auftrag des englischen Fußballverbands, vor der WM 1998 mit Mitgliedern von Echo & The Bunnymen, Space und Ocean Colour Scene zusammen, um herauszufinden, wie es sich wohl On Top Of The World anfühlt. Eine Fußballhymne ist nicht daraus geworden, dafür ist der Song zu zahm und dezent. Aber ein hübsches Lied ist es dennoch, zudem mit sehr lustigen Britpop-Frisuren im Video. Die Weltspitze hat der Track allerdings ebenso verfehlt wie das englische Nationalteam, das im Achtelfinale gegen Argentinien ausschied.

Platz 30: Alan & Denise – Rummenigge, 1983
Ein britisches Ehepaar besingt zu einem Countrysong die Knie eines deutschen Fußballspielers. „Rummenigge, Rummenigge, all night long“, heißt der Refrain des Tracks, der angeblich vom schwärmerischen Kommentar eines britischen Fernsehreporters inspiriert wurde, als Deutschland 1982 mit 2:1 gegen England gewann und besagter (Karl-Heinz) Rummenigge dabei zweimal traf. Dass so eine Kleinigkeit und ein so bescheidener Song ausreichen, um immerhin fast einen Top40-Hit in Deutschland zu produzieren, ist vielleicht der beste Beweis für die Kraft des Fußballs.

Platz 29: New Order – World In Motion, 1990
Geradezu putzig klingt dieser Song, der zwar anlässlich der WM 1990 entstand, aber ästhetisch knietief in den Achtzigern steckt. New Order bieten hier einen eigentlich ganz normalen Popsong, dessen Sound so fröhlich ist, dass man sich kaum mehr vorstellen kann, er sei aus den Fundamenten von Joy Divisionen hervorgegangen. Bis John Barnes, seinerzeit Stürmerstar der englischen Nationalmannschaft, einen Rap einstreut und schließlich ein Chor „We’re playing for England“ anstimmt. Natürlich wirkt das heute hochgradig altmodisch – bis man sich klar macht, dass die deutsche Mannschaft zum selben Turnier ein unfassbar gestriges Schunkellied mit Udo Jürgens aufgenommen hat, das beispielsweise von „schönen Mädchen am Strand“ handelt, ein Saxofonsolo enthält und als Schlachtruf auf „Holla Holla Ho“ setzt.

Platz 28: Oliver Pocher – Schwarz und Weiß, 2006
Die offizielle DFB-Fan-Hymne zum Sommermärchen 2006 wirkt wie ein Fußballlied vom Reißbrett: ein paar Bezüge auf die eigene Geschichte, ein simpler Refrain mit idiotensicherem Text, bei dem es eher auf Reime als auf Sinn ankommt, und eine Stimme, die so dünn ist, dass man auch gleich einen Fußballspieler hätte singen lassen können. Funktionieren tut das als Mitgröl-Nummer und Stimmungsmacher trotzdem. Zudem hat der Song mittlerweile etwas an Nerv-Faktor verloren und nicht zuletzt ein bisschen Souvenir-Charakter gewonnen, als Erinnerung an ein spektakuläres Turnier. Nicht zuletzt ist der schmerzfreie Comedian, der das Wort „Reflexion“ wahrscheinlich noch nie gehört hat, eine ziemlich passende Personifizierung für den ungezwungenen Umgang mit Nationalstolz, der sich seitdem Bahn bricht.

Platz 27: Cats On Fire – Our Old Centre Back, 2012

Die Verteidiger stehen ja eher selten im Rampenlicht, umso lobenswerter ist dieser Track von Cats On Fire aus Finnland. Zu sehr entspannter Gitarre und ein paar spärlichen Trommeln liefern sie einen Sound ab, der alle Smiths-Fans sehr glücklich machen dürfte. Und großartige Zeilen wie diese: „I’d be more than happy / To be there and to get the chance to say / That art just imitates football.“

Platz 26: Subterfuge – Football Passion, 1993
Es gibt eben auch die anderen. Leute, die mit Fußball überhaupt nichts anfangen können und erst recht nicht verstehen, warum um das runde Leder so ein Bohei gemacht wird. „I hate you / for your football passion“, schleudert der Sänger von Subterfuge der Welt entgegen, zu einem Sound, dem man in einem positiven Sinne die Nachwehen des Grunge anhört. Wenn die Lemonheads in Kaiserslautern aufgewachsen wären, hätten sie vielleicht so einen Song gemacht.

