Durchgelesen: Umberto Eco – „Der Name der Rose“


Umberto Eco feiert ein Fest für die Sinne.

Autor Umberto Eco
Titel Der Name der Rose
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1980
Bewertung ****1/2

Natürlich ist dieser Roman ein Fest für die Sinne, zumal für einen Historiker. So geistreich, spannend und filigran konstruiert wird selten über Sprache, Wissenschaft, Erkenntnis und natürlich Religion geschrieben, wie es Tausendsassa Umberto Eco hier tut.

Auf diesen gut 650 Seiten findet sich so viel Klugheit, dass es kaum zu fassen ist, nicht einmal mit vier- und fünfmaligem Lesen. Bei aller Faktenfülle, die den Roman manchmal wie ein Handbuch der Geschichte des Spätmittelalters wirken lässt, glaubt man dem Autor, dass dies Schreiben ist „aus reiner Liebe am Schreiben“, und so ist die Lektüre auch Leselust, aus reiner Lust am Lesen. Das liegt auch daran, dass Der Name der Rose ein Buch über Bücher ist, über Sprache, Wissen und Erkenntnis. „Niemand zwingt uns zu wissen, Adson“, muss sich der Novize Adson hier von seinem Lehrmeister William von Baskerville sagen lassen, mit dem er eine Mordserie in einem italienischen Benediktinerkloster aufklären will, während er zugleich eine heikle diplomatische Mission zu erfüllen hat. „Wir müssen einfach. Auch um den Preis, nicht recht zu begreifen.“

Die Form entspricht bei einem Meister wie Umberto Eco natürlich genau diesem Inhalt. An erster Stelle ist da der sperrige Beginn (den Eco förmlich selber aufs Korn nimmt, wenn er seinen Erzähler im Vorspann sagen lässt: „Die Wahrheit verbirgt sich im Rätsel, bevor sie sich uns von Angesicht zu Angesicht offenbart.“) zu nennen, ebenso das fast abrupte Ende des Buchs. Natürlich gehört auch die vollendete Sprache dazu, die sehr gekonnt den blumigen Stil des Mittelalters nachahmt. Immer dann, wenn es richtig spannend zu werden verspricht, verlässt Adson als Ich-Erzähler kurz noch einmal den Plot und lässt sich auf der Meta-Ebene über das Wesen des Erzählens und des Erzählers aus, um so nur noch mehr Dramatik aufzubauen. Oder er übt sich in einer Verzögerungstaktik, schon in der Herausgeberfiktion zu Beginn, aber auch danach immer wieder, wie an dieser typischen Stelle: „Denn am nächsten Morgen… Aber zügele deine Ungeduld, meine geschwätzige Zunge! Denn auch an diesem Tage, und ehe die Nacht hereinbrach, sollte so mancherlei noch geschehen, wovon zu berichten ist.“

Gerade diese mitunter altertümliche Form trägt dazu bei, dass man die Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann, die von unserem heutigen Alltag sehr weit entfernt sind, aber elementar sind, um die Lebenswelt des Mittelalters zu verstehen. Beispiele dafür ist der Schock, den Bilder auslösen können, auch wenn sie nicht im Multiplex-Format über uns kommen, oder die ganz selbstverständliche Ernsthaftigkeit religiösen Empfindens.

Allerdings ist diese Form mitunter auch eine Bürde für Der Name der Rose, denn sie verlangt Stilmittel, die gelegentlich stören – auch, weil Eco sich ein bisschen zu gut gefällt in seiner Belesenheit und das Bildungsbeflissene dieses Romans dann nicht mehr beeindruckend, sondern aufdringlich wirkt. Als Gegengewicht zu diesem Effekt bietet der Roman allerdings auch ein erstaunliches Maß an Aktualität, wie etwa diese Passage zeigt: „Zu glauben, jemand sei wirklich an ihrer Lehre interessiert, ist die Illusion aller Häresien. Jeder ist ketzerisch, jeder ist rechtgläubig, nicht um den Glauben geht es, den eine Bewegung anbietet, sondern allein um die Hoffnung, die sie weckt. Jede häretische Lehre ist stets nur das Banner, die Kampfparole einer Revolte gegen den realen Ausschluss. Kratz an der Häresie, und die findest den Aussätzigen. Jeder Kampf gegen die Häresie will in Wahrheit nur eines: dass die Aussätzigen bleiben, was sie sind.“ Die Prinzipien der Instrumentalisierung von Religion zur Lösung von Konflikten, die eigentlich sozial bedingt sind, werden hier sehr treffend analysiert. Auch für andere Themenfelder wie den Einsatz für Toleranz und Transparenz lassen sich in diesem Roman viele kluge Gedanken finden. Das ist letztlich der Kern dieses Buches: die Liebe zur Weisheit.

Beste Stelle: „Zur Rechtfertigung meiner damaligen unverantwortlichen Leichtfertigkeit kann ich heute sagen, und zwar mit den Worten des Doctor Angelicus, dass ich unzweifelhaft verliebt war, also erfasst von einer Leidenschaft, in welcher sich ein Gesetz des Kosmos ausdrückt, ist doch auch die Schwerkraft der Körper eine natürliche Liebe. Und natürlicherweise erlag ich dieser Leidenschaft, da in ihr appetitus tendit in appetible realiter consequendum ut sit ibi finis motus. Weshalb auch ganz natürlicherweise amor facit quod ipsae res quae amantur, amanti aliquo modo uniantur, et amor est magis cognitivus quam cognitio.“

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