Die besten Konzerte bei Rock am Ring 3


Am Schluss war ich meistens dienstlich da.

Heute geht die Jubiläumsausgabe von Rock am Ring zu Ende. Seit 25 Jahren wird am Nürburgring gerockt. Ich fahre zwar schon länger nicht mehr hin (man muss ja mal irgendwann erwachsen werden), trotzdem ist das für mich natürlich ein willkommener Anlass, zurückzudenken und in Erinnerungen an Zeiten zu schwelgen, als ich bei Rock am Ring nach Stammgast war. Hier sind also die 25 besten Konzerte, die ich bei Rock am Ring gesehen habe (in keiner besonderen Reihenfolge).

Platz 25. Outkast 2001: Auch im neuen Jahrtausend blieb bei Rock am Ring auf eins Verlass: Das Wetter war miserabel. 2001 war sogar besonders schlimm, mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Outkast, die ja schließlich aus den Südstaaten stammen, hatten sich der Witterung auf eigenwillige Art und Weise angepasst: Big Boi trug eine neon-pinkfarbene Pluderhose mit blonder Perücke und Tarnjacke. Dieser entledigte er sich dann während eines Auftritts, der nicht nur wegen der seltenen Sonnenstrahlen gute Laune aufkommen ließ. Auch André 3000 trumpfte ganz groß auf, dazu gab es Tänzerinnen mit Fußballstutzen und Knieschützern. Und natürlich Hits, auch schon lange vor Hey Ya!

Platz 24. The Cardigans 2003: Das war quasi das Kontrastprogramm. Schönes Wetter mit Sonne am Nachmittag, Nina Persson plötzlich brünett, aber immer noch ganz bezaubernd, und dazu ganz viel gute Laune und, in bewährter Cardigans-Manier, ein Black-Sabbath-Cover. Viel harmonischer kann Rock am Ring wohl nicht werden.

Platz 23. Echt 2001. Dass sich die Milchbubis von Echt überhaupt in die Eifel gewagt hatten, ist aller Ehren wert. Auch das Konzert war okay. Noch beeindruckender aber: Der Schlagzeuger bewies erstaunlich guten Geschmack und war später immer wieder ganz klein bei den besten Bands des Wochenendes (The Hives, International Noise Conspiracy, Blumfeld) im Publikum zu entdecken. Hätte man ihm gar nicht zugetraut.

Platz 22. Rammstein 1998: Ich habe das Konzert gar nicht gesehen, denn Rammstein interessieren mich nicht. Stattdessen saß ich im Zelt und habe zu Abend gegessen – und war so einer der ganz wenigen, die nicht von dem Unwetter heimgesucht wurden, das genau mit dem ersten Ton der Teutonenrocker begann. Ein seltener Wetter-Glücksmoment in der Eifel.

Platz 21. Fünf Sterne Deluxe 2004: Erstaunlicherweise ziemlich früh hatte Rock am Ring ein Herz für HipHop. Ich habe viele gute Shows dort gesehen, von inzwischen fast vergessenen Leuten wie Afrob bis hin zu Acts, die mittlerweile Legenden sind wie Fettes Brot. Auf der großen Bühne, die mit ein paar Turntables eben schwer zu füllen ist, hat das nicht immer funktioniert. Aber im Zelt war es oft grandios, wie auch hier. Hüpfende junge Menschen, oft mit Rucksäcken und langen Socken (beides bei Festivals ohnehin sehr nützlich) und am Schluss zur Freude der Fans auch noch „Türlich, Türlich“ (eigentlich ja eine Solo-Nummer von Das Bo): So sieht eine gelungene Show aus.

Platz 20. Benjamin von Stuckrad-Barre 2000. Auf der Hauptbühne spielten gerade die Eurythmics, ein bisschen zu laut, so dass sich Benjamin von Stuckrad-Barre im House Of Comedy ein „die alte Kampflesbe“ in Richtung Annie Lennox nicht verkneifen konnte. Auch ansonsten wähnte er sich (zu Recht) offensichtlich im falschen Film. Immerhin war es höchst spannend, wie er sich aus der Situation zu retten versuchte, beispielsweise, indem er auf der Bühne um die Wette Zelte aufbauen ließ. Immerhin ist aus dem Erlebnis später ein sehr schöner Text für den Rolling Stone entstanden.

