Draufgeschaut: 66/67 – Fairplay war gestern


Film 66/67 – Fairplay war gestern

Die Jungs der Hooligan-Gruppe 66/67 leiden unter akutem Mitgliederschwund.

Die Jungs der Hooligan-Gruppe 66/67 leiden unter akutem Mitgliederschwund.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2009
Spielzeit 115 Minuten
Regie Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser
Hauptdarsteller Fabian Hinrichs, Christoph Bach, Melika Foroutan, Maxim Mehmet, Christian Ahlers, Fahri Ogün Yardim, Aurel Manthei, Victoria Deutschmann
Bewertung

Worum geht’s?

Als Eintracht Braunschweig in der Saison 66/67 letztmals Deutscher Meister war, waren Florian und seine Freunde noch gar nicht auf der Welt. Trotzdem haben sie ein Branding mit diesen Jahreszahlen auf der linken Brust, als Symbol ihres Zusammenhalts und ihrer fanatischen Verbundenheit mit dem Fußballclub, der mittlerweile nur noch in der dritten Liga spielt – und im Jahr 2008 selbst da vom Abstieg bedroht ist. Doch Florian, Anführer der Braunschweiger Hooligan-Truppe, hat noch ganz andere Probleme: Seine Jungs sind mittlerweile alle um die 30 und fragen sich, ob Fußball, Kumpels und Schlägereien wirklich ein geeigneter Lebensinhalt sind. Als die Gruppe zu zerfallen droht, ihm sein Vater ein verlockendes Job-Angebot macht und er zudem die aufregende Özlem, die Schwester seines Kumpels Tamer, für sich begeistern kann, kommt Florian selbst in Versuchung, das Dasein als Hooligan aufzugeben.

Das sagt shitesite:

Genau wie im vier Jahre zuvor gedrehten englischen Hooligans ist auch 66/67 – Fairplay war gestern ein eindringlicher Film über Zusammengehörigkeitsgefühl, Loyalität und die Frage nach dem richtigen Verständnis von Männlichkeit. Der Fußball spielt dabei eine noch kleinere Rolle als in Hooligans: Spielszenen gibt es nicht zu sehen, im Stadion ist die Kamera nur, als einer aus der Hooligan-Truppe dort seiner Freundin einen Heiratsantrag machen will. Gerade durch diese Auslassung von Jubel in der Kurve und Zweikämpfen auf dem Platz betont 66/67, dass der Sport hier nur eine Klammer für ritualisiertes Miteinander ist, ein Rahmen, innerhalb dessen Freund und Feind so deutlich erkennbar sind wie sonst nirgends im Leben.

Die Sache mit der Treue bis aufs Blut nehmen Florian und seine Gang zwar durchaus wörtlich und der Film geizt nicht mit brutalen Szenen, doch zu den Stärken des Films gehört auch, dass diese Truppe nicht aus hirnlosen Schlägern und tumben Chaoten besteht. Es sind durchaus Männer mit bürgerlicher Existenz, oder zumindest mit dem Potenzial dazu – und sie sind Hooligans nicht trotz dieser Chance auf ein „normales“ Leben, sondern gerade wegen ihrer Verweigerung desselben. Ein Polizist gehört dazu, ein sensibler Wachmann, ein Schwuler, angeführt werden sie vom ewigen Studenten Florian. Mit dieser Zusammensetzung zeigt 66/67 – Fairplay war gestern, dass die Hooligan-Kultur sich nicht zwangsläufig an den Rändern der Gesellschaft abspielt, sondern mittendrin. Zugleich gelingt es so, dem Geschehen viele reizvolle Dimensionen zu verleihen.

Die beiden Passagen, in denen sich Florian und Otto im Drogenrausch in Istanbul wähnen, wirken zwar zunächst wie Fremdkörper, unterstreichen diesen Ansatz aber ebenfalls. So entsteht ein toll gespieltes Porträt einer Generation, bei der Fußball nur ein Ersatz ist und Hooliganismus ein Gegenprogramm zur Langeweile der Welt und eine Flucht vor der Erkenntnis, dass all diese jungen Männer nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

Bestes Zitat:

“Das Bekenntnis, versagt zu haben, ist die Königsdisziplin“

Der Trailer zum Film:

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