Die Hauptstadt der Schwämme


Der Hafen von Tarpon Springs, der Schwammhauptstadt der USA.

Der Hafen von Tarpon Springs, der Schwammhauptstadt der USA.

Konzentriert sitzen die sechs jungen Männer in ihrem Boot. Dunkelhaarig und braungebrannt. Sie alle tragen blaue Jeans und weiße T-Shirts – und darunter ist jeder Muskel ihrer Körper gespannt. Die Augen brennen, die Arme zappeln vor Übereifer nervös umher und lassen das Boot noch etwas heftiger auf den Wellen schaukeln. Kurz feuern sie sich noch einmal gegenseitig an. Dann erfolgt das Zeichen – und sie springen ins Wasser.

Als stünden sie in Flammen, stürzen sie sich in die Fluten und tauchen hinab – Dutzende von ihnen. Aus einer handvoll weißen Booten, die einen Halbkreis bilden, springen sie alle in die Mitte und verschwinden unter der Wasseroberfläche. Einige tauchen kurz wieder auf und holen Luft, andere geben nach einigen Versuchen erschöpft auf – trotz der anfeuernden Rufe der Menschenmenge am Ufer. Dann reckt einer von ihnen triumphierend seinen Arm in die Höhe. Mit der Hand umklammert er ein Kreuz.

Das Kruzifix hatte ein Priester wenige Minuten zuvor ins Hafenbecken von Tarpon Springs geworfen. Der Wettstreit hat Tradition: Die jungen Männer des kleinen Städtchens in Florida tauchen jedes Jahr zu Epiphanias nach dem Kruzifix. Der glückliche Sieger ist zwölf Monate lang der Held seiner Stadt.

Die Einwohner feiern mit dem Wettstreit das Meer, von dem sie leben. Die meisten von ihnen haben griechische Vorfahren. Und die haben ihr Gewerbe aus dem Mittelmeer mitgebracht: Die Männer fahren mit dem Boot raus und kehren mit Fischen, Krebsen oder Muscheln zurück – vor allem aber mit Schwämmen.

„Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich selber nach dem Kreuz getaucht bin“, sagt George Billiris. „Unter Wasser wurde heftig um die beste Position gekämpft. Einmal wurde bei einer Rangelei sogar das wertvolle Kruzifix beschädigt. Seitdem wirft der Priester bloß noch ein Kreuz aus Gips ins Hafenbecken“, erzählt der 78-Jährige. Er hat mit Schwämmen, die er auch nach England und Deutschland verkauft, ein kleines Vermögen gemacht und ist in Tarpon Springs bekannt wie ein bunter Hund.

„Ich vermisse die griechische See ein bisschen“, gesteht er ein. Doch dann huscht sogleich wieder ein Lächeln über sein Gesicht: „Aber hier ist es ja fast wie in Griechenland. Ich kann innerhalb von fünf Minuten in zwei verschiedenen Ländern sein.“

In der Tat wähnt man sich beim Schlendern durch die idyllische Hafenstadt eher an der Ägäis als am Golf von Mexiko. Griechische Musik erklingt, Blau und Weiß sind die dominierenden Farben, und die Souvenirshops an der Hafenpromenade verkaufen Trikots der Helden von der Fußball-Europameisterschaft. Natürlich finden sich auch jede Menge griechische Restaurants. „Es gibt kein schlechtes Essen in Tarpon Springs“, verspricht George.

Eine Million Besucher kommen jährlich hierher, Anfang 2006 werden auch einige besonders prominente darunter sein. Am 6. Januar wird die Epiphanias-Prozession, an deren Ende das Kruzifix aus dem Hafenbecken gefischt wird, zum 100. Mal stattfinden. Der Patriarch von Konstantinopel, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, hat sich ebenso angekündigt wie Floridas Gouverneur Jeb Bush. Auch der Präsident hat eine Einladung in die „Schwammhauptstadt der Welt“ erhalten.

Nicht nur wirtschaftlich dreht sich in Tarpon Springs alles um die Zwitter aus der Meerestiefe. „Das Tauchen hält auch die Gemeinschaft zusammen“, weiß Billiris, der selbst im Alter von 14 Jahren seinen ersten Schwamm erntete. Mit dem Geld, das die Einwanderer aus dem Verkauf verdienten, finanzierten sie etwa die 1943 erbaute, wunderschöne orthodoxe Kirche der Stadt und unterhalten noch heute eine Schule, wo den Kindern griechische Sprache und Kultur vermittelt werden.

Mit zentnerschwerer Ausrüstung wurden früher die Schwämme geerntet.

Mit zentnerschwerer Ausrüstung wurden früher die Schwämme geerntet.

Als das Schwamm-Geschäft besonders florierte, gab es 180 Boote in der Stadt, erinnert sich George. Inzwischen ist nur noch ein Zehntel davon in Betrieb. Doch auch wenn Viren unter Wasser Probleme bereiten, macht sich Billiris keine Sorgen um die Zukunft: „Das ist ein 3000 Jahre altes Geschäft. Es gibt da unten noch genug Schwämme.“

Davon kann man sich in Tarpon Springs auch mit eigenen Augen überzeugen, denn einige der Boote bieten Rundfahrten an, auf denen die Schwammernte demonstriert wird. Während der Kapitän die verschiedenen Arten von Schwämmen erklärt und über die Geschichte von Tarpon Springs referiert, steigt ein junger Mann in einen zentnerschweren Anzug. Als der luftdichte Stahlhelm verschraubt ist, springt er ins Wasser und bringt wenig später tatsächlich einen Schwamm an Bord. Am Wettstreit der Jugend aus Tarpon Springs um das Epiphanias-Kreuz wird er allerdings nie teilnehmen – er kommt aus Wisconsin.

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