Platz 25: David Guetta feat. Zara Larsson – This One’s For You, 2016
Der Titelsong der EM 2016 ist so wenig subtil wie alle Hits von David Guetta, der Franzose schafft es aber, mit der Idee des Zusammenhalts aber eine halbwegs tragfähige Brücke zwischen einem Quasi-Liebeslied und einer Quasi-Fußballhymne zu schlagen. Immerhin verkneift er sich auch allzu durchschaubare Anbiederungen beim Fußball, etwa Samples von Fernsehkommentatoren legendärer Spiele. Und nicht zuletzt ist der Track tausendmal besser als Shakiras dämliches Waka Waka.

Platz 24: Superpunk – Eric Cantona Stomp, 2005
Die einzige Textzeile dieses Soul-Fegers lautet „Eric Cantona“, der Rest ist Feuer im Beat und eine filigrane Orgel. Und das ist natürlich eine hochgradig verdiente und vollkommen adäquate Huldigung. Zur Spielweise des Franzosen passt dieser Sound wie Arsch auf Eimer.

Platz 23: Nelly Furtado – Forca, 2004
Nelly Furtado hat Vorfahren von den Azoren und singt hier zumindest ein paar Teile auf Portugiesisch – das qualifizierte den Song in den Augen der UEFA als offizielle Hymne der EM 2004. Ein seltener Fall, in dem ein brauchbarer Popsong und ein eingängiger, Fangesang-tauglicher Refrain zusammentreffen, ohne dass es zu plump oder zu sehr kalkuliert klingt.

Platz 22: Die Aeronauten – Weltmeister, 1998
Die Stimme von Olifr M. Guz klingt so herrlich unmotiviert, dass völlig klar ist, dass mit diesem Typen nie ein Titel zu gewinnen sein wird. In nicht einmal zwei Minuten träumt er hier trotzdem vom „Tag, an dem ich Weltmeister wurde“ und führt damit vielleicht unabsichtlich, aber in jedem Fall sehr subtil vor, wie seltsam die Heldenverehrung ist, die wir ein paar Männern in kurzen Hosen entgegen bringen.

Platz 21: Helen Love – Cardiff City Superstar, 1997
Mit Lalala-Refrain und viel Punk-Attitüde wird hier der Trotz der Anhänger vertont, die ahnen, dass ihr Team nie mehr über die dritte Liga hinaus kommen wird. Der Track wurde 1998 noch einmal mit den Super Furry Animals neu aufgenommen – da hatte es das Team von Cardiff City immerhin mal wieder ins Pokalfinale geschafft.

Platz 20: Norbert & die Feiglinge – Bayern hat verloren, 1995
Man braucht ganz viel Abscheu gegen das arrogante ‚Mia san mia‘ des FC Bayern München (oder einfach: gesunden Menschenverstand), um so ein Lied zu machen. Bayern hat verloren kehrt die Selbstgefälligkeit des deutschen Rekordmeisters mit sehr simplen Mitteln, aber sehr wirkungsvoll ins Gegenteil. Zur Schadenfreude (noch so ein zentraler Charakterzug bei Fußballfans) kommt hier eine gehörige Portion Dada: „Ich mach die Säge“ reimt sich auf „Weißwurst macht träge“. Der einzige Schwachpunkt dieses Lieds ist, dass es so selten einen passenden Anlass gibt, um es zu singen.

Platz 19: Del Amitri – Don’t Come Home Too Soon, 1998
Was vom Titel her klingt wie ein Liebeslied, war in Wirklichkeit der Gruß, den Del Amitri der schottischen Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich mit auf den Weg gaben. Die Hoffnungen und der Stolz eines Außenseiters finden hier zu netter Folkpop-Begleitung ihren Ausdruck in Zeilen wie „The world might not be shaking yet / but you might prove them wrong / even long shots make it“. Es wurde einer ihrer größten Hits, für das Team hat es aber wenig gebracht: Schottland wurde Letzter in einer Gruppe mit Brasilien, Norwegen und Marokko und musste schon nach der Vorrunde die Heimreise antreten.

Platz 18: Die fabulösen Thekenschlampen – Toni, lass es polstern, 1997
Der österreichische Stürmer, der vor allem beim 1. FC Köln zum Publikumsliebling geworden ist, bekommt hier seine ganz persönliche Hymne. Die Musik könnte ein stinknormales Stück von Status Quo sein, doch der Text hat es in sich: „Toni trifft im Doppelpack / Schlampen trinken Sechserpack“, heißt es etwa, bevor Toni Polster selbst zum Mikrofon greift. Dass Fußball oft genug lächerlich ist, dass man deshalb darüber lachen darf und dass es auch bei Volkshelden höchst sympathisch ist, wenn sie über sich selbst lachen können, sind die wichtigste Erkenntnis dieses Gassenhauers. Das reichte immerhin für einen Top-30-Hit in Österreich und war eindeutig lustiger als das, was Mirja Boes (eines der Bandmitglieder) heute als Komikerin macht.

