Die große Konzertvorschau 2023 für Leipzig, Teil 1


Endlich wieder Livemusik mit dem Segen von Christian Drosten! Der Übergang von Covid-19 in die endemische Phase wird hoffentlich dazu führen, dass sich der Konzertkalender weiter normalisiert, schon 2022 gab es wieder reichlich Auswahl in Leipzig – auch, weil viele Acts die Termine schleunigst nachholen wollten, die in den beiden Corona-Jahren ausgefallen waren.

Goldene Zeiten sind es allerdings für Künstler*innen und Veranstalter*innen weiterhin keineswegs. Einerseits hat sich während der Pandemie das Freizeitverhalten verändert, sodass es auch für etablierte Namen nach wie vor schwierig ist, einen Saal so zu füllen, dass sich eine Liveshow auch rechnet. Andererseits sind auch hier steigende Kosten und fehlendes Personal bemerkbar. Viele Leute, die etwa mit Bühnenbau, Lichttechnik, Catering oder Security beschäftigt waren, haben während der Covid-Zwangspause die Branche verlassen, die verbliebenen sind schwieriger zu bekommen und entsprechend teurer.

Hoffen wir alle, dass sich diese Probleme ohne größere, irreparable Schäden (schließende Venues, durch steigende Ticketpreise weiter schwindendes Publikum, mangels Lukrativität ausfallende Tourneen aufstrebender Acts) lösen lassen. Das Angebot an attraktiven Konzertterminen in Leipzig ist 2023 jedenfalls wieder groß. Shitesite stellt die potenziell besonders interessanten Liveshows vor, zunächst in Teil 1 chronologisch geordnet für die erste Jahreshälfte. Teil 2 mit der Vorschau für Juli bis Dezember (dann unter anderem mit Sting, Element Of Crime, The BossHoss, Blond, Fortuna Ehrenfeld und dem Heimspiel von den Prinzen) folgt dann im Sommer. Natürlich wird Shitesite auch von möglichst vielen dieser Konzerte in Leipzig berichten, und als besonderes Feature gibt es diesmal eine absolute Empfehlung pro Monat und einen Hinweis auf ein Gastspiel, dem man auf jeden Fall aus dem Weg gehen sollte.

Januar

Der erste Monat des Jahres ist Konzert-technisch in Leipzig von besonders harter Kost geprägt. Vielleicht liegt das daran, dass Metal-Heads und Hardcore-Fans nach all der Besinnlichkeit im Advent dringend einen Ausgleich brauchen. In jedem Fall wird für Freund*innen dieses Genres reichlich geboten. Das britische Post-Metalcore-Quintett Architects wird am 12. Januar das Haus Auensee sicher mächtig zum Beben bringen, am 29. Januar sind dort die Beinahe-Lokalmatadore von Heaven Shall Burn zu sehen. Knorkator laden am 18. Januar ins Täubchenthal ein, parallel sind im Felsenkeller die englischen Punk-Pionieren UK Subs zu erleben. Wer seine harten Klänge etwas moderner mag, dem seien Fjort ans Herz gelegt, die am 19. Januar im Werk 2 spielen.

Jan Böhmermann & Das Rundfunktanzorchester Ehrenfeld Leipzig Arena

Jan Böhmermann & das Rundfunktanzorchester Ehrenfeld sind am 16. Januar in Leipzig zu sehen. Foto: BTF GmbH / Joseph Strauch & Erik Heise

Tipp des Monats: Jan Böhmermann & Das Rundfunktanzorchester Ehrenfeld werden am 16. Januar in der Arena im Rahmen ihrer „Ehrenfeld Intergalactic Tour“ wohl nicht nur üppig instrumentierte Coverversionen zu Gehör bringen, sondern auch Hits wie Menschen Leben Tanzen Welt oder Ich hab Polizei. So genau weiß man das indes nicht, denn der Showmaster macht im Pressetext ebenso ein Geheimnis aus dem genauen Programm für die Tour, die in der Winterpause seiner Fernsehshow stattfindet, wie in den bisherigen Interviews, in denen er zumindest „viel Glamour“ in Aussicht gestellt hat. Immerhin ist das eine Möglichkeit, dem Meinungsmacher einmal möglichst nahe zu kommen – die Chancen auf Tickets in der Quarterback Immobilien Arena (Kapazität: 12.000 Plätze) sind jedenfalls deutlich höher als für einen Platz im Studio bei der TV-Aufzeichnung des ZDF Neo Magazin Royale.

Auf jeden Fall vermeiden: Revolverheld, 24. Januar, Arena. Es gibt Bands, die schlecht, peinlich und absolut unrock sind, es aber wenigstens wissen. Und es gibt Revolverheld.

Februar

Der Februar ist nicht nur besonders kurz, sondern auch überschaubar an Live-Highlights 2023. Immerhin ist von Newcomern (das österreichische Pop-Wunderkind Oskar Haag ist am 1. Februar im UT Connewitz zu sehen) bis Legenden (Velvet-Underground-Mitbegründer John Cale tritt am 26. Februar im Haus Auensee auf) alles dabei.

Audio88 & Yassin

Audio88 & Yassin kommen ins Conne Island. Foto: Landstreicher Booking

Tipp des Monats: Audio88 & Yassin machen auf ihrer Reunion-Tour auch einen Zwischenstopp in Leipzig. Die Konzertreise ist eine der vielen, die zuletzt verschoben werden mussten, eigentlich sollte die Show schon im Frühjahr 2022 stattfinden, damals auch noch unter dem Titel „Tour des Todes“. Das könnte – nicht zuletzt wegen der durch die Wartezeit zusätzlich gesteigerte Vorfreude – einen mächtigen Abriss am 24. Februar im Conne Island bedeuten.

Auf jeden Fall vermeiden: Der Herr der Ringe & Der Hobbit – Das Konzert, 8. Februar, Gewandhaus. Es wird Hochkultur-Ultras geben, die der Meinung sind, so etwas habe im altehrwürdigen Gewandhaus nichts zu suchen. Shitesite meint eher: Seit die Verbindung von Tolkien-Lektüre und Spaß an Verschwörungstheorien bekannt ist, sollte man erst recht alles verdammen, was mit diesem unseligen Fantasy-Quark zu tun hat.

März

Wer seine Livemusik deutschsprachig mag, wird im März 2023 in Leipzig bestens versorgt. Alligatoah lockt seine Fans am 7. März in die Arena, Die Sterne sind am 9. März im Conne Island zu erleben, Achim Reichel gastiert am 12. März im Haus Auensee. Wer zum Ende des Monats ein Maximum an Bierplauzen auf möglichst engem Raum haben möchte, sollte sich am 31. März Die Kassierer im Felsenkeller nicht entgehen lassen. Power Plush (aus Chemnitz, sie treten am 23. März im Neuen Schauspiel auf) und Shitney Beers (aus Mannheim, sie ist am 8. März im Conne Island zu sehen) singen zwar auf Englisch, sind aber ebenfalls unbedingt empfehlenswert. Ein Highlight wird sicher auch das Konzert von Altmeister Henry Rollins am 14. März im Felsenkeller.

Christian Steiffen Tour Live

„Hier ist Party“, verspricht Christian Steiffen. Foto: Neuland Concerts

Tipp des Monats: Die Musik von Christian Steiffen ist natürlich auch aus der Konserve ein Hochgenuss, live macht es aber oft noch mehr Spaß, den einstigen Elvis-Imitator und selbsternannten Gott Of Schlager (so der Titel des aktuellen Albums) dabei zu erleben, wie er den Sleaze in Schnulzen und die Ironie in Powerballaden zelebriert. Hier ist Party lautet das Motto, wenn er auf der Bühne steht, nicht nur bei der gleichnamigen Single. Wenn man Glück hat, sind beim Auftritt am 18. März im Täubchenthal wenig Ballermann-Disco-Idioten und mehr Feinschmecker im Publikum vor Ort, denn dann ist dieses Vergnügen ungetrübt. Ansonsten wird man wohl wieder einmal erleben, dass die Christianisierung eben auch Opfer mit sich bringt.

Auf jeden Fall vermeiden: Prinz Pi, 16. März, Täubchenthal. Der schlechteste Rapper Deutschlands.

April

Zum Ende des Monats wird Helene Fischer an sechs Abenden in Folge die Messestadt heimsuchen. Jenseits ihrer Shows in der Arena gibt es aber zum Glück auch hochwertiges Liveprogramm, beginnend am 1. April mit dem Gastspiel von Frittenbude im Conne Island. Am 4. April lohnt sich ein Ausflug zu We Are Scientists im Werk 2. Wer Country mit etwas schrägem Indie-Einschlag mag, sollte sich am 20. April auf den Weg in den Anker zu Kitty, Daisy & Lewis machen. Wer es eher bombastisch mag, der kann am selben Abend in der Red Bull Arena mit Muse eine der besten aktuellen Livebands der Welt abfeiern. In der Moritzbastei gibt sich am 23. April der wunderbare Niels Frevert die Ehre. Pop in gut kann man mit Katie Melua am 28. April im Haus Auensee erleben, tags darauf zeigt Charlie Cunningham im Felsenkeller seine Gitarrenkünste.

Zu den Höhepunkten der Show zählten Jein und Emanuela.

Fettes Brot sind zum letzten Mal live zu sehen.

Tipp des Monats: Zur Großartigkeit von Fettes Brot gehört auch, dass sie den richtigen Moment zum Aufhören gefunden haben. So schade es ist, diese wundervolle Band zu verlieren, so sehr muss man vor diesem Timing den Hut ziehen. Das Trio hat gemerkt, dass sie sich originelle Themen für Gute-Laune-Rap langsam aus den Rippen schnitzen müssten, deshalb ist nun eben Schluss, bevor auf Krampf irgendwelche neue Brot-Musik gemacht wird, die das Erbe der Band beschädigen könnte. Am 10. April gibt es im Haus Auensee im Rahmen ihrer Abschiedstournee noch einmal Gelegenheit, ihre vielen Hits und ihre famosen Live-Fähigkeiten zu feiern.

Auf jeden Fall vermeiden: Max Giesinger, 9. April, Haus Auensee. Man könnte meinen, Formatradio oder DSDS seien Schuld am schlechten Zustand deutscher Popmusik. Aber es ist dieser Mann.

Mai

Statt sich am Tag der Arbeit zu erholen, verbringt Mark Forster den 1. Mai lieber (und leider) in der Leipziger Arena. Ansonsten bietet der Wonnemonat unter anderem große Namen im deutschen Irgendwie-immer-noch-Indie-Rock (Sportfreunde Stiller am 10. Mai im Haus Auensee und Tocotronic am 25. Mai im Conne Island). In ihre Geburtsstadt kommen Tokio Hotel am 17. Mai zurück und schauen dann im Haus Auensee vorbei, June Coco hat zumindest in Leipzig studiert und wird am 15. Mai im Werk 2 zu sehen sein. Lohnend ist sicher auch ein Besuch bei den legendären Undertones am 4. Mai im Werk 2 sowie bei den wunderbaren Hundreds am 17. Mai im Felsenkeller.

Depeche Mode geben einen Vorgeschmack auf ihr Remix-Album. Foto: Emi

Depeche Mode sind zwar kein Trio mehr, aber auf Welttournee. Foto: Emi

Highlight des Monats: Wer nach dem Tod von Andrew Fletcher im vergangenen Jahr das Ende von Depeche Mode befürchtet hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Stattdessen gehen Dave Gahan und Martin Gore auf die „Memento Mori“-Welttournee, die sie am 26. Mai nach Sachsen führt. Die Shows der Band in Leipzig sind legendär, seit Depeche Mode 1993 zum ersten Mal hier gespielt haben, schließlich war Ostdeutschland stets eine Fan-Hochburg für die Synthiepopper. So gibt es, auch ganz ohne aktuelles Album oder andere irgendwie in der Gegenwart verankerten Aufhänger, hier regelmäßig bestens besuchte Shows von Coverbands oder eine unkaputtbare Serie von Depeche-Mode-Partys. Der Auftritt des Originals dürfte auch diesmal für eine stattliche fünfstellige Zahl an Besucher*innen sorgen, und viele davon sind wahrscheinlich Stammgäste: Das Konzert auf der Festwiese wird bereits ihr achtes in Leipzig sein.

Auf jeden Fall vermeiden: Freiwild, 22. Mai, Arena. Nazis (und ihre Fans) wollen wir hier nicht.

Juni

Wenn man gerade den Jahreswechsel bei rund 20° Celsius gefeiert hat, darf man sicher auch schon einmal auf brauchbares Wetter für Open-Air-Konzerte im Juni hoffen. Die Daumen drücken werden zunächst die Fans von Herbert Grönemeyer, der am 3. Juni in der Red Bull Arena spielt. Auch die Festwiese wird dann wieder als Konzert-Location genutzt, wobei die Broilers am 22. Juni die sogenannte SommerArena eröffnen. Am 30. Juni sind dann Wanda auf der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park zu Gast. Indoor-Shows gibt es im Frühsommer natürlich auch noch. Spannend wird sicher der Auftritt von Dillon am 9. Juni im Täubchenthal, zwei Tage später kann man dann in der Arena bestimmt reichlich ergraute Häupter beim Schütteln beobachten, wenn sich Iron Maiden in Leipzig die Ehre geben.

Kosmonaut Festival Deichkind

Shows von Deichkind (hier beim Kosmonaut Festival) sind unvergesslich. Foto: Kosmonaut Festival, Stephan Flad

Highlight des Monats: Wer schon einmal ein Konzert von Deichkind gesehen hat, wird dieses Erlebnis sicher nie vergessen. Sie schaffen es, visuelle Highlights in Licht- und Videoshow mit Do-it-yourself-Geist beispielsweise in den Bühnenoutfits und echter Interaktion mit den Fans zu kombinieren, wie das bei Shows dieser Größenordnung sonst kaum jemand hinbekommt. Und natürlich fügen sie ebenso mühelos Party-Atmosphäre mit hintersinniger Gesellschaftskritik zusammen. Am 23. Juni kann man sich auf der Festwiese erneut davon überzeugen, das neue Album Neues vom Dauerzustand ist dann auch im Gepäck.

Auf jeden Fall vermeiden: Santiano, 25. Juni, Festwiese. Sie sind auf 10-Jahre-Jubiläumstournee. Das sind 10 Jahre zu viel. Mindestens.

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