Platz 19. Oasis 2000: Rock am Ring ist kein besonders guter Ort für Britpop. Die Arctic Monkeys sind dort untergegangen. Ich kann mich auch an eine Libertines-Show erinnern (ohne Pete Doherty), die praktisch niemand der anwesenden 70.000 Leute wahrgenommen hat. In diese Reihe fügte sich auch dieser Auftritt ein. Oasis bei Rock am Ring – davon hatte ich jahrelang geträumt. Entsprechend stolz war ich, als ich mich pünktlich zu Konzertbeginn (ohne Noel Gallagher, der sich damals zu fein für das europäische Festland war) bis in die dritte Reihe vorgearbeitet hatte. Bis ich mich nach dem zweiten Lied (Go Let It Out) umblickte – und feststellen musste, dass hinter mir kaum noch etwas los war. Es war ein typischer Fall: Wenn das Publikum Oasis nicht von Beginn an vergöttert, dann scheißen Oasis auf das Publikum, und entsprechend verlief dann die Show. Nach dem Konzert sollen sie die Gaderobe verwüstet haben (mit Mehl), Veranstalter Marek Lieberberg gab Oasis daraufhin lebenslanges Rock-am-Ring-Verbot. Somit hat die Show immerhin noch eine nette Anekdote gebracht.

Platz 18. Kid Rock 2001: Ich bin wirklich kein Fan von Prollrock. Aber was Kid Rock bei dieser Show bot, war einfach verdammt überzeugend. Kid Rock trug zunächst einen weißen Pelzmantel (!), den er während der Performance aber schnell ablegte. Vielleicht halfen ihm dabei auch die warmen Gedanken: „If I were President of the United States, I would turn all the churches into strip-bars and watch the whole world pray“, fantasierte er während eines Blues-Jams. Daneben präsentierte er bestes Entertainment amerikanischer Schule und eine phänomenale Coverversion von Sweet Home Alabama – sieben Jahre, bevor er aus dieser Idee den Hit All Summer Long machte.

Platz 17. Mambo Kurt 2001: Als 1998 das House of Comedy am Ring eingeführt wurde, musste das noch wie eine sehr seltsame Idee erscheinen. Inzwischen sind die Fans von Blödelei und Rockamüsement längst verschmolzen – Mario Barth, der das Berliner Olympiastadion füllt, ist der beste Beweis dafür. Eine fast perfekte Symbiose war der Auftritt von Mambo Kurt 2001 im Comedy-Zelt, verstärkt durch seine Band „The Bossa Babes“. Auf seiner Mission, „die Heimorgel wieder populär zu machen und junge Menschen zum partnerschaftlichen Tanzen anzuregen“, ist er da mit Sicherheit ein großes Stück weiter gekommen. Mit seiner Performance im Zirkuszelt brachte er die Zuschauer tatsächlich zum Schwitzen – und das bei einem der kältesten Rock am Ring aller Zeiten.

Platz 16. Beck 1997: Ich hatte Beck bis dahin immer für einen schüchternen Jungen gehalten. Einen Frickler, einen Nerd. Doch mit dieser Show änderte sich das alles: Beck erwies sich als perfekter Showmann – und hatte ein Jahr nach Odelay auch genug Hits im Gepäck, um selbst die Fans zu begeistern, die eigentlich wegen Aerosmith gekommen waren.

Platz 15. Audioslave 2003: Superbands mögen eine fragwürdige Angelegenheit sein. Aber der große Gewinner bei Rock am Ring 2003 war Chris Cornell, einst Frontmann von Soundgarden und nun mit den Resten von Rage Against The Machine als Audioslave vereint. Sie eröffneten ihr fantastisches Set mit dem White-Stripes-Cover Seven Nation Army und boten danach puren, mitreißenden Rock, der klang wie Led Zeppelin auf Kriegspfad.

Platz 14. Guildo Horn 1996: Allein wegen eines Moments war dieses Konzert unvergesslich: Ein paar Tausend Hardrocker fallen auf die Knie und preisen den Mann, der sich selbst „der Meister“ nennt. Famos.

Platz 13. Muse 2000: Von ihrem Space-Gefrickel halte ich nach wie vor nicht viel. Aber warum Muse regelmäßig zur besten Liveband Großbritannies gewählt werden, machten sie bei diesem Auftritt klar: Selten verschmilzt extreme Musikalität so wunderbar mit Showmanship.

Platz 12. Marilyn Manson 2003: Ich hatte großes Entertainment erwartet und war bester Stimmung. 2003 war das Wetter ganz gut – und das Getränk der Stunde war Jägermeister, den man wunderbar in kleinen Flaschen in den Hosentaschen verteilen und so an der Security vorbei schmuggeln konnte. Marilyn Manson kam dann zwar erst mit dem Auftritt seiner beiden Tänzerinnen richtig in Schwung, legte am Ende aber einen Auftritt hin, der ganz großes Kino war, politisch vollkommen unkorrekt – und definitiv Rock’n‘ Roll. Der Höhepunkt: Ich sah die Show vom Dach der Boxengasse aus. Und nach ungefähr einer Viertelstunde kam ein ziemlich erboster Papa auf dieses Dach und holte seine etwa 12-Jährigen Söhne da weg – es passte ihm wohl nicht, dass sie sich die Sado-Maso-Spiele auf der Bühne unbedingt aus der ersten Reihe ansehen wollten.

Platz 11. Red Hot Chili Peppers 2004: Das Jahr stand im Zeichen der George-Bush-Kritik und der Coverversionen. Auch die Red Hot Chili Peppers konnten sich dem nicht entziehen. Gitarrist John Frusciante begann gleich mehrere Songs mit Auszügen aus anderen Stücken von Cat Stevens bis The Clash. Nach 90 Minuten einer Energie geladenen Show setzten sie sich selbst mit „Give it away“ die Krone auf.

Platz 10. Smashing Pumpkins 1998: Die Show war leidlich okay – noch immer war nicht ganz klar, was die Wende hin zu Elektronik, die die Smashing Pumpkins mit Adore eingeschlagen hatten, zu bedeuten hatte. Das war aber weitgehend egal, denn Bassisten D’Arcy trug ihre transparente Bluse.

Platz 9. Presidents Of The United States Of America 1996: Diese Band war immer cool, war an diesem Nachmittag cool und wird für immer cool bleiben. Nur so viel: Das einzige T-Shirt, was ich mir jemals bei einem Festival gekauft habe, war ein PUSA-Shirt an diesem Tag. Und auf der Heimfahrt war Everybody Wants To Be Naked & Famous unsere Hymne.

Platz 8. Robbie Williams 1999: Zur Erinnerung: 1999 war eine Zeit, als es noch sehr außergewöhnlich war, Robbie Williams cool zu finden. Ich war natürlich ein Fan der ersten Stunde und restlos begeistert von der Show, die unter anderem ein Cover von Blurs Song 2 enthielt. Absolutes Highlight: Robbie singt eine Rock-Version von Back For Good, und zwei Männer, die wie Ultra-Headbanger aussehen und vor mir stehen, singen jedes Wort mit.

Platz 7. Alanis Morissette 1996. Die Frau war damals tatsächlich so etwas ähnliches wie ein Sexsymbol. Das spielte aber gar keine besondere Rolle. Viel wichtiger war ihre Band: der Hammer. Musiker, die später unter anderem bei den Foo Fighters glänzten, holten hier alles raus, was es aus den Songs von Jagged Little Pill rauszuholen gab. Klasse.

Platz 6. Sportfreunde Stiller 2004: Schon am ersten Tag hatte ich eine sehr praktische Abkürzung zwischen Hauptbühne und Alternastage entdeckt, die man mit Presseausweis nehmen konnte. Genau in diesem abgesperrten Bereich kam mir plötzlich Nora Tschirner entgegen, die dort wohl für MTV im Einsatz war. Leider habe ich mir fast in die Hosen gemacht vor Aufregung hatte sie ein schlimmes Hippie-Kleid an, so dass ich sie nicht ansprechen konnte. Als ich wieder zu mir kam, spielten jedenfalls die Sportfreunde. Und sie spielten toll.

Platz 5. Ash 1996: Es war mein erstes Rock am Ring überhaupt. Und neben dem grundsätzlichen Schock gab es auch eine Menge sehr guter Konzerte. Das beste davon lieferten Ash, die im Alternatent so spät spielten, dass man sich um den Jugendschutz sorgen musste. Aber um sonst nichts.

Platz 4. Moby 1998: Es war dieses Konzert, zu extrem später Stunde im Alternatent, bei dem ich erstmals elektronische Musik begriffen habe. Was Moby da machte, mit ein paar Gitarren, viel mehr Sequenzern, und vor allem mit der ganzen Macht der Wiederholung, war unwiderstehlich. Am Ende tropfte der Schweiß von der Zeltdecke – und ohne diese Show hätte ich wohl niemals die Chemical Brothers entdecken können.

Platz 3. Die Toten Hosen 2004: Natürlich war 2004 die Zeit längst vorbei, in der ich die Toten Hosen für cool hielt. Aber diese geheime Show am Samstagabend war der heimliche Höhepunkt des Festivals. So Punk, wie man es den Veteranen gar nicht mehr zugetraut hatte, spielten sie auf einem Parkplatz vor dem Haupteingang. Die Glücklichen, die von dem Gig erfahren hatten, bekamen alle Wünsche erfüllt – also in erster Linie Sauflieder vom Altbierlied bis zu Zehn kleine Jägermeister. Die Fans dankten ihren Helden mit ekstatischer Stimmung – und bekamen auch hier eine überraschende Coverversion geboten: Die Düsseldorfer nahmen sich Mad World von Tears for Fears an. Tags darauf lieferten die Hosen dann in großem Rahmen eine ähnlich begeisternde Show.

Platz 2. Rage Against The Machine 2000: Ich hatte Rage Against The Machine schon 1996 bei Rock am Ring gesehen, und schon dieser Auftritt zählt zum absolut Besten, was ich jemals live gesehen habe. Was diese Typen an ihren Instrumenten können und welche irre Energie sie da rausholen, ist phänomenal. Die Performance im Jahr 2000 war aber noch ein Stückchen besser. Nicht nur, weil sie mittlerweile ein zusätzliches Album im Gepäck hatten. Sondern vor allem, weil ich diese Show von der Boxengasse aus sah. Wie unter mir ein paar Zehntausend Menschen gesprungen, gewogt und geflasht sind – ein unvergessliches Bild.

Platz 1. The Hives 2001: Es war ein sehr kaltes (und sehr wildes Jahr) bei Rock am Ring. Ich hatte fatalerweise meinen Whiskey bei einem vorbeikommenden Torschützenkönig gegen Sliwowitz eingetauscht (frag nicht!), und dann lange geschlafen. Pablo weckte mich zum Glück gerade rechtzeitig für die Hives. Und die waren nichts weniger als eine Offenbarung. Howlin´ Pelle Almqvist betrat die Bühne und bewegte sich wie Mick Jagger bei doppelter Bandgeschwindigkeit: Er schleuderte das Mikrofon wie ein Lasso, posierte mit schwarzem Hemd und weißer Krawatte wie ein Pfau. Sofort war klar: The Hives machen Musik, wie man sie Anfang der 1960er in Englands Kellern und Spelunken hören konnte: laut, schnell, ohne große Effekte: Einfach verdammt guter Rock ´n´ Roll. Nach jedem Lied fragte er: „Who do you love?“ Die einhellige Antwort des Publikums war: „The Hives!“ Vor der Bühne hatte man das Gefühl, die Geburt der Rockmusik mitzuerleben. So ähnlich müssen sich wohl die Besucher einer frühen Show von The Who, den Stones oder den Beatles gefühlt haben. Nach dem Wochenende am Nürburgring und dem Auftritt der Hives war klar: Wenn die Rockmusik eine Zukunft hat, liegt sie in Europa.


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