Platz 17: Pete Green – The Ballad Of Phil Jevons, 2007
Der Mann, der unter anderem auch bei den Sweet Nothings mitwirkt, huldigt hier dem englischen Stürmer, der für eher kleinere Teams wie Yeovil Town oder Stockport County in seiner Profilaufbahn insgesamt 149 Tore geschossen hat. Gerade die Tatsache, dass seine Karriere trotzdem nie so richtig durchstartete und er sich eher immer weniger renommierten Teams anschließen musste, wird hier thematisiert, als Folkballade mit akustischer Gitarre und Tamburin. Pete Green erkennt darin nichts weniger als eine Geistesverwandtschaft zwischen sich und dem Profisportler auf dem absteigenden Ast: „You and me are just a pair of slackers.“

Platz 16: Fettes Brot feat. Bela B., Marcus Wiebusch und Carsten Friedrichs – Fußball ist immer noch wichtig, 2006
Fußball als Sucht, nichts anderes wird hier beschrieben. Nämlich genau die Momente, in denen man glaubt, man könne sein Herzblut, sein Geld und seine Freizeit jetzt wirklich einmal in bedeutendere Dinge im Leben investieren, oder habe jetzt wirklich die Nase voll nach noch einer Saison mit enttäuschenden Ergebnissen oder dämlichen Entscheidungen von inkompetenten Funktionären. Und dann doch wieder dem Reiz des Spiels und des Gemeinschaftserlebnisses im Stadion erliegt, um gemeinsam mit den Kumpels zu singen, zu bangen und zu feiern.

Platz 15: Collapsed Lung – Eat My Goal, 1996
An Collapsed Lung, ein 1992 gegründetes englisches Duo, würde sich wohl heute kein Mensch mehr erinnern, wäre da nicht dieser Song, der im Jahr der Europameisterschaft in England erschien, von Coca Cola in einem Werbespot eingesetzt wurde und noch heute im UK gerne erklingt, wenn es gilt, Fußball zu untermalen. Kein Wunder: Der Track beweist, dass man auf der Fantribüne nicht nur gerne singt, sondern auch gerne hüpft. Und dass weiße Jungs rappen können, sogar über Fußball.

Platz 14: Die Toten Hosen – Azurro, 1990
Selten klang Campino so sehr nach Punkrock wie hier: Sein Italienisch ist dahingerotzt, die Band bolzt gar wunderbar die Musik dazu. Das macht Azurro zum absoluten Höhepunkt des Kurzfilms, mit dem die Düsseldorfer ihre Reise zur Fußball-WM 1990 in Italien dokumentierten. Dass der Song ursprünglich vom unfassbar großartigen Adriano Celentano gesungen wurde, ist natürlich auch kein Makel.

Platz 13: Glasvegas – Flowers And Football Tops, 2008
Hier geht es nicht direkt um Fußball, sondern um den Mord an einem schottischen Teenager im Jahr 2004 und die Angewohnheit seiner Landsleute, Verstorbene nicht nur mit Blumen zu ehren, sondern am Grab (oder im Fall von Kriss Donald: am Ort, an dem er umgebracht wurde) als Zeichen des Andenkens auch Trikots seines Lieblingsvereins abzulegen. Ein sehr eindringliches Symbol dafür, wie groß die Identifikation mit Fußball sein kann – von Glasvegas (deren Sänger früher übrigens Fußballprofi war) mit dem passenden Pathos besungen.

Platz 12: Die Lokalmatadore – Fußball, Ficken, Alkohol, 1994
Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Fußball ist eine prollige Angelegenheit. Die Prolls merken das nicht, spüren aber trotzdem, dass sie hier vielleicht ihren natürlichen Lebensraum gefunden haben. Die Nicht-Prolls genießen es wahrscheinlich, beim Fußball mal ein bisschen prollig sein zu dürfen. Auf welcher Seite die Lokalmatadore aus Mühlheim an der Ruhr dabei stehen, ist völlig egal, denn sie haben mit diesem Song auf jeden Fall den perfekten Soundtrack geschaffen für Bilder von Jeanswesten voller Vereinslogos, Dosenbier und Männern, die Arm in Arm durch einen Regionalexpress torkeln. Das Schlagzeug bolzt, die Gitarre klingt, als sei ihr kompletter Korpus aus Bad-Religion-Aufklebern hergestellt, und das alles ist so vulgär, das zwischendurch auch noch eine Frau zetern darf über diese unseligen Männer-Hobbys. Manchmal ist der Mensch eben primitiv. Und der Fußball auch.

