DIIV – „Deceiver“


Künstler*in DIIV

DIIV Deceiver Review Kritik

„Deceiver“ haben DIIV erstmals nicht selbst produziert.

Album Deceiver
Label Captured Tracks
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Like Before You Were Born heißt das zweite Lied auf dieser Platte. Es hat eine faszinierende Leichtigkeit und eine verträumte Grundstimmung. Vor allem aber fasst es in seinem Titel und seinem Sound gut zusammen, wie die Musik von DIIV auch auf dem dritten Album der Band aus Brooklyn funktioniert, denn sie klingt wirklich wie eine Erinnerung aus der Zeit vor der eigenen Geburt: Zugleich sehr vertraut und warm, aber auch wie aus einer mysteriösen, unerreichbaren Ferne.

Zachary Cole Smith (Gesang, Gitarre), Andrew Bailey (Gitarre), Colin Caulfield (Bass) und Ben Newman (Schlagzeug) haben Deceiver nicht selbst produziert, sondern dafür erstmals externe Unterstützung in Person von Sonny Diperri (My Bloody Valentine, Protomartyr, Nine Inch Nails) an Bord geholt. In solchen Fällen ist gerne von neuen Facetten oder Neuerfindung die Rede, aber das im März in Los Angeles aufgenommene Werk ist stattdessen eine sehr schlüssige Weiterentwicklung dessen, was DIIV mit Oshin (2012) und Is The Is Are (2016) begonnen haben.

Horsehead eröffnet das Album mit einem schweren, aber nicht aggressiven Riff, dann wird die verträumte Strophe von einem kraftvollen Refrain abgelöst, aber das Resultat ist viel aufregender, als man bei dieser auf dem Papier allseits bekannten Formel glauben sollte. Dieses Erlebnis kann man auf Deceiver dann noch mehrfach haben: Beschaulichkeit wird von Lärmattacken unterbrochen, man kann ein Laut-Leise-Schema erkennen, muss sich dabei aber schon sehr bewusst gegen den emotionalen Reiz dieser Lieder wehren, um überhaupt zu so einer Analyse fähig zu sein. Etwa in Between Tides ist der Rhythmus so gemütlich und die Stimme so hübsch, dass man fast die Passagen voller atonaler Aggressivität überhören könnte, die es ab der Hälfte des Songs ebenfalls gibt.

The Spark setzt etwas mehr auf Groove als auf Atmosphäre, für Blankenship schieben DIIV die Regler nach oben, auf denen „Drive“ und „Kraft“ steht, sodass sie fast in der Nachbarschaft des Black Rebel Motorcycle Clubs landen. For The Guilty lässt an eine Inkarnation der Smashing Pumpkins ohne diese quängelige Stimme von Billy Corgan denken. Die Lorelei scheint ihren gefährlichen Reiz vor allem mittels Gitarreneffekten auszuüben, mit Acheron gibt es zum geheimnisvoll-epischen Abschluss der Platte noch einen weiteren Begriff aus der Mythologie, wenn auch diesmal aus Griechenland statt aus dem Mittelrheintal.

Der Höhepunkt ist die Single Skin Game. Zachary Cole Smith nennt sie einen „imaginären Dialog zwischen zwei Charakteren, die entweder ich selbst oder Leute, die ich kenne, sein könnten“, zurückgehend auf seine eigene Zeit in verschiedenen Reha-Einrichtungen. „Ich habe mit anderen Süchtigen zusammengelebt. Da ich selbst ein genesender Süchtiger bin, stellen sich in dem Song eine Menge Fragen wie: ‚Wer sind wir? Was ist das für eine Krankheit?‘ Unsere letzte Platte handelte von Genesung im Allgemeinen, aber ich habe mich ehrlich gesagt nicht darauf eingelassen. Ich beschloss stattdessen, in meiner Krankheit zu leben. Skin Game beschäftigt sich nun damit, woher der Schmerz kommt. Ich schaue mir die persönlichen, körperlichen, emotionalen und allgemeineren politischen Erfahrungen an, die den Kreislauf der Sucht für Millionen von uns nähren.“ So turbulent und gefährlich dieser Ansatz klingt, so gekonnt ist die Dramaturgie des Stücks, zudem wird hier der Appeal seiner Stimme besonders deutlich. Skin Game wird am Ende so wie viele Songs von DIIV: ein Taumel, dem man sich kaum entziehen kann.

Schön schrammelig ist das Video zu Skin Game.

Website von DIIV.

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