Die Festung tanzt


Am Fuß der Festung gibt es nur noch Gitarrensalven.

Am Fuß der Festung gibt es nur noch Gitarrensalven.

Bumm. Es ist ein ohrenbetäubendes Geräusch. Es lässt die Erde erbeben, fährt durch Mark und Bein. Die Veteranen nehmen es gelassen, beinahe wohlwollend hin. Doch den Neulingen sieht man sofort an, wie geschockt sie ob dieser urgewaltigen Lautstärke sind. Da ist es wieder: Bumm. Bumm. Ein Rhythmus wird deutlich. Trommelfeuer.

Doch es ist kein Geschützlärm, der am Fuße der Festung von Belfort ertönt. Es ist die Bass-Drum von Eric Alaux. Gemeinsam mit seiner Band namens Chair Chant Corps versetzt der junge Mann aus Grenoble ein paar Tausend Zuschauer in Verzückung. Sie sind zu Pfingsten nach Belfort gekommen, weil das Städtchen, das sonst vor allem für seine unbezwingbare Zitadelle bekannt ist, an diesem Wochenende feiert. 3000 Künstler aus aller Welt treten beim „Festival International de Musique Universitaire“ (Fimu) auf. Und die Festung tanzt.

Der Name täuscht dabei: Das Publikum in Belfort ist zwar jung, doch das Fimu ist eine Veranstaltung von Studenten, nicht für Studenten. Eine Jury wählt aus den Bewerbungen die auftretenden Künstler aus und stellt das Programm zusammen. Das Spektrum auf den 15 Bühnen in der gesamten Altstadt reicht von Rock und Jazz über Weltmusik und Klassik bis hin zu Hip-Hop und Country. „Es gibt nur eine Bedingung: In jeder Gruppe muss mindestens einer Student sein“, erklärt Norbert Morel vom Tourismus-Büro der Stadt. Große Stars treten hier nicht auf, sondern durchweg Amateurkünstler. Dennoch lockt das 1987 ins Leben gerufene Fimu regelmäßig bis zu 80.000 Zuschauer an den drei Festival-Tagen an.

Marc Vögeli und Mirjam Dreier kommen schon seit zehn Jahren hierher. „Hier ist immer tolle Stimmung. Und die Musik ist gratis“, zählt Marc die Vorzüge des Fimu auf. Auf das Programm achten die beiden kaum. „Es gibt zwei, drei Künstler, die wir gerne sehen wollen. Aber sonst schlendern wir einfach zwischen den Bühnen herum und lassen uns überraschen. Das machen hier die meisten so, und das ist so nett am Fimu: Die Zuschauer sind für jede Art von Musik aufgeschlossen“, ergänzt Mirjam.

Für die beiden Schweizer aus Biel ist es nach Belfort nur ein Katzensprung, und es ist die Lage im Grenzgebiet, die das 52.000-Einwohner-Städtchen und die gesamte Franche Comté geprägt hat. Zwischen Burgund und Elsass, auf dem natürlichen Weg vom Rhein ans Mittelmeer, war die Stadt schon im 14. Jahrhundert eine strategisch wichtige Festung. Berühmt wurde die Zitadelle, als Sonnenkönig Ludwig XIV. seinen Baumeister Sébastien le Prestre de Vauban mit dem Ausbau beauftragte.

„Der größte unter den Ingenieuren, der beste unter den Bürgern“, hatte Voltaire Vauban genannt. Frankreichs Nationalheld, der an über 100 Festungen gearbeitet hat, war 20 Jahre lang in Belfort tätig. Dass er gute Arbeit geleistet hatte, zeigte sich im Krieg 1870/71. Die Festung von Belfort stellte sich für die preußische Armee als unbezwingbar heraus. Selbst als die Franzosen bereits kapituliert hatten, kämpfte Pierre Philippe Denfert-Rocherau, der Befehlshaber der Festung, weiter.

Nicht nur ein Denkmal im Stadtzentrum erinnert heute an ihn. Frédéric Auguste Bartholdi, der Schöpfer der Freiheitsstatue, entwarf für ihn auch einen 22 Meter langen Sandstein-Löwen, der heute den Felsen unterhalb der Festung ziert – als Dank für den unermüdlichen Widerstand und als Symbol für die Hoffnung, im Krieg verlorene Gebiete im Elsass einst zurückgewinnen zu können.

International wirkt auch die reizvolle Umgebung zwischen Vogesen und Jura. Die verwunschenen Wälder und Wege auf dem „Plateau der 1000 Seen“ erinnern an Skandinavien. Sie locken zum Wandern, Radeln und Angeln. Im malerischen Nachbarort Montbéliard, im 16. Jahrhundert Residenz der Württemberger Herzöge, fühlt man sich durch die zahlreichen gut erhaltenen Renaissance-Bauten mitunter nach Italien versetzt. Auch zum Japy-Museum in Beaucourt ist es nicht weit: Hier lässt die frühe Industrialisierung wie in England grüßen.

Vorbehalte gegen Deutsche gibt es in Belfort trotz der unerbittlichen Schlachten aus der Geschichte nicht – auch nicht in musikalischer Hinsicht. Maria Burzlaff und Carolin Rabethge sind mit dem Chor des Musikgymnasiums Schwerin nach Belfort gekommen. Für zwei Konzerte in der St.-Christophe-Kathedrale haben sie die 13-stündige Busreise auf sich genommen. „Ich würde schon sagen, dass sich das gelohnt hat. Wir hatten rund 300 Zuschauer. Und ein paar davon sind wohl zu Fans geworden“, erzählt die 17- jährige Maria. Und Carolin (18) verrät: „Wir haben extra einen Studenten aus Rostock mit in den Chor aufgenommen, damit wir auftreten dürfen.“

Auch für Chorleiter Bernd Spitzbarth ist die Reise in die Franche Comté ein kleines Abenteuer. „In erster Linie geht es darum, dass die jungen Leute nicht nur im eigenen Saft schmoren, sondern ihr Können auch mal vor Publikum zeigen können“, erklärt er. Mit ihrem Programm wollen die Schweriner auch Deutschland repräsentieren: Bach, Brahms und Volkslieder erklingen. Dass im Publikum nicht nur Klassik-Experten sitzen, ist für Spitzbarth kein Problem: „Es ist genauso schön, wenn man jemanden neu für diese Musik gewinnen kann.“

Ein Wochenende lang wird in der ganzen Stadt musiziert.

Ein Wochenende lang wird in der ganzen Stadt musiziert.

Auch die Musiker von Lost State Of Franklin schätzen diese Offenheit. Das Quartett aus Tennessee bewirbt sich schon seit Jahren beim Fimu. In diesem Jahr hat es endlich mit der Reise nach Frankreich geklappt. Gleich vier Shows spielen die Amerikaner in drei Tagen. Stücke von Johnny Cash und Elvis Presley werden dabei mit Eigenkompositionen und einer witzigen Bühnen-Performance gemischt. „Es ist toll hier. Musiker aus aller Welt kommen zusammen, und die Zuschauer können Musik entdecken, auf die sie sonst nie gestoßen wären. Das Publikum ist viel enthusiastischer als in den USA“, erzählt Sänger Scott Franklin. Selbst im Hotel gehen die Konzerte weiter: „Gestern kam ein Junge aus Madagaskar einfach an und spielte Gitarre zu unseren Stücken. Da wird es sicher noch einige Jam-Sessions geben.“

In Belfort selbst kann man sich mitunter wie in Holland vorkommen: Der Fluss Savoureuse („Die Köstliche“) durchzieht die Stadt mit ihren bunten Häusern und engen Gassen. Kein Wunder, dass sich die Musiker des Fimu, die aus 33 verschiedenen Ländern kommen, alle ein bisschen wie zu Hause fühlen.

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