Platz 11: Shout For England – Shout, 2010
Hinter „Shout For England“ stecken Dizzee Rascal und Fernsehmoderator James Corden, und der Track ist nicht nur eine ziemlich gekonnte Kombination von Blackstreets No Diggity und dem Tears-For-Fears-Hit Shout, sondern auch ein großer Spaß. Dass es bei einer Fußball-Hymne, 2010 ein Nummer-1-Hit in England anlässlich der WM in Südafrika, in erster Linie um einfache Botschaften und knalligen Sound geht, hat dieser Song perfekt verstanden.

Platz 10: Sportfreunde Stiller – 54, 74, 90, 2006, 2006, 2006
Die wohl von keinem erwartete Leichtigkeit der WM 2006 in Deutschland findet hier ihre Entsprechung in einem holprigen Beat, einem schiefen Gesang und einem Text, der Leidenschaft ins Bein packt und keinerlei Metrum erkennen lässt. Trotzdem kommt eine große, ursprüngliche Begeisterung rüber. Wie so viele Songs (und wie so viele Fans, wie die Debatte um Traditions- und Retortenclubs zeigt) versucht auch dieses Fußballlied, die Legitimät für den gegenwärtigen sportlichen Erfolg aus vergangenen Zeiten abzuleiten. Trotzdem steckt kein bisschen Arroganz darin, und wahrscheinlich wurde dieser Song noch viel mehr zum Ausdruck des Sommermärchen-Gefühls als beispielsweise Zeit, dass sich was dreht von Herbert Grönemeyer oder gar die weitgehend vergessene offizielle 2006er WM-Hymne The Time Of Our Lives von Il Divo.

Platz 9: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Die Gentlemen-Spieler, 2012
Schmissig und stilvoll wie praktisch alle Lieder dieser Band aus Hamburg ist dieser Track über die Anfangsjahre des Fußballs in Deutschland. Teams wie First Vienna, Hamburger FC Britannia oder FC Hammonia werden hier besungen, mit einer Unschuld, die das Spiel damals wohl wirklich noch hatte. Das ist die musikalische Entsprechung des Kinofilms Der ganz große Traum – nur viel besser.

Platz 8: Herr Nilsson – Ronaldo, 2003
Die entscheidende Szene des WM-Finals 2002 trägt hier einen ganzen Song: Oliver Kahn patzt, Ronaldo staubt ab. Der Sound dazu ist so schön und harmlos (als Orientierung: späte Tocotronic), dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie schmerzhaft das damals für viele deutsche Fans war. Man darf aber sicher sein, dass Herr Nilsson (eine mittlerweile leider nicht mehr existierende Band aus Berlin) genau darum wissen: Ihr Sänger Jan Böttcher ist Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft. Der Sport wird auch hier überhöht: Grund für den entscheidenden Treffer ist, „dass die Brasilianer tiefer glauben“, und Ronaldo als Torschütze wird zum „Heiland höchstpersönlich“. Nicht zuletzt lässt sich hier auch eines der größten Hobbys von Fußballfans erkennen: die Suche nach Ausreden nach einer Niederlage. Ein Volltreffer.

Platz 7: Tomte – Das hier ist Fußball, 2006
Ein Lied über den FC St. Pauli als Erinnerung daran, dass der Verein nicht immer als das Paradebeispiel für Underground-Vermarktung und sportliche Seriosität galt. Auch hier zeigt sich, dass für echte Fußballfans die Jahre voller Tristesse, die tragischen Fehlschüsse und die schmerzhaften Niederlagen wahrscheinlich die wirklich prägenden Momente sind, nicht die Euphorie des Triumphs. Tomte packen das in Person von Sänger Thees Uhlmann in einen schwermütigen Sound, der nicht mitreißend ist, aber trotzdem hymnisch. „Liebe ohne Leiden / hat noch niemand gesehen“. Das stimmt wohl.

Platz 6: Barcelona – Kasey Keller, 2000
Das Lied handelt tatsächlich vom gleichnamigen Torhüter, der unter anderem für Millwall und Leicester in der Premier League und auch einmal für Borussia Mönchengladbach spielte und mehr als 100 Mal den Kasten der US-Nationalmannschaft hütete. Genauer gesagt besingt die Band aus Virginia, wie der Keeper in einem Spiel der USA gegen Brasilien sage und schreibe 30 Schüsse aufs Tor abgewehrt hat, zu einer sehr hübschen Indie-Begleitung.

Platz 5: Sportfreunde Stiller – Ich, Roque, 2004
Die Musik der Sportfreunde Stiller kann man ebenso fragwürdig finden wie ihre sportlichen Vorlieben (ja, es gibt in dieser Band bekennende Bayern-Fans). Hier gelingt ihnen aber ein grandios unverkrampfter Kracher – auch deshalb, weil es hier genug Augenzwinkern gibt, und mit Roque Santa Cruz ein Spieler besungen wird, der es sportlich in Deutschland nie ganz bis nach oben geschafft hat. Ich, Roque ist so etwas wie die konzentrierte Form des Anhimmelns kleiner Jungs an die Poster an seiner Wand, für das Träumen von all den Möglichkeiten, die ein Fußballprofi hat, von all dem Glamour, dem Ruhm und nicht zuletzt dem Spaß auf dem Platz.

Platz 4: The Farm – All Together Now, 1990

Rave hieß das damals, doch das Thema war höchst ungewöhnlich: The Farm besingen in diesem Track das mittlerweile ziemlich bekannte Fußballspiel, das englische und deutsche Soldaten in einer Feuerpause im Ersten Weltkrieg austrugen, mitten auf dem Schlachtfeld, kurz vor Weihnachten. Noch immer ein wundervolles Symbol der vereinenden, versöhnenden Kraft des Sports. Und noch immer ein sehr eingängiger Song.

Platz 3: Die Toten Hosen – Bayern, 1999
Zwei Dinge werden angesichts des Schwurs „Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“ deutlich: Erstens die Tatsache, wie sehr ein Fußballverein eine ganze Stadt und sogar ein ganzes Land spalten kann, was besonders deutlich wird, wenn Die Toten Hosen dieses Lied in München spielen. Zweitens der Glaube, der dem Fußball nun einmal seinen Reiz verleiht, nämlich die Idee, dass er höhere Werte wie Anstand, Loyalität, Teamgeist, Charakter und den Glauben an den möglichen Sieg gegen einen stärkeren Gegner verkörpert.

Platz 2: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Nimm mich mit zum Spiel, 2012
Fußball als Trost, als Rettung, als Lebensinhalt – das besingt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen hier mit einem großartigen Twang, und „Nimm mich mit zum Spiel“ wird zum flehenden Hilferuf, begleitet von schlimmen Entzugserscheinungen. Damit schaffen sie nicht nur ein musikalisches Denkmal für die sinnstiftende Kraft des Fußballs, sondern auch für sein nicht zu unterschätzende Verdienst, die Zeit zu strukturieren und verlässliche Routinen im Leben zu schaffen, mit dem Samstag als Höhepunkt der Woche. Für den Reim: „In der Pause läuft Eye Of The Tiger / die Typen spielen wie die Absteiger“ gibt es natürlich Sonderpunkte.

Platz 1: The Lightning Seeds feat. David Baddiel and Frank Skinner – Three Lions (Football’s Coming Home), 1996
Die Mutter aller Fußballhymnen. Auch hier wird, diesmal aus Anlass der Europameisterschaft 1996 in England, nicht der Sieg besungen, sondern die Hoffnung, die Sehnsucht danach, dass sich all die Träume von großen Triumphen, die so oft zerplatzt sind, durch eine wundersame Fügung des Schicksals diesmal endlich erfüllen werden. Gepaart wird das mit einer federleichten Melodie, die auch ohne Fußballbezug genug Anziehungskraft hätte, und einem Text aus der Feder von zwei Fernsehkomikern, der von der heißen Leidenschaft und tränenreichen Enttäuschung der Fans weiß, aber trotzdem nicht bierernst und pathetisch wird. Nicht zuletzt bringt Three Lions mit der seinem „Football’s coming home“-Refrain so gut wie kaum ein anderer Fußballsong den Stolz und die Überzeugung zum Ausdruck, die in jedem Fan steckt: dass es keinen anderen rechtmäßigen Gewinner geben kann als das eigene Team, dass der Fußball (und im Falle der EM 1996 übrigens auch die Popmusik) mit einem Sieg der eigenen Mannschaft nicht nur nach Hause findet, sondern zurück zu seiner ursprünglichen Bestimmung. Nicht mal der schiefe Gesang von Jürgen Klinsmann nach dem Titelgewinn der deutschen Mannschaft auf dem Frankfurter Römer konnte die andauernde Strahlkraft dieses Lieds beschädigen.

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