Dirty Projectors – „Lamp Lit Prose“


Künstler Dirty Projectors

Dirty Projectors Lamp Lit Prose Review Kritik

Das Bandlogo neu interpretiert – dieses Cover ist programmatisch für „Lamp Lit Prose“.

Album Lamp Lit Prose
Label Domino
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Oha. Da hat es Dave Longstreth im vergleichsweise reifen Alter von 36 Jahren aber noch einmal ordentlich erwischt. Das Mastermind hinter Dirty Projectors, die morgen ihr achtes Album herausbringen, ist offensichtlich frisch verliebt. Nicht nur Songtitel wie Found It In U oder You’re The One deuten das bereits an. Alles auf Lamp Lit Prose schreit „Neuanfang!“ und „Wiederbelebung!“

Die Eckdaten bestätigen das: Auf dem Albumcover prangt eine Neuinterpretation des Bandlogos, erstmals nach fünf Jahren wird es wieder eine Dirty-Projectors-Tour geben, und zwar mit neuer Liveband. Und im Album-Auftakt Right Now singt Longstreth, wenn auch erst in den letzten Zeilen des Lieds, sehr passend: “There was silence in my heart / but now I’m striking up the band / they lit the bonfire / and now we can light the lamp.” Der Song ist überaus niedlich, zunächst gibt es nur Gesang und akustische Gitarre, dann wird es immer verspielter, im Arrangement, im Gesang, im Rhythmus und in den Effekten. Das Ergebnis ist so einzigartig wie das gesamte Album. Eindeutig ist das nicht nur ein Neuanfang, sondern auch in kreativer Hinsicht ein zweiter Frühling.

Die Single Break-Thru ist gleich das nächste Highlight. Genauer gesagt: Es ist schön und verwirrend wie das Verliebtsein, in diesem Fall in eine Frau, der die tollsten Sachen zugetraut (oder angedichtet) werden, etwa Träume in Stile von Fellini oder mehr Coolness als Julian Casablancas. „Nobody stops her / nobody can lock her down“, ist Longstreth überzeugt, untermalt wird das mit einer filigranen Gitarrenfigur, höchst origineller Elektronik und himmlischen Streichern.

Diese Instrumentierung zeigt zugleich, dass man auf Lamp Lit Prose sehr wohl auch Kontinuitäten erkennen kann. Longstreth sieht nicht nur eine enge künstlerische Verbindung zwischen diesem Album und dem noch gar nicht so alten Dirty Projectors. Er hat auch Gitarre und schönen Gesang wieder ins Herz geschlossen. Ein paar bekannte Gesichter sind ebenfalls an Bord: Die Rhythmussektion bilden Nat Baldwin (Bass) und Mike Johnson (Schlagzeug), die Percussions steuert Mauro Refosco bei, der schon beim Vorgänger mitgemacht hatte.

Gäste sind auf Lamp Lit Prose auch sonst gerne gesehen. Das schon erwähnte You’re The One wäre auch als Gospel oder Barbershop-Lied vorstellbar, so sehr dominiert hier sein Harmoniegesang mit Robin Pecknold (Fleet Foxes) und Rostam Batmanglij (ehemals bei Vampire Weekend). I Feel Energy, dessen Refrain von Amber Mark gesungen wird, rückt in die Nähe von Soul und Funk, ist aufgekratzt und tanzbar, aber ohne die Aufdringlichkeit, die in beiden Genres stecken kann. Der Rausschmeißer (I Wanna) Feel It All wird mit Unterstützung von Dear Nora (aka Katy Davidson, mit der er schon seit den 1990er Jahren befreundet ist) zugleich abstrakt und jazzig, reif und weise.

Blue Bird ist eines der grandios naiven Liebeslieder auf dieser Platte (“Me and you / Something sweet / Something new / Fresh and clean / Like the beginning”) und hat entsprechend eine sehr ursprüngliche Grundlage, die unfassbar fantasievoll angereichert wird, etwa durch die Bläser der Brass Players of Los Angeles (Todd Simon, Tracy Wannomae, Juliane Graf). Alles in Zombie Conqueror klingt zunächst sehr pittoresk, die E-Gitarre scheint dann die Untoten zu personifizieren, und zwar sehr glaubhaft. Beim Gesang von Empress Of (aka Lorely Rodriguez), die gegen Ende mit einstimmt, kann man dann nicht sicher sein, ob sie noch zum Reich der Lebenden gehört.

Haim singen im Hintergrund von That’s A Lifestyle, das mit seinem seligen Sound und dem Heraufbeschwören von George Harrison an der 12-saitigen Gitarre sehr typisch für die von Tyondai Braxton co-produzierte Platte ist, mit seinem Thema aber doch überrascht: Das Stück erweist sich als Protestsong gegen Krieg, Umweltzerstörung und vor allem Ignoranz. „The monster eats its young / ’Til they’re gone gone gone / ’Til it’s satisfied and done / It wants blood blood blood”, wird es zwischendurch sogar richtig brutal. What Is The Time scheint ausschließlich aus dem Gefühl aus Verwunderung über die gelegentliche Schönheit der Welt zu bestehen, vom enorm einschmeichelnden Gesang über den entspannten Fingerschnipp-Beat bis hin zu den gut versteckten Streichern des Calder Quartets.

Found It In U kommt ganz ohne personelle Verstärkung aus. So sehr der Text übertreibt in seiner Euphorie, so sehr versucht die Musik (weitgehend bloß eine Gitarre und ein vergleichsweise simples Schlagzeug), sich zurückzuhalten. Das Resultat ist so zauberhaft wie fast alles auf diesem Album und beweist: Ein Ausnahmetalent ist Dave Longstreth ohnehin – in dieser Form ist er auch ein Ausnahmekünstler.

Inspiriert und reichlich durchgeknallt ist das Video zu Break-Thru.

Website der Dirty Projectors.

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