Draufgeschaut: Beginners


Oliver (Ewan McGregor) trauert um seinen Vater Hal (Christopher Plummer).

Oliver (Ewan McGregor) trauert um seinen Vater Hal (Christopher Plummer).

Film Beginners
Produktionsland USA
Jahr 2010
Spielzeit 105 Minuten
Regie Mike Mills
Hauptdarsteller Ewan McGregor, Christopher Plummer, Mélanie Laurent, Goran Visnjic
Bewertung

Worum geht’s?

Oliver ist 38, arbeitet als Grafikdesigner und hat die letzten Jahre vor allem damit zugebracht, seinen Vater Hal zu betreuen, der Krebs hatte. Nun ist der Vater gestorben und Oliver ist damit beschäftigt, seine Trauer zu akzeptieren und die Beziehung zu seinem Vater zu analysieren. Das ist gar nicht so einfach, denn vier Jahre vor seinem Tod, unmittelbar nachdem seine Frau gestorben war, hat sich Hal als schwul geoutet und als 75-Jähriger ein ganz neues Leben an der Seite seines jungen Liebhabers Andy angefangen. Wie konnte sein Vater diesen Wunsch ein Leben lang unterdrücken, fragt sich Oliver. Und was will er eigentlich selbst vom Leben? Als er die geheimnisvolle Schauspielerin Anna kennen lernt, wird das Finden der Antworten nicht gerade einfacher.

Das sagt shitesite:

Es gibt ein paar nette Gimmicks in Beginners, dem zweiten Spielfilm von Mike Mills, der sonst vor allem Musikvideos macht (unter anderem das meisterhafte All I Need für Air): Ein Hund, der (dank Untertiteln) sprechen kann. Originelle Graffitis, die Oliver bei seinen nächtlichen Touren durch Los Angeles verteilt. Collagen, mit denen die Wertvorstellungen einzelner Generationen zusammengefasst werden. Oder die Zeichnungen, mit denen Oliver im Büro versucht, die Geschichte der Traurigkeit als Comic-Strip zu erzählen.

Doch nichts davon kann die beiden hoch komplexen und sehr sensibel erzählten Beziehungen überstrahlen, die in Beginners im Mittelpunkt stehen und meisterhaft verwoben werden: Oliver und Hal haben ein Verhältnis, das innig ist, von Neugier geprägt, aber immer auch ein Element der Distanz enthält. Der Sohn versucht, das Leben des Vaters zu verstehen und hinterfragt, welche Lehren sich daraus ziehen lassen.

Ganz ähnlich sieht die Beziehung von Oliver und Anna aus, auch wenn sie vielleicht erst am Anfang steht und nicht – wie beim todkranken Vater – das nahe Ende bereits vorgezeichnet ist. Trotzdem kann zunächst keiner von beiden zu seinen Gefühlen stehen, und mit dem Vorwand, dass Anna nur einen Monat lang in der Stadt sein wird, ziehen sich beide auf eine bequeme Übergangslösung zurück. „Wieso hast du mich gehen lassen?“, will Anna danach wissen. „Vielleicht, weil ich glaube, dass es nicht funktioniert. Und dann sorge ich dafür, dass es nicht funktioniert“, erwidert Oliver.

Solche Dialoge und eine virtuose Verschachtelung der Zeitebenen, die von Olivers Kindheit, der Zeit mit seinem kranken Vater und seiner Trauerarbeit erzählen, machen Beginners zu einem Film, der ebenso schlau in der Form wie tiefgründig im Inhalt ist. Anna und Oliver verkörpern eine Art von Leere, die nur entstehen kann, wenn man auf grausamste Weise von einem Menschen verlassen wird. Eine Leere, von der niemand weiß, ob ein anderer Mensch sie wieder füllen kann oder ob man nur selbst das vermag.

Ewan McGregor ist großartig in der Rolle des Erwachsenen, der sich keinerlei Flausen im Kopf mehr zugestehen will, aber keine Ahnung hat, wie er den Rest seines Lebens gestalten oder wenigstens bestreiten soll. Als sein Vater tot ist, erkennt er seine Einsamkeit und weiß, dass er keinerlei Strategie dagegen hat. Er ahnt, dass er sich entscheiden muss zwischen dem Genießen des Moments und dem ständigen Aufschieben, dem ewigen Traum von einer großartigen Zukunft. Für Hal und für Oliver steht dabei, auch das ist eine Dimension des Titels von Beginners, die wunderbar romantische und weise Erkenntnis: Man kann keine glückliche Zukunft zusammen haben, wenn man nicht im Hier und Jetzt mit dem Glücklich- und Zusammensein anfängt.

Bestes Zitat:

„Es ist peinlich, sich mit 38 nochmal zu verknallen. Es ist, als hätte ich die Bedienungsanleitung verloren. Oder nie eine gehabt.“

Der Trailer zum Film:

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