Durchgelesen: Richard Ford – „Die Lage des Landes“ 1


Krebs und Krise: „Die Lage des Landes“ hat prophetische Züge.

Autor Richard Ford
Titel Die Lage des Landes
Verlag Berlin Verlag
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Ausgerechnet als Immobilienmakler arbeitet Frank Bascombe. Richard Ford deshalb seherische Fähigkeiten zu unterstellen, führte sicherlich zu weit. Aber dass seine bekannteste, erfolgreichste und bedeutendste Figur nach Tätigkeiten als Schriftsteller, Lehrer und Journalist seine berufliches Zuhause just in jenem Geschäft gefunden hat, dessen Krise noch immer die gesamte US-Konjunktur und Weltwirtschaft gefährdet, spricht durchaus für die Feinfühligkeit des Autors. Zum Abschluss seiner Bascombe-Trilogie gelingt es dem Pulitzer-Preisträger wieder, den Finger in die Wunde der Zeit zu legen.

Man muss die anderen beiden Teile nicht kennen, um in diesem Buch einen großen Roman zu erkennen. Für Insider streut Ford zwar ein paar Zuckerl, die aufregende Krankenschwester Vicky aus dem „Sportreporter“ und der Baseballunfall aus „Unabhängigkeitstag“ spielen eine kleine Rolle, und wie in diesen beiden Werken steht auch hier wieder ein Feiertag bevor. Nach Ostern und dem 4. Juli ist es diesmal Thanksgiving.

Doch „Die Lage des Landes“ funktioniert auch ohne dieses Vorwissen, und das ist vor allem Frank Bascombe zu verdanken. Mit diesem Protagonisten hat Ford eine grandiose Projektionsfläche für die Wirren der Postmoderne geschaffen. Dennoch ist Bascombe bei weitem nicht nur ein Spiegel für uns alle, sondern ein eigenständiger, unverwechselbarer Charakter. Er ist zugleich leidenschaftlicher Pragmatiker und ein getriebener Moralist, ein Doppelagent im Krieg zwischen Empirie und Philosophie.

Bei dem Mann, der eigentlich in den sprichwörtlichen besten Jahren stecken sollte, hat man gerade Prostata-Krebs diagnostiziert, fast zeitgleich hat ihn seine zweite Ehefrau verlassen, dessen für tot geglaubter Ex-Mann wieder aufgetaucht ist. Beinahe noch beunruhigender als diese privaten Tragödien ist das große Ganze, die „Lage des Landes“ eben.

Der Roman, dessen erzählte Zeit erneut so kurz ist, dass man sich am Ende darüber wundert, spielt im Herbst 2000. Nicht nur das ominöse Millennium drückt der Szenerie ihren Stempel auf, sondern vor allem die damals auf Messers Schneide stehende US-Präsidentenwahl.

Die Frage, was man selbst leisten und entscheiden kann und welche Folgen das haben wird, treibt auch den 55-Jährigen noch um – privat wie politisch. Auf beiden Ebenen geht es um den Konflikt zwischen Wachstum und Konsolidierung, zwischen Gier und Bescheidenheit, zwischen Egoismus und dem Drang, sich aufzuopfern. Wie Ford dabei mit ganz viel Mitgefühl für seine Protagonisten und scharfem Humor die persönliche mit der globalen Ebene verknüpft, ist meisterlich.

Beste Stelle: „Meine letzte Träne, nach so vielen und bei noch viel mehr unvergossenen, ist eine der Erleichterung. Das Leben annehmen zu können macht einen frei für das Nächste, was ansteht. Aber wer weiß schon, ob es nicht auch so prima funktioniert hätte – mit den vertrauten alten Ablehnungen und Verleugnungen, die ihre ehrenwerten Aufgaben erfüllen. Vor Jahren wusste ich schon, dass Trauer lange währt. Aber so lange? Leicht zu argumentieren, dass man manche Dinge lieber ruhen lässt, weil die Permanenz, die echte Permanenz, nicht die weichen Schmeicheleien der Phase, die ich erfunden habe, einem eine Scheißangst einjagen kann, denn sie reißt einen aus dem alten, sicheren Zusammenhang heraus